Die Geschichte der englischen Sprache wird in vier Stufen unterteilt, die sich wie folgt zeitlich einordnen lassen: Altenglisch oder Angelsächsisch (Old English or Anglo-Saxon) ca. 450 bis ca. 1100 Mittelenglisch (Middle English) ca. 1100 bis ca. 1500 Frühneuenglisch (Early Modern English) ca. 1500 bis ca. 1700 Neuenglisch (Modern English) ca. 1700 bis heute
Einige Autoren subsumieren das Frühneuenglisch auch unter das Neuenglische, womit die englische Sprachgeschichte dann nur drei Hauptsprachstufen hätte. Neuenglisch beginnt nach dieser Einteilung dann um 1500 und wird unterteilt in Frühneuenglisch (Early Modern English) 1500–1700 und Late Modern English ab 1700. Gelegentlich wird auch noch feiner zwischen Early Modern English, Late Modern English und Present-Day English (heutiges Englisch) unterschieden.
Ursprünglich ist die englische Sprache aus der nordseegermanischen Gruppe des Westgermanischen zusammen mit Scots und den friesischen Sprachen entstanden. Weniger eng verwandt ist das Englische mit dem Niederdeutschen, Niederländischen und Hochdeutschen. Scots und Friesisch sind die engsten Verwandten des Englischen innerhalb des Westgermanischen, Hochdeutsch der entfernteste Verwandte.
Altenglisch
Geschichte Die Geschichte der englischen Sprache beginnt Mitte des 5. Jahrhunderts, als die germanischen Volksstämme der Jüten, Angeln und Sachsen England erobern. Die Angeln (lateinisch Anglī) gaben dem Land den Namen; allerdings wurde zuerst die Bezeichnung englisc geprägt und davon der Name Engla land (um 1000) abgeleitet. Nach der Eroberung entstanden die sieben Königreiche Northumbrien, Mercien, Ostanglien, Kent, Ostsachsen, Südsachsen und Westsachsen, die zusammen die sogenannte angelsächsische Heptarchie bildeten. Die altenglische Sprache wird in vier Dialekte unterteilt: Anglisch mit den Unterdialekten Northumbrisch nördlich des Flusses Humber, bis nach Edinburgh (Schottland). Dieser Dialekt führt kulturell und in der Literatur bis zur Invasion der Wikinger im 8. Jahrhundert (s. u.). Mercisch (auch Südhumbrisch; südlich des Flusses Humber, östlich von Wales) Jütisch in seiner Ausprägung Kentisch um Canterbury, südlich von London und um die Insel Wight Sächsisch mit der Ausprägung Westsächsisch an der Südküste Englands, bis nach Cornwall. Das Westsächsische übernahm später die kulturelle Führungsrolle („Standard Old English“). Die meisten erhaltenen Texte sind in diesem Dialekt abgefasst.
Alphabet Das damalige englische Alphabet weist einige besondere Buchstaben auf, die im Neuenglischen nicht mehr verwendet werden. Dazu zählen Þ (thorn), ð (eth), Ƿ (wynn) und die Ligatur æ (ash). Die Kombination sc [ʃ] wird wie das moderne sh ausgesprochen (z. B. altenglisch scip – neuenglisch ship). Außerdem gibt es Unterschiede bei den Vokalen (altenglisch stān – neuenglisch stone).
Grammatik Die Grammatik ist der des heutigen Deutschen in vielfacher Hinsicht ähnlicher als der des Neuenglischen. Im Laufe der Geschichte lässt sich ein stetiger Rückgang der Flexion feststellen. Das Altenglische ist eine synthetische Sprache. Das Substantiv hat vier Fälle, während es im Neuenglischen nur einen Unterschied beim Genitiv gibt. Man unterscheidet zwischen einer starken (vokalischen) und einer schwachen (konsonantischen) Deklination. Auch beim Artikel wird zwischen drei Geschlechtern differenziert, während es heute nur noch eine Form gibt (the). Beim Personalpronomen blieben die meisten Endungen erhalten. Die Zahl der schwachen Verben war zu jeder Zeit höher als die der starken Verben, aber die letztere Gruppe war im Altenglischen deutlich umfangreicher als Neuenglischen.
Wortschatz Der Wortschatz des Altenglischen ist zum größten Teil germanisch. Durch fremde Einflüsse starben jedoch im weiteren Verlauf der Geschichte rund 85 % des Wortschatzes aus, nur grundlegende Elemente überlebten. Das Altenglische zeichnet sich durch eine große Vielfalt an Synonymen aus, z. B. bei der Beschreibung von Kriegern und Helden.
Im Gegensatz zu späteren Perioden werden neue Wörter vielfach aus eigenem Material gebildet. Neue Verwendungen alter Wörter sind ebenso üblich wie die Derivation mit Affixen (z. B. mōd, mōdig, mōdcræftig). Die gleiche Wurzel kann mit vielen verschiedenen Affixen kombiniert werden.
Das Altenglische wurde von drei anderen Sprachen beeinflusst.
Als die Germanen nach England kamen, trafen sie auf die einheimischen Kelten. Deren Sprache überlebte v. a. in Ortsnamen und geographischen Bezeichnungen (z. B. Themse). Ansonsten gibt es nur geringe Spuren.
Deutlich umfangreicher war der Einfluss des Lateins, da die römische Zivilisation ein hohes Ansehen genoss. Kaiser Claudius eroberte im Jahre 43 n. Chr. Britannien, nachdem Caesar 55 v. Chr. einen entsprechenden Plan verworfen hatte. Die ersten Spuren waren Inschriften. Vom europäischen Festland wurden Begriffe aus den Bereichen Krieg, Handel und Alltagsleben auf die Insel gebracht. Einige Entlehnungen erfolgten indirekt durch das Keltische. Dazu zählt das vom lateinischen castra ‚Lager‘ abgeleitete Wort ceaster, das in Städtenamen wie Manchester überlebt hat. Der lateinische Anteil am Wortschatz wurde erhöht, als Augustinus mit seinen Mönchen nach England kam, um dem heidnischen Volk den christlichen Glauben zu bringen. Die Christianisierung veränderte auch die Sprache. In erster Linie wurden natürlich Begriffe entlehnt, die im Zusammenhang mit der neuen Religion und ihrer kirchlichen Organisation stehen. Nach der Einführung der benediktinischen Regel im 10. Jahrhundert wurden auch viele Wörter aus dem Reich der Bildung übernommen. Der Zeitpunkt einer Entlehnung lässt sich durch die Verwendung in Texten und die phonetische Form des Worts bestimmen.
Aber das Altenglische beschrieb viele neue Konzepte auch mit einheimischem Vokabular. Wörter wie god ‚Gott‘ und heaven ‚Himmel‘ blieben erhalten. Die heilige Schrift wurde als gewritu (das Geschriebene) bezeichnet, und für den heiligen Geist benutzte man den Ausdruck Hālig Gāst statt des lateinischen Spiritus Sanctus.
Der dritte fremdsprachliche Einfluss kam aus dem Norden. Zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert fielen die Wikinger in England ein. Die Invasion begann 793 mit dem Überfall auf Lindisfarne. Nach mehreren Plünderungen wurde im Jahre 886 der Vertrag von Wedmore geschlossen. Den Skandinaviern wurde ein Gebiet namens Danelaw zugeteilt. Die Räuber wurden zu friedlichen Siedlern, und die beiden Völker vermischten sich. Die Menschen brachten ihre Sprache mit in die neue Heimat.
Durch die enge Verwandtschaft der germanischen Sprachen gestaltete sich die Entlehnung einfach. Die Einheimischen und die neuen Einwohner konnten sich gegenseitig relativ problemlos verständigen. Angesichts der Ähnlichkeit ist es in vielen Fällen schwierig zu entscheiden, ob ein Wort aus dem Altenglischen oder den skandinavischen Sprachen stammt. Einen Hinweis bietet die lautliche Form. So beginnen englische Wörter z. B. mit sh- (ship) und skandinavische mit sk- (sky). Da die beiden Völker eng zusammenlebten, gab es in allen Lebensbereichen Entlehnung aus der fremden Sprache. Der Einfluss zeigt sich auch bei Namen. In England gab es jetzt auch Nachnamen, die nach skandinavischem Vorbild auf -son enden (vgl. Jackson = Jacks Sohn). Viele altenglische wurden durch die entlehnten Wörter ersetzt, z. B. niman „nehmen“ durch take (aber veraltet nim „entwenden, stehlen“), weorpan „werfen“ durch cast (aber mit Bedeutungswandel englisch warp (sich) „verziehen, krümmen“ (vom Holz)) und snīðan durch cut (aber veraltet snithe). In anderen Fällen kam es zu einer Differenzierung bezüglich der Bedeutung, z. B. bei sick (altenglisch sēoc) und ill (altnordisch íllr). Der skandinavische Einfluss reichte sogar bis in die Grammatik. Funktionswörter, die eigentlich besonders resistent gegen Veränderungen sind, wurden auch ersetzt, so z. B. die Pronomen hīe/hiera/him durch they/their/them. Der verbale Einheitsplural sind ~ sindon ‚(sie/wir) sind, ihr seid‘ wurde durch earon (vgl. isländisch erum ‚wir sind‘, eruð ‚ihr seid‘, eru ‚sie sind‘) ersetzt, das durch Analogie auf andere Personen ausgedehnt wurde.
Mittelenglisch
Historischer Hintergrund Die mittelenglische Periode ist von einem enormen Einfluss der französischen Sprache geprägt. Die Geschichte des Mittelenglischen beginnt mit der normannischen Eroberung (Norman Conquest) unter der Führung von Wilhelm dem Eroberer. Nach dem Tod von König Eduard dem Bekenner wurde Harald II. zu dessen Nachfolger gewählt, obwohl Wilhelm der Thron angeblich versprochen worden war. Wilhelm fiel daraufhin in England ein und eroberte nach der erfolgreichen Schlacht bei Hastings im Jahre 1066 den englischen Thron. Da anschließend der englische Adel komplett durch Franzosen (romanisierte Normannen) ersetzt wurde, entstand eine bilinguale Situation. Die Angehörigen der Oberschicht sprachen Französisch, während das einfache Volk Englisch sprach. Das Englische besaß nur noch geringes Prestige und galt als unkultiviert. Die Kenntnis der englischen Sprache war nur für diejenigen aus den oberen Schichten nötig, die mit Angehörigen der unteren Schichten kommunizieren mussten, z. B. Kaufleute. Das Französische hatte außerdem zu jener Zeit nicht nur in England ein besonders hohes Ansehen: Frankreich galt in Europa als Vorbild der höfischen Gesellschaft.
Durch verschiedene historische Entwicklungen gewann die englische Sprache wieder an Prestige: Ab 1204, dem Verlust der Normandie für England, verloren viele anglonormannische Adlige ihre Besitztümer in Frankreich und sahen sich nun eher als Engländer als als Franzosen. Während des Hundertjährigen Kriegs zwischen Frankreich und England wurde Französisch eher als Sprache des feindlichen Landes wahrgenommen. Ab dem 13. Jahrhundert sprachen auch Adlige und Klerus zunehmend Englisch; eine gute Kenntnis des Französischen nahm immer mehr ab. Außerdem wurde die englischsprechende Mittelschicht wirtschaftlich bedeutend.
Als Konsequenz dieser Entwicklungen löste die englische Sprache nach und nach die französische Sprache in Kirche, Verwaltung und Parlament ab. Außerdem wurde Englisch zur Sprache bei Gericht, Schulen und Universitäten. Immer mehr Autoren schrieben in englischer Sprache. Das 14. Jahrhundert wird als Blüte der mittelenglischen Literatur betrachtet, als Period of Great Individual Writers, zu denen auch Geoffrey Chaucer, William Langland und John Wyclif gehören.
Der Aufstieg des Englischen wurde durch die Etablierung eines Standards ab Ende des 14. Jahrhunderts begünstigt. In der mittelenglischen Periode gab es vier Hauptdialekte: Northern, East Midland, West Midland und Southern. Der neue Standard basierte auf dem Dialekt, der in der Hauptstadt London gesprochen wurde, und bildete somit einen Kompromiss zwischen dem konservativen Süden und dem radikalen Norden.
Wortschatz Die größte Veränderung der englischen Sprache in der mittelenglischen Zeit zeigt sich beim Wortschatz, wo sich der starke französische Einfluss bemerkbar macht. Zahlreiche Wörter wurden aus der Sprache der französischsprechenden Oberschicht übernommen. Alle Bereiche des Lebens waren davon betroffen, z. B. Regierung und Verwaltung, Kirche, Recht, Militärwesen, Mode, Medizin und Küche.