Die Chronologie des Krieges in Nahost, August und September 2024 dokumentiert die Entwicklungen seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 1. August bis zum 30. September 2024. Für den zeitlichen Ablauf des kompletten israelisch-palästinensischen Konflikts siehe Chronologie des israelisch-palästinensischen Konflikts.
August 2024 1. August Israel erklärte den Hamas-Militärchef Mohammed Deif basierend auf Geheimdiensterkenntnissen für tot. Deif war am 13. Juli Ziel eines israelischen Luftangriffs gewesen. Die Hamas hatte nach dem Angriff mitgeteilt, Deif habe überlebt.
3. August In Teheran wurden laut New York Times mehr als zwei Dutzend Menschen festgenommen, darunter ranghohe Geheimdienstoffiziere, Militärbeamte und Mitarbeiter des Militär-Gästehauses, in dem Hamas-Politchef Haniyya am 31. Juli getötet wurde. Die Iranische Revolutionsgarde ließ abweichend von westlichen Darstellungen verlauten, Israel habe Ismail Haniyya nicht mit einer im Gebäude vorhandenen Bombe, sondern mit einem „Kurzstreckengeschoss“ getötet, das von außerhalb seiner Unterkunft in Teheran abgefeuert worden sei. Das Geschoss habe einen Sprengkopf von etwa 7 Kilogramm gehabt und eine starke Explosion verursacht. Gleichzeitig betonten sie, Haniyyas Tod werde gerächt werden, indem Israel „zu gegebener Zeit, an gegebenem Ort und auf gegebene Weise eine harte Strafe“ erhalten werde. Die USA verlegten zusätzliche Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge in die Region.
Die US-amerikanische Botschaft im Libanon und das britische Außenministerium riefen jeweils ihre Staatsbürger dazu auf, den Libanon zu verlassen.
4. August Ministerpräsident Netanjahu erklärte: „Israel befindet sich in einem Mehrfrontenkrieg gegen die Achse des Bösen Irans. Wir treffen jede einzelne ihrer Waffen mit großer Kraft. Wir sind auf jedes Szenario vorbereitet – sowohl offensiv als auch defensiv.“
Bei israelischen Luftangriffen auf zwei Schulen und das Al-Aqsa-Krankenhaus in Gaza wurden mindestens 30 Menschen getötet. Im Vorhof des Krankenhauses befindliche Flüchtlingszelte fingen dabei Feuer. Es war der dritte israelische Luftangriff im Gazastreifen in vier Tagen. Die israelische Armee meldete, Abdel-Fattah al-Sariai, Unterstaatssekretär im Wirtschaftsministerium in Gaza, sei zusammen mit seiner Mutter bei einem israelischen Luftangriff gezielt getötet worden.
In der südlich von Tel Aviv-Jaffa gelegenen Stadt Cholon erstach ein Palästinenser zwei Senioren, zwei weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter, der illegal aus dem Westjordanland nach Israel eingereist war, wurde von einem Polizisten erschossen.
Laut Medienberichten war es in den letzten Tagen zu zunehmenden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem US-Präsidenten Biden und Israels Ministerpräsidenten Netanjahu gekommen; israelischen Medien zufolge sagte Biden zu Netanjahu in Bezug auf die Geiselverhandlungen: „Hören Sie auf, mich zu verarschen.“ Biden hatte zuvor schon die Meinung vertreten, Netanjahu verfolge bei den Geiselverhandlungen aus innenpolitischen Gründen eine bewusste Verzögerungstaktik. Frankreich und Italien riefen ihre Staatsbürger dazu auf, den Libanon zu verlassen.
5. August Die Vereinigten Staaten von Amerika sicherten Israel bei einem etwaigen Vergeltungsangriff Irans „eiserne Unterstützung“ zu. Das Pentagon teilte mit, US-Verteidigungsminister Lloyd Austin habe mit Joav Galant telefoniert und ihm Hilfe durch das US-Militär zugesichert.
Die Vereinigten Staaten, Jordanien, Türkei und Ägypten versuchten zu deeskalieren. Ägypten und die Türkei verurteilten beide das Attentat auf Hamas-Oberhaupt Haniyya. Während einer gemeinsamen Pressekonferenz sagte der türkische Außenminister Hakan Fidan: „Ich verurteile, dass Israel den Hauptunterhändler der Waffenruheverhandlungen, Ismail Haniyya, ermordet hat. Wir können aus diesem Vorfall schließen, dass Netanjahu keinen Frieden will. Netanjahu will die gesamte Region niederbrennen.“ Der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty erklärte, die israelische Besatzung müsse beendet werden, um in der Region für Stabilität zu sorgen. Die Islamische Republik Iran berief eine Dringlichkeitssitzung der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC) ein, um über die „Verbrechen der israelischen Besatzung“ zu beraten.
Präsident Biden beriet sich in einem Telefonat mit König Abdullah II. über ihre Bemühungen einer Vermittlung eines Abkommens zu einer sofortigen Waffenruhe im Gazastreifen und die Geiselfreilassung, die sich seit Monaten im Kreis drehten. In Israel teilten zwei mit der Angelegenheit vertraute Beamte mit, Verhandlungen würden erst wieder aufgenommen, wenn Iran die Ermordung Haniyyas vergolten und die Hamas einen Nachfolger für den getöteten Auslandschef ausgewählt habe.
Die UNO gab bekannt, sie habe neun Mitarbeiter des Palästinenser-Hilfswerks UNRWA entlassen. Darunter seien sieben, die schon vor einiger Zeit entlassen worden waren. Interne Untersuchungen hätten ergeben, dass sie wahrscheinlich an den von der Hamas angeführten Terrorangriffen am 7. Oktober beteiligt gewesen waren. Bei zehn weiteren ließen sich entsprechende Vorwürfe nicht substantiieren. Israels im Januar 2024 erhobene Anschuldigungen gegenüber UNRWA-Mitarbeitern hatten mehrere wichtige Geberländer veranlasst, ihre finanzielle Unterstützung des Hilfswerks vorübergehend auszusetzen; mit der Ausnahme der USA machten alle diese Entscheidung später wieder rückgängig und nahmen die Finanzierung wieder auf. Das Palästinenser-Hilfswerk beschäftigt 32.000 Mitarbeiter in der Nahostregion, 13.000 davon in Gaza.
6. August Bei einer israelischen Militäraktion im Dorf Aqabah im besetzten Westjordanland wurden mindestens vier Menschen getötet – darunter ein 14-jähriger Junge – und sieben weitere verletzt.
Die Hamas ließ verlauten, sie habe Yahya Sinwar – der als Drahtzieher des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 gilt – zu ihrem neuen Politchef ernannt.
10. August Das israelische Militär griff am Morgen das Gebäude der nicht mehr für schulische Zwecke genutzten Al-Tabien-Schule an. Während die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) mitteilten, sie hätten eine Hamas-Kommandozentrale getroffen und zuvor zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um das Risiko für Zivilisten bei dem Angriff zu mindern, dementierte die Hamas dies und gab an, dass es sich bei dem von der IDF angegriffenen Objekt um eine Unterkunft für Binnenflüchtlinge gehandelt habe und bei dem israelischen Luftangriff zwischen 90 und 100 Menschen getötet worden seien. Das israelische Militär teilte wenige Tage nach dem Angriff mit, dass bei dem Luftangriff auf die Al-Tabien-Schule 31 Kämpfer der Hamas und der palästinensisch-islamistischen Terrororganisation Islamischer Dschihad in Palästina getötet worden seien. Der Angriff wurde von Katar, Ägypten, Jordanien, den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell verurteilt; Letzterer sagte, dass dies der mindestens zehnte israelische Angriff auf eine Schule binnen weniger Wochen gewesen sei. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind bisher mindestens 491 von 564 Schulgebäuden im Gazastreifen durch israelische Angriffe beschädigt oder zerstört worden (Stand: August 2024). Sowohl Mitglieder der Hamas als auch des Islamischen Dschihad in Palästina halten sich mitunter in den zu Notunterkünften umfunktionierten Schulen auf.
12. August Das Pentagon ließ verlauten, dass das US-Militär seine Präsenz im Nahen Osten angesichts eskalierender regionaler Spannungen noch weiter verstärken werde; Verteidigungsminister Lloyd Austin befahl die Verlegung des Marschflugkörper tragenden Atom-U-Boots Georgia. Zudem hieß es, der mit Kampfjets vom Typ F-35 ausgerüstete Flugzeugträger Abraham Lincoln und seine Begleitschiffe beschleunigten ihren Transit, um die sich bereits in der Region befindende Flugzeugträgerkampfgruppe um die Theodore Roosevelt zu ergänzen.
Die Hamas meldete, zwei Wächter hätten eine männliche Geisel erschossen und zwei weibliche Geiseln lebensgefährlich verletzt. Es handele sich dabei um zwei separate Vorfälle. Man versuche, die weiblichen Geiseln am Leben zu halten, und habe einen Ausschuss gebildet, um die Vorfälle zu untersuchen. Das israelische Militär ließ verlauten, es verfüge „über keinerlei Geheimdienstinformationen, die es uns ermöglichen, die Angaben der Hamas zu dementieren oder zu bestätigen“.
13. August Der rechtsextreme israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir löste mit einem Gebet am Tempelberg in Ostjerusalem international Empörung aus. Die Europäische Union, die Vereinten Nationen, die USA, zahlreiche arabische Länder und die Opposition in Israel kritisierten den Besuch, der eine Provokation darstelle und den Bemühungen um ein Waffenruheabkommen schade. Gemäß einem Abkommen von 1967 ist es Juden gestattet, den Tempelberg zu besuchen, aber nicht erlaubt, dort zu beten.
Die Hamas ließ verlauten, sie werde nicht an der für den 15. August angesetzten neuen Runde von Waffenruhegesprächen in Katar teilnehmen. Sie stehe zu dem auf der Resolution des UN-Sicherheitsrates und US-Präsident Bidens Rede basierenden Vorschlag, der ihr am 2. Juli vorgelegt worden war, und sei bereit, unverzüglich mit Diskussionen über die Umsetzung dieses Vorschlags zu beginnen. Neue Verhandlungsgespräche würden es Israel dagegen nur erlauben, immer wieder neue Bedingungen zu stellen und die labyrinthartigen Verhandlungen zur Verübung weiterer Massaker im Gazastreifen zu nutzen. Drei hochrangige iranische Beamte erklärten, nur ein Waffenruheabkommen im Gazastreifen würde Iran davon abhalten, direkte Vergeltungsmaßnahmen gegen Israel für die Ermordung von Hamas-Führer Ismail Haniyya zu ergreifen.
Die israelische Zeitung Haaretz berichtete basierend auf Aussagen israelischer Soldaten und Kommandanten, die israelischen Streitkräfte hätten seit Monaten palästinensische Zivilpersonen als menschliche Schutzschilde in Gaza eingesetzt. Demnach seien die Betroffenen verhaftet und anschließend – in israelischer Armeekleidung, mit verbundenen Händen und Bodycam – in Gebäude und Tunnel geschickt worden, um zu sehen, ob dort Sprengfallen seien. Dies sei mit dem vollen Wissen hochrangiger israelischer Offiziere geschehen, obwohl solche Praktiken offiziell verboten und nach internationalem Recht Kriegsverbrechen sind.
In Deir al-Balah wurden bei einem israelischen Angriff laut Klinikangaben drei Tage alte Zwillinge, ihre Mutter und ihre Großmutter in ihrer Wohnung getötet, während ihr Vater auf dem Amt war, um die Geburtsurkunden für die Zwillinge abzuholen. Die israelische Armee teilte mit, der Vorfall sei ihr nicht bekannt. Das Gesundheitsministerium in Gaza erklärte, es seien bislang mindestens 115 der seit Beginn des Kriegs geborenen Babys getötet worden.
15. August Das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium in Gaza meldete, die Gesamtzahl der Toten habe nun 40.000 überschritten – etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Die von dem Ministerium veröffentlichten Totenzahlen, die nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheiden, werden seit Kriegsbeginn regelmäßig von unabhängigen internationalen Organisationen überprüft und allgemein als glaubwürdig eingestuft.