Das Militärstädtchen Nr. 7 (), informell auch „KGB-Städtchen“, in Potsdam war eine regionale Außenstelle des Auslandsgeheimdienstes KGB der Sowjetunion in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Hier befand sich gleichzeitig die Westeuropazentrale des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU der Roten Armee. Das 16 ha große Gelände umfasste etwa 110 Gebäude und war mit hohen Mauern, Wachtürmen sowie Stacheldraht und Alarmanlagen gesichert. Es befand sich in der Nauener Vorstadt im Bereich Große Weinmeisterstraße, der Straße Am Neuen Garten, der Leistikowstraße und Langhansstraße und war das größte von 26 in Potsdam eingerichteten Militärstädtchen.Die „Russen“ in Potsdam. In: Potsdam – Geschichten und Geschichte; 4. September 2019; abgerufen am 24. Oktober 2024. Im Zentrum befand sich das zentrale Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße 1. Im Militärstädtchen wurde jeder Art von auslandsgeheimdienstlicher Tätigkeit nachgegangen. Beim Abzug der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland vom Gebiet der ehemaligen DDR war das Militärstädtchen Nr. 7 einer der letzten Standorte mit einer KGB-Residentur, es wurde am 15. August 1994 aufgegeben. Die Gebäude wurden an ihre Eigentümer zurück übertragen und werden heute größtenteils für Wohnzwecke genutzt. Seit 2014 erschließt der Geschichtslehrpfad Sowjetische Geheimdienststadt die Geschichte des Areals.

Standort und Struktur Nach dem Zweiten Weltkrieg und unmittelbar nach der Potsdamer Konferenz im nahegelegenen Schloss Cecilienhof beschlagnahmte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) im August 1945 das Gebiet zwischen Pfingstberg und dem Neuer Garten Potsdam. Alle Bewohner mussten ihre Häuser verlassen. Auf dem 16 Hektar großen, hermetisch abgeriegelten Areal wurde die Deutschlandzentrale der Militärspionageabwehr des sowjetischen Geheimdienstes (MGB), ab 1954 KGB, eingerichtet, das sogenannte „Militärstädtchen Nr. 7“.Die sowjetischen Besatzungstruppen bezeichneten das Sperrgebiet offiziell als „Militärstädtchen Nr. 7“ (Wojennyj gorodok № 7), vergleiche Elke Fein: Von Potsdam nach Workuta. 2002, S. 36. Dort lebten 150 Offiziere und ihre Familien. Es war in einen Wohn- und Dienstbereich sowie das Kasernengelände unterhalb des Pfingstberges untergliedert. Durch eigene Infrastruktur samt Post- und Telefonsystem war der Standort relativ autark.Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten (Hrsg.): Online-Ausstellung: "Die sowjetische Geheimdienststadt 'Militärstädtchen Nr. 7'" Station 2: Wohnhaus mit Hausnummer des "Militärstädtchens Nr. 7, abgerufen am 24. Oktober 2024.

In der DDR existierten mehr als 1000 sowjetische Militärobjekte, welche zusammengenommen eine Fläche etwa von der Größe des Saarlandes einnahmen. Neben Kasernen, Truppenübungsplätzen und Flugplätzen gehörten dazu auch Wohnsiedlungen, Krankenhäuser, Schulen und andere Infrastruktureinrichtungen wie Geschäfte, Depots, Werkstätten und Kultureinrichtungen.Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten (Hrsg.): Online-Ausstellung: "Die sowjetische Geheimdienststadt 'Militärstädtchen Nr. 7'" Station 1: Hauptkontrollpunkt, abgerufen am 24. Oktober 2024. Weitere sowjetische Einrichtungen in Potsdam waren die Rote und die Graue Kaserne, die Garde-Ulanen-Kaserne in der Jägerallee mit dem Sitz des Stadtkommandanten und der Militärstaatsanwaltschaft, Teile der Schiffbauergasse, die Militärdruckerei in der Zeppelinstraße 12 sowie Radio Wolga in der Menzelstraße.

Russische Straßenumbenennungen Die Straßen im Militärstädtchen waren von 1945 bis 1994 russischsprachig. Die Glumestraße wurde in Uliza Moschtschonnaja („Pflasterstraße“) umbenannt, die Langhansstraße in Uliza Seljonnaja („Grüne Straße“), die Große Weinmeisterstraße in Uliza Zentralnaja („Hauptstraße“), die Mirbachstraße bzw. Leistikowstraße in Uliza Sportiwnaja („Straße des Sports“) und die Straße „Am Neuen Garten“ erhielt den Namen Uliza Bibliotetschnaja („Bibliotheksstraße“).

Ausgewählte Gebäude mit ihren Funktionen Haus Nr. 1 im Gefängniskomplex Leistikowstraße, das einstige Pfarrhaus des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins, diente ab 1945 als Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Spionageabwehr. 1985 verlegte man es in die Jägerallee; die Leistikowstraße 1 war nun Lager für eine raketentechnische Einheit. In den Häftlingszellen wurden bis zu 1500 Inschriften von Gefangenen nachgewiesen. Die Inschriften wurden durch den Restaurator Christoph Gramann dokumentiert.Ehemaliges KGB-Gefängnis in Potsdam, abgerufen am 24. Oktober 2024. Gefängniskomplex, Leistikowstraße 2–3, Ermittlungsabteilung Die Villa Große Weinmeisterstraße 17 diente als Unterkunft für die Wachen des zum Untersuchungsgefängnis umgebauten Nachbarhauses Leistikowstraße 1. Die zum Gefängniskomplex gehörenden Häuser Große Weinmeisterstraße 17, Leistikowstraße 1 und das vermutlich von der Ermittlungsabteilung genutzte Haus Leistikowstraße 2/3 wurden „durch zusätzliche Mauern und einen circa drei Meter hohen, für die Straflager des sowjetischen GULag typischen Holzzaun abgesichert […].“Elke Fein: Von Potsdam nach Workuta. 2002, S. 38–40, Digitalisat (PDF, 1,2 MB). Die Villa Schlieffen (Große Weinmeisterstraße 44) wurde 1945 durch die Rote Armee beschlagnahmt und unterlag in der Folgezeit sowjetischer Militärnutzung. Dafür erfolgte ein teilweiser Umbau zu einem Schießbunker.Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg: . Ab 2014 wurde die Villa unter denkmalhistorischen Auflagen saniert und das gesamte Gebäude per In-situ-Verfahren konserviert. Einige besonders beschädigte Deckenteile mussten dabei entfernt und ein Eisensteg nachträglich eingebaut werden, da neue Decken zwischen Keller und Erdgeschoss aus statischen Gründen nicht mehr einzusetzen waren. Dabei wurde auch der historische Weg zur Villa wieder freigelegt. Das Lepsiushaus (Große Weinmeisterstraße 45) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bis Anfang der 1990er Jahre von der sowjetischen Armee als Militärkasse genutzt.Förderverein LEPSIUSHAUS POTSDAM e. V.: Geschichte des Hauses, Sowjetischer Sperrbezirk, abgerufen am 24. Oktober 2024. Die Villa Quandt (Große Weinmeisterstraße 46/47) kam 1945 durch die sowjetische Besetzung in den Besitz des Auslandsgeheimdienstes SMAD, später des KGB.Villa Quandt,Große-Weinmeister-Straße 46/47 Die Villa Finckenstein (Große Weinmeisterstraße 61) gehörte bis 1949 der Garantie- und Kreditbank AG und wurde ab 1950 von den sowjetischen Besatzungstruppen benutzt.Ulrike Bröcker: Die Potsdamer Vorstädte 1861–1900. Von der Turmvilla zum Mietwohnhaus. 2. Auflage. Wernersche, Worms 2005, ISBN 3-88462-208-0, S. 264. In der Villa Fischbach (Puschkinallee 5) befand sich der Kindergarten der sowjetischen Streitkräfte.

Mirbachwäldchen Das ungefähr 2,4 Hektar große Mirbachwäldchen ist ein 1862 von Peter Joseph Lenné parkartig gestaltetes Verbindungsstück zwischen dem Pfingstberg und dem Neuen Garten Potsdam. Das schmale Rechteck wird im Westen von der Großen Weinmeisterstraße begrenzt, im Süden von der Leistikowstraße, im Osten von der Straße Am Neuen Garten und im Norden von einem Wohnblock sowie der in den 1930er Jahren errichteten Estorff-Siedlung. Das Mirbachwäldchen wurde nach dem Oberhofmeister der Kaiserin Auguste Viktoria, Ernst Freiherr von Mirbach, benannt, der eine Villa in der damaligen Albrechtstraße (seit 1950: Am Neuen Garten 25) bewohnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte der sowjetische Geheimdienst MGB, später KGB, das Areal beidseitig der Großen Weinmeisterstraße bis zur Straße Am Neuen Garten für das „Militärstädtchen Nr. 7“. Im Mirbachwäldchen wurden die Bäume und Sträucher gerodet, Boden verschoben und ein Sport- und Festplatz angelegt. Nach Rückgabe des Areals 1994 ließ die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg etwa 600 Quadratmeter befestigte Sporteinrichtungen sowie eine Straße von etwa 870 Quadratmeter aus dem Mirbachwäldchen entfernenMonika Deissler: Zurückgewinnen einer nachkriegszerstörten Gartenanlage am Fuße des Pfingstberges von 1995 bis 2004. In: Jahrbuch Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg. Band 6, 2004, S. 190. und die für die Öffentlichkeit zugängliche Grünfläche mit der Lennéschen Wegeführung wurde ab 1996 rekonstruiert.

Dienststellen mini|Ehemaliges Kaiserin-Augusta-Stift, bis 1994 Westeuropazentrale des sowjetischen Geheimdienstes GRU Die Verwaltung Spionageabwehr bei der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (sowjetische Feldpostnummer 02475) siedelte sich im Sperrgebiet des Militärstädtchens Nr. 7 an. Das Stabsquartier befand sich im Kaiserin-Augusta-Stift (Am Neuen Garten 30–32).Peter Erler: Die Gefängnisse der sowjetischen Geheimpolizei in Berlin als Standort- und Strukturelemente der Repressionstopographie in der SBZ und der frühen DDR. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2021, S. 187–220, hier S. 192 f.

Die Schutzanlagen bestanden aus zwölf Wachtürmen, die anfangs von einem Holzzaun umgeben waren. Ab 1970 sicherte eine meterhohe Mauer aus Betonelementen mit Stacheldraht das Gelände. Zur Bewachung wurden 350 Soldaten des 10. KGB-Wachbataillons eingesetzt.

Geschichtliche Zusammenhänge Im Juli 1952 wurde Hans Günter Aurich (1932–2024) im Gefängnis Leistikowstraße zu 25 Jahren Lagerhaft wegen Spionagevorbereitung, aktiven Widerstandes, Vorbereitung von Terroraktionen und Bildung einer antisowjetischen Gruppe verurteilt. Im September des gleichen Jahres wurde er über Moskau nach Workuta in der Sowjetunion deportiert. 1955 erfolgte ein etappenweiser Rücktransport in die DDR. Schließlich wurde er in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben.

Im Zuge der Vorgänge der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989 verlegte die GRU Anfang 1990 in das Hauptquartier der Sowjetarmee der DDR nach Wünsdorf. In dem Zusammenhang wurde auch befohlen, ein Reservenetz an Agenten zu rekrutieren. Diese sollten insbesondere unter den bisherigen Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit und der Volkspolizei gesucht werden.Friedrich-Wilhelm Schlomann: Die heutige Spionage Rußlands (aktuelle analysen 17), Hanns-Seidel-Stiftung e. V. München 2000, S. 20.

Beim Abzug der sowjetischen bzw. russischen Truppen aus der DDR wurde das Sperrgebiet in Potsdam als einer der letzten Standorte am 15. August 1994 aufgegeben.Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten (Hrsg.): 1945–1994 Geheimdienststadt „Militärstädtchen Nr. 7“, abgerufen am 24. Oktober 2024. Der Stadtkommandant verließ am 4. September Potsdam in einem Lkw. Am 14. August wurde das Militärstädtchen an das Bundesvermögensamt übergeben; es blieb aber noch bis zum April 1995 für die Öffentlichkeit gesperrt. Nach dem Abzug der Geheimdienst-Dienststellen und den russischen Streitkräften 1994 führte das Bundesvermögensamt Bestandsuntersuchungen an den insgesamt 110 beschlagnahmten Häusern und Liegenschaften durch. Diese wurden größtenteils bis Ende 1995 an die Alteigentümer rückübertragen.Elke Fein: Von Potsdam nach Workuta. 2002, S. 44.

Im Jahr 2014 wurde der Geschichtspfad „Sowjetische Geheimdienststadt“ in Potsdam eröffnet.Geschichtspfad „Sowjetische Geheimdienststadt“ in Potsdam eröffnet. Pressemitteilung Nr. 499 vom 15. August 2014, abgerufen am 24. Oktober 2024. Es finden Führungen über das Gelände statt.Potsdam-Museum: .Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam, Führung: Die sowjetische Geheimdienststadt „Militärstädtchen Nr. 7" am 28. September 2024, abgerufen am 24. Oktober 2024.

Quellen und Literatur Quellen Etwa 2000 Gegenstände aus dem Alltag der Soldaten lagern im Magazin des Potsdam-Museums.Jana Haase: Potsdam: Gesammelte Erinnerungen ans "KGB-Städtchen". In: Tagesspiegel vom 13. September 2009, abgerufen am 24. Oktober 2024. Zeitzeugenausstellung „Zwischen Gartenlaube und Russenmagazin“ und „Alltag am Potsdamer Pfingstberg 1945–1994“ im Schloss Belvedere Pfingstberg