mini|Kastelle, Signalstationen und Städte in North Yorkshire (spätes 4. Jahrhundert) mini|Modell des Nydambootes, solche Boote benutzten die Angelsachsen für ihre Plünderungszüge mini|Abbildung eines Wachturms am unteren Donaulimes, Trajanssäule, 2. Jhdt. n. Chr. mini|Rekonstruktionsversuch einer Signalstation, Zustand im späten 4. Jahrhundert n. Chr. Die spätrömischen Signalstationen in Yorkshire befanden sich im Nordosten der englischen Unitary Authority North Yorkshire – im Küstenabschnitt zwischen dem Fluss Tees und Flamborough Head, auf dem Gebiet der römischen Provinz Britannia II.

Sie sollten am Ende des 4. Jahrhunderts, als Teil eines Frühwarnsystems, die Südostküste Englands vor Plünderern und Invasoren sichern, dienten wohl auch als Schiffsanleger, Versorgungsbasen und eventuell als Fluchtburgen für die örtliche Bevölkerung.Wilson 1989, 142f. Die Stationen waren vermutlich auch Bestandteil der Küstenverteidigungsorganisation der sogenannten Sachsenküste (Britannien). Vier sind durch Grabungsbefunde gesichert, eine fünfte ist bislang nur aus ihrer Bauinschrift bekannt.Ravenscar: Wilson 1989, S. 142. Sie gehören wahrscheinlich zu den letzten Festungsanlagen, die von den Römern in Britannien errichtet wurden.Jeremy Clark: Roman Signal Stations on the Yorkshire Coast. They are unique and without parallel in Britain. In: The Yorkshire Journal. Nr. 3, Autumn 2014, S. 14. Insgesamt konnten in England und Schottland bislang rund 50 dieser Militäranlagen (aus unterschiedlichen Zeitperioden) lokalisiert werden. Die heute noch erhaltenen Überreste dieser Stationen wurden unter nationalen Schutz gestellt.

Standorte (von Nord nach Süd):

Hunt Cliff Boulby? Goldsborough Whitby? Ravenscar Scarborough Filey Bridlington?

Entwicklung

Seit Mitte des vierten Jahrhunderts n. Chr. häuften sich die Überfälle angelsächsischer Piraten und Plünderer auf die britischen Provinzen. Die Angeln stammten aus dem Grenzgebiet zwischen Deutschland und Dänemark, die Sachsen aus den Regionen des heutigen Norddeutschland. Der Teil Britanniens, der dem europäischen Kontinent zugewandt ist, ist der tiefer gelegene Teil der Insel und stellte für Eindringlinge kein großes Hindernis dar. Die britische Nordseeküste war damals noch weitgehend unbewacht, und man konnte deswegen auch problemlos von dort oder entlang der schiffbaren Flüsse bis weit ins Landesinnere vordringen. Ihre Beute bestand hauptsächlich aus Getreide, Vieh, Gebrauchs-/Wertgegenständen aller Art und Gefangenen. Auch schottische und irische Stämme fielen um 376 n. Chr., möglicherweise ebenfalls von See her, in die britischen Provinzen ein und konnten in der Ostküstenregion nahezu ungestört plündern.Jeremy Clark: Roman Signal Stations on the Yorkshire Coast. They are unique and without parallel in Britain. In: The Yorkshire Journal. Nr. 3, Autumn 2014, S. 14. Brian Hope-Taylor hat vorgeschlagen, dass diese Stationskette eher gegen die Bedrohung durch die Pikten als gegen die Angelsachsen errichtet wurde, sich ursprünglich noch weiter nach Norden bis zum Firth of Forth erstreckte und dadurch die Patrouillen der Classis Britannica frühzeitig vor Seeräubern warnen konnte. Er postuliert, dass das Barnburgh Cliff im vierten Jahrhundert ebenfalls der Standort einer solchen Signalstation gewesen sein könnte.Hope-Taylor 1977, S. 301–303. Allerdings wurden nördlich von Huntcliff nie archäologische oder schriftliche Beweise für derartige Einrichtungen gefunden.Sylvester 1973, S. 17–18. Wenn in spätrömischer Zeit nur diese fünf Stationen existiert haben sollten, dann könnten sie auch Teil eines lokalen Sicherungssystems gewesen sein, d. h. sie waren nur zum Schutz der Landgüter und Siedlungen im Vale of Pickering und der Stadt Eburacum (York) gedacht ().Sylvester 1973, S. 31–32. Weitere solcher Stützpunkte werden auch am Wash-Solent-Limes (Sachsenküste) vermutet – bei Thornham (Norfolk), Corton (Suffolk) und Hadleigh.Donald A. White: Litus saxonicum. The British Saxon shore in scholarship and history. State Historical Society of Wisconsin, Dep. of History, Univ. of Wisconsin, Madison 1961.

Die Bedrohungen durch Plünderer und Invasoren im 4. Jahrhundert deckten die enormen Defizite der römischen Küstenverteidigung auf. Es wurde daher auch in diesem Fall auf ein altbewährtes Alarm- und Meldesystem zurückgegriffen, um Armee, Flotte und die örtliche Bevölkerung vor drohenden Überfällen noch rechtzeitig warnen zu können. Im Norden der britischen Insel waren Signaltürme schon seit dem 1. Jahrhundert für die Sicherung von Gask Ridge, Stanegate und Hadrianswalls eingesetzt worden. Die ersten entstanden zwischen 50 und 117 n. Chr., also noch während der römischen Okkupationszeit. Es handelte sich dabei um einfache Holztürme, die von einem oder zwei Gräben, einem Erdwall und möglicherweise auch einer Palisade geschützt wurden (siehe Gask Ridge). Nach 117 wurden die Türme meist aus Stein gebaut, einige an derselben Stelle wie die früheren Holztürme. In der Spätantike ging man dazu über, größere und wesentlich massivere Steintürme (burgus) zu errichten.

Die Signalstationen in Yorkshire könnten schon während der Herrschaft des Magnus Maximus (383–388 n. Chr.)Casey 1980, S. 75–76. in Auftrag gegeben worden sein, und sie entstanden vermutlich alle in derselben Zeitperiode. Die von dort stammenden Münz- und Keramikfunde bewiesen, dass sie seit der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts belegt gewesen sein müssen, d. h. etwa nach 380 n. Chr., in der Spätphase der römischen Besatzungszeit. Die meisten der Fundmünzen stammten wohl aus dem Sold der Stationsbesatzungen.Jeremy Clark: Roman Signal Stations on the Yorkshire Coast. They are unique and without parallel in Britain. In: The Yorkshire Journal. Nr. 3, Autumn 2014, S. 14. Margaret Faull postuliert eine Reorganisation der römischen Verteidigung um 370, bei der das Kastell in Malton () zum Hauptquartier der Sicherungseinheiten in dieser Region wurde, gleichzeitig wurden Foederati in East Riding angesiedelt, insbesondere um Sancton, wo zahlreiche Gräber von ihnen gefunden wurden.Faull 1974, S. 21–23. Es scheint wahrscheinlich, dass diese Reorganisation mit der Versandung des Kriegshafens in Brough on Humber und dem daraus resultierenden Rückzug oder Auflösung der Küstenschutzflotte zusammenhängt. Faull ist auch der Ansicht, dass etwa zur gleichen Zeit auch die Ansiedlung von Angelsachsen im Vale of Pickering begann. Der wahrscheinlichste historische Kontext für den Bau der Stationen scheint aber die Säuberung der Insel von Invasoren und die Neuorganisation der Provinzverteidigung im Jahr 368 durch den Comes Flavius Theodosius (365–375 n. Chr.) zu sein.Pearson 2002, S. 128. Die meisten – größtenteils schon stark verfallenen – Kastelle am Hadrianswall wurden aufgegeben, als Ersatz wurde entlang der NO-Küste eine rund 60 km lange Wach- und Signalturmkette aufgebaut, deren Besatzungen entweder dem Dux der Nordgrenze oder dem Comes der Sachsenküste unterstellt waren.Joan Alcock: A Brief History of Roman Britain. Hachette UK, 2011, S. 102–103. Diese Befestigungsanlagen gehörten wohl zu den letzten Militärgebäuden, die von der römischen Verwaltung in Britannien errichtet wurden.Jeremy Clark: Roman Signal Stations on the Yorkshire Coast. They are unique and without parallel in Britain. In: The Yorkshire Journal. Nr. 3, Autumn 2014, S. 14; Historic England (abgerufen am 17. Oktober 2024)

Die Signalstationen hatten eine Nutzungsdauer von rund zwanzig Jahren (heute tendiert man zur Zeitperiode zwischen 370 und 402 n. Chr.)Andrew White: Turrem et Castrum: Some fresh thoughts on the roman fortlets in the Yorkshire coast. The Antiquaries Journal; London Band. 102, 2022., danach wurden sie bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Sie scheinen auch nicht im Staatsalmanach Notitia Dignitatum auf.Salway 1981, S. 383–84, Sylvester 1973, S. 15. Einige ihrer Bewohner fanden dabei wohl ein gewaltsames Ende, da man in zwei Fällen dafür forensische Beweise vorgefunden hat. Die Signalstationen wurden mindestens bis ins Jahr 396 betrieben, vielleicht hängt ihre Zerstörung auch mit Stilichos Reorganisation der britischen Verteidigung Ende der 390er Jahre zusammenSalway 1981, S. 419-26, Frere 1978, S. 266–79. Die kampfstärksten Einheiten der romano-britischen Feldarmee (comitatenses) wurden schließlich um 407 vom Usurpator Konstantin nach Gallien abgezogen und kehrten nicht mehr zurück. Man vermutet, dass die meisten Grenzsoldaten des Dux Britanniarum am Hadrianswall () und die Küstenwächter des Comes der Sachsenküste (alles limitanei) aber weiter auf ihren angestammten Posten ausharrten. Ohne die mobilen Einheiten waren die britischen Provinzen jedoch erneut den Angriffen der Angelsachsen, Pikten und Iren ausgesetzt.Jeremy Clark: Roman Signal Stations on the Yorkshire Coast. They are unique and without parallel in Britain. In: The Yorkshire Journal. Nr. 3, Autumn 2014, S. 14–15. Die Datierungen basieren auf Münzen, die in Britannien kurz nach 407 außer Gebrauch kamenFrere 1978, S. 414–16., aber sie deuten darauf hin, dass die Aufgabe der Stationen erfolgte, als die römische Autorität über die Insel noch bestand – wahrscheinlich hatte sich das Frühwarnsystem in Yorkshire als weitgehend unwirksam erwiesen. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts befanden sich Wirtschaft, Verwaltung und Militär des römischen Britannien im unaufhaltsamen Niedergang.Ann Elizabeth Reid: Settlement and society in north-east Yorkshire A.D. 400–1200. Durham University, Durham 1987, S. 98.

Funktion Im Laufe der Jahre wurde in Forscherkreisen viel über Sinn und Zweck dieser Kleinfestungen debattiert. Unbestritten ist, dass sie Teil einer Beobachtungs- und Signalkette waren, mit der feindliche Aktivitäten entlang der Küste überwacht und weitergemeldet werden sollten. Sie bildeten, wie an anderen Limites auch, das Bindeglied zwischen Kastellen, Flottenbasen und Städten. Bei Sichtung von verdächtigen Schiffen wurde auf der obersten Plattform des Turms entweder ein Feuer entzündet oder dichter Rauch erzeugt, die übrigen Stationen folgten dem in gleicher Weise. Man konnte damit relativ rasch und einfach alle Militär- und Flottenstützpunkte an der Sachsenküste alarmieren, damit noch rechtzeitig Abwehrmaßnahmen ergriffen werden konnten. Elisabeth Reid ist hingegen der Auffassung, dass die Signalstationen nie Teil des Sachsenküstenlimes waren, sondern dass ihre Errichtung (und der Einsatz landgestützter Streitkräfte) mit der Neuorganisation der Küstenverteidigung im NO nach Aufgabe des Marinestützpunktes in Brough-on-Humber in Zusammenhang steht.Ann Elizabeth Reid: Settlement and society in north-east Yorkshire A.D. 400–1200. Durham University, Durham 1987, S. 89. Vermutlich näherten sich die Plünderer wahrscheinlich nur nachts der britischen Küste, wenn die Sichtweite nicht mehr als 1–2 km beträgt. Wenn sie dabei Lichter angezündet hätten, hätte man auch den Schein einer Öllampe noch kilometerweit sehen können.Ann Elizabeth Reid: Settlement and society in north-east Yorkshire A.D. 400–1200. Durham University, Durham 1987, S. 88.