mini|Zwei Fragmente von Unzial 0171 mit dem Text von (älteste bekannte Pergamenthandschrift des Lukasevangeliums, um 300)Novum Testamentum Graece28, Stuttgart 2012, S. 806. Als lukanisches Doppelwerk (englisch: Luke–Acts) bezeichnet man seit dem späten 19. Jahrhundert die beiden neutestamentlichen Schriften Lukasevangelium und Apostelgeschichte unter der Voraussetzung, dass diese vom selben Verfasser als Gesamtwerk konzipiert worden seien. Nach diesem in der neutestamentlichen Exegese bis ins 21. Jahrhundert fast einhellig vertretenen Standardmodell verfasste ein hellenistisch gebildeter Christ eine große Erzählschrift, die im Jerusalemer Tempel zur Zeit des Herodes ihren Ausgang nimmt. Dann führt sie den Leser in 52 Kapiteln mit Jesus von Nazareth und seinen Jüngern durch das ländliche Galiläa, Judäa und Samarien und wieder nach Jerusalem, später mit Paulus von Tarsus auf abenteuerlichen Seereisen und weiten Überlandwanderungen durch verschiedene Mittelmeerkulturen, bis Paulus schließlich in Rom eintrifft und in Erwartung seines Prozesses vor Kaiser Nero dort eine Mietwohnung bezieht. Das lukanische Doppelwerk umfasst mehr als ein Viertel des gesamten Neuen Testaments. Der Name des Verfassers wird in den Schriften nicht genannt. Schon im zweiten Jahrhundert wurde als Verfasser der Paulusbegleiter Lukas identifiziert, was aber von vielen heutigen Exegeten bezweifelt wird.

Begriff Friedrich Schlegel nahm im Jahr 1822 zur Homerischen Frage Stellung, indem er ein „großes Doppelwerk“ Ilias und Odyssee postulierte. In den 1860er Jahren taucht die Begriffsprägung „lukanisches Doppelwerk“ für Lukasevangelium und Apostelgeschichte eher beiläufig bei zwei Schweizer Theologen auf: Johann Rudolf Tobler (1824–1884), Pfarrer in Uitikon, und Gustav Volkmar, Neutestamentler an der Universität Zürich. Der Begriff fand bis zur Jahrhundertwende in neutestamentlicher und altphilologischer Literatur zunehmend Verwendung, ohne problematisiert zu werden. Ob damit zwei einzelne Werke desselben Verfassers gemeint sind oder ein Gesamtwerk in zwei Bänden, blieb nämlich unklar.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 64 f.

Im angelsächsischen Raum lässt sich die Rede von Luke-Acts bis zu Benjamin W. Bacons Introduction to the New Testament (1900) zurückverfolgen; Bacon hatte zunächst auch von einem Doppelwerk (double work, twofold work) geschrieben, dann aber zunehmend Luke-Acts bevorzugt. Durch Henry J. Cadburys Beiträge zur LukasexegeseUnter anderem: The making of Luke-Acts, 1927. wurde Luke-Acts allgemein üblich und wird oft auch als Begriffsprägung Cadburys angesehen.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 65 f.

Grundlagen

Am Anfang der Apostelgeschichte wendet sich der Verfasser, ohne seinen Namen zu nennen, an den Leser Theophilos und verweist zurück auf einen von ihm verfassten „ersten Bericht“ über die Taten und die Lehre des Jesus von Nazareth. Dieser Vers verklammert das Lukasevangelium mit der Apostelgeschichte. Dass dieser Verfasser Lukas heißt, geht nicht aus dem Text der beiden Bücher hervor. Die Titel, die als subscriptio am Buchende oder als inscriptio am Buchanfang der Handschriften erscheinen, nennen häufig den Namen Lukas, doch sie sind sekundär.

Ein Mitarbeiter des Paulus namens Lukas wird in drei Briefen des Neuen Testaments erwähnt: : „Es grüßen dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, Markus, Aristarch, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter.“ : „Es grüßt euch Lukas, der Arzt, der Geliebte, und Demas.“ : „Lukas ist allein bei mir. Markus nimm zu dir und bringe ihn mit dir; denn er ist mir nützlich zum Dienst.“

Dass dieser Lukas die Apostelgeschichte verfasste, kann aus den Erwähnungen in den neutestamentlichen Briefen herauskombiniert sein: Der 2. Brief an Timotheus nennt Lukas als den letzten bei Paulus in römischer Gefangenschaft ausharrenden Mitarbeiter. Die Apostelgeschichte endet mit der Ankunft des Paulus in Rom; das passt zu einer Verfasserschaft des Lukas. Andererseits gilt der 2. Timotheusbrief historisch-kritischen Exegeten nicht als authentischer Paulusbrief, sondern als Werk eines Paulusschülers, das eine Art Testament des Apostels kurz vor seinem Märtyrertod zu sein beansprucht.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 10., neu bearbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2024, S. 372. Die Identifikation auch des Evangelisten mit dem Paulusbegleiter Lukas war, so Udo Schnelle, bereits „erheblich vor 150 verbreitet.“Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 10., neu bearbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2024, S. 371.

Das Bücherarrangement der neutestamentlichen Schriften ist in der spätantik-frühmittelalterlichen Textüberlieferung variabel. Aber es ist kein Manuskript bekannt, in dem Lukasevangelium und Apostelgeschichte direkt aufeinander folgen. Dieser Befund kann damit erklärt werden, dass diese beiden Werke als zwei physische Einheiten getrennt publiziert wurden und deshalb auch auf unterschiedlichen Wegen ins Neue Testament fanden.Michael Wolter: Das Lukasevangelium. Mohr Siebeck, Tübingen 2008, S. 1 f. Die frühe Christenheit behandelte Lukasevangelium und Apostelgeschichte als zwei Bücher, nicht als ein Buch in zwei Teilbänden. Für Irenäus von Lyon verbürgte die Verfasserschaft des Apostelschülers Lukas, dessen Heiligenvita später immer mehr angereichert wurde, aber eine werkübergreifende Geschlossenheit von Lukasevangelium und Apostelgeschichte, „die dem apostolischen Kontinuitäts- und Legitimitätsanspruch der werdenden Großkirche entspricht“ – insofern geht das Modell des lukanischen Doppelwerks auf Irenäus zurück.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 545. Die Apostelgeschichte wurde so zur Meistererzählung des Christentums über seine eigenen Anfänge; das dem gleichen Verfasser zugeordnete Evangelium verbürgte die Kontinuität der Urgemeinde mit der Lehre und Lebenspraxis des Jesus von Nazareth.

Lukasevangelium und Apostelgeschichte sind beide in einem gehobenen Koine-Griechisch verfasst und stehen sich sprachlich näher als beispielsweise Markusevangelium und Apostelgeschichte. Aber sie weisen semantische und stilistische Unterschiede auf.Ein Beispiel für Unterschiede im Wortschatz: (Lk), (Apg) „Bett“. Stilistisch geht ein Bruch mitten durch die Apostelgeschichte; der erste Teil (Apg 1–12) steht dem Evangelium näher. Gegenüber den vielen kleinen Divergenzen fallen die Ähnlichkeiten beider Schriften zwar stärker ins Gewicht, aber die Divergenzen sind schwer erklärbar, wenn Lukasevangelium und Apostelgeschichte in einem Zug nacheinander niedergeschrieben wurden; hier verweisen die Befürworter der auktorialen Einheit teils auf Beeinflussung durch die von Lukas genutzten Quellen, teils auf zeitlichen Abstand beider Bücher.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 379–382.

Forschungsgeschichte hochkant|mini|Franz Overbeck (1897) Franz Overbeck (1837–1905) kritisierte das Projekt des Lukas, ein Evangelium mit einer Kirchengeschichte zum Doppelwerk zu kombinieren, in seinen postum veröffentlichten Aufzeichnungen als völlig unangemessen:

In Overbecks negativem Urteil verdichtete sich seine längere Beschäftigung mit dem Thema Christentum und Kirche. Die Jesus-Erzählung barg für Overbeck einen großen religiösen Reichtum, aber Lukas ordne sie halbherzig in die Weltgeschichte ein und spinne den Erzählfaden in der Apostelgeschichte mit Legenden um die Wundertäter Petrus und Paulus fort. Die Kirchengeschichte werde als eine Art Fortschreibung des Evangeliums unsachgemäß überhöht, bzw. das Evangelium zu einem Vorspiel der Kirchengeschichte degradiert.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 34–37. hochkant|mini|Adolf von Harnack (1904) In der deutschsprachigen evangelischen neutestamentlichen und kirchenhistorischen Forschung nach 1900 setzte sich aber zunächst nicht Overbeck, sondern Adolf von Harnack mit seiner Interpretation des lukanischen Doppelwerks durch.Adolf von Harnack: Lukas der Arzt der Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte (1906), Die Apostelgeschichte (1908), Neue Untersuchungen zur Apostelgeschichte und zur Abfassungszeit der synoptischen Evangelien (1911). Er wählte einen biografischen Zugang: Lukas war für Harnack der Paulusbegleiter und Arzt, der zunächst nach dem Vorbild des Markus ein Evangelium verfasst habe. Als alter Mann habe er die Apostelgeschichte in Erinnerung an seine Zeit mit Paulus niedergeschrieben; beide Werke seien für die private Lektüre, nicht für die Verlesung im Gottesdienst konzipiert gewesen.

Die römisch-katholische Bibelwissenschaft war Anfang des 20. Jahrhunderts durch lehramtliche Vorgaben stark eingeschränkt. Im Zeichen des Antimodernismus bekräftigte die Päpstliche Bibelkommission 1912 und 1913 das traditionelle Narrativ des heiligen Lukas als Paulusbegleiter und Verfasser erst des dritten Evangeliums sowie später der Apostelgeschichte. „In solchem Klima war eine unbefangene Befassung mit der literarischen und historischen Problematik des Opus Lucanum kaum möglich,“ urteilt Knut Backhaus.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 52.

Der Althistoriker Eduard Meyer las Lukasevangelium und Apostelgeschichte als Gesamtentwurf eines antiken Geschichtsschreibers, der ihm das Grundgerüst für sein dreibändiges Werk Ursprung und Anfänge des Christentums (1921–1923) lieferte. Das positive Urteil zum Geschichtswert neutestamentlicher Schriften wurde in konservativen evangelischen Kreisen besonders im angelsächsischen Raum viel rezipiert, zumal es von einem agnostischen Historiker stammte.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 75.

Der US-amerikanische Neutestamentler Henry J. Cadbury brachte die Forschung zum lukanischen Doppelwerk, mit dem er sich seit seiner 1919 publizierten Dissertation beschäftigte, wesentlich voran. Er überwand die Harnack’schen Spekulationen um die Biografie des Lukas und betrachtete Lukasevangelium und Apostelgeschichte mit philologischem und literaturgeschichtlichem Interesse. Sein Hauptwerk The Making of Luke-Acts (1927) geht von zwei Prämissen aus: der Zusammengehörigkeit des Doppelwerks und der Zweiquellentheorie. Die beiden Teile des lukanischen Werks seien früh getrennt worden und auf verschiedenen Wegen in den neutestamentlichen Kanon gelangt; um ihre Zusammengehörigkeit zu veranschaulichen, schlug er vor, sie im Anschluss an die altphilologische Bezeichnung titellos überlieferter Werke Ad Theophilum I und II zu nennen.Knut Backhaus: Das lukanische Doppelwerk: Zur literarischen Basis frühchristlicher Geschichtsdeutung, Berlin / Boston 2022, S. 76–81.