mini|Kwassi Bruce, Foto von ca. 1925 Kwassi Bruce (* 11. Mai 1893 in Anecho (Togo); † 11. Januar 1964 in Paris) war ein bekannter Jazzpianist. Von 1936 bis 1937 leitete er die Deutsche Afrika-Schau.

Leben Kwassi Bruce wurde 1893 in Anecho in der damals deutschen Kolonie Togo als Sohn des späteren Völkerschau-Impresarios John Calvert Nayo Bruce und dessen Frau Ohui Creppy geboren. J. C. Nayo Bruce, Sohn des Königs Amuzu Djaglidjagli Bruce, lebte in Polygynie und war mehrfach verheiratet. Insgesamt lassen sich nach den Recherchen von Rea Brändle bis zum Lebensende von Nayo Bruce mindestens elf Ehefrauen nachweisen. Kwassi Bruce hatte demnach über 30 Geschwister.Rea Brändle: Nayo Bruce. Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa. Zürich 2007.

mini|Dreijähriger Kwassi Bruce (2. v.r.), sein Vater Nayo Bruce (Mitte) mit zwei seiner Ehefrauen und weiteren Mitgliedern der Truppe aus Togo während der Berliner Kolonialausstellung im Sommer 1896 J. C. Nayo Bruce organisierte seit 1895 von Togo aus das „Togo-Dorf“ der zwischen Mai und Oktober 1896 stattfindenden Berliner Kolonialausstellung. 26 togolesische Männer und Frauen reisten im Frühjahr 1896 nach Berlin – als einziges Kind auch der dreijähriger Sohn Kwassi, der wenige Tage nach Beginn der Kolonialausstellung seinen dritten Geburtstag feierte. Nach Ende der Kolonialausstellung gaben ihn seine Eltern, die ihren Kindern eine „europäische Erziehung“ ermöglichen wollten, bei Bruno und Marie Antelmann, den Inhabern des Deutschen Kolonialhauses in Berlin, in Pflege.

Er wurde dort evangelisch getauft und konnte erst das Gymnasium besuchen, anschließend das Klindworth-Scharwenka-Konservatorium, wo er zum Pianisten ausgebildet wurde.Claudia Feigl: Fotografie des Kwassi Bruce im Matrosenanzug. Online unter: Die Sammlungen der Universität Wien, ohne Datum, abgerufen am 2. November 2024. Er spielte „Chansons, Mazurka, spanische Volkslieder, Blues, Soul und Jazz und dazwischen immer wieder kurze Passagen aus Werken von Franz Liszt und Richard Wagner, Klassisches von Bach und Beethoven, seinem Lieblingskomponisten“.

mini|Kwassi Bruce (erste Reihe, 2. v.r.) 1905 als Schulkind, Foto von Otto Haeckel 1913 reiste Kwassi Bruce nach Togo, um dort seine leibliche Mutter kennenzulernen, konnte aber nach Beginn des Ersten Weltkriegs nicht zurückreisen und meldete sich als Freiwilliger zu den deutschen Schutztruppen.Elisa von Joeden-Forgey: Die deutsche Afrika-Schau und der NS-Staat. In: Peter Martin, Christine Alonzo (Hg.): Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus. Hamburg, München 2004, S. 411–416, hier S. 452. Nach seiner Kriegsgefangenschaft 1916 und einem mehrjährigen Aufenthalt in Spanien kehrte er 1920 nach Berlin zurück und verdiente seinen Unterhalt als Bandleader einer Jazzband. 1926 wurde er als „Reichsdeutscher“ eingebürgert,Kwassi Bruce (1893 – 1964) Online unter: Verwobene Geschichte*n, ohne Datum, abgerufen am 18. Oktober 2024. erhielt 1927 eine Entschädigung von 200 Mark, weil er sich 1914 in Togo freiwillig gemeldet hatte, und durfte sich deshalb auch als Askari bezeichnen.

Weil die Auftrittsmöglichkeiten für schwarze Musiker im Nationalsozialismus stark beschränkt wurden, wandte sich Kwassi Bruce im August 1934 in einem zehnseitigen Protestschreiben an das Auswärtige Amt. Darin heißt es unter anderem:

Beim Leiter der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt Edmund Brückner stieß dieses Schreiben aus kolonialrevisionistischen Gründen auf Zustimmung. Weil das Auswärtige Amt die Ausweisung von Menschen aus den ehemaligen Kolonien noch ablehnte, genehmigte es 1936 den Antrag von Kwassi Bruce, Adolf Hillerkus und Heinrich Gosslau, eine Völkerschau-Tournee durchzuführen, die neben einem Unterhaltungsprogramm auch kolonialpolitische Propaganda verbreiten sollte. Gezeigt wurden Gesänge und Tänze sowie ein „Eingeborenendorf“, in dem Souvenirs verkauft wurden.Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Frankfurt am Main 2005, S. 308–311. Die Deutsche Afrika-Schau erfüllte außerdem den Zweck, den teilnehmenden Personen das wirtschaftliche Überleben zu ermöglichen. Die Schau wurde 1940 verboten. Kwassi Bruce hatte sie bereits 1937 verlassen und hielt sich während des Zweiten Weltkriegs zunächst im Exil in Lagos in Nigeria auf, wurde dort aufgrund seines deutschen Passes verhaftet und ins unter französischer Mandatsträgerschaft stehende Togo ausgeliefert.

Kwassi Bruce kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück und lebte zuerst in Baden-Baden, anschließend in Berlin, wo er in der Pinguin-Bar mit verschiedenen Musikern aus der afrikanischen Diaspora auftrat. 1951 emigrierte er mit seiner Frau nach Paris, wo er seine erfolgreiche Karriere als Jazzmusiker fortsetzte. Er trat dort unter anderem mit der Sängerin Jenny Alpha auf. Kwassi Bruce starb am 11. Januar 1964.

Siehe auch Völkerschau Berliner Kolonialausstellung 1896 John Calvert Nayo Bruce, sein Vater Deutsche Afrika-Schau 1936–1940

Literatur Rea Brändle: Nayo Bruce. Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa. Chronos, Zürich 2007, ISBN 978-3-0340-0868-6. Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-593-37732-2. Susann Lewerenz: Die Deutsche Afrika-Schau (1935–1940). Rassismus, Kolonialrevisionismus und postkoloniale Auseinandersetzungen im nationalsozialistischen Deutschland, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-54869-9. Elisa von Joeden-Forgey: Die deutsche Afrika-Schau und der NS-Staat. In: Peter Martin, Christine Alonzo (Hg.): Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus. Dölling und Galitz Verlag, Hamburg, München 2004, S. 411–416, hier S. 452.

Weblinks Kwassi Bruce (1893 – 1964). Online unter: Verwobene Geschichte*n, ohne Datum, abgerufen am 18. Oktober 2024. Kwassi Bruce – ein Pianist in Berlin. Online unter: Migrations-Geschichten, 8. Februar 2022, abgerufen am 20. Oktober 2024. Kwassi Bruce in der „Deutschen Afrikaschau“. Online unter: Deutsches Historisches Museum, ohne Datum, abgerufen am 20. Oktober 2024. Claudia Feigl: Fotografie des Kwassi Bruce im Matrosenanzug. Online unter: Die Sammlungen der Universität Wien, ohne Datum, abgerufen am 2. November 2024.

Einzelnachweise

Kategorie:Geboren 1893 Kategorie:Gestorben 1964 Kategorie:Mann Kategorie:Pianist