mini|Verwundete Kriegsgefangene auf dem Weg zum Invalidenzug in Haparanda Während des Ersten Weltkriegs tauschten die kriegsführenden Länder Russland einerseits und Deutschland und Österreich-Ungarn andererseits schwerstversehrte Kriegsgefangene über eine Schiffs- und Zugroute aus. Die Route verband in beiden Richtungen Sassnitz in Deutschland mit Tornio in Finnland, das damals ein teilautonomes Großfürstentum im Russischen Kaiserreich war, und verlief über Trelleborg und Haparanda im neutralen Schweden.

Der Austausch der Schwerverwundeten dauerte vom 1. August 1915 bis zum 1. August 1918. Insgesamt wurden etwa 65.000 Menschen über diese Route transportiert.

Initiierung durch Schweden Vom 28. Juli bis zum 4. August 1914 wurden zwischen europäischen Staaten Kriegserklärungen ausgesprochen. In den folgenden Kampfhandlungen wurden Soldaten beider Seiten getötet, verwundet und gerieten in Kriegsgefangenschaft. Kriegsgefangene, die so schwer verwundet waren, dass sie nicht mehr zur Arbeit eingesetzt oder wieder in den Krieg geschickt werden konnten, mussten verpflegt und medizinisch versorgt werden. Sie stellten also für die kriegführenden Länder eine Belastung dar. Daher waren alle Länder daran interessiert, Gefangenenaustausche zu organisieren.

Die Verhandlungen für die Austausche zogen sich über Monate hin, besonders der Transportweg war strittig. Ein Austausch über den reinen Landweg erschien wegen Treibstoffmangels der schwedischen Eisenbahn nicht möglich. Daher sollte der Verkehrsweg über die Ostsee erfolgen. Die Deutschen konnten jedoch nicht zusichern, dass U-Boote im Tumult der Gefechte keine Schiffe mit Kriegsgefangenen angreifen würden.Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, Kriegsministerium Abt. 10/Kgf. 1917: 10/35/37/17. zitiert nach Im Juli 1915 gelang es schließlich dem schwedischen Außenministerium in Zusammenarbeit mit dem Schwedischen Roten Kreuz, die Genehmigung für einen Austausch von verwundeten Gefangenen zwischen Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn zu erhalten.

Als im Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, übernahm das neutrale Schweden die Rolle eines Transitlandes zwischen Ost und West. Besonders Prinz Carl von Schweden, Präsident des Roten Kreuzes seines Landes, setzte sich in dieser Angelegenheit ein. Die Invalidentransporte im Speziellen boten die Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, anstatt nur am Rande des Krieges zu stehen. Die Invalidenzüge weckten nicht nur das Interesse der schwedischen Zivilbevölkerung. Könige, Botschafter und Amtsträger besuchten die Soldaten und selbstverständlich berichteten die Medien ausführlich. Für das schwedische Volk waren die Kriegsinvaliden eine lebendige Verbindung zur Realität des Krieges. Die Soldaten wurden zu Essen geladen, notfalls auch dorthin getragen. Die Schweden machten keinen Unterschied zwischen Russen und Deutschen. Schweden wurde in den Zeitungen als eine humanitäre und zivilisierte Nation hervorgehoben, die versuchte, Leid zu lindern.Lina Sturfelt: In: Populär Historia 11/2006

Die Invalidentransporte bedeuteten für Schweden eine nie dagewesene internationale Hilfstätigkeit. Nach Kriegsende setzte das Land eine Arbeit in internationalen Organisationen wie Save the Children und dem Völkerbund fort.

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] } In der ersten Phase des Krieges lagen die Hauptkriegsschauplätze vorwiegend im heutigen Polen. Für die Rückführung verwundeter Kriegsgefangener in ihre Heimatländer gab es daher nur den Weg über den hohen Norden. Die Route für die Invalidentransporte führte von Sassnitz auf Rügen über Trelleborg nach Haparanda in Schweden und von dort nach Tornio im heutigen Finnland, damals russisches Großherzogtum. Die russischen Soldaten, die in Deutschland in Kriegsgefangenschaft geraten waren, reisten nach Norden, die Soldaten aus Deutschland und Österreich-Ungarn reisten in die entgegengesetzte Richtung.

Die verwundeten Soldaten wurden mit dem Zug nach Sassnitz auf Rügen transportiert. Von dort aus ging es mit dem Schiff auf der Route der Königslinie weiter. Zwei Passagierdampfer der Reederei AB Svea wurden zu Lazarettschiffen umgerüstet, die Birger Jarl und die Aeolus. Sie fuhren unter der Flagge des schwedischen Roten Kreuzes und wurden durch Begleitschiffe gesichert. Die 107 km lange Fahrt über die Ostsee nach Trelleborg dauerte ungefähr sechs Stunden. Ein speziell umgebauter Zug fuhr von Trelleborg aus 2.000 km durch Schweden Richtung Norden bis nach Haparanda. Die Reise durch Schweden konnte bis zu vier Tage dauern. In Haparanda angekommen, fuhr der Lazarettzug mit Soldaten der anderen Seite zurück nach Trelleborg. Von Haparanda aus überquerte eine Fähre, im Winter ein Schlitten, den Fluss Torne nach Tornio ins russische Großherzogtum. In Tornio war ein provisorisches Gleis vom Bahnhof zum Flussufer gelegt worden, um die Soldaten weiterzutransportieren. Der Austausch der Schwerverwundeten auf dieser Route dauerte bis zum 1. August 1918.

Diese Reiseroute wurde in beide Richtungen auch von anderen Kriegsreisenden genutzt, so z. B. von der deutschen Gesandtschaft aus Bukarest oder vom Tross Lenins auf dem Weg von der Schweiz nach St. Petersburg 1917.

Sassnitz Bereits 1909 hatte das Rote Kreuz bei den deutschen Ostseebädern angefragt, ob sie „im Kriegsfalle möglichst viele […] genesende Krieger“ aufnehmen könnten. Im Juli 1914 verzeichneten die Ostseebäder einen Rekord an Besucherzahlen. Nach der Mobilmachung am 1. August 1914 mussten über 50.000 Menschen innerhalb weniger Tage abreisen.

Wegen seiner Lage an der Ostsee und der Nähe zum neutralen Schweden verlief eine Hauptverkehrsroute ins feindliche Ausland über Sassnitz nach Trelleborg. Staatsbürger aus Kriegsparteien wurden vor Ort festgehalten und warteten, bis die Ausreiseerlaubnis gegeben wurde. Die aus Russland ausgewiesenen Deutschen kamen ebenfalls über Sassnitz. Deutsche Staatsbürger mussten sich zum Aufenthalt auf Rügen ausweisen.

Zum Schutz der Grenze und des Hafens wurden Küstenabschnitte mit Landsturmbataillonen, Hilfspolizisten und Küstenwachen besetzt. Am Hafen wurde eine Marine-Nachrichtenstelle eingerichtet. Auf Rügen wurden Geld- und Sachspenden gesammelt, Orgelpfeifen und Kirchenglocken beschlagnahmt. Die Seehunde wurden für die Öl- und Fettproduktion fast ausgerottet.

Haparanda mini|Verwundete Kriegsgefangene auf der Seebrücke von Haparanda Die Stadt Haparanda war mit den benachbarten Orten Karungi und Tornio in den Verwundetenaustausch eingebunden. Das schwedische Karungi liegt rund 25 km nördlich von Haparanda, Tornio 2 km östlich, direkt hinter der Grenze zu Finnland, die durch den Fluss Torne älv markiert ist. Im Krimkrieg fungierten die kleinen Städte Haparanda und Tornio erstmals als Transitstätten zwischen den kriegführenden Staaten. Nachdem Finnland Teil des Russischen Reiches geworden war, galt Haparanda als Tor vom Westen nach Russland. Als die Grenzen Europas im Ersten Weltkrieg geschlossen wurden, wurde Haparanda ausgiebig für den Handel und das Reisen von Ost nach West in beide Richtungen genutzt. Könige, Diplomaten, Politiker, Mitglieder der Zarenfamilie, Mitarbeiter des Roten Kreuzes, Spione und auch Wladimir Lenin passierten während des Krieges in Haparanda die Grenze, „das Nadelöhr zwischen Ost und West“.

In Karungi wurde am 1. Juli 1913 das Bahnhofsgebäude eröffnet. Im Dezember 1914 wurde ein Postdienst eingerichtet, um Post auf dem Landweg zwischen Karungi und Tornio zu befördern. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lag das Ende der schwedischen Eisenbahnlinie in Karungi. Dort wurde die gesamte Post von und nach Finnland, Russland, Persien, China und Japan gesammelt und dann mit Pferdewagen nach Haparanda und über den Fluss weitertransportiert. Der Fluss Torne älv ist dort flach und schiffbar, im Winter ist er zugefroren und mit Schlitten befahrbar. Hinter der Grenze lag der Endpunkt des russisch-finnischen Eisenbahnnetzes, Tornio. Im Jahr 1917 wurde zusätzlich eine Seilbahn über den Fluss errichtet, die allein im ersten Jahr über 27.000 t Post transportierte, fast ausschließlich Kriegsgefangenenpost. Allein im April 1917 wurden eine Million Pakete über den Fluss befördert. Die Seilbahn war 1917 und 1918 in Betrieb.

Zur Vorbereitung der Gefangenentransporte wurde die Eisenbahnstrecke von Karungi nach Haparanda weitergeführt. Haparanda wurde 1915 erst provisorisch, 1918 dann fest an das schwedische Eisenbahnnetz angeschlossen. Zu dieser Zeit war diese Strecke die einzige offene Eisenbahnverbindung zwischen Westeuropa und Russland. Die Eisenbahnbrücke über den Fluss wurde erst am 6. Oktober 1919 eröffnet. Auch ein Hospital wurde in Haparanda errichtet. Während des gesamten Krieges kamen jeden Monat Tausende von Flüchtlingen an, rund 75.000 insgesamt.

Selbst in der heutigen Zeit zählt die Stadt Haparanda zu den verkehrsreichsten Grenzübergängen in Skandinavien. Zum hundertsten Jahrestag des Gefangenenaustauschs fand in Haparanda eine Gedenkveranstaltung statt.

Zugtransport mini|Militärangehörige und Pflegende posieren vor dem Invalidenzug in Haparanda, 1917 Die Betreuung der Schwerverletzten während der Zugfahrt oblag dem schwedischen Roten Kreuz. Ein Arzt und fünf bis zehn pflegende Personen leisteten medizinische Versorgung. Eine der Krankenschwestern der Invalidentransporte war die Diplomatentochter Elsa Brändström (1888–1948), die einige Jahre später als „Engel von Sibirien“ bekannt werden sollte. 1919 wurde sie u. a. mit der Medaille des Schwedischen Roten Kreuzes ausgezeichnet. Sie setzte sich bis zu ihrem Tod für bedürftige Menschen in aller Welt ein.

Die speziell gebauten sogenannten Invalidenzüge boten laut einer Quelle bis zu 250 Soldaten Platz, laut einer weiteren Quelle bestand ein Zug aus elf Lazarettwagen: ein Wagen der 1. Klasse für zwölf verwundete Offiziere, einer der 2. Klasse für 25 verwundete Unteroffiziere und neun der 3. Klasse für je 144 Verwundete aus dem Mannschaftsstand. Darüber hinaus waren ein Arzt- und zwei Güterwagen Teil des Zuges. Ein Waggon diente als Leichenwagen für die unterwegs Verstorbenen.

Beginn der Austausche mini|Heimkehr von verwundeten Kriegsgefangenen aus dem Russischen Kaiserreich am Sedantag 1915 (Lübeck Hauptbahnhof) mini|Empfang der Verwundeten durch die Kaiserin, den Fürsten und die Fürstin zu Putbus am 7. April 1916 in Sassnitz Am 11. August 1915 warten 250 russische Invaliden, untergebracht in Hotels, auf das erste Schiff des Verwundetenaustauschs, das sie nach Trelleborg bringen sollte. Als der Dampfer Aeolous am 12. August 1915 unter der Flagge des Roten Kreuzes in Trelleborg einlief, wurde er von Hunderten Zuschauern am Kai empfangen. Auch die Kriegsversehrten standen jubelnd auf den Decks. Der Weitertransport erfolgte mit einem Zug des Roten Kreuzes, der auf die am Kai verlaufenden Bahngleise rangiert worden war. Bei der Abfahrt erklangen Nationalhymnen und Salutschüsse.