Die Gefechte an der Murglinie waren die letzte große und entscheidende militärische Auseinandersetzung im Verlauf der Deutschen Revolution von 1848/49. Vom 28. bis 30. Juni 1849 stellten sich die Reste der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee am Unterlauf der Murg einer Übermacht von Interventionstruppen, die von der Frankfurter Provisorischen Zentralgewalt und von Preußen zur Niederschlagung der revolutionären Maiaufstände in der Pfalz und Baden mobilisiert worden waren.

Als Murglinie wurde die Verteidigungsstellung der revolutionären Verbände bezeichnet. Sie verlief entlang der Murg von der Flussmündung bei Steinmauern über Rastatt bis nach Gernsbach und sollte verhindern, dass die in Nordbaden eingedrungenen Interventionstruppen weiter in südliche Landesteile vorstoßen. Im Verlauf einer Serie von Gefechten wurde die Revolutionsarmee an der Murg vernichtend geschlagen.

Politische und militärische Vorgeschichte

Mairevolution in Baden und in der Pfalz Nach einem Militär- und Volksaufstand am 12. Mai 1849 übernahm im Großherzogtum Baden eine provisorische Revolutionsregierung die Amtsgeschäfte. Auch in der zum Königreich Bayern gehörenden benachbarten Rheinpfalz führten Aufstände am 17. Mai zur Bildung einer provisorischen revolutionären Regierung. Erklärtes Ziel der revolutionären Umstürze war es, im Rahmen der Reichsverfassungskampagne die von der Frankfurter Nationalversammlung verabschiedete demokratische und liberale Reichsverfassung gegen die erstarkenden reaktionären Tendenzen der größeren deutschen Fürstentümer durchzusetzen.

Reaktion und Revolution mobilisieren Streitkräfte Der aus Baden geflohene Großherzog und der bayerische König ersuchten bei der Provisorischen Zentralgewalt in Frankfurt und beim König von Preußen um militärische Unterstützung zur Niederschlagung der revolutionären Bewegungen. Zu diesem Zweck stellte Preußen zwei Armeekorps zusammen, die unter dem Oberbefehl des Prinzen von Preußen von den Generalleutnants Moritz von Hirschfeld (1. Korps) und Karl von der Groeben (2. Korps) geführt wurden. Ein weiteres Interventionskorps aus Reichstruppen in der Verfügung der Frankfurter Provisorischen Zentralgewalt, das Neckarkorps, stand unter dem Kommando des preußischen Generalleutnants Eduard von Peucker.

Angesichts der gemeinsamen Bedrohung schlossen das revolutionäre Baden und die Pfalz am 18. Mai eine Militärunion. Die vereinigte badisch-pfälzische Revolutionsarmee wurde unter den Oberbefehl des badischen Kriegsministeriums gestellt und sollte die Reichsverfassungskampagne mit militärischen Mitteln über die badischen und pfälzischen Grenzen hinaus tragen. Aus der südwestdeutschen Revolution sollte eine gesamtdeutsche Bewegung gemacht werden.

In Baden wurde aus den bestehenden, regulären Armeeverbänden eine revolutionäre Militärstreitmacht formiert. Die Soldaten ernannten ihre Offiziere und Kommandeure in demokratischen Wahlen selbst. Außerdem wurden in aller Eile sämtliche wehrfähigen Männer vom 18. bis 30. Lebensjahr zum 1. Aufgebot einer revolutionären Volkswehr einberufen. Die in Volkswehrbataillonen zusammengefassten Rekruten waren in der Regel unzureichend ausgerüstet, militärisch unerfahren und konnten in der Kürze der Zeit auch nicht mehr hinreichend für den Kampf ausgebildet werden. Nicht alle Wehrpflichtigen gingen begeistert mit. Es wurde über viele Ausflüchte, Verzögerungen und Desertionen berichtet. Im Gegensatz dazu die zahlreichen Kriegsfreiwilligen, die sich aus ganz Europa meldeten, um in Baden für die Verteidigung der Freiheit und die Verwirklichung der deutschen Republik zu kämpfen. Tausende hatten sich bereits in revolutionären Freischaren organisiert: die Karlsruher und Mannheimer Arbeiterbataillone, die Hanauer und Heilbronner Turner, Tübinger Studenten und Arbeiter, eine weitere Schwäbische Legion, die Deutsch-Schweizerische Flüchtlingslegion, die Deutsch-Polnische, die Deutsch-Ungarische Legion sowie die Freischar aus Besancon, die aus deutschen Emigranten und französischen Demokraten bestand.

Die pfälzischen Revolutionstruppen setzten sich hauptsächlich aus einem guten Dutzend Volkswehrbataillonen und verschiedenen Freischaren zusammen. Hierzu zählten insbesondere die kampfstarken Freiwilligenverbände von Ludwig Blenker und August Willich. Das Oberkommando über die pfälzischen Verbände wurde dem früheren polnischen Kavallerieoffizier Franz Sznayde übertragen.

Die so entstandene badisch-pfälzische Revolutionsarmee umfasste rund 45.000 Mann mit 60 Geschützen und wurde zunächst vom neuen badischen Kriegsminister, Franz Sigel, angeführt.

Reichsverfassungskampagne Am 30. Mai begann die revolutionäre Volksarmee unter der Planung und Führung von Sigel eine militärische Offensive mit dem Ziel, die sich unter dem Druck der Gegenrevolution bereits auflösende Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt militärisch und politisch zu unterstützen. Mainz und Darmstadt sollten erobert und das Großherzogtum Hessen für die Revolution gewonnen werden. Der revolutionäre Marsch nach Frankfurt scheiterte aber schon bei Heppenheim am Widerstand hessischer Truppen.

Sigel musste seine Offensivpläne aufgeben. Die badische Revolutionsregierung übertrug General Ludwik Mieroslawski den Oberbefehl über die Revolutionsarmee. Angesichts der aufmarschierenden gegnerischen Übermacht verfolgte Mieroslawki nunmehr eine konsequent defensiv ausgerichtete Strategie. Er konzentrierte die Verbände am Neckar bei Mannheim und Heidelberg, um die nördliche Landesgrenze Badens gegen die alliierten Interventionstruppen zu sichern.

Militärische Niederschlagung der Revolution in der Pfalz und in Nordbaden links|mini|Das Großherzogtum Baden in den Landesgrenzen von 1819 bis 1918. Das 1. preußische Armeekorps drang am 11. Juni in die Pfalz ein und schlug in kurzen Gefechten bei Kirchheimbolanden, Ludwigshafen und Rinnthal innerhalb einer Woche die Aufstände nieder. Am 18. Juni retteten sich die Reste der pfälzischen Revolutionstruppen nach Karlsruhe, um in Baden den revolutionären Kampf fortzusetzen. Inzwischen griffen das 2. Armeekorps und das Neckarkorps von Norden her die am Neckar in Stellung liegenden Revolutionstruppen an. Vom 13. bis 16. Juni wurde von Mannheim bis Hirschhorn am Neckar erbittert gekämpft. Es gelang den alliierten Interventionstruppen aber nicht, den Neckarübergang zu erzwingen.

Da setzte am 20. Juni das 1. preußische Armeekorps von der Pfalz aus bei Germersheim über den Rhein und bildete einen Brückenkopf in Nordbaden. Am 21. Juni kam es bei Waghäusel zu einem schweren Gefecht, das die preußischen Truppen für sich entscheiden konnten. Preußische Verbände konnten nun ungehindert nach Südosten, Richtung Bruchsal vordringen. Damit drohte die weiter nördlich am Neckar stehende revolutionäre Hauptstreitmacht eingeschlossen zu werden. Mieroslawski musste die Neckarstellung aufgeben und zog in einem vierzigstündigen Gewaltmarsch seine Verbände vom Neckar über Heidelberg, Sinsheim und Bretten nach Süden zurück. Indessen stellten sich einige schnell mobilisierte Einheiten bei Ubstadt und Bruchsal den Preußen, um den Abzug der Hauptarmee zu sichern. Die Landeshauptstadt Karlsruhe musste nach einem Rückzugsgefecht bei Durlach am 25. Juni geräumt werden. Erst weiter südlich bot sich der Flusslauf der Murg mit der stark bewaffneten Festung Rastatt als Auffanglinie an.

Nordbaden wurde innerhalb weniger Tage von den alliierten Interventionstruppen besetzt. Ein weiteres Vordringen der Angreifer in südlichere Landesteile sollte unter allen Umständen verhindert werden.

Militärtaktische Überlegungen und Maßnahmen bei der Errichtung der Murglinie Der die engste Stelle Badens querende Unterlauf der Murg und weitere geographische Gegebenheiten der Rheinebene bei Rastatt stellten ideale Voraussetzungen für eine militärische Verteidigung gegen die aus dem Norden anrückenden Interventionstruppen dar. Im Westen bildete der Rhein mit der Grenze nach Frankreich, im Osten die Höhenzüge des Nordschwarzwaldes einen natürlichen Schutz. Auch die Murgdämme sowie der Bahndamm der Bahnlinie Karlsruhe-Rastatt-Offenburg stellten bereits vorhandene Schutzwälle dar, die in das Verteidigungskonzept eingebunden werden konnten.

Den Mittelpunkt der Verteidigungslinie im Rheintal bildete die Festung Rastatt, deren starke Geschützbatterien eine Reichweite bis zum Rhein und zu den Rändern des Schwarzwalds hatten, womit ein großer Teil des Gefechtsfeldes unter Beschuss genommen werden konnte. An einigen strategisch bedeutsamen Stellen, beispielsweise am Federbach vor Rastatt und vor Kuppenheim, wurden in aller Eile Schanzen für die Artillerie errichtet und Schützengraben ausgehoben.

Innerhalb von nur vier Tagen wurde rechts der Murg eine Verteidigungslinie errichtet, die von Steinmauern am Rhein über Ötigheim, Muggensturm, Bischweier und Rotenfels bis nach Gernsbach im Murgtal reichte. Die geringe Ausdehnung von lediglich ca. 22 Kilometern ermöglichte es bei Bedarf, die vorhandenen Truppenkontingente innerhalb weniger Stunden an jeden beliebigen Ort der Abwehrstellung zu verlegen.

Der Regierungschef des benachbarten Königreichs Württemberg, Friedrich Römer, hatte dem im Kriegszustand befindlichen revolutionären Baden Neutralität zugesagt. Dass Interventionstruppen trotz dieser Zusicherung über das gut ausgebaute Wegenetz im württembergischen Albtal die Murglinie umgehen und über Gernsbach, Baden-Baden und Oos der Revolutionsarmee in den Rücken fallen könnten, wurde von Mieroslawski durchaus frühzeitig erkannt. Bei der Aufstellung der Truppenkontingente entlang der Verteidigungslinie trug der General nach Meinung seiner Kommandeure dieser Gefahr aber nicht ausreichend Rechnung. Mieroslawski hielt sich an dem Gedanken fest, mit einem massiven, durch Artillerie unterstützten Gegenangriff in der Rheinebene bei Muggensturm die Linien der Preußen durchbrechen und damit schließlich auch den befürchteten Vormarsch des Gegners über das Albtal aufhalten zu können. Es kam zu heftigen Kontroversen im revolutionären Generalstab. Einige Stabsoffiziere und Kommandanten forderten bei der Revolutionsregierung in Freiburg die Absetzung Mieroslawskis. Ein entsprechender Regierungsbeschluss kam zustande, konnte aber vor Beginn der Kampfhandlungen nicht mehr ausgeführt werden.

Tatsächlich sollte sich schließlich die mangelhafte Sicherung Gernsbachs als entscheidender Schwachpunkt des Verteidigungskonzeptes erweisen. Aufstellung der Revolutionstruppen an der Murglinie Truppenstärke, Bewaffnung und Kampfmoral der revolutionären Kontingente