Die Jüdische Haushaltungsschule Frankfurt hat eine ins Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichende Geschichte und wurde von ihren Gründerinnen und Gründern als Beitrag zur Emanzipation der Frau verstanden. Nach dem damaligen Verständnis war es „eine wunderbare und nicht zu unterschätzende Reflexbewegung der Frauenemanzipation, daß sie nicht allein der Frau neue bisher nur vom Mann occupierte Berufe erschließt, sondern vor Allem die Frau in ihrem ureigensten Beruf als Gattin und Hausfrau tüchtiger und lebenskräftiger macht“.Erster Bericht der Jüdischen Haushaltungsschule zu Frankfurt a. M. für die Zeit vom 1. Oktober 1897 bis 30. September 1898, Frankfurt a. M. 1899 Von der Erschließung „neuer bisher nur vom Mann occupierter Berufe“ war allerdings in der Folge wenig die Rede. Das Eintreten für die Berufstätigkeit der Frau war gekoppelt an die Qualifizierung für soziale Berufe, an „eine Ausbildung für private Haushaltsführung und für eine Qualifizierung für den Beruf der Dienstmädchen“.Helga Krohn: Erziehung zu „Menschen, Juden und Bürgern“ Die Bemühungen des Vereins, „in beschränktem Rahmen [..] ein Scherflein bei[zu]tragen zur Lösung der sozialen und der Frauenfrage“, deklarierten die bloße Befähigung zur Erwerbsfähigkeit zum Kern der Frauenemanzipation.Siehe hierzu auch den Artikel Jüdischer Frauenbund zwischen dem und der Haushaltungsschule viele Querverbindungen gab. Darüber hinaus sollten die Auszubildenden lernen, „als zukünfige Ehefrau des kleinen Mannes ihren Haushalt mit geringen Mitteln vernünftig und sparsam zu leiten.“
Die Ausbildung von Frauen vorrangig für typisch weibliche Berufe stand während der gesamten Existenz der Schule nie in Frage, doch wurde im Laufe der Zeit das Ausbildungsspektrum erweitert. Die ursprüngliche überwiegend praktische halbjährige Ausbildung schulentlassener Mädchen für rein hauswirtschaftliche Arbeiten erhielt Zug um Zug eine theoretische Unterbauung und wurde erweitert um einen Ausbildungsgang für sogenannte Anstaltsbeamtinnen,Anstaltsbeamtinnen (auch Hausbeamtinnen) waren das Pendant zum weiblichen Haushaltsvorstand; sie arbeiteten nicht in einem privaten Haushalt, sondern in Einrichtungen wie Krankenhäusern, Kindergärten oder Horten. der nach Alice Lilienstein „eine einjährige Ausbildung einschließlich praktischer Betätigung im Kindergarten oder Hort“ umfasste.Alice Lilienstein: Bericht über die Tätigkeit der jüdischen Haushaltungsschule vom 1. Oktober 1897 – 1. Oktober 1937 (siehe Weblinks) Später kam ein einjähriges Haushaltspflegerinnenseminar mit staatlicher Abschlussprüfung hinzu.Lucie Laquer: Aus der gegenwärtigen Arbeit unserer Schule (siehe Weblinks)
Die Geschichte der Jüdische Haushaltungsschule Frankfurt ist durch die von ihrem Trägerverein herausgegebenen Berichtsbände für die Anfangsjahre gut dokumentiert. Für die Jahre 1924 bis 1933 existiert eine umfangreiche Akte im Institut für Stadtgeschichte (Frankfurt am Main) (ISG), die den Vermerk trägt, dass zwei weitere Bände vermutlich durch Kriegseinwirkungen vernichtet wurden.Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: ISG FFM, A.40.01, 4937 – Jüdische Haushaltungsschule (1924–1933) Einen Überblick über die vierzigjährige Geschichte zwischen 1897 und 1937 vermittelt somit alleine der 1937 herausgegebene Bericht über die Tätigkeit der jüdischen Haushaltungsschule vom 1. Oktober 1897 – 1. Oktober 1937, der aber keine konkreten Angaben über die Bedingungen enthält, unter denen die Schule seit 1933 arbeiten musste. Unbekannt sind auch die Umstände ihrer Schließung, im Anschluss an die Novemberpogrome 1938 am 19. November 1938 erfolgt sein soll.Jüdische Haushaltungsschule auf der Webseite jewish-places.de des Jüdischen Museums Berlin
Die Haushaltungsschule zwischen 1897 und 1933 Das erste Domizil in der Töngesgasse Die Gründerinnen und Gründer der Jüdischen Haushaltungsschule kamen aus dem gehobenen Bürgertum. Ihre Bemühungen galten nicht dem eigenen Nachwuchs, sondern jenen jüdischen Mädchen, die gezwungen waren, als Dienstmädchen oder Köchinnen in Stellung zu gehen. Um die hatte sich bereits der Israelitische Hilfsverein gekümmert und „die Ausbildung von jungen Mädchen zu Köchinnen in die Hand“ genommen, bevor im Februar 1897 nach einem „Vortrag in der Frankfurter Loge der Bne Brith die Zweckmäßigkeit der Gründung einer Haushaltungsschule“ zur Diskussion gestellt wurde. Über die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung herrschte schnell Einigkeit, und bereits im April 1897 wurde ein Aufruf veröffentlicht, um finanzielle Unterstützung für die zu gründende Schule einzuwerben. Hilfe erbeten wurde für „die jungen Mädchen, namentlich der unbemittelten Stände“, und die Unterzeichneten des Aufrufs wandten sich „an ihre jüdischen Mitbürger mit der Bitte, zur Ausführung dieses guten Werkes [beizutragen], das einem weiten Kreis junger Mädchen zu lohnendem Erwerb verhelfen und den Hausfrauen brauchbares Dienstpersonal verschaffen wird“. Unterschrieben war der Aufruf von 20 Frauen und neun Männern, wobei die meisten Frauen nicht mit ihrem eigenen Vornamen in Erscheinung traten, sondern nach dem Muster „Frau Karl Müller, geb. Maier“.
Bereits am 17. Mai 1897 standen 16.000 MarkDie damaligen 16.000 Mark entsprechen 2024 einem Wert von 157.760 Euro. (Umrechnung von Goldmark in Euro: Kaufkraft und Berechnung auf commerce-mag.de) zur Verfügung, womit die Eröffnung der Einrichtung gesichert war. Träger war der Verein Jüdische Haushaltungsschule, dessen Aufgabe es laut seinen Stauten war, eine Anstalt zu errichten und zu erhalten,
Zum 1. Oktober konnte im Zentrum der Stadt im dritten Stock des Hauses Töngesgasse 40Diese Adressangabe weicht von der bei Helga Krohn ab, die „das ehemalige Rothschildsche Bankgebäude Fahrgasse 146“ als erstes Domizil benennt. (Helga Krohn: Erziehung zu „Menschen, Juden und Bürgern“, S. 75) Auf der Webseite des Rothschild Archive ist dagegen zu lesen, dass die Jüdische Haushaltungsschule erst 1902 „in renovierte Räume in der Fahrgasse 146 [gezogen sei]. Die Räumlichkeiten wurden der Schule 1903 von den Rothschilds mietfrei zur Verfügung gestellt“ (The Rothschild Archive: 146, Fahrgasse, Frankfurt, Germany). Dort ist auch eine Abbildung des Gebäudes zu sehen, in dessen dritten Stock die Haushaltungsschule 1902 einzog. eine für die Ausbildung und die Unterkunft von 12 Mädchen geeignete Wohnung für die Dauer von fünf Jahren angemietet werden. Zu den 12 Auszubildenden, auf deren Plätze sich 60 Mädchen aus ganz Deutschland beworben hatten, gesellten sich noch „4 PensionärinnenBei den Pensionärinnen handelte es sich um junge Frauen, als Verkäuferinnen, Modistinnen oder Schneiderinnen einer oft schlecht bezahlten Berufstätigkeit nachgingen. Für sie hielt die Haushaltungsschule einige preiswerte Unterkünfte bereit. (Fünfter Bericht der Jüdischen Haushaltungsschule Frankfurt a. M. für die Zeit vom 1. Oktober 1901 bis 30. November 1902, S. 6) und 4 Abonnentinnen für Mittagstisch“. An anderer Stelle ist allerdings davon die Rede, dass die für die Ausbildung und Betreuung verantwortliche „Hausmutter“ sich um 33 Personen zu kümmern habe. Das hing laut Bericht damit zusammen, dass im Laufe des Jahres 6 Pensionärinnen und schließlich gar 15 Teilnehmerinnen am Mittagstisch („Tischgäste“) betreut wurden und dass deswegen für das kommende Jahr zur Entlastung der Hausmutter „eine theoretisch und praktisch durchgebildete Haushaltungslehrerin zu engagieren“ notwendig werde.
Dank großzügiger Spenden (unter anderem von Leopold Sonnemann und dessen Stiftung) konnte den Auszubildenden auch Annehmlichkeiten außerhalb des Unterrichts ermöglicht werden, so mit 100 Eintrittskarten der Besuch von „Wannenbädern 2. Klasse“ oder – unter Aufsicht – der unentgeltliche Besuch des Zoos und des Palmengartens. Ganz generell stellte sich aber „eine regelmäßige Ueberwachung und Controle seitens der Vorstandsdamen las wünschenswert heraus“, wozu sich zahlreiche Damen bereitfanden und sich zum regelmäßigen Dienst in den Anstaltsräumen einfanden.
Die Ausbildung der 12 Auszubildenden dauerte ein halbes Jahr. Rollierend arbeiteten jeweils sechs von ihnen die Woche über in der Küche, 3 beim Waschen und Bügeln und 3 in der Hausarbeit und beim Servieren. Grundlage des Kochunterrichts war das Volks-Kochbuch für Schule, Fortbildungsschule und Haus von Hedwig Heyl.Hedwig Heyl: Volks-Kochbuch für Schule, Fortbildungsschule und Haus. Neu-Babelsberg, 1905 (online verfügbar im Project Gutenberg). Die hier angezeigte Auflage ist, wie sich aus dem Vorwort ergibt, nicht die erste. Der Ausbildung in der Haushaltungsschule lag also eine frühere Ausgabe zugrunde. Am Sonntag Nachmittag erteilte Isak Unna Religionsunterricht.
Jeweils an Ostern und im Herbst wurden neue Mädchen aufgenommen. Das bedeutete, dass zum Zeitpunkt der Berichterstellung bereits 26 „Zöglinge“ die Ausbildung absolviert hatten. Drei von ihnen waren vorzeitig abgegangen, fünf konnten aufgrund häuslicher Verhältnisse keine Stelle annehmen. Blieben 18, die „in Stellung“ gingen, teilweise in Frankfurt, teilweise aber auch andernorts. Vor dem Hintergrund kommt der Bericht zu einem positiven Befund über das erste Geschäftsjahr.
Nach den sehr umfangreichen Beschreibungen der Gründungsgeschichte im ersten Jahresbericht fiel der Bericht über das zweite Ausbildungsjahr deutlich kürzer aus. Man war mit dem Geleisteten weitgehend zufrieden und musste nur an wenigen Punkten Nachjustieren. So sah man sich zur Androhung von Strafgeldern an veranlasst, weil nach dem Abschluss der Ausbildung Mädchen nicht bereit waren, eine Dienstbotenstelle anzutreten. Es sei mehrfach vorgekommen, „daß unter nichtigen Vorwänden die Mädchen in die Heimat zurückkehrten, und entweder bei ihren Eltern blieben, oder gar andere Berufe ergriffen, von denen wir die Mädchen fern halten wollen.“ Dem sollte durch eine schriftliche Verpflichtung der Eltern entgegengewirkt werden, in einem solchen Falle 60 Mark an die Einrichtung zu zahlen.Zweiter Bericht der Jüdischen Haushaltungsschule zu Frankfurt a. M. für die Zeit vom 1. Oktober 1898 bis 30. September 1899, Frankfurt a. M. 1900
Die angestrebte Entlastung der Hausmutter durch eine Haushaltungslehrerin erwies sich im Berichtsjahr als unmöglich, „da die Damen, die wir versuchsweise anstellten, den Ansprüchen, die unsere Anstalt stellen muß, nicht genügten“. Deshalb sollte ein junges Mädchen, das „im hiesigen israelitischen Frauenverein seine Erziehung genossen hatte“, weitergebildet werden und allmählich in die Funktion der Hauslehrerin hineinwachsen. Im Haus wurden zudem weitere Räume hinzugemietet, da die Zahl der Auszubildenden zwar gleich geblieben war, die Zahl der Pensionärinnen aber auf 18 aufgestockt wurde. Zusammen mit den weiterhin 15 Mittagstischgästen war die Anstalt jetzt „an der Grenze dessen angelangt, was wir nach unseren Verhältnissen leisten können, wenn wir nicht unsere Zöglinge mit Arbeit überlasten wollen“.
Während der Dritte Bericht für den Zeitraum vom 1. Oktober 1899 bis 30. September 1900 über ein Geschäftsjahr berichtete, das „in ruhiger Tätigkeit dahingeflossen“ warDritter Bericht der Jüdischen Haushaltungsschule zu Frankfurt a. M. für die Zeit vom 1. Oktober 1899 bis 30. September 1900, Frankfurt a. M. 1901, konnte im vierten Bericht auf zwei bedeutsame Sachverhalte aufmerksam gemacht werden. Der Trägerverein wurde am 12. Dezember 1901 ins Vereinsregister eingetragen und erhielt damit die Rechtsmäßigkeit verliehen, „die wir oftmals schmerzlich vermißten“, und für die Anstalt kündigte sich der Umzug in ein neues Domizil an.Vierter Bericht der Jüdischen Haushaltungsschule (Eingetragener Verein) zu Frankfurt a. M. für die Zeit vom 1. Oktober 1900 bis 30. September 1901, Frankfurt a. M. 1902
Der Umzug in die Fahrgasse 146 mini|Der Schnittpunkt von nördlicher Fahrgasse und Börnestraße in einem Stadtplan von 1893 mini|Die Fotografie zeigt Wilhelm Carl von Rothschild um 1900 vor seinem Bankhaus in der Fahrgasse Im Vierten Bericht heißt es zu den Umzugsplänen: