alt=Eingang des Garden of Fine Arts von Tadao Ando|mini|Architektur des Garden of Fine Art von Tadao Ando (1994). Blick vom Eingang Richtung Süden. Der Garden of Fine Art (, wörtl. übersetzt: Garten der Präfektur Kyōto für berühmte Bilder auf Keramikplatten), häufig auch als Garden of Fine Arts bezeichnet,So u. a. auf der offiziellen Webseite https://kyoto-toban-hp.or.jp/ wie auch im Titel des von den Kuratoren des Gartens bis 2009 gepflegten Blogs: http://toban-meiga.seesaa.net/. ist ein 1994 eröffnetes Open-Air-Kunstmuseum in Kyōto, in dem Kopien berühmter Bilder der europäischen wie der ostasiatischen Kunstgeschichte auf Keramikplatten in einem von dem Architekten Tadao Andō gestalteten Wandelgarten dauerhaft installiert sind.

Ein modernistischer Beton- und Wassergarten Der Garden of Fine Art ist ein modernistischer Stein-, Beton- und Wassergarten, der Anfang der 1990er Jahre durch den Architekten Tadao Andō entworfen wurde, um als Ausstellungsort für die darin seither ausgestellten keramischen Kopien einiger berühmter Werke der europäischen und der ostasiatischen Kunstgeschichte zu fungieren. Der Garten wurde 1992–1994 im Zusammenhang mit dem Bau der Kyōtoer U-Bahn in unmittelbarer Nachbarschaft der neu angelegten U-Bahn-Station Kitayama auf einem ca. 2100 m² großen Grundstück am Rande des Botanischen Gartens neben dem Verbundarchiv der Präfektur Kyōto angelegt. Die offene Architektur führt vom Straßenniveau über zwei Ebenen ca. acht Meter in die Tiefe und weist auf allen drei Ebenen überwiegend Wasserflächen auf, die durch flächig strömende Wasserfälle an den nördlichen und südlichen Wänden gespeist werden. Zwischen den Wasserflächen führt ein mit Granitsteinen gepflasterter und durch gläserne Geländer begrenzter Weg von der Zugangsebene zunächst ebenerdig geradlinig in südlicher Richtung in die Anlage hinein, die ihren Innenraum nach Osten wie nach Westen durch mehr als sechs Meter über das Bodenniveau aufragende glatte Sichtbetonwände gegen die Umgebung abgrenzt. alt=Fenster in der Außenwand des Garden of Fine Arts in Kyoto|mini|Fenster in der westlichen Außenwand des Garden of Fine Art in Kyoto, Architektur von Tadao Ando (1994) mini|hochkant|Fenster und Wasserwand Ein großes Fenster auf der Westseite erlaubt einen Blick zum angrenzenden Botanischen Garten, während in der Gartenanlage selbst keinerlei Pflanzen wachsen und „Natur“ allenfalls vermittelt durch die ausgestellten Werke der bildenden Kunst zur Betrachtung dargeboten wird. Nach Süden hin ist der Garten oberirdisch nicht durch eine Betonwand, sondern lediglich durch zwei horizontale Stahlbetonträger und eine Mittelstütze gegen seine Umgebung, eine angrenzende Wiese mit einer doppelten Baumreihe, abgegrenzt. So gibt die Architektur durch das breite, im unteren Bereich verglaste, im oberen offene Fenster einen Blick auf eine naturnah erscheinende Umgebung frei, die jedoch für den Gartenbesucher unzugänglich bleibt.Kristopher W. Kersey: The Afterlife of the Western Canon: Archive and Eschatology in Contemporary Japan. In: The Art Bulletin. Bd. 102, Nr. 4, 2020, S. 126, weist in diesem Zusammenhang auch auf die kunstvolle Einbindung der „geliehenen Landschaft“ (shakkei) in der Tradition der japanischen Gartenkunst hin und bemerkt, dass die in den Garden of Fine Art einkomponierten Landschaftsbilder aus Frankreich wie aus China diese Kunst des shakkei gewissermaßen potenzieren. Über eine schiefe Ebene wird der Besucher in die Tiefe geführt, wobei die Blickführung des komprimierten Wandelgartens so angelegt ist, dass bestimmte Bilder die Aufmerksamkeit des Betrachters zunächst aus der Ferne auf sich ziehen, während besser zu ihrer Betrachtung geeignete Standorte erst im weiteren Verlauf des Weges erreicht werden. Mit der Reduzierung auf Stein/Beton und Wasser/Glas wie auch im Spiel mit der Begrenzung und dem Ausblick auf die Natur jenseits des Gartens bezieht die Anlage sich auf die japanische Tradition des Kare-san-sui-Steingartens, während die geometrischen Formen der Sichtbetonarchitektur selbstbewusst die zeitgenössische Moderne zelebrieren.Vernon Wai-Lun Cheung: Garden of Fine Arts 1994, Kyoto, Japan // Tadao Ando. In: Modern Architecture: A Visual Lexicon. Hong Kong 2017; Rebecka Wolfe: The Garden of Fine Arts: Tadao Ando’s Quiet Gift to Kyoto. Japan Journeys, 2. März 2023.

Ein Open-Air-Kunstmuseum alt=Spiegelungen auf der Wasseroberfläche im Garden of Fine Arts|mini|199x199px|Garden of Fine Art: Spiegelung der Architektur auf der Wasseroberfläche über Claude Monets Bild des Morgenlichts auf seinem Seerosenteich Wie sein japanischer Name angibt, ist der Garden of Fine Art ein Ausstellungsort für die Begegnung mit „berühmten Bildern“, die an diesem Ort allerdings nicht im Original besichtigt werden können, sondern nur in Form von fotomechanisch produzierten Reproduktionen, die durch die Otsuka Ohmi Ceramics Co., Ltd. aus Osaka auf großformatige Keramikplatten gebrannt und dadurch unempfindlich gegen Witterungseinflüsse gemacht wurden.Zum aufwendigen Verfahren der fotomechanischen Reproduktion auf keramischen Platten vgl. Kersey: The Afterlife of the Western Canon. In: The Art Bulletin. Bd. 102, Nr. 4, 2020, S. 126 f., s. a. die englischsprachige Webseite des Herstellers, Otsuka Ohmi Ceramics Co., Ltd. Erst das Verfahren zur Produktion der farbechten keramischen Kopien ermöglicht die Ausstellung von Werken der bildenden Kunst unter freiem Himmel, wo sie je nach Wetter und Tageszeit unterschiedlich beleuchtet erscheinen. Ausgewählt wurden für die permanente Installation in diesem Open-Air-Kunstmuseum Kopien von insgesamt neun berühmten Werken. Sechs Bildern aus der europäischen Kunstgeschichte der Renaissance und der klassischen Moderne werden drei lange Querbildrollen (Emakimono) aus Japan und China gegenübergestellt.

Gleich am Eingang des Garden of Fine Art wird die Unempfindlichkeit der Keramikplatten genutzt, um eine Kopie eines über 12 Meter breiten Gemäldes aus dem Zyklus der Seerosenbilder (Nymphéas) von Claude Monet, das das Spiel des Morgenlichts auf einer Wasseroberfläche zeigt, nun selbst unter einer Wasserfläche liegend auszustellen, was zu bemerkenswerten Überlagerungseffekten zwischen den je aktuellen Spiegelungen des Tageslichts auf der Wasseroberfläche und Monets Bildmotiv führt. alt=Zeichnung aus dem ältesten Manga (Japan, 12. Jh.)|mini|190x190px|Frösche, Katzen, Füchse und Hasen in menschenähnlichen Rollen – Zeichnung aus dem ältesten Manga, Choju jinbutsu giga (Japan, 12. Jh.), Kopie im Garden of Fine Art, Kyoto

Die ältesten Bilder der Ausstellung sind zwei Querbildrollen mit Tuschzeichnungen aus dem Sammelwerk Chōjū-jinbutsu-giga (Karikaturen von Vögeln und Tier-Menschen) die im 12. Jahrhundert n. Chr. in Kyōto entstanden sein sollen und als älteste erhaltene Beispiele der Kunst des Manga gelten. Sie werden dem als Bischof von Toba (Toba Sōjō) bekannten Tendai-buddhistischen Oberpriester Kakuyū (1053–1140) zugeschrieben, auch wenn der größte Teil der Zeichnungen wohl erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch andere, nicht namentlich bekannte Künstler gemalt worden sein dürfte. Die empfindlichen Querbildrollen, die zum Eigentum des Kōzan-ji-Tempels im Norden von Kyōto gehören und als Nationalschatz Japans gelten, werden aus Konservierungsgründen im Nationalmuseum in Tokio aufbewahrt und sind dort im Original nur selten zu sehen. Für den Garden of Fine Art wurden Kopien der ersten und der zweiten von insgesamt vier Rollen des Sammelwerks fotografisch reproduziert und in vierfacher Vergrößerung auf Keramikplatten gebrannt, die in voller Breite von jeweils über 20 Metern in einer eigens für diesen Zweck gegossenen Betonwand im Zentrum der Anlage installiert wurden.

alt=Blick auf das riesige Wandgemälde über "Das jüngste Gericht" von dem italienischen Maler Michelangelo Buonarotti, hier in Form einer Kopie auf großen Keramikplatten im Garden of Fine Arts, Kyoto|mini|200x200px|Michelangelo: Das jüngste Gericht (1535–41, Zustand 1990), keramische Kopie im Garden of Fine Art, Kyoto Gegenüber der ersten Rolle der Chōjū-jinbutsu-giga ist an der östlichen Wand des Gartens eine Kopie des Jüngsten Gerichts (1534–1541) von Michelangelo Buonarotti (1475–1564) aus der Sixtinischen Kapelle im Vatikan in voller Höhe zu sehen. Aus dem Format dieses über 14 Meter hohen Wandgemäldes ergab sich die grundlegende Vorgabe für die Anlage des Gartens, nämlich einen Raum bereitzustellen, in dem dieses Hauptwerk der religiösen Kunst der italienischen Renaissance ausgestellt werden kann.Dariel Quiogue, Kyotoscope May 24, 2019, weist darauf hin, dass die Anlage des Gartens auch aus dem Grund in die Tiefe getrieben wurde, weil die Sichtbeziehung des benachbarten Botanischen Gartens zur Landmarke des Berges Hiei-zan im Nordosten nicht gestört werden sollte. Die Architektur des Gartens ermöglicht die Betrachtung des vierstöckig aufgebauten Bildes von drei Etagen aus, wodurch viele Details sichtbar werden, die am Originalstandort in der Sixtinischen Kapelle aufgrund der dortigen räumlichen Verhältnisse mit dem bloßen Auge nicht zu sehen sind. Auf der Kopie in Kyōto ist nicht das farbenfrohe Endresultat der 1995 abgeschlossenen letzten großen Restaurierung des Freskos abgebildet, sondern ein etwas dunkler erscheinender Zustand des Bildes zum Zeitpunkt der Aufnahme 1989–90 während des Restaurierungsprozesses. alt=Leonardo: Abendmahl, Kopie des Bildes aus Mailand im Garden of Fine Arts, Kyoto|mini|196x196px|Leonardo da Vinci: Das letzte Abendmahl (1497; abgebildeter Zustand 1990), keramische Kopie im Garden of Fine Art, Kyoto

Ebenfalls einen inzwischen am Originalstandort so nicht mehr bestehenden Zwischenzustand der letzten großen Restaurierung, die in diesem Fall erst 1999 zum Abschluss kam, zeigt auch die in Kyōto installierte keramische Kopie des 1494–97 von Leonardo da Vinci a secco gemalten Abendmahls aus dem Refektorium des Dominikanerklosters von Santa Maria delle Grazie in Mailand, auch in diesem Fall nach einer Aufnahme von 1989/90. Auch dieses große Wandbild ist im Originalmaßstab reproduziert.

Aus dem Nationalen Palastmuseum Taipei stammt die Vorlage der im Garden of Fine Art zu sehenden Kopie des wohl berühmtesten chinesischen Landschafts- und Gesellschaftsbildes, Qīngmíng Shànghé Tú. Der Titel wird meist als „Bild einer Flussuferszenerie zum Qingming-Fest“ übersetzt, obwohl auf der überaus detailreichen Querbildrolle von dem besagten Frühlingsfest nichts zu sehen ist. Das Bild wird einem song-zeitlichen Maler namens Zhang Zeduan zugeschrieben, der im 12. Jahrhundert gelebt haben soll und nur für dieses Landschaftspanorama berühmt ist. Allerdings handelt es sich bei dem im Garden of Fine Art ausgestellten Bild nicht direkt um eine Kopie des song-zeitlichen Originals, das im Palastmuseum in Peking aufbewahrt wird, sondern um eine vergrößerte Kopie einer qing-zeitlichen farbigen Reinterpretation des berühmten Bildmotivs, die im frühen 18. Jahrhundert durch fünf Hofmaler der chinesischen Kaiser Yongzheng und Qianlong geschaffen wurde.

Entlang des aufsteigenden Wegs von der mittleren Ebene zum Ausgang sind – teils vergrößerte – keramische Kopien von drei weiteren Garten- oder Landschaftsbildern der im späten 20. Jahrhundert international und insbesondere auch in Japan hoch geschätzten französischen Kunst des Postimpressionismus aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt: Die bourgeois-urbane Parklandschaft Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte (1884–86) von Georges Seurat aus dem Art Institute of Chicago, ein Doppelporträt von Zwei Schwestern auf der Terrasse (1881) von Pierre-Auguste Renoir, ebenfalls aus dem Art Institute of Chicago, hier in doppelter Vergrößerung, sowie – ebenfalls in doppelter Vergrößerung – ein etwas kleines Gemälde von Vincent van Gogh aus dem Kröller-Müller Museum in Otterlo (Niederlande), das zwei im nächtlichen oder frühmorgendlichen Mondlicht auf einer südfranzösischen Landstraße vor einer Zypresse voranschreitende Landarbeiter zeigt (1890).