mini|hochkant|Ida Wronker, geb. Friedeberg, um 1912 Ida Wronker, geb. Friedeberg, (geboren am 6. April 1871 in Birnbaum; gestorben nach dem 23. September 1942 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau) war eine deutsche Kauffrau, Handlungsbevollmächtigte und Vorstandsmitglied eines süddeutschen Warenhaus-Konzerns sowie eine Philanthropin.Wronker, Ida, geb. Friedeberg. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945 (Bundesarchiv), auf: bundesarchiv.deIda Wronker. In: United States Holocaust Memorial Museum, auf: ushmm.orgIda Wronker. In: Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte, auf: yadvashem.orgHeike Drummer: Wronker, Ida. In: Frankfurter Personenlexikon, auf: frankfurter-personenlexikon.deIda Wronker, geborene Friedeberg. In: Jüdische Pflegegeschichte, auf: juedische-pflegegeschichte.de
Familie mini|Stammbaum des Ehepaares Hermann Wronker & Ida, geb. Friedeberg, inkl. Verweis auf Idas Verwandtschaft mit der Familie der Warenhausbesitzer Tietz Ida wurde 1871 als viertes von sechs Kindern des Kaufmanns Benjamin Friedeberg (1830–1915) und dessen Ehefrau Johanna, geborene Tietz (1836–1879) geboren. Ihre Mutter war eine Schwester der Warenhausbesitzer Hermann (1837–1907), Marcus (1849–1901), Chaskel „Carl“ (1841–1907) und Julius Tietz (1844–1911) und Tante der Warenhausbesitzer Leonhard (1849–1914) und Oscar Tietz (1858–1923). Sie starb, als Ida acht Jahre alt war.
Am 21. Juli 1891 heiratete die 20-jährige Ida in Würzburg den 23-jährigen Kaufmann und Unternehmer Hermann Wronker (1867–1942). Dessen älterer Bruder Simon Wronker war mit Idas sieben Jahre älterer Schwester Eva verheiratet.Werner Röder, Herbert A. Strauss: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945, DeGruyter, Berlin 2016, ISBN 978-3-11-096854-5, S. 836.Wronker, Hermann. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945 (Bundesarchiv), auf: bundesarchiv.deHermann Wronker. In: United States Holocaust Memorial Museum, auf: ushmm.org.Herman Wronker. In: Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte, auf: yadvashem.org Mit ihrem Mann ließ sie sich im selben Jahr in Frankfurt am Main nieder, wo sie zunächst im Haus Zeil 14/16III. wohnten. Im Erdgeschoss desselben Gebäudes hatte ihr Ehemann ein Textilwarengeschäft eröffnet.
Aus ihrer Ehe gingen drei Kinder hervor: Max (1892–1966), Erich (1894–1918) und Alice (1898–1985).Wronker, Hermann und Ida, auf: frankfurt.de
Wirken Im Jahr 1896 zog die junge Familie in das Eckhaus Hasengasse 15–17 / Holzgraben 2, ein durch Hermann Wronker als Bauherr errichteter Neubau, der als Wohn- und Geschäftshaus geplant war. Darin residierte nun auch das Warenhaus S. Wronker & Co. Wenige Monate später, am 25. Februar 1897, brannte das Gebäude aus,Rubrik Frankfurter Angelegenheiten. In: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, 41. Jahrgang, Nr. 57, 26. Februar 1897, Drittes Morgenblatt, S. 1, Spalte 3. so dass Ida mit ihren 4- und 2-jährigen Kleinkindern Max und Erich vorübergehend in die Bockenheimer Landstraße 97p. umziehen musste.
mini|Der Hauptwohnsitz des Ehepaares Hermann & Ida Wronker, Bj. 1911, Hohenzollernplatz 76 / ab 1919: Platz der Republik 76 mini|hochkant|Ida Wronker, um 1925 mini|Familientreffen im Zürcher Grand Hotel Dolder (Fotofragment); von links Hermann Engel; Ida Wronker, geb. Friedeberg; Alice Engel, geb. Wronker; Irma Martha Wronker, geb. Lichter; eine nicht identifizierte junge Dame und ganz rechts Hermann Wronker, August 1932 Die ganztägige Betreuung ihrer (ab 1898) drei Kinder durch eine Gouvernante verhalf Ida Wronker ab etwa 1901 zu mehr Zeit für ihre eigene Weiterentwicklung, die sie einerseits im geschäftlichen, andererseits aber auch im wohltätigen Bereich erkannte. 1905 erhielt sie Einzelprokura für das Warenhaus ihres Ehemannes und soll dort nach Angaben ihrer Enkelin Ruth Maynard, geb. Engel (1924–2019), unterstützend die Bücher geführt haben.Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main – 15. Dokumentation 2017 (PDF-Datei; 5,9 MB), auf: stolpersteine-frankfurt.de
Hermann und Ida Wronkers zweiter Sohn Erich, bis zum Sommer 1916 als Garde-Dragoner an der Ostfront im Einsatz,Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten (Hrsg.): Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914–1918. Ein Gedenkbuch, Verlag »Der Schild«, Bundesorgan des R. j. F., Berlin W 15, 1932, , S. 114, 217.Michael Berger: Eisernes Kreuz, Doppeladler, Davidstern. Juden in deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen. Der Militärdienst jüdischer Soldaten durch zwei Jahrhunderte, Trafo Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-89626-962-1, S. 437. verstarb nach knapp zwei Jahren in Davos, Kanton Graubünden, an Tuberkulose. Für seine Eltern Ida und Hermann bildete sein Tod den Anlass, die während des Krieges noch in Planung befindliche und am 16. Juni 1919 eingeweihte Jüdische Heilstätte »Etania« (Lungenheilstätte) in Davos in Folge über rund zwei Jahrzehnte finanziell zu fördern und dafür auch Spenden Dritter einzuwerben und zusammenzutragen.A. J. Rom (Zürich): Die Jüdische Heilstätte »Etania« in Davos. In: Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz / Annuaire Israélite pour la Suisse, hrsg. v. d. Kommission zur Verbreitung jüdischer Volksbildung in der Schweiz, 4. Jahrgang, 1919/20 (5680), Verlag des Jüdischen Jahrbuches, Basel 1920, S. 175–178.Der "Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz" und die Heilstätte "Ethania" (Etania)". In: Alemannia Judaica, auf alemannia-judaica.de
Gemeinsam mit ihrem Ehemann wurde Ida ehrenamtlich für das Deutsche Rote Kreuz aktiv. Ehrenamtlich war auch ihr ausgeprägtes emanzipatorisches Engagement für das im Jahr 1907 durch Bertha Pappenheim gegründete Heim Isenburg des Jüdischen Frauenbundes in Frankfurts Vorort Neu-Isenburg. Dieses nahm sozial gefährdete minderjährige Mädchen unter 21 Jahren, alleinstehende Schwangere und ledige Mütter auf und bot ihnen Betreuung. Durch gefallene Soldaten, aber auch durch Kriegsgefangene fremder Armeen war eine wachsende Zahl dieser Gruppe zu erwarten.
Während des Ersten Weltkrieges und während der Hungerjahre nach Kriegsende bis zum Ende der Hyperinflation 1923 durch die Einführung der Rentenmark verpflegten Ida und Hermann Wronker im Erfrischungsraum des Frankfurter Warenhauses Wronker auf der Zeil durch tägliche Speisung eine große Vielzahl stark unterernährter Kinder aus der Altstadt,Heike Drummer, Jutta Zwilling: Hermann Wronker: Warenhauskönig im Exil – ermordet in Auschwitz (1867– vermutlich 1942). In: Frankfurt am Main 1933–1945, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, auf: frankfurt1933-1945.de in deren teils mittelalterlichen Häusern oft prekäre Lebensverhältnisse herrschten.
Ida Wronker fungierte ab 1918 als Ehrendame im 1892 eröffneten Gumpertz’schen Siechenhaus (später teils auch Rothschild’sches Siechenhaus genannt), während ihr Ehemann im Vorstand dieser jüdischen Wohlfahrtseinrichtung wirkte. Dieses Engagement könnte auf die Tbc-Leidensgeschichte ihres jüngsten Sohnes zurückzuführen sein, worauf eine großzügige Spende des Ehepaares Wronkers „zum Andenken an ihren unvergeßl. hoffnungsvollen Sohn Erich“ zugunsten des Gumpertz’schen Siechenhauses verweist.Rechenschaftsbericht des Vereins »Gumpertz’sches Siechenhaus« und der »Minka von Goldschmidt-Rothschild-Stiftung« in Frankfurt am Main für die Jahre 1916, 1917 und 1918, Buchdruckerei M. Slobotzky, Frankfurt am Main 1918, S. 6, 80.
Bei dem Siechenhaus handelte es sich um eine eigenständige stationäre Einrichtung für gebrechliche, unheilbar kranke und bettlägerige Bedürftige jüdischen Glaubens, die jedoch entsprechend der Mitzwa des Bikkur Cholim, des jüdischen Gebots zum Besuch und zur Pflege der Kranken, auch für Nichtjuden offenstand. Das Siechenhaus bot zu dieser Zeit im Frankfurter Ostend, Röderbergweg 62–64, eine professionelle Kranken-, Schwerbehinderten-, Alten- und Armenpflege. Während des Ersten Weltkrieges wurde im Gumpertz’schen Siechenhaus eine Schwerkrankenstation für Offiziere und Mannschaften aller Konfessionen mit bis zu vierzig Betten als Lazarett 33 eingerichtet.
Ab 1927 verbrachte Ida Wronker mit ihrer Familie die Sommerfrische in ihrem Landhaus (zeitgenössisch: Haus Romberg) in Königstein im Taunus (heute: Rombergweg 8). Ida Wronker nutzte Haus Romberg zusammen mit ihrem Ehemann bis 1937, das Landhaus und weitere Wronker-Grundstücke in Königstein wurden jedoch im September 1938 „arisiert“.Heinz Sturm-Godramstein: Juden in Königstein. Leben – Bedeutung – Schicksale, hrsg. v. Magistrat der Stadt Königstein, Stadtarchiv, Königstein im Taunus 1983, ISBN 3-9800793-3-3, S. 31f., 47, 74, 79, 128.
1935 wurde die vermietete Wronker-Villa in Frankfurts Savigny-Straße 68Stadtplan Frankfurt am Main 1946 mit markierten Zerstörungen (siehe Planquadrat C5, Savignystraße, Abschnitt zwischen Arndtstraße und Rheinstraße, hellgrau schraffiertes hell-rötlich markiertes Rechteck = teilzerstörtes Gebäude). In: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, auf: frankfurt1933-1945.de „arisiert“, die Villa am Platz der Republik 76 am 13. Januar 1937.Miersch-Liste (nach Namen, siehe Wronker) (PDF-Datei; 168 kB). In: Frankfurt am Main 1933–1945, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, auf: frankfurt1933-1945.deMiersch-Liste (nach Adressen, siehe Hohenzollernplatz 76) (PDF-Datei; 179 kB). In: Frankfurt am Main 1933–1945, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, auf: frankfurt1933-1945.deMirjam Schnorr: »Arisierung« in Frankfurt am Main. Die Geschichte von Raub und Restitution. In: Fritz Bauer Institut, auf: fritz-bauer-institut.de
1937 besuchte das Ehepaar seine bereits emigrierten Kinder Max und Alice mit deren Familien in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, blieb jedoch nicht, weil sie zusammengetragene Spenden an den Hilfsverein für jüdische Lungenkranke »Etania« in der Schweiz übergeben wollten.Der „Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz“ und die Heilstätte „Ethania“ (Etania)". In: Alemannia Judaica, auf alemannia-judaica.de 1939 zogen Ida und Hermann Wronker kurzzeitig nach Berlin, nachdem ihre Liegenschaften in Frankfurt am Main und Königstein im Taunus „entjudet“, „arisiert“ bzw. zwangsweise enteignet worden waren.Sachakte: Zeil 97 / Holzgraben 2 / Hasengasse 15/17, Veräußerung des Grundstücks von Hermann Wronker an Albert Braun, Laufzeit: 1938–1939. In: Institut für Stadtgeschichte, Signatur: ISG FFM, A.62.02, 1138.Sachakte: Holzgraben 9, Veräußerung des Grundstücks von Hermann Wronker an Hieronymus Dangmann, Laufzeit: 1939. In: Institut für Stadtgeschichte, Signatur: ISG FFM, A.62.02, 457.Sachakte: Holzgraben 2, Zwangsversteigerung des Grundstücks von Hermann Wronker, Laufzeit: 1940–1941. In: Institut für Stadtgeschichte, Signatur: ISG FFM, A.62.02, 1372.
Beide kehrten kurzzeitig nach Frankfurt am Main zurück. Nachdem Ida Geld und Schmuck aus ihrem Besitz in die Schweiz transferiert hatte, um damit den gemeinsamen Lebensunterhalt nach Emigration zu sichern, wurde das Ehepaar auf Veranlassung des der Gestapo angegliederten Devisenfahndungsamtes ohne Angabe einer Begründung festgenommen. Zuständig dafür war die in der Bürger-Straße 22 residierende Stapo-Leitstelle Frankfurt am Main.Frankfurter Adreßbuch für das Jahr 1939, IV. Teil, S. 12, Spalte 2. Hermann kam nach wenigen Tagen wieder frei,Fallakte: Wronker, Hermann und Wronker Ida. Laufzeit 1939. In: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Signatur: HHStAW, 519/3, 20097HHStAW, 519/3, 20097. Ida jedoch blieb für sechs Wochen im Untersuchungsgefängnis in Frankfurt-Preungesheim inhaftiert; sie habe versucht, die Judenvermögensabgabe (erst 20 Prozent des Gesamtvermögens, schließlich 25 Prozent) zu umgehen.