Beim Münchener Eingewöhnungsmodell handelt es sich um einen pädagogischen Ansatz zur Begleitung von Familien und ihren Kindern in der Phase des Übergangs von der Familie in die Bildungseinrichtung (Kindertagespflege, Krippe und Kindergarten, nachfolgend zusammenfassend bezeichnet als Kindertageseinrichtung bzw. Kita).
Der Ansatz basiert auf den Forschungserkenntnissen von Kuno Beller, die aus dem wissenschaftlichen Projekt: „Modellprojekt: Frühförderung von Kleinstkindern durch Unterstützung junger Familien bei der Erziehungsaufgabe und durch pädagogische Qualifizierung von Krippen“ von 1987 bis 1991 in München herausgearbeitet worden waren.
In Abgrenzung zu anderen Modellen (z. B. Berliner Eingewöhnungsmodell, Tübinger Modell, partizipatorische Eingewöhnung) basiert das Münchener Modell nicht auf der Bindungstheorie, sondern beschreibt den Beziehungsaufbau und das Ankommen in der Kita als einen sehr komplexen Prozess, der als Ziel das Vertraut werden mit dem Alltag der Kita hat: Das Kind soll sich sicher in der Bildungseinrichtung bewegen, sich gut zurechtfinden, vertrauensvolle Beziehungen zu den verlässlich anwesenden pädagogischen Fachkräften und Kindern haben, sowie sich wohlfühlen. Die Eltern sollen die Kita als einen sicheren, wohlwollenden und für das Lernen anregenden Ort wahrnehmen.
Das Einbeziehen der Familien, das Berücksichtigen der jeweiligen Familienkultur und die Anerkennung des Kindes als selbstbestimmtes, sozial ausgerichtetes und kompetentes Wesen ist dabei von tragender Bedeutung.
Historie An der Freien Universität in Berlin forschte 1984/85 Kuno Beller mit seinen Mitarbeitenden zu den Auswirkungen, die es auf Kinder hat, wenn sie ohne Einführung durch die Eltern in die KiTa gingen.
Von 1987 bis 1991 leitete Kuno Beller im Auftrag der Stadt München ein wissenschaftliches Projekt unter dem Titel: „Modellprojekt: Frühförderung von Kleinstkindern durch Unterstützung junger Familien bei der Erziehungsaufgabe und durch pädagogische Qualifizierung von Krippen“.
„Ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt im Projekt war die Entwicklung, Begleitung und Evaluation eines ökopsychologisch fundierten Eingewöhnungskonzeptes. Alle Personen, die an der Übergangssituation beteiligt sind, sollen diese Entwicklungsphase auch aktiv mitgestalten“.
Dieses erste Konzept kursierte in der Fachpraxis als sogenanntes „Beller-Projekt“. 2002 veröffentlichte Beller die wesentlichen Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Frühe Kindheit“ der Deutschen Liga für das Kind e.V. unter dem Titel „Eingewöhnung in die Krippe - Ein Modell zur Unterstützung der aktiven Auseinandersetzung aller Beteiligten mit Veränderungsstress“. Der für die Stadt München intern erstellte Projektbericht dokumentierte die Gesamtdarstellung der wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Zentrale Erkenntnisse zur Bedeutung der Eingewöhnung
Drei Monate nach Eintritt in die Krippe zeigten die Kinder der allmählichen und moderierten Eingewöhnung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Eingewöhnung
mehr positive soziale Interaktionen mit anderen Kindern und den Betreuerinnen, mehr positiven Affekt (Heiterkeit), mehr Autonomie sowie mehr Kooperation und Beteiligung an ihrer Pflege.
Die Auswirkungen der moderierte Eingewöhnung waren auch fünfzehn Monate nach Beginn des Krippenaufenthaltes noch erkennbar:
die Mütter der allmählichen Eingewöhnung drückten mehr positive Gefühle ihrem Kind gegenüber aus, ignorierten die Signale ihrer Kinder weniger und waren offener und vertrauensvoller den Betreuungspersonen gegenüber als Mütter in der abrupten Eingewöhnung (Kontrollgruppe).
Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll, während der Projektphase wissenschaftliche Mitarbeiterinnen bei Kuno Beller, veröffentlichten 2009 in dem Buch „Anfang gut? – alles besser!“ die ausführliche Darstellung des Modells zur Eingewöhnung junger Kinder. In der Fachpraxis etablierte sich dieses Modell fortan unter der Bezeichnung Münchener Eingewöhnungsmodell.
1988 gründeten der Soziologe Hans-Joachim Laewen, bis 1987 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Kuno Beller, und die Erziehungswissenschaftlerin Beate Andres gemeinsam mit einer Gruppe von ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeitenden das „Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit e. V.“ (infans). Hier entwickelten sie gemeinsam mit Eva Hédervári-Heller ein Eingewöhnungsmodell, welches unter dem Namen „Berliner Eingewöhnungsmodell“ bekannt wurde.
„Ein Kernstück dieses Modells ist die Beachtung der frühen Bindungen des Kindes an seine Eltern und deren unterschiedlichen Bindungsmuster. Diese Muster hängen eng zusammen mit der Art und Weise, in der Kinder ihre Eltern als „sichere Basis“ für die Erkundung einer fremden Umgebung ‚benutzen‘“.
Auch dieses Modell wurde weiterentwickelt unter dem Titel: „Eingewöhnung und Bindung: Psychoanalytische und bindungstheoretische Grundlagen für gelungene Eingewöhnungsprozesse in Kindertageseinrichtungen“. Die Autorinnen und Autoren streichen in dieser Publikation nochmals deutlich die Bindungstheorie und deren Verknüpfung mit der Eingewöhnung heraus. Sie gehen davon aus, dass im Dreieck Eltern, Kind und Pädagogische Fachkraft ein Bindungsband entstehen soll. Um dies zu gewährleisten und eine Konzentration auf den Bindungsaufbau zwischen pädagogischer Fachkraft und Kind zu ermöglichen, halten sich das Kind mit seinem Elternteil und der pädagogischen Fachkraft in den ersten Tagen in einem separaten Raum auf.
2021 erschien „Besser eingewöhnen! Fortschritt und Entwicklung im Münchener Modell“. Hier unterstrichen Evanschitzky und Zöller die Erkenntnisse aus dem Beller-Projekt und den Veröffentlichungen von Winner/Erndt-Doll. Zusätzlich reicherten sie den Ansatz an, indem sie die systemisch-konstruktivistische Grundausrichtung stark hervorhoben, das im Beziehungsaufbau aktive und kompetente Kind betonten, die Erkenntnisse aus der kulturanthropologischen Forschung einwoben und die damit einhergehenden Veränderungen in der Prozessgestaltung vor Ort in einem Handlungskonzept beschrieben. Die fachwissenschaftliche Fundierung wird als Denkrahmen bezeichnet. Unter dem gleichnamigen Titel erstellten die Autorinnen auch eine DVD, die der Fachpraxis weiteres Material zur Vertiefung und Umsetzung vor Ort bietet.
Der Denkrahmen mit den wesentlichen theoretischen Zugängen
Systemisch-konstruktivistische Herangehensweise Die Frage, was ein Kind braucht, um in der Kita gut Fuß zu fassen und damit den Übergang aus der bisher vertrauten Familienwelt in die Bildungseinrichtung zu bewältigen, lässt sich nicht allein mit Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie beantworten. Mit dem Münchener Modell wird eine systemisch-konstruktivistische Perspektive eingenommen, die den Blick für weitere Faktoren und Elemente in diesem sehr komplexen Prozess öffnet. Diese Perspektivenerweiterung führt dazu, dass mehr Optionen für die pädagogische Gestaltung des Prozesses – beschrieben in einem Eingewöhnungskonzept einer Kita – zur Verfügung stehen. Und letztlich eröffnet die systemisch-konstruktivistische Sichtweise auch mehr Strategien zur Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe auf Seiten des Kindes und seiner Familie: Ein System wird als ein Gebilde gesehen, in dem Ressourcen zur Lösung immanent sind.
Das Kind als selbstbestimmt lernendes Wesen Das Lernen ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Sich auf Neues einzulassen und sich Fertigkeiten anzueignen treibt die Entwicklung voran und gehört mit zu den grundlegenden Wesensmerkmalen, die sich vor allem in der Kindheit deutlich zeigen. Dazu gehört auch, aus Sinneseindrücken und Erfahrungen Musterhaftes zu erkennen. Ein weiteres frühes kognitives Hilfsmittel, das Kindern für ihr Lernen zur Verfügung steht ist die Fähigkeit, Absichten von anderen zu verstehen. Das Kind anzuerkennen als kompetent lernendes Wesen, das ausgestattet ist mit diesen und anderen Hilfsmitteln des Lernens hat Auswirkungen darauf, welche Spielräume dem Kind selbst gegeben werden, wenn es um die Entwicklung eines pädagogischen Konzepts wie dem der Eingewöhnung geht. Im Münchener Eingewöhnungsmodell werden diese Erkenntnisse dahingehend genutzt, dass das Kind den Ankommensprozess aktiv mitgestaltet und in seinen bereits vorhandenen Kompetenzen zur Beziehungsgestaltung wahrgenommen wird.
Kinder im Miteinander – ein symmetrisches Lernen unter Peers Mit den Erkenntnissen aus den Forschungen der Kulturanthropologie lässt sich grundlegend festhalten, dass der Mensch ein auf Kooperation ausgerichtetes Wesen ist und sich hier fundamental von anderen Lebewesen unterscheidet, die in sozialen Gefügen leben. Dieses Kooperieren und Interagieren mit anderen zeigen bereits junge Kinder, wenn sie z. B. ihren Spielpartnern Gegenstände anbieten und auf diese Weise miteinander in Kontakt kommen. Weiter lässt sich beobachten, wie Kinder einander helfen, und sich aufeinander beziehen, wenn sie miteinander spielen. Sie assistieren und unterstützen sich gegenseitigStorm-Mathisen, A. (1995). Walkers, non-talkers. A sociological study on peer interaction among toddlers.(Hovedfagsoppgave). Oslo: Universitetet i Oslo, Sosiologisk institutt. Über diese Interaktionen entsteht Gemeinsamkeit und eine eigene Spielkultur. Im Kontext des Münchener Eingewöhnungsmodell bedeutet es, dass die Kinder, die bereits in der Kita sind, aktiv mit einbezogen werden. Ihre Bereitschaft, andere Kinder mit hinzu zunehmen, neue Kinder zu unterstützen und sie in ihr Spiel zu integrieren, spielt eine wichtige Schlüsselrolle.
Das ist mit Lernen unter Peers gemeint: Kinder einer Gruppe, die ähnliche Interessen teilen, sich aufeinander einlassen und über diese Gemeinschaft voneinander und miteinander lernen. Bislang ein Schwerpunkt der Jugendsoziologieforschung nimmt das Thema Peers inzwischen auch in der Frühpädagogik an Bedeutung zu.
Psychische Grundbedürfnisse als treibende Kraft für Entwicklung Das Konzept der psychischen Grundbedürfnisse findet sich im Rahmenmodell der Selbstbestimmungstheorie nach Edward L. Deci und Richard M. Ryan (Self Determination Theory). Dieses aus der Motivationsforschung entstandene Rahmenmodell ist von grundlegender Bedeutung für das Verstehen menschlichen Handelns. Bezogen auf das Kind, das sich mit einer für ihn unbekannten Welt konfrontiert sieht, bedeutet es, dass sein Handeln darauf ausgerichtet ist, für sich Wohlbefinden zu erlangen, indem es sich vertraut macht und sich als selbstbestimmt agierend erlebt. Dazu stehen ihm seine Grundbedürfnisse als Nährboden zur Verfügung: Der Wunsch und innere Drang, sich als autonom zu erleben führt dazu, im Spannungsfeld zwischen Orientierung einerseits und Freiräumen andererseits zu agieren. Sich als kompetent erleben zu können, bringt es mit sich, dass das Kind einerseits die Herausforderung sucht und Neues entdecken will und andererseits Sicherheit gebende Elemente einfordert, die dafür sorgen, dass das Maß der Herausforderung nicht überschritten wird. Und schließlich bringt das Kind als soziales Wesen den Antrieb mit, sich verbunden zu erleben und Teil einer Gemeinschaft zu werden. Dazu sucht es selbst Kontakt und bestimmt die Ausgewogenheit von Nähe und Distanz selbst mit.
Diese Beschreibung von Grundbedürfnissen als Kraftquelle und Nährboden (nutrients,) führt dazu, sich im Kontext der Eingewöhnung damit auseinanderzusetzen und zu verstehen, wie das Kind selbst vorgeht und was es tut, um sich wohlzufühlen. Sicherheit wird hier nicht als Grundbedürfnis verstanden, sondern als etwas, das handlungsleitend werden kann, wenn das Kompetenzerleben berührt ist. Herausforderung und Sicherheit sind die Antagonisten für das Kompetenzerleben, im Sinne von sich auskennen und klarkommen, souverän agieren. Die Beachtung aller drei Grundbedürfnisse in ihrem Zusammenspiel im Kontext von Beziehungen trägt zum Erleben von Sicherheit bei.
Kultursensitivität: Familienkultur trifft auf Einrichtungskultur