Im Strafprozess um die Vergewaltigungsserie an Gisèle Pelicot von 2024 ging es um etwa 200 Vergewaltigungen, die Dominique Pelicot und mehr als 80 weitere Männer im südfranzösischen Mazan verübt hatten. Der ehemalige Ehemann hatte Gisèle Pelicot durch heimlich verabreichte Medikamente regelmäßig betäubt, sie in diesem Zustand vergewaltigt, sie anderen Männern im Internet zum Vergewaltigen angeboten, dies über Jahre zugelassen und die Taten dabei gefilmt.
Der Fall wurde 2020 durch den Fund von Videomitschnitten publik. Auf ausdrücklichen Wunsch Gisèle Pelicots fanden die Gerichtsprozesse öffentlich statt, „damit das Schamgefühl die Seite wechselt“, also von den Betroffenen auf die Vergewaltiger übergehe. Dominique Pelicot wurde im Dezember 2024 zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. Auch rund 50 weitere Angeklagte erhielten jahrelange Haftstrafen, die meisten wegen Vergewaltigung. Das Urteil ist rechtskräftig.
Vorgeschichte des Haupttäters Dominique Pelicot wurde am 27. November 1952 in Quincy-sous-Sénart im heutigen Département Essonne im Norden Frankreichs geboren. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Elektriker und war in diesem Bereich tätig. Danach arbeitete er zunächst als Immobilienmakler, später als Vertriebsmitarbeiter für Brandmeldeanlagen und Computertechnik. Während dieser Zeit lernte er 1971 Gisèle kennen, und sie heirateten im April 1973 in Azay-le-Ferron. Das Paar bekam zwei Söhne und eine Tochter und lebte in der Pariser Vorstadt Villiers-sur-Marne.
Dominique Pelicot arbeitete mehrere Jahre bei der Électricité de France (EDF), dem größten Energieversorger Frankreichs. Seine Frau, Gisèle Pelicot, verbrachte ihre gesamte berufliche Laufbahn ebenfalls bei EDF, wo sie schließlich in einer leitenden Position tätig war. Dominique Pelicot, der in seinem Berufsleben oft den Job wechselte, lebte über seine Verhältnisse und lieh sich Geld bei Familie und Freunden, das er nie zurückzahlte. Sein Unternehmen für elektrische Forschung ging 2001 in Konkurs. Um ihr Vermögen vor den Gläubigern von Dominique zu schützen, ließ sich das Paar im Jahr 2004 scheiden, heiratete jedoch am 11. Juli 2007 erneut. Im März 2013 zogen die Pelicots nach Mazan, einer kleinen Stadt nordöstlich von Avignon im Südosten Frankreichs. Ihre drei Kinder und sieben Enkel verbrachten regelmäßig ihre Ferien in ihrem gemieteten Haus in Mazan.
1999 wurde Dominique Pelicot wegen versuchter Vergewaltigung im Département Seine-et-Marne angeklagt. Seine DNA war am Tatort gefunden worden, an dem die 19-jährige Immobilienmaklerin Estella B. angegriffen wurde und betäubt werden sollte. Sie wehrte sich jedoch erfolgreich und entging der Vergewaltigung. Er gestand das Verbrechen, bestritt jedoch, eine Waffe benutzt zu haben.
2010 wurde er das erste Mal wegen heimlichen Fotografierens unter den Röcken von Kundinnen in einem Supermarkt in Collégien, Département Seine-et-Marne, verhaftet. Im Herbst 2022, bereits in Haft wegen der Vergewaltigungen seiner Frau, wurde er wegen der Vergewaltigung und Ermordung von Sophie N., 23, im Jahr 1991 im 19. Arrondissement von Paris angeklagt. Die junge Frau war während einer Wohnungsbesichtigung überwältigt, mit einem in Äther getränkten Tampon betäubt, vergewaltigt und letztlich mit einem Gürtel erwürgt worden. Die am Tatort gefundene DNA war unbrauchbar, da die Verplombung der Probe beschädigt wurde. Er bestritt die Anschuldigungen, die von der Abteilung für ungelöste Fälle, die sich auf Serien- oder ungeklärte Verbrechen spezialisiert hat und in Nanterre ansässig ist, erhoben wurden. Diese Vorwürfe seien „rein auf Vermutungen“ gestützt, kritisierte seine Anwältin Béatrice Zavarro. In beiden Fällen wurden die Frauen mit Äther betäubt, Schuhe bzw. Kleidung wurden auf dieselbe Art sorgfältig beiseite gelegt und beide Taten geschahen „während eines Besuchs in einer Wohnung; beide Opfer waren Immobilienmaklerinnen“, so die Staatsanwaltschaft von Nanterre. Dominique Pelicot war ebenfalls im Immobiliengeschäft tätig.
Ermittlungen Aufdeckung des Falls im Jahr 2020 Die Vergewaltigungen kamen im September 2020 ans Licht, weil Dominique Pelicot wegen heimlicher Aufnahmen unter den Röcken von Frauen in einem Supermarkt nach Anzeige der Frauen verhaftet wurde. Bei der Durchsuchung seines Computers wegen dieser Straftat fand die Polizei Tausende von Bildern und Videos von den Vergewaltigungen seiner Ehefrau. Im September 2024 gab der inzwischen 71-jährige Dominique Pelicot vor Gericht zu, dass er seine Frau wiederholt betäubt, vergewaltigt und fremden Männern zur Vergewaltigung angeboten habe. Über neun Jahre, von Juli 2011 bis Oktober 2020, wurde Gisèle Pelicot hunderte Male von ihrem Mann und mehr als 80 weiteren Männern vergewaltigt. Ihr Ehemann fotografierte und filmte deren Taten.Rudolf Balmer: „Schande für die Justiz!“ taz.de, 19. Dezember 2024.
Gisèle Pelicot hatte Gedächtnislücken und Schmerzen im Unterleib und suchte diverse Arztpraxen auf, aber in keiner kam der Verdacht auf, es könnte sich um Vergiftungen und Betäubung durch Medikamente handeln.Nils Minkmar: Sie schreibt sich in ihr Leben zurück, Süddeutsche Zeitung, 17. Januar 2025, S. 9.
Auch wurde Dominique Pelicot vorgeworfen, einen seiner Mittäter animiert und angeleitet zu haben, in gleicher Weise dessen eigene Frau zu betäuben und zu vergewaltigen. Der Prozess gegen Dominique Pelicot und 51 weitere identifizierte Männer im Alter von 26 bis 72 Jahren begann am 2. September 2024.
Verhaftung und weitere Funde Dominique Pelicot wurde am 12. September 2020 in Carpentras, Département Vaucluse, verhaftet. Ein Sicherheitsmitarbeiter eines Supermarkts hatte beobachtet, dass er mit seinem Mobiltelefon unter die Röcke von drei Kundinnen filmte. Die betroffenen Frauen entschlossen sich zur Anzeige. Bei einer anschließenden Durchsuchung fand die Gendarmerie in seiner Tasche einen Camcorder, eine Kamera und Kondome.Nils Minkmar: Sie schreibt sich in ihr Leben zurück, Süddeutsche Zeitung, 17. Januar 2025, S. 9. Bei der polizeilichen Vernehmung in Avignon behauptete Pelicot, dass er normalerweise solche Dinge nicht tue, obwohl er 2010 für das gleiche Vergehen festgenommen worden war. Er sei von seinen Trieben überwältigt worden. Die Schuld suchte er bei seiner Frau, die seit einem Monat nicht zu Hause gewesen sei. Er wurde gegen Kaution freigelassen, während seine beiden Mobiltelefone, sein Laptop und andere beschlagnahmte digitale Geräte untersucht wurden.
Die Untersuchung von Pelicots beschlagnahmter Ausrüstung ergab, dass er Teil eines privaten Chatrooms namens („ohne ihr/sein Wissen“) auf der Website coco.gg war. Dort diskutierten Mitglieder über sexuelle Handlungen an ihren Partnern, nachdem sie ihnen Drogen verabreicht hatten. Die Website, die in Guernsey registriert und von der bulgarischen Firma Vinci SA betrieben wurde, wurde von Isaac Steidel geleitet. Sie war eine französische, für jedermann zugängliche Online-Chat-Seite, frei von jeglicher Moderation, auf der sich bis zu ihrer Schließung im Juni 2024 Menschenhändler, Pädophile und Kriminelle aller Art zu Verbrechen verabreden konnten. So ermöglichte die Seite Drogen- und Waffenhandel, Pädokriminalität, Prostitution sowie homophobe Gewalttaten.Neue Zürcher Zeitung: Coco.gg war die Website, auf der sich die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot trafen. Ist der Betreiber mitschuldig an den Verbrechen?; abgerufen am 22. Januar 2025. Sie war zwischen 2021 und 2024 mit mehr als 23.000 französischen Strafsachen verbunden. Sie wurde erst im Juni 2024 geschlossen: französische Ermittler sollen die Plattform auch selber genutzt haben, um Straftäter zu identifizieren.Neue Zürcher Zeitung: Coco.gg war die Website, auf der sich die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot trafen. Ist der Betreiber mitschuldig an den Verbrechen?; abgerufen am 22. Januar 2025. In den Chats lud Pelicot andere Männer ein, seine betäubte Frau zu vergewaltigen und anschließend Videos der Vergewaltigungen anzusehen. Zudem wurden Skype-Nachrichten gefunden, in denen er damit prahlte, seine Frau betäubt und Fremde eingeladen zu haben, sie zu vergewaltigen.
Auf einem USB-Stick, der mit Pelicots Computer verbunden war, fanden die Ermittler einen Ordner namens ABUS () mit mehr als 20.000 Bildern und Videos der Vergewaltigungen. Gisèle Pelicot war darauf bewusstlos zu sehen. Die Dateien waren von Dominique Pelicot sorgfältig sortiert und mit expliziten Titeln versehen, wie (deutsch „Missbrauch / Nacht zum 26. Mai 2020 mit Marc Anal fünftes Mal“), die Datum, Namen der Täter und Art der Handlungen enthielten. Dadurch konnten die Ermittler 92 separate Vergewaltigungen identifizieren, die von 72 verschiedenen Männern zwischen Juli 2011 und Oktober 2020 an Gisèle Pelicot verübt worden waren. Es dauerte zwei Jahre, bis die Polizei die meisten Täter identifizieren und lokalisieren konnte. Bis September 2024 wurden 51 der Vergewaltiger identifiziert und angeklagt. Sie waren zur Tatzeit zwischen 21 und 68 Jahre alt und stellen einen Querschnitt der französischen Gesellschaft dar. Unter ihnen sind ein Feuerwehrmann, ein Krankenpfleger, ein Informatiker, mehrere Rentner, mehrere Arbeitslose, einige von ihnen sind vorbestraft wegen Sexualstraftaten. Viele von ihnen sind verheiratete Familienväter, teilweise bereits mit Enkelkindern. Lediglich zwei Männer hatten das Haus wieder verlassen, als sie auf eine bewusstlose Frau getroffen waren, mehrere Männer hatten sich mehrmals an ihr vergangen; zur Polizei ging niemand.
Es wurden auch hunderte Fotos von Pelicots beiden Schwiegertöchtern unter der Dusche gefunden, die ohne deren Zustimmung aufgenommen und online gestellt worden waren. Zwei Fotos zeigen seine eigene Tochter Caroline, etwa 30 Jahre alt, wie sie betäubt auf einem Bett liegt, gekleidet in die Unterwäsche ihrer Mutter. Dominique Pelicot bestreitet, diese Fotos aufgenommen zu haben. Weitere etwa 100 Aufnahmen wurden unter der Dusche aufgenommen, teilweise war seine Schwiegertochter Céline darauf schwanger zu sehen. Die Fotos wurden von Dominique Pelicot bearbeitet, indem der Intimbereich vergrößert wurde, und um Fotomontagen ergänzt, die Célines Oberkörper in vermeintlichen sexuellen Handlungen mit zwei Männern zeigen. Seinen Enkelkindern soll er mehrfach Doktorspiele angeboten haben, um seine sexuellen Phantasien zu befriedigen.
Die Liste der Namen der bereits identifizierten Vergewaltiger Gisèle Pelicots wurde vom Gericht veröffentlicht und von verschiedenen französischen Magazinen zitiert. Am 24. November 2024 waren mehr als 20 Täter noch nicht identifiziert.
Strafprozess von 2024 Der Prozess um die Vergewaltigung von Gisèle Pelicot durch mehr als 50 Männer begann am 2. September 2024 in Avignon. Im September kam eine Verzögerung von Tagen auf, da Dominique Pelicot vorläufig als zu krank galt, um am Prozess teilzunehmen. Gisèle Pelicot nahm als Nebenklägerin mit ihren Anwälten an dem Prozess teil. Sie entschied sich, auf ihr Recht auf Anonymität zu verzichten, und setzte sich von Beginn an dafür ein, dass der Prozess nicht wie ursprünglich vorgesehen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte. Sie setzte durch, dass eine zunächst getroffene Entscheidung des Richters, die Bilder und Videos, die die an ihr begangenen Vergewaltigungen zeigten, nicht öffentlich zu zeigen, rückgängig gemacht wurde und diese öffentlich vorgeführt wurden.