James Harrison „Jimmy“ Gray Sr. (* 14. Mai 1915 in Westfield, Massachusetts; † 19. September 1986 in Boston) war ein US-amerikanischer Politiker der Demokratischen Partei und Medienunternehmer, der hauptsächlich im US-Bundesstaat Georgia wirkte. Der Besitzer des im Zeitungs- und TV-Geschäft aktiven Unternehmens Gray Communications Systems wurde in den 1960er Jahren als Unterstützer der Rassentrennung und als Gegner der Bürgerrechtsbewegung bekannt. Von 1960 bis 1962 sowie von 1966 bis 1970 war er Vorsitzender der Democratic Party of Georgia, des Landesverbandes der Demokratischen Partei in Georgia. Eine Kandidatur um das Amt des Gouverneurs von Georgia endete 1966 mit einer Niederlage in den Vorwahlen. Von 1973 bis zu seinem Tod amtierte er als Bürgermeister seiner langjährigen Heimatstadt Albany.
Frühe Jahre 1915–1945: Kindheit, Studium und Zweiter Weltkrieg James Gray wurde 1915. Abgerufen am 22. September 2024. Diese Angabe der Library of Congress basiert auf einer Auswertung der Social-Security-Daten Grays. Für das Geburtsdatum finden sich allerdings auch davon abweichende Angaben, insbesondere der 17. Mai 1916 (unter anderem in der American National Biography). in Westfield, Massachusetts, geboren.Wolfgang Saxon: James H. Gray, 70, Publisher and a Former Segregationist. In: The New York Times, , 21. September 1986, Sektion 1, S. 44. Sein Vater war Staatsanwalt im nah gelegenen Stockbridge, wo Gray in unmittelbarer Nachbarschaft zum Maler Norman Rockwell aufwuchs.Taylor Branch: Parting the Waters: America in the King Years, 1954–63. Simon & Schuster, New York 1989, S. 553–554. Privat hörte er auf den Spitznamen „Jimmy“.Harold P. Henderson: Ernest Vandiver, Governor of Georgia. University of Georgia Press, Athens 2000, S. 210. Im Jahr 1937 schloss Gray ein Bachelorstudium der Anglistik am Dartmouth College in New Hampshire ab, während dem er Mitglied diverser Sportteams und der Ehrengesellschaft Phi Beta Kappa gewesen war. Danach begann er ein postgraduales Studium der Weltgeschichte an der Universität Heidelberg. Parallel verfasste er als Auslandskorrespondent für den New York Herald Tribune Artikel über NS-Deutschland. Nach acht Monaten kehrte er 1939 im Angesicht des Zweiten Weltkriegs in die USA zurück. Dort arbeitete er zunächst als Politikjournalist für den New York Herald Tribune und später als Reporter für den Hartford Courant.
Im Jahr 1943, kurz vor seinem 30. Geburtstag, heiratete Gray Dorothy Ellis, die Tochter eines Textilfabrikanten aus Springfield, Massachusetts.Millard B. Grimes: The Last Linotype: The Story of Georgia and its Newspapers since World War II. Mercer University Press, Macon 1985, S. 378. Das Ehepaar wurde Eltern zweier Söhne und einer Tochter.J. H. Gray to Lead State’s Democrats. In: The Atlanta Constitution, 9. Februar 1960, S. 1 (online). Grays Schwiegervater besaß neben der Textilfabrik auch eine Plantage in Georgia, auf der das Paar gut vier Monate pro Jahr verbrachte.David Bianco: Gray Communications System Inc. In: Jay Pederson (Hrsg.): International Directory of Company Histories, Band 24. St. James Press, Detroit 1999, S. 196–200, hier S. 196. Als Gray nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg zum Militärdienst eingezogen wurde, kehrte er nach Georgia zurück, da er als Teil der 82nd Airborne Division in Fort Benning stationiert wurde. Dort durchlief Gray die Grundausbildung, ehe er als Fallschirmjäger an die Front versetzt wurde. In den nächsten Monaten diente er als Teil der 101st Airborne Division in Nordafrika, Sizilien und Frankreich.
1946–1959: Umzug nach Georgia, Aufbau seines Unternehmens mini|Plakette für den Albany Herald im Albany (2013) Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg entschloss sich Gray, sich dauerhaft mit seiner Familie in Georgia niederzulassen. 1946 fand er eine neue Heimat in der im Süden Georgias gelegenen Stadt Albany. Nicht zuletzt hatte er das Wachstumspotential der Region erkannt. Zunächst baute er sich eine eigene Plantage auf, doch sein Interesse richtete sich vor allem auf die lokale Tageszeitung, den Albany Herald. Bereits vor seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg hatte Gray mit dem Gedanken gespielt, die Zeitung zu kaufen. Nun arbeitete er zunächst als Reporter für das Blatt, doch seine Absicht zum Kauf der Zeitung war geblieben, zumal der damalige Eigentümer keine Erben für das bis dahin als Familienunternehmen geführte Blatt hatte und deshalb einen Käufer für die Zeitung suchte. Noch im selben Jahr erwarb Gray den Albany Herald für 250.000 $, die er über ein Darlehen seines Schwiegervaters finanzierte. In den nächsten Jahren baute er das strauchelnde Geschäft der Zeitung um und konnte das Blatt nach wenigen Jahren profitabel führen. Nach der Übernahme des Albany Herald baute Gray ein eigenes Medienunternehmen auf, das später unter dem Namen Gray Communications Systems, Inc. bekannt wurde.
1952 waren Gray und der Albany Herald in mehrere Gerichtsprozesse gegen Albanys Stadtverwaltung und die Abgeordneten der Stadtversammlung verwickelt. Zunächst hatte Gray vor Gericht eine Verfügung erzielt, die es den Abgeordneten verbot, Geschäfte mit der Stadt zu machen. Die Abgeordneten und die Stadtverwaltung verklagten daraufhin Gray und den Albany Herald, da ihrer Meinung nach diese Verfügung durch Grays Stimmungsmache in seiner Zeitung unrechtmäßig verursacht worden war. Diese Gegenklage wurde allerdings abgewiesen. Fortan betonte Gray die Bedeutung einer freien und kritischen Presse. Wenig später kaufte Gray mit WALB auch die lokale Radiostation in Albany auf, deren Angebot er bald um eine TV-Station erweiterte. Als WALB-TV 1954 auf Sendung ging, handelte es sich erst um die zweite TV-Station in Georgia überhaupt.Gracie Thompson: A ‘Gray’ legacy: WALB founder James H. Gray remembered. In: walb.com, WALB, 5. April 2019. Abgerufen am 30. September 2024. WALB wurde Teil des Netzwerks von NBC und konnte dank Ultrakurzwellentechnik selbst noch im 275 Kilometer entfernten Jacksonville, Florida, empfangen werden. In den nächsten Jahren expandierte Gray weiter: 1960 übernahm Gray Communications Systems die TV-Station WJHG in Panama City (Florida), Ende der 1960er Jahre folgte die TV-Station KTVE, die El Dorado (Arkansas) und Monroe (Louisiana) abdeckte. Durch diese unternehmerischen Aktivitäten kam Gray schnell zu Wohlstand; unter anderem war er Ende der 1950er Jahre in Besitz eines Privatflugzeugs.
1946–1959: Politischer Aufstieg Gray engagierte sich auch politisch und gehörte der Demokratischen Partei an, die damals in den Südstaaten eine unangefochtene Machtposition innehatte („Solid South“). Innerparteilich unterschied man zwischen den „Regulars“, die die Aufrechterhaltung der Rassentrennung unterstützten, und den reformorientierten „Loyalists“.Tim Boyd: The 1966 Election in Georgia and the Ambiguity of the White Backlash. In: The Journal of Southern History, Band 75, Nummer 2, Mai 2009, S. 309–312. Gray unterstützte die Rassentrennung und wurde daher dem Lager der konservativen „Regulars“ zugerechnet.Tim Boyd: The 1966 Election in Georgia and the Ambiguity of the White Backlash. In: The Journal of Southern History, Band 75, Nummer 2, Mai 2009, S. 319. Zwei Jahre nach seinem Umzug nach Georgia, 1948, unterstützte er den erfolgreichen Gouverneurswahlkampf von Herman Talmadge als Berater von dessen Wahlkampfteam. Talmadge war ein „Regular“-Politiker aus einer prominenten, einflussreichen Familie, was Gray zu einem schnellen Aufstieg in der Hierarchie der Democratic Party of Georgia verhalf. Ab den späten 1940er Jahren gerieten die „Regulars“ in Zwist mit den nationalen Demokraten, die immer mehr auf gleichwertige Bürgerrechte für alle Amerikaner drängten. Es war deshalb für konservative Südstaaten-Demokraten nicht unüblich, auf nationaler Ebene gegen die eigene Partei zu rebellieren.Evident wurde dies bereits 1948 mit der Bildung der Dixiecrats, einer Gruppe konservativer Demokraten aus den Südstaaten, die den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Harry S. Truman für zu liberal erachteten und deshalb den Gouverneur von South Carolina, Strom Thurmond, für das Weiße Haus nominierten. Ob Gray die Dixiecrats unterstützte, ist nicht bekannt. So unterstützte Gray entgegen seiner Parteizugehörigkeit sowohl 1952 als auch 1956 den Republikaner Dwight D. Eisenhower im Duell um das Weiße Haus.
Trotz politischer Differenzen verband Gray gleichzeitig eine langjährige Freundschaft mit John F. Kennedy, einem aufstrebenden Politiker der Nordstaaten-Demokraten. Ursprünglich war Gray mit dessen älterem Bruder Joseph P. Kennedy junior befreundet gewesen, den er während seiner College-Zeit kennengelernt hatte. Über Joseph lernte Gray im Laufe der Jahre auch dessen jüngeren Bruder John kennen und schätzen. Diese Verbindung blieb auch nach Josephs Tod im Zweiten Weltkrieg und Grays Umzug nach Georgia bestehen. Mittlerweile US-Senator für Massachusetts mit Ambitionen auf das Weiße Haus, nahm Kennedy 1958 eine Einladung seines Freundes nach Albany an. Im März 1959 wurde Gray von der Association of the County Commissioners zum „Georgia Citizen of the Year“ gewählt.Die Verleihung wurde auf Initiative von Elijah Lewis Forrester im Congressional Record, den offiziellen Aufzeichnungen des US-Kongresses, verzeichnet: James H. Gray, Editor and Publisher of the Albany, Ga., Herald Named Citizen of the Year. Extension of Remarks of Hon. E. L. Forrester of Georgia in the House of Representatives. In: Congressional Record, Band 105, Teil 21, 1959, S. A2988.
Politische Karriere im Georgia der 1960er Jahre 1960–1962: Erste Amtszeit als Vorsitzender der Democratic Party of Georgia, Präsidentschaftswahl 1960