Die Kinderkrippe (zur Unterscheidung von einem gleichnamigen Gemälde auch Die Kinderkrippe I) ist ein 1890 vollendetes Ölgemälde des Schweizer Malers Albert Anker (1831–1910), das seit 1951 im Museum Reinhart am Stadtgarten in Winterthur im Schweizer Kanton Zürich ausgestellt ist. Es zeigt das Innere einer Kinderkrippe im ehemaligen Gerberngraben in der südlichen Altstadt von Bern. Das Genrebild gehört zu den bekanntesten Werken Ankers und ist ein später Höhepunkt des Schweizer Realismus.
Beschreibung Das Bild zeigt das helle und saubere Zimmer einer Kinderkrippe aus der Perspektive eines Kindes. Der Boden ist aus Holzbrettern gefügt. An der tapezierten Wand links hängen zwei farbig gerahmte Stiche; der eine zeigt Jesus mit einer Kinderschar, der andere eine Familie bei Tisch. Am hohen weissen Schrank daneben hängt ein nicht lesbarer Spruch. Im Winkel steht ein bemalter Kachelofen. Rechts hinten sieht man die Türe. Links im Vordergrund ragt ein einfacher Holztisch in die Bildmitte; auf ihm steht ein Fayencetopf. Darum sind zwölf Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren beim Mahl gruppiert. Die älteren löffeln oder schlürfen ihre Suppe selbstständig aus Blechnäpfen, die jüngeren werden von einer Diakonisse, dem zentralen Bildmotiv, aus einem Porzellanteller gefüttert. Sie trägt die Schwesterntracht mit langer gestärkter Haube, sitzt auf einem breiten Zungenstuhl und ist ganz in ihre Arbeit vertieft. Ein Mädchen an der Stirnseite des Tisches hat Zahnschmerzen und trägt einen Wickel. Der Knabe neben ihr schläft. Ein dreizehntes Kind sitzt mit einem kleinen Teller einsam im Hintergrund, möglicherweise auf einer Strafbank.
Geschichte Ankers Spätwerk mini|Albert Anker um 1900 Seit Anker von 1854 bis 1860 Malerei bei seinem Kompatrioten Charles Gleyre in Paris studiert hatte, war die französische Kunstmetropole der Mittelpunkt seines Lebens geblieben. Zwar hatte er nach dem Tod seines Vaters 1860 das Familienhaus in Ins übernommen und sich hier auch sogleich ein Atelier eingerichtet, die Wintermonate hatte er aber weiterhin in Paris verbracht. Erst 1890, mit bald 60 Jahren, gab er Wohnung und Atelier in Frankreich ganz auf und lebte und arbeitete fortan allein im Berner Seeland. Dieser Schritt markierte den Beginn seines Spätwerks, in dem noch sieben grosse vielfigurige Gemälde entstanden. Den Auftakt bildete Die Kinderkrippe. Neben Der Geltstag (1891), Die Armensuppe II (1893), Die Dorfschule von 1848 (1896) und dem letzten, unvollendet gebliebenen Bild Die Konfirmandinnen von Müntschemier (1901) finden sich in dieser Zeit zwei weitere Gemälde, welche die Kinderkrippe in der Stadt Bern zeigen. 1901 erlitt Anker einen Schlaganfall und fertigte bis zu seinem Tod 1910 keine grösseren Gemälde mehr.
Die Kinderkrippe am «Gerberngraben» mini|Die Gerberngraben-Häuser um 1900, links im Hintergrund die Münzstätte Zu Ankers Zeiten existierte unweit des heutigen Bundeshauses – bei der 1883 eingeweihten Kirchenfeldbrücke, zwischen dem Hotel Bellevue Palace (damals stand hier die Münzstätte) und dem 1809 eröffneten Casino Bern – noch ein tiefer Geländeeinschnitt. An dessen Westseite lagen aussergewöhnlich hohe Häuser, deren Dächer fast an diejenigen der umliegenden Gebäude reichten. Schmale Brücken verbanden die oberen Stockwerke mit der Stadt. Weil hier bis ins 19. Jahrhundert Gerber angesiedelt waren, nannte man das Gelände den «Gerberngraben», und auch wenn dieser seit 1882 offiziell «Münzgraben» hiess, hielt sich dieser Name im Volksmund. Die Bewohner, arme Arbeiter und Handwerker, lebten in kleinen, dumpfen Wohnungen, auch tagsüber war es düster in dem schmalen westlichen Strässchen. Zwischen 1935 und 1937 wurden die Häuser abgerissen und der Graben aufgefüllt. Es entstanden das Parkhaus Casinoparking und der erweiterte Casinoplatz.
1876 gründete das Berner Diakonissenhaus im Gerberngraben eine Kinderkrippe, in der Kinder im Alter von vierzehn Tagen bis vier Jahren tagsüber von einer evangelisch-reformierten Diakonisse betreut wurden. Das Angebot richtete sich an arme Familien, in denen auch die Frauen arbeiten mussten. Sie konnten die Kinder deswegen nicht selbst betreuen und aus finanziellen Gründen auch nicht von einem privaten Kindermädchen fremdbetreuen lassen.Malinee Müller: Das Ländliche in der Stadt. 2010, S. 112. Die Krippe zog 1896 oder 1897, Jahre nach der Bildentstehung, an den Frickweg 28 in der Matte im Schwarzen Quartier, weswegen in Bildinterpretationen bisweilen auch anachronistisch von der «Mattenkrippe» die Rede ist.
Bildentstehung Bern, die junge Schweizer Bundesstadt und Hauptstadt des gleichnamigen Kantons, war neben Ins und Paris ein weiterer wichtiger Referenzpunkt in Ankers Leben. Einerseits führten ihn seine verschiedenen Ämter und Tätigkeiten – er war beispielsweise seit 1888 Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission – regelmässig nach Bern, andererseits verbanden ihn auch zwei seiner engsten Freunde, die hier wohnhaft waren, mit der Stadt. Beide waren gebürtige Franzosen: Der christkatholische Theologe Eugène Michaud (1839–1917) lehrte seit 1876 Dogmatik und Kirchengeschichte an der Universität Bern, und der Architekt Horace Edouard Davinet hatte seit 1876 sein Büro in Bern und plante hier die Überbauung des Kirchenfelds.
Bei einem Spaziergang wurde Anker 1889 durch die draussen spielenden Kinder auf die Gerberngraben-Krippe aufmerksam und fragte die Diakonisse, ob er die Krippe skizzieren dürfe. Einige dieser Skizzen sind erhalten. Sie zeigen die Diakonisse beim Füttern, Einzelstudien von Säuglingen und Kleinkindern und den grossen Suppentopf auf dem Tisch.Die Skizzen sind abgebildet bei: Heinz Bütler: «Lebt Anker noch?» 2023, S. 246–249. Später berichtete er seinem Jugendfreund François Emile Ehrmann einmal, er habe auch an einem Sonntag skizziert, als niemand anwesend gewesen sei. Die Skizze des leeren Innenraums ist ebenfalls erhalten. Im Dezember 1889 fertigte Anker einen ersten Kohleentwurf in Grossformat an.Abgebildet bei Malinee Müller: Das Ländliche in der Stadt. 2010, S. 114. Das Alter der auf diesem Studienmaterial dargestellten Kinder entspricht dem zu erwartenden von bis zu vier Jahren. Dass die Kinder auf dem finalen Gemälde teilweise deutlich älter sind, erklärt sich daraus, dass Anker für sie und auch die Diakonisse Einwohner von Ins und seiner Umgebung zum Modell nahm.Malinee Müller: Das Ländliche in der Stadt. 2010, S. 113. Hierfür stellte er Ölstudien her. Anker arbeitete monatelang am Gemälde. Am 6. Juli 1890 berichtete er Ehrmann in einem Brief:
Anker vollendete das Gemälde noch 1890 und verkaufte es im selben Jahr. Der Kinderkrippe im Gerberngraben blieb er sehr verbunden. Schon im Februar 1890 schenkte er ihr zum Dank eine seiner Skizzen im Wert von etwa hundert Franken und äusserte in mehreren Briefen an Michaud und Davinet seine Sorge, dass die Diakonisse das Geld für sich behalten und es nicht den Kindern zugutekommen lassen könnte. 1894 schenkte er der Krippe eine Kopie des Gemäldes.In einer Postkarte vom 26. Februar 1894 schrieb Anker an Horace Edouard Davinet: J’ai envoyé ces jours à M. Pétion un dessin que je donne à la crèche du Gerbern-Graben: c’est une copie du tableau d’il ya 3 ans qui est à Bâle. («Ich habe dieser Tage Herrn Pétion [Ankers Rahmenmacher in Bern] eine Zeichnung geschickt, die ich der Gerberngraben-Krippe schenke. Es ist eine Kopie des Gemäldes von vor 3 Jahren, das jetzt in Basel ist.»)
Die Modelle mini|Für diese beiden Kinder soll Ankers Enkelin Elisabeth Oser Modell gestanden haben Ankers Lieblingsenkelin Elisabeth Oser (1888–1982) berichtete, sie sei das Modell für das rothaarige Mädchen links auf der vorderen Bank gewesen. Weil Anker sie auch als Vorlage für das durch die Hand der Diakonisse teilweise verdeckte Kind verwendet habe, habe er ihre Haarfarbe für das erste Mädchen geändert. Diese Informationen überlieferten sowohl Lidia Brefin-Urban (1914–1990)Franz Zelger: Die Kinderkrippe. 1977, S. 48. als auch Ankers Ururenkel Matthias Brefin (* 1943). Oser war zum Entstehungszeitpunkt höchstens zwei Jahre alt.
Über die Diakonisse kursieren gleich mehrere Anekdoten. Der langjährige Hausmeister des Reinhart-Museums, Othmar Eichmann, behauptete 1978, eine alte Besucherin habe sich ihm gegenüber einst als Augenzeugin offenbart, die anwesend gewesen sei, «als Anker die Diakonissin habe malen wollen». Diese habe sich jedoch «wegen ihrer nicht ganz sauberen Haube geschämt», woraufhin Anker «geschwind eine Haube aus Zeichnungspapier gefaltet» habe. Deswegen sei «die Haube auf dem Bild ganz deutlich zu lang und etwas steif». Dasselbe berichtete unabhängig davon auch Lidia Brefin-Urban, die aber gewiss keine Augenzeugin war, dem Historiker Franz Zelger. Peter Wegmann vermutet, Anker habe die schmutzige Haube trotzdem auf dem Stuhl hinter dem Rücken der Diakonisse «als weissen Akzent» gemalt.Peter Wegmann: Die Kinderkrippe. 1993, S. 183. Bei der historischen Diakonisse könnte es sich um «Fräulein Marie Bergmann» gehandelt haben, die zwischen 1891 (für 1890 ist kein Adressbuch auffindbar) und 1906 als Lehrerin an der «Kleinkinderschule» am Unteren Münzgraben und dann am Frickweg in der Matte verzeichnet ist.
Auch der Name des im finalen Gemälde dargestellten Inser Modells ist bekannt. Emanuel Friedli schilderte 1914 im vierten Band seines dialektologischen Monumentalwerks Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums, den er Ankers Heimatdorf Ins widmete, den lebhaften Eindruck, den die Bilder bei der Bevölkerung hervorriefen, welche die Modelle sogleich erkannte. Dabei eröffnete Friedli auch den Namen des Modells für die Diakonisse («Schwester»):
Bei «Niggi Eliis»Müller hat die Frakturschrift in Friedlis Original falsch entziffert und spricht in ihrem Aufsatz beim Diakonissenmodell von «Riggi Eliis», was sie als «Elsbeth Riggi» deutet. Malinee Müller: Das Ländliche in der Stadt. 2010, S. 115. wird der Nachname, wie in den ländlichen Gebieten des süddeutschen Raums häufig, zuerst genannt. Das Schweizerische Idiotikon verzeichnet die Variante «Niggi» für den Namen «Niklaus» als charakteristisch für das Berner Seeland, in dem auch Ins liegt. Der Nachname «Niklaus» wiederum ist in Ins’ östlichen Nachbarorten Brüttelen, Treiten und Müntschemier alteingesessen. Es dürfte sich also um eine «Elisabeth Niklaus» gehandelt haben.
Die weiteren Krippenbilder mini|Albert Anker: Die Kinderkrippe II, 1894mini|Albert Anker: Kleinkinderschule auf der Kirchenfeldbrücke, 1900Anker beschäftigte sich noch in zwei weiteren Alterswerken mit dem Krippenkindermotiv. 1894 vollendete er ein zweites Bild, das die Kinder im selben Raum unter der Aufsicht derselben Diakonisse beim Spielen zeigt. Die Bauklötze darauf waren 1837 von Friedrich Fröbel für den Kindergarten entwickelt worden und vorwiegend in Städten anzutreffen. Auch das Kind mit Zahnschmerzen ist wieder abgebildet; die Diakonisse reicht ihm einen schmerzlindernden Kräutertee. Anker verkaufte das Gemälde an die Mäzenin Madame Léon Gallet-Nicolet († 1926) aus La Chaux-de-Fonds. 1962 geriet es in Zürcher PrivatbesitzSandor Kuthy, Therese Bhattacharya-Stettler: Werkkatalog. 1995, S. 220. und ist heute Teil der Sammlung von Christoph Blocher.