mini|Fiktives Porträt von Hartmann IV. aus dem Jahr 1800, mit dem Wappen der Kyburger Hartmann IV. von Kyburg «der Ältere» († 27. November 1264) war ab 1213 Graf von Kyburg und ab 1229 das Oberhaupt der Dynastie. Er gründete die Städte Aarau und Mellingen AG, möglicherweise auch Zug, ferner die Klöster Töss, St. Katharinental, Fraubrunnen und Paradies. Mit seinem Tod starben die Kyburger 1264 im Mannesstamm aus, und die Grafschaft Kyburg fiel grösstenteils an die Habsburger.
Herkunft Nach dem Aussterben der Grafen von Lenzburg waren die Grafen von Kyburg 1172/1173 in den Besitz weitreichender Lenzburger Allodien, darunter im Gaster, am Walensee, um Baden, Schänis und Beromünster, gekommen. Bei der Geburt Hartmanns des Älteren gehörten die Kyburger somit bereits zu den mächtigsten Adelsgeschlechtern in der Ostschweiz.
Hartmann der Ältere war der zweite Sohn von Graf Ulrich III. von Kyburg († 1227) und Anna von Zähringen († 1226), Tochter von Herzog Berthold IV. von Zähringen († 1186) und Schwester des «letzten» Zähringers Berthold V. († 1218). Er hatte zwei Brüder:
Werner I. (auch Wernher, † 1228), der ältere Bruder, nahm am Kreuzzug Friedrichs II. teil und starb im Herbst 1228 in Akkon. Seiner Ehe mit Alice von Lothringen entstammten drei Kinder: Hartmann V. «der Jüngere» († 1263) heiratete in erster Ehe Anna von Rapperswil († 1253). Der dieser Verbindung entstammende Sohn Werner II. starb noch als Kind. In zweiter Ehe heiratete er 1254 Elisabeth von Chalon († 1275). Die Tochter Anna begründete mit ihrem Mann Eberhard I. von Habsburg-Laufenburg († 1284) 1273 das Haus Neu-Kyburg. Ein weiterer Sohn starb kurz nach seiner Geburt 1264. Clementia wurde mit Rudolf I. von Montfort-Werdenberg († 1243) verheiratet. Ihr Sohn Hugo I. war Graf von Werdenberg. Adelheid (auch Udelhild) wurde mit Friedrich III. von Leiningen († 1287) verheiratet. Ihr Sohn Friedrich IV. war Graf von Leiningen. Ulrich IV. († 1237), der jüngere Bruder, war um 1223 Domherr von Basel, 1229 Domherr von Konstanz, 1231 Probst von Beromünster und schliesslich ab 1233 Bischof von Chur. Es war üblich, dass der dritte Sohn zu einer geistlichen Lebensbahn bestimmt wurde, um ihn von der Erbfolge auszuschliessen. Ferner hatte Hartmann der Ältere drei Schwestern: Hedwig (auch Heilwig, † 1263) wurde 1217 mit Albrecht IV. von Habsburg († 1239) verheiratet. Der Ehe entstammten fünf Kinder: Rudolf IV. (1218–1291) war ab 1240 Graf von Habsburg und ab 1273 als Rudolf I. römisch-deutscher König. Albrecht V. († 1256) wurde Geistlicher. Hartmann starb vermutlich bereits vor 1253. Kunigunde wurde in zweiter Ehe mit Otto II. von Ochsenstein verheiratet. Ihr Sohn Otto IV. war Herr von Ochsenstein. Eine weitere Tochter unbekannten Namens war Nonne im Kloster Adelhausen. Mechthild wurde mit Rudolf VII. von Rapperswil verheiratet, war ab 1231 verwitwet und ging dann vermutlich in ein Kloster. Adelheid wurde mit Gerhard IV. († 1244), Graf von Tollenstein (Dollnstein) und Hirschberg, verheiratet. Leben
Jugend Das Geburtsdatum Hartmanns IV. ist unbekannt. Erstmals werden er und sein älterer Bruder Werner I. in einer Urkunde von 1213 als Grafen von Kyburg erwähnt. Wie im Mittelalter üblich waren die beiden Jünglinge schon früh in die Amtsgeschäfte des Vaters Ulrich III. eingebunden. So ist Hartmann im Jahr 1216 mehrfach im kaiserlichen Gefolge von Friedrich II. bezeugt, was darauf hinweist, dass die Kyburger im ständig schwelenden Streit zwischen Kirche und Kaiser im frühen 13. Jahrhundert noch zur staufischen Partei gehörten.Roger Sablonier: Kyburgische Herrschaftsbildung. 1981, S. 41. Um 1225 gründete Ulrich III. zusammen mit seinen beiden Söhnen das Chorherrenstift Heiligenberg bei Winterthur.
Am 18. Februar 1218 starb Berthold V. von Zähringen in Freiburg im Breisgau. Dessen Schwester war Hartmanns Mutter Anna von Zähringen, und seinem Vater Ulrich III. gelang es, sich die linksrheinischen Besitzungen aus der Zähringer Erbmasse zu sichern. Damit vergrösserte sich der Kyburger Herrschaftsbereich massiv. Das neu erworbene Gebiet umfasste Teile des Zürichgaus und des Aargaus, ferner die Städte Freiburg im Üechtland, Thun und Burgdorf.mini|Die Adelsherrschaften in der Schweiz im 13. Jahrhundert – gelb der Machtbereich der Kyburger um 1200, gelb schraffiert der Zuwachs durch das Zähringer Erbe (um 1254)Wenige Monate nach Antritt des Zähringer Erbes arrangierte Ulrich III. eine Ehe zwischen seinem Sohn Hartmann und Margarete von Savoyen (auch Margaretha, † 1273), der Tochter des Grafen von Savoyen Thomas I. (1177–1233). Die Hochzeit fand am 1. Juni 1218 auf dem neu erworbenen savoyischen Territorium nördlich des Genfersees, in Moudon im heutigen Kanton Waadt, statt und wurde von Hartmanns Mutter Anna von Zähringen, seinem Bruder Werner und seinem Onkel Albrecht IV. von Habsburg bezeugt.Fabrice Burlet: Prestigeträchtige Ehen und grosse Erbschaften? 2015, S. 71. Beide Parteien versprachen sich von dem dadurch gestifteten Bündnis günstige Konditionen für ihre künftige politische Entwicklung. Die Kyburger erhofften sich, ihre stark umstrittenen neuen Zähringer Besitzungen zu stabilisieren und vor Zugriffen der Savoyer, des mächtigsten Konkurrenten in der Westschweiz, zu schützen. Die Savoyer, die zuvor über 20 Jahre im Streit mit den Zähringern gelegen hatten, gewannen einen Freund in der Region, der zumindest für den Moment nicht gegen ihre Expansionsgelüste opponieren würde, und konnten ihren Hauptgegner im Waadtland, den Bischof von Lausanne, politisch isolieren.Eugene L. Cox: The Eagles of Savoy. 1974, S. 19 f. Gewiss spekulierten beide Seiten auch auf etwaige künftige Erbvorteile. Die Eltern statteten das junge Brautpaar mit reichlichen Geschenken aus: Thomas I. gelobte eine Mitgift von 2000 Mark Silber. Ulrich III. vermachte seinem Sohn diverse Westschweizer Besitzungen, darunter Jegenstorf, Münsingen und die Burg Oltigen im heutigen Kanton Bern, und bestimmte Freiburg im Üechtland zu seinem Erbteil. Damit war die Erbteilung zwischen den beiden Brüdern bereits vorgeprägt: Werner I. sollte dereinst die Ostschweizer Besitzungen um die Stammlande bei Winterthur, Hartmann die «Zähringer» Gebiete in der Westschweiz übernehmen. Es kam aber ganz anders.
Regierungszeit als Kyburger Oberhaupt (1229–1250) mini|Siegel von Hartmann IV. (1223) In den Jahren 1226 und 1227 starben kurz nacheinander Hartmanns Mutter Anna und sein Vater Ulrich. 1228 begab sich sein Bruder Werner I. auf den Kreuzzug Friedrichs II. und fiel noch im selben Jahr in Akkon. Als einzigen männlichen Erben hinterliess er seinen Sohn Hartmann V., der damals noch ein Kind war. Dieser wird zur besseren Unterscheidung von seinem Onkel auch «der Jüngere» genannt. Es wird eine Weile gedauert haben, bis die Schreckensnachricht über die Alpen gelangte. Ab 1229 ist Hartmann der Ältere jedenfalls als Vormund seines Neffen bezeugt. Er übernahm damit de facto auch den Herrschaftsteil seines Bruders im Osten und stieg unerwartet zum Oberhaupt der Kyburger auf. In den kommenden zwei Jahrzehnten entfaltete er als Quasi-Alleinherrscher eine rege Tätigkeit und traf dabei wiederholt erratisch wirkende Entscheidungen, die in ihrem Kontext aber durchaus rational erklärt werden können. mini|Schloss Mörsburg in Winterthur, Residenz von Hartmann IV. ab 1244 Der Tod Werners I. hatte territoriale Gelüste bei den anderen ostschweizerischen Agenten geweckt, insbesondere bei den mit den Kyburgern verwandten Habsburgern und den Staufern und ihren Parteigängern. Bereits 1230 begann Hartmann, seiner Frau Margarete umstrittene Kyburger Güter in der Ostschweiz als Witwengut zu überschreiben. Bis 1244 sind 15 Urkunden mit solchen Übertragungen überliefert. Damit wollte er die Besitzungen vor den im Raum stehenden konkurrierenden Ansprüchen absichern, denn sie waren nun zusätzlich von den Savoyern gedeckt. Dabei liess er es aber nicht bewenden. Am 25. April 1244 übertrug Hartmann mit dem formellen Einverständnis seines Neffen die östlichen Besitzungen unter anderem in den Stammlanden um Winterthur (die Stadt Winterthur, das Stammschloss Kyburg, Burg Liebenberg, Schloss Mörsburg) und im Gasterland (Burg Wandelberg, Schänis) dem Bischof von Strassburg Berthold I. von Teck, um sie als Lehen wieder zurückzuerhalten. Sie waren so dauerhaft in Strassburger Lehen verwandelt und offiziell Kirchengut, das vor fremdem Zugriff besser geschützt war. Ausserdem konnte es auch an weibliche Nachkommen weitergegeben werden. Damit hatte Hartmann seine Besitztümer geschickt konsolidiert. Um seinen Herrschaftsanspruch auch symbolisch zu unterstreichen, verlegte er 1244 seinen Regierungssitz wieder in den Osten. Schon 1242/1243 liess er das Schloss Mörsburg bei Winterthur umbauen. Er residierte in der Folge hauptsächlich hier und im Stammschloss Kyburg.
Die Übertragung seines Besitzes an die Kirche markierte auch Hartmanns schrittweisen Seitenwechsel im Streit zwischen Papst und Kaiser seit den 1230er Jahren. Im Jahr 1233 nahm Papst Gregor IX. (1227–1241) Hartmann «in Anerkennung von dessen Bemühungen um die Ausrottung der Ketzer» in seinen Schutz. Ferner verlieh er ihm und seinem Neffen die Vogteien über das Kloster Interlaken, das Kloster Rüeggisberg und die Städte Bern und Murten. Es handelte sich dabei um noch ausstehende Gebiete und Rechte aus dem Zähringer Erbe. Im Streit zwischen Friedrich II. und Papst Innozenz IV. spielte Hartmann schliesslich ab 1243 eine führende Rolle in der päpstlichen, antistaufischen Partei in der Region.
Daneben trat Hartmann auch als Stadt- und Klostergründer hervor. Bereits zu Beginn seiner Herrschaft (um 1230) gründete er als strategische Brückensiedlung zwischen Baden und Lenzburg, die 1173 als Lenzburger Erbe an die Kyburger gegangen waren, die Stadt Mellingen. Zur selben Zeit legte er bei Schloss Lenzburg eine Marktsiedlung an. Zwischen 1240 und 1250 gründete er zusammen mit seinem Neffen am Südufer der Aare die Stadt Aarau. In der älteren Literatur wird er auch als Gründer der Stadt Zug gehandelt, was aber umstritten ist, zumal sich keine zeitgenössischen Quellen dazu finden.
1233 stiftete er mit der Schenkung von Hofstatt und Mühle bei der Tössbrücke das Kloster Töss bei Winterthur. Die Gründung wurde am 19. Dezember 1233 vom Bischof von Konstanz Heinrich von Tanne bestätigt. 1242 stiftete er Grund und Boden zur Gründung des Klosters St. Katharinental bei Diessenhofen im Thurgau. Das Kloster hatte seinen Ursprung in einer Gemeinschaft von Beginen, die um 1230 von Winterthur nach Diessenhofen gezogen waren. 1245 wurden die beiden Frauenklöster von Papst Innozenz IV. in den Dominikanerorden inkorporiert.
1246 stiftete er gemeinsam mit seinem Neffen auch im westlichen Herrschaftsbereich ein Kloster. Zur Gründung des Zisternzienserinnenklosters Fraubrunnen im heutigen Kanton Bern vergaben die beiden ihr Eigengut Mülinen (die Siedlung ist heute verschwunden) und wurden Schirmvögte.
Regierungsteilung mit Hartmann V. (1250–1263) Inzwischen war Hartmanns Neffe Hartmann V. der Jüngere erwachsen geworden und hatte sich zunehmend von seinem Onkel emanzipiert. Seit 1241 stellte er selbst Urkunden aus.Burlet: Prestigeträchtige Ehen und grosse Erbschaften? 2015, S. 72. 1248 heiratete er Anna, möglicherweise eine Tochter von Graf Rudolf IV. von Rapperswil. Der dieser Ehe entspringende, nach seinem Vater benannte Sohn Werner II. starb wenige Jahre nach der Geburt.
Um 1250 wurde die Kyburger Herrschaft geteilt: Hartmann der Ältere übernahm das ursprünglich für seinen Bruder vorgesehene Ostschweizer Gebiet östlich der Reuss mit seinem Regierungssitz bei Winterthur, Hartmann der Jüngere die Gebiete westlich der Reuss sowie Arth und Zug.