Die Aarelandschaft bei Klingnau ist ein Schweizer Landschaftsschutzgebiet, das im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) aufgeführt ist. Die im Inventarwerk beschriebene geschützte Landschaft (BLN-Objekt Nr. 1109) mit einer Fläche von 360 Hektaren liegt im Kanton Aargau am letzten Flussabschnitt der Aare bis zur Mündung in den Rhein und stösst an die Landesgrenze zwischen der Schweiz und Deutschland. Sie ist das unterste der 16 BLN-Landschaftsobjekte am Aarelauf und eines von vier solchen Objekten am Hochrhein.

Auch wenn die Gegend bei der Stadt Klingnau mehrheitlich eine menschengemachte Kulturlandschaft ist und nur zum kleinen Teil aus Restgebieten der Naturlandschaft in der einstigen Flussaue besteht, ist sie doch ein wichtiger Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten. Sie ist der Schutzgebietkategorie V der International Union for Conservation of Nature and Natural Ressources (IUCN) zugeordnet. Die mit Strassen und Wegen gut erschlossene Landschaft zwischen mehreren Siedlungszentren hat dank ihrer Strukturvielfalt mit Naturschutzgebieten, öffentlichen Rastplätzen und landwirtschaftlichem Nutzland auch eine bedeutende Funktion als Freizeitraum und Naherholungsgebiet an Aare und Hochrhein.

Der Naturraum, durch den die Aare in einer breiten Rinne zwischen zwei Bergzügen nach Norden fliesst, bildet aus geomorphologischer Sicht ein zu einem Talkessel erweitertes Durchbruchstal im Tafeljura. Die Talsohle weist seitliche Schotterterrassen und dazwischen Flussauen auf, deren Gestalt durch Flusskorrektionen und den Bau des Kraftwerks Klingnau stark verändert wurde. Die Relikte der ehemaligen Auen und die neue Gewässerlandschaft mit dem Klingnauer Stausee machen zusammen ein Habitat von grossem ökologischem Wert aus und wurden deshalb in den 1960er Jahren in das nationale KLN-Inventar und später auch in das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen. Wegen der hohen Biodiversität in den Naturreservaten und der Funktion des künstlichen Sees als Vogelschutzgebiet von internationaler Bedeutung zählt die Landschaft zu den Schweizer IBA-Arealen (Important Bird and Biodiversity Areas) und Ramsar-Gebieten. Mehrere Zonen im Gesamtumfang von 112 Hektaren sind unter der Bezeichnung «Auenreste Klingnauer Stausee» im Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung ausgewiesenKarte des Schutzgebiets «Auenreste Klingnauer Stausee» (Swisstopo). und gehören zum Auenschutzpark Aargau. Zusammen mit anderen Schutzobjekten ist die Aarelandschaft von Klingnau und Koblenz ein wichtiges Element der Ökologischen Infrastruktur im Norden des Juragebirges und des «Biotopverbunds am Rhein», den die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins wiederherstellen will.

Geografie und Landschaftsgeschichte mini|340px|Die Auenlandschaft vor der Flusskorrektion (Siegfriedkarte, um 1890) Die im BLN ausgewiesene geschützte Landschaft umfasst Flächen der Gemeinden Böttstein, Döttingen, Klingnau, Koblenz und Leuggern im aargauischen Bezirk Zurzach. Sie liegt an der vier Kilometer langen letzten Flussstrecke der Aare von der Brücke der Hauptstrasse 17 zwischen Döttingen und Kleindöttingen bis zur Brücke der Rheintalstrasse (Hauptstrasse 7) bei der Mündung des Flusses in den Rhein. Die Fahrbahn der Hauptstrasse 7 und die Böschung am Rheinufer und somit genau genommen auch die Spitze der Landzunge, an der das Wasser der Aare und des Rheins aufeinandertreffen, befinden sich (entgegen dem Vorschlag des KLN-Inventars) nicht im BLN-Gebiet.Karte der «Aarelandschaft bei Klingnau» (Swisstopo)

Die Oberfläche der Auenlandschaft liegt auf durchschnittlich und sinkt mit einer schwachen Hangneigung gegen Norden hin ab. Mit dem geringen natürlichen Sohlgefälle der Aare beträgt die Höhendifferenz von Döttingen bis zur Aaremündung nur etwa sieben Meter. Aufgeschüttete Seitendämme und das Stauwehr beim Kraftwerk Klingnau umfassen ein Seebecken, dessen Wasseroberfläche bis zu vier Meter über der Umgebung steht. Die Oberkante der Dämme liegt auf Aarelandschaft bei Klingnau auf der Landeskarte der Schweiz.

Bei der Ortschaft Felsenau, die zur Gemeinde Leuggern gehört, mündet die Aare in den Rhein. Sie ist dessen wasserreichster Nebenfluss und hat ein grösseres Einzugsgebiet (17'755 km²) als der Rhein oberhalb der Aaremündung (15'944 km²) und mit durchschnittlich 525 Kubikmeter Wasser pro Sekunde (m³/s) auch einen grösseren Abfluss bei der Mündung in den Rhein, der bei Koblenz eine durchschnittliche Wassermenge von 445 m³/s führt. Deshalb gilt der Aarelauf, der in den Berner Alpen beginnt, als eigentlicher hydrologischer Hauptstrang im oberen Teil des Flusssystems des Rheins. Die starke Strömung der wasserreichen Aare, die bei extremem Hochwasser ein Vielfaches der durchschnittlichen Wassermenge führt (beim Jahrhunderthochwasser 2007 bis zu 2'656 m³/s.), prägte die Auenlandschaft bei Klingnau.

In der scharfen Flusskurve des Rheins vor der Aaremündung befinden sich an der Landesgrenze mehrere Inseln, von denen die grösste als abgetrenntes Areal in das Gebiet der geschützten Landschaft mit einbezogen ist, während andere auf deutschem Staatsgebiet liegen. Die Stelle liegt oberhalb des Rückstaus durch das Rheinkraftwerk Albbruck-Dogern. Mit der natürlichen Gewässerdynamik des Rheins, die sich bei Koblenz und vor der Aaremündung noch ungestört entfalten kann, verändern sich allmählich die Formen dieser Kieshügel und auch die darauf wachsende Vegetation. Auch im letzten Abschnitt der Aare haben sich als Überreste der ehemaligen Auenlandschaft Kiesbänke gebildet, die aber nur bei tiefem Wasserstand zu sehen sind.Aarelandschaft bei Klingnau auf der Landeskarte der Schweiz.

In der weiten Niederung bei Klingnau schuf die noch unverbaute Aare bei Hochwasser durch Erosion und Akkumulation immer wieder neue verzweigte Flussarme zwischen kleinen und grossen Kiesinseln und Sandbänken, was die Schifffahrt erheblich erschwerte. In der frühen Neuzeit lag das Flussbett, wie historische Abbildungen seit der Zürcher Karte von Hans Conrad Gyger aus dem Jahr 1667 zeigen, am rechten Talrand unter dem Hügel, auf dem die Altstadt von Klingnau steht. Die Gemeinden suchten ihr Kulturland mit Uferdämmen und Schupfwuhren aus Holz und Stein gegen die Erosion zu sichern, so gut es ging. Bei Klingnau entstand im 19. Jahrhundert aus den Kiesflächen «Schiffmühlegrien» und «Grosses Klingnauer Grien» eine zusammenhängende Flussinsel zwischen den zwei neuen Hauptarmen der Aare. Die fast zwei Kilometer lange, vom Hochwasser nur noch selten erreichte Anhöhe mit dem Flurnamen «Umberau» war an den Rändern von Gras, Gebüsch und Auwald bedeckt und wurde im Inneren als Feldflur genutzt. Die Anwohner erreichten die Insel mit Fähren oder durch Furten. Kurz vor 1900 wurde die Umberau bei der Begradigung des Flussbetts grösstenteils abgegraben.

Der in den Regionen an Hochrhein und Aare für viele Landstücke in den Flussauen benützte Ausdruck «Grien», im lokalen Dialekt an der unteren Aare «Grie», ist ein altes schweizerdeutsches beziehungsweise alemannisches Wort für Kies. Es kommt an der Aare und auch an Flussabschnitten des Rheins zur Bezeichnung offener Schwemmgebiete in den Auen und als Flurname für Kiesinseln vor.Lemma Grien im Schweizerischen Idiotikon. Beispiele ausserhalb der Klingnauer Auenlandschaft sind die Aareinsel «Fischergrien» bei Lauffohr acht Kilometer oberhalb von Döttingen, die Rheininsel «Griendli» bei Koblenz, das Weidengrien bei Kadelburg im deutschen Landkreis Waldshut und das Kapellengrien am Rhein im Landkreis Lörrach.

mini|Fluss- und Auenlandschaft bei Koblenz mit Aare und Rhein (Bildersammlung der ETH-Bibliothek) Während die geologischen Verhältnisse der Bodenoberfläche im Gebiet am Klingnauer Stausee durch quartäre Sedimente geprägt sind, erheben sich ausserhalb des Talbodens (und des BLN-Schutzgebiets) auf beiden Seiten der Flussniederung Höhenzüge des Juragebirges, an deren Flanken an einigen Stellen Kalkschichten aufgeschlossen sind. Der rund 200 Meter hohe, halbinselartige Bergrücken mit dem Acheberg und dem Zurzacherberg zwischen Klingnau und Bad Zurzach trennt das untere Aaretal vom Rheintal im Osten; seine höheren Lagen bestehen aus Kalk- und Tongestein der Wildegg-, Villigen-, Passwang- und Klingnauformationen, des Hauptrogensteins und des Opalinustons. Der Berg ist auf beiden Seiten an den Talrändern zu Steilhängen erodiert und grossflächig von alten, stark verwitterten Deckenschottern und teilweise von Gletschermoränen bedeckt, auf denen zahlreiche Findlinge liegen. Die weniger als 100 Meter hohe Anhöhe von Full-Reuenthal westlich von Leuggern und Felsenau liegt ebenfalls wie eine Halbinsel zwischen dem Unterlauf der Aare und dem Rhein bei Leibstadt im Westen. Dieser niedrige Berg weist nur bei Felsenau und Reuenthal geringe Aufschlüsse von Muschelkalk und von Gips auf, weil das einst von den früheren Gletschern vollständig überfahrene Gebiet sonst fast überall von Lehmschichten und Kiesablagerungen bedeckt ist, die in den Flusstälern in die Schotterterrassen übergehen. Das lokale Gipsvorkommen wurde früher in einem Bergwerk ausgebeutet und in einer Gipsfabrik am Aareufer verarbeitet. Weiter im Südwesten erheben sich die Berge des Aargauer Tafeljuras mit den gleichen geologischen Sedimentschichten wie am Zurzacherberg. Die Abfolge der Sedimentgesteine im Aargauer Jura ist dank einigen tiefen Sondierbohrungen bekannt. Die Bergzonen gehörten während der Entstehung der Gesteine vor rund 200 bis 150 Millionen Jahren zu einem riesigen Ablagerungsmassiv in einem Urmeer. Bei der Hebung des Juras und schliesslich – im Quartär – während des Eiszeitalters wurden die Höhenzüge von Flüssen und Gletschern durchschnitten. Bei der grössten Ausdehnung des nordalpinen helvetischen Gletschers in der Riss-Eiszeit floss die Masse der Eisströme durch das Aaretal bis zum Nordfuss des Juragebirges und an den Südrand des Schwarzwalds und beim Maximalstand noch weiter gegen Westen durch das Rheintal bis in die Gegend von Möhlin hinunter. Der Gletscher schuf innerhalb der nördlichsten Jurakette das weite Becken, in dem heute die Landschaft von Klingnau und Leuggern liegt. Während der letzten Eiszeit blieb die Region von Brugg bis Koblenz dagegen eisfrei und lag im weiten Gletschervorfeld unterhalb des Rhein-Linthgletschers, des Reuss- und des Aare/Rhonegletschers. Die Gletscherflüsse des Systems Aare-Rhein füllten die tiefen Gräben mit Sedimenten und formten die Schotterterrassen der heutigen Landschaft bei Klingnau. Bei Sondierbohrungen im Klingnauer Stausee in den 1950er Jahren stiess man bis in die Tiefe von zehn Metern nur auf Kiesablagerungen und noch nicht auf das feste Gebirge des Untergrunds. Kleine Bachschuttkegel ergänzten die Sedimente an einigen Stellen der Talränder mit Schutt von den Berghängen. Bis in die jüngste Zeit überfluteten Hochwasser der Aare immer wieder das Tal und veränderten mit dem verfrachteten Geschiebe nach und nach die Oberfläche des Auengebiets. mini|Bach im Gippinger Grien