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Willisdorf, erstmals im Jahr 846 beurkundet, ist eine kleinere Ortschaft in der Schweiz, südlich von Diessenhofen am Rhein. 1263 wurde in diesem Dorf eine Mühle ersterwähnt,Hans Nater: Die alten Mühlen im Thurgau. 1971. Kantonsbibliothek Thurgau die auch in der Gegenwart mit historischen Gebäuden noch existent ist und als Teil eines KMU für die Backmehlproduktion betrieben wird. mini|Mühle Willisdorf 2024, Sicht von Osten Von den einst zehn Wassermühlen am 12 km langen Geisslibach hat nur die Mühle Willisdorf, trotz vieler Krisen und Besitzerwechsel im späten Mittelalter, die Zeit überdauert. Zentrale Bedeutung erlangte immer die Getreidevermahlung. Vor allem im 18. Jahrhundert kamen weitere Gewerbebetriebe sowie umfangreicher Grundbesitz dazu.
Seit 1857 steht die Mühle im Besitz der Familie Bachmann von Diessenhofen, nun in der sechsten Führungs-Generation. Im 20. Jahrhundert, nach langem Gleichstand, veränderte sich die Energie- und Mühlentechnik durch viele Innovationen grundlegend. 1962 wurde der Betrieb mit einer Getreidesammelstelle und 2012 durch eine Futtermühle mit Mischfutterwerk sowie 2014 durch eine Siloanlage für Getreide in Winterthur-Töss erweitert.
Die Mühle Bachmann AG hatte im Jahr 2025 15 Vollarbeitsplätze mit Lehrlingsausbildung in Willisdorf. Die Annahmekapazität beträgt 60 t/h. Die Mahlleistungen verschiedener Produkte sind: Backmehl 350–400 kg/h, Futtermehl 6–8 t/h. Es werden, nebst Backmehlprodukten, Fertigfutter und Futterzusätze für zahlreiche Tierarten hergestellt und zusammen mit landwirtschaftlichen Handelsprodukten auch im Mühlenladen verkauft. Der Betrieb verfügt über vier LKWs für Lose- und Gebinde-Umschlag. In Zusammenarbeit mit der Anitech SA werden Futtermittel entwickelt und ein Beratungsdienst angeboten.
Elektrischer Anschlusswert Total: 630 kVA, max. genutzt 450 kW, davon für die Backmehlproduktion (Historische Mühle): 35–40 kW. Die Nutzung der Wasserkraft mit Stromerzeugung (um 110 MWh jährlich) wurde 2020 aufgegeben.
Geschichte Mittelalter: Adels- und Klosterbesitz mini|Gygerkarte 1667 («öffentliche Ausgabe»)Staatsarchiv des Kantons Zürich; Ausschnitt Willisdorf (Bildmitte). Der Bachverlauf lässt auf zwei Mühlen (untere und obere) schliessen mini|Gygerkarte 1667 („geheime strategische Ausgabe“)Zentralbibliothek Zürich mini|Hanhart-Karte 1776, Mühle WillisdorfStaatsarchiv des Kantons Thurgau
Nach einer ersten Urkunde von 846 übertrug der Adelige Wolverat ein Grossteil seines Besitzes zu Williudorf an das Kloster St. Gallen.Helen Bachmann-Ruesch: Die Geschichte der Mühle Willisdorf – Vom Anfang bis heute. CW Druck, Flims 1988. In der Folge gab es durch andere Besitzer weitere Schenkungen und Verkäufe von Gütern an diesen Konvent. 1246 veräussert der Abt von St. Gallen «der Priorin und den Schwestern in Diessenhofen ein Gut in Willisdorf für 84 Mark Silber zu beständigem Besitz». 1263 gelangte auch die Mühle mit Gütern in Willisdorf, sowie weitere Mühlen der Umgebung, in den Besitz des 1245 gegründeten Dominikanerinnen-Klosters St. Katharinental.
Mühlenstandorte 1358 wurden die «obere Mühle» in Willisdorf erwähnt. Zwei Kartenauszüge von 1667 (Hans Konrad Gyger) lassen zwei direkt hintereinander liegende typische Bachverzweigungen mit Oberwasser/Unterwasser und Restwasserverlauf, bei allerdings unterschiedlich angrenzenden Gebäuden, erkennen. Es ist daher ungewiss, ob im 17. Jahrhundert gleichzeitig zwei Mühlen betrieben wurden (die zweite Karte von Gyger spricht eher dafür); fest steht nur die Existenz der nördlichen (unteren) Mühle. Gemäss Plan von 1776 (Johannes Jakob Hanhart) ist dagegen nur die noch bestehende südliche (obere) Mühle («auferbauet» 1745) an einem veränderten Oberwasser-Verlauf ersichtlich. Der höher ausgelegte Zufluss ermöglichte offensichtlich eine verbesserte Effizienz der Wasserkraft.
Lehenszins Nebst Ablösungszahlungen (bzw. Verkaufspreise) für die Lehensrechte waren auch nach der 1798 erfolgten Güterbeschlagnahme durch den Staat, bis zur endgültigen Säkularisierung des Klosters 1869, ein Jährlicher Lehenszins in Form von Naturalien auf St. Martinstag abzuliefern. Ausgehend von 1490 betrug er sieben (später erhöht auf acht) Mut Kernen und ein Fasnachthuhn. Diese Regelung hatte Bestand bis 1860 und bildete auch die Grundlage (10 Termine von 1860 bis 1870, kapitalisiert auf Fr. 2’138.75), für die Auslösung von Gottfried Bachmann bei der Aufhebung des Klosters 1869. Ein Teil der Feldflächen konnte schon nach dem Beginn der Helvetik 1798, als «Eigengut» erworben werden und wurde damit zins- und zehntenfrei.
Umfangreicher Gewerbebetrieb im 18. Jahrhundert mini|Umfangreicher Besitz um 1775 (Grundlage: Gyger- und Hanhart-Karten) 1435 wird Uli Enterschiesser als Müller und Erblehensnehmer ersterwähnt. Im 16. bis 18. Jahrhundert gab es bei den Müllern viele Wechsel, teils auch nach Pfändungen und Konkursen (s. Zeittafel). Während des Dreissigjährigen Krieges wurde der Mühlenbetrieb 1635 von Hans-Ulrich Mettler um eine Säge und Walche erweitert. 1661 kam eine Ölmühle dazu. Ab 1730 wurde auch der Grundbesitz durch Zukauf im Erblehen, von Leonhardt Küchli von Diessehofen, mit dem «Becken- oder Hungengüetli», dem «Lazarussen-Guetli» (Langfurfuri) und dem «Blatten- oder Weltisigüetli», beträchtlich vergrössert. Im Juni 1745 bat er die Klosterfrauen um Holz für die «Auferbauung» (wahrscheinlich Neubau) der oberen Mühle. Nach Aufnahme eines Darlehens von 5500 Gulden geriet Küchli 1756 in Konkurs. Es folgten nun weitere Besitzerwechsel der Mühle mit den Lehensgütern. 1766 wurde Dr. Franz Michael Rauch von Diessenhofen neuer Besitzer. Kaufpreis: 7865 Gulden und «12 Louisdors Frankengeld». Neu hinzu kam nun noch das «Klein-Kundelfinger-Güetli» sowie eine Hanf-/Flachsreibe und eine Lohstampfe. Ab 1781 fanden weitere Handänderungen und Verpfändungen statt; die Mühle und die im 18. Jahrhundert hinzuerworbene Güter gingen an mehrere neue Besitzer.
19. Jahrhundert: Übergang zum Privateigentum mini|Historische Mühle (links), Scheune und Stall 1811 erbaut (rechts), Wohnhaus ganz rechts kam später hinzu. Rot: frühere Transmissionswelle 1807 wurde die Mühle mit dazugehörenden Gütern durch Sebastian Zahn von Basadingen und Felix Zulauf, Bleicher und Lehensnehmer zu Kundelfingen, um die Gesamtsumme von 12'000 Gulden Reichswährung für die Lehensrechte per Gant, käuflich erworben. Wenig später verkaufte Zahn seinen Anteil an Zulauf, welcher die Mühle renovierte und vier Jahre danach Scheune und Stall neu erbaute (noch bestehend). Vom Mühlengebäude führte eine Transmissionswelle in diesen Neubau um die Wasserkraft auch für stationäre landwirtschaftliche Maschinen (zum Beispiel Futterschneidemaschine) nutzen zu können. Das alte Ökonomiegebäude, zwischen dem historischen Mühlengebäude und der gegenwärtigen Getreidesammelstelle, wurde noch vor dem Neubau abgebrochen.
Letzte Lehensnehmer mini|Kaufvertrag 1857Max Bachmann: Mündliche Informationen, Dokumente und Fachschriften aus Archiv Mühle Willisdorf. 2024
1857 kauften die Gebrüder Gottlieb und Gottfried Bachmann von Diessenhofen von Rudolf Zulauf die Lehensrechte der ganzen Liegenschaft mit 38 Juchart (um 12 ha) Land, Mühle, Wohnhaus, Scheune-Stall, Holzhaus und Keller, Säge und Reibe, inklusive Gerätschaften, Fahrhabe, Vorräte und Vieh zu einem Preis von Fr. 51'000. 1869 bei der Aufhebung des Klosters, wurde zusätzlich noch die erwähnte Ablösungszahlung von Fr. 2'138.75 fällig.
Schwierige wirtschaftliche Voraussetzungen Wirtschaftliche Situation: Nach etwa 1850 gab es einen Rückgang des arbeitsintensiven Getreidebaues zugunsten der Vieh- und Milchwirtschaft, zudem zunehmende Getreideimporte zu tiefen Preisen infolge Aufkommen des Dampfschiff- und Bahntransportes. Es entstanden die ersten Grossmühlen mit der Walzen-Mahltechnik. Dies führte zu Konkurrenzdruck. Eine vom Finanzplatz Wien ausgelöste Krise, die Grosse Depression, hatte geringere Nachfrage und fallende Preise für Agrarprodukte zur Folge.
Die Zeit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war, nebst familiären Krisen und Schicksalsschlägen, durch ein sich verschlechterndes wirtschaftliches Umfeld infolge Konkurrenz, Absatzrückgang und Preisdruck gekennzeichnet. 1881 übernahm Katharina Bachmann-Forster (1838–1896) die Mühle. Nach ihrem frühen Tod 1896 stand der Verkauf des Betriebes auf Messers Schneide. Ab 1900 führte ihr Sohn Konrad Bachmann-Forster (1864–1937), welcher bis dahin als Landwirt in Berg bei Weinfelden tätig gewesen war, die Mühle mit Landwirtschaft weiter. mini|Preissteigerungen während des 1. Weltkrieges
Kriegszeiten: Wertschätzung bei strenger Regulierung Vor und während dem Ersten Weltkrieg veränderte sich die Lage: Rückgang der Getreideimporte; Mangelsituation und enorme Preissteigerungen führten zur staatlichen Unterstützung der landeseigenen Lebensmittelproduktion. Die Müllerei prosperierte, Investitionen (1913 zum Beispiel eine Gebäudrerenovation) konnten umgesetzt werden. Auch die Nachkriegszeit war durch die weitere Bundesförderung der Landwirtschaft gekennzeichnet. Für Kundenmühlen vorteilhaft waren etwa die 1925 vom Bundesrat beschlossenen Mahlprämien zur Förderung und Stützung der Selbstversorgung. Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich wieder eine ähnlich günstige wirtschaftliche Situation für die Müllerei ab.
1932 wurden die Mühle und Landwirtschaft innerhalb der Familie getrennt. Konrad Bachmann-Stutz (1896–1985) übernahm die Müllerei und Gottfried Bachmann-Schaub (1864–1934) den Landwirtschaftsbetrieb.
mini|1941: Für Getreide- und Mehltransporte mit dem Lastwagen standen pro Monat nur 70 lt Benzin zur Verfügung In den Kriegsjahren 1939–1945 galten für alle Handels- und Kundenmühlen die vom Kriegsernährungsamt herausgegebenen Mahlvorschriften. Das Mehl durfte gemäss Typenmuster gleich oder etwas dunkler, auf keinen Fall jedoch heller vermahlen werden. Es kam diesbezüglich landesweit zu vielen Verzeigungen mit harten Strafen. Im Bestreben, die Kundenwünsche bestmöglich zu erfüllen, war auch Konrad Bachmann, infolge zu heller Mehlproben, mehrmals davon betroffen. Für den Bezug von Weissmehl aus gesundheitlichen Gründen musste dem Müller ein Arztzeugnis vorgelegt werden. Alle Warenflüsse, vor allem Getreide und Mehl, wurden von den Behörden streng überwacht. Die beantragten monatlichen 200 lt Benzin für den Lastwagen, wurden von der Polizei/Zoll auf die regulären 70 lt beschränkt. Der Warenverkehr mit den Kunden in Büsingen lief über den «Ortsbauernführer» ab;Rapporte des Ortsbauernführers von Büsingen vom 21. Dezember 1944 und 19. Februar 1945 (Archiv Mühle Willisdorf) ein spezielles Bewilligungsverfahren, regelte den zeitaufwendigen Grenzübertritt.
Neue Epoche: Mähdrusch und Fertigfutter mini|Weizen-Sacklager mit 100 kg Bundessäcken um 1963 In den 1960er Jahren fand der Übergang zur Mähdruschernte statt. Für den Umschlag und die Aufbereitung/Trocknung der nun kurzfristig anfallenden Erntegüter in hohen Tonnagen fehlte zunächst die notwendige, völlig andersartige Infrastruktur. Im Bestreben, an diesem neuen Geschäftszweig zu partizipieren, standen die Firma Bachmann und weitere Privatfirmen in einem Konkurrenzverhältnis mit den Landwirtschaftlichen Genossenschaften VOLG, welche hier ein Monopolrecht für die Aufbereitung und Abgabe von Brotgetreide anstrebten. Zuständig für die Regulierung waren die Eidgenössische Getreideverwaltung (EGV) und betreffend Rechtssprechung die Eidg. Getreiderekurskommission. Es wurde entschieden, dass auch die Firma Bachmann als Privatbetrieb eine Getreidesammelstelle mit kollektiver Annahme einrichten und betreiben kann, was sich zusammen mit entsprechenden baulichen Anschlussprojekten umsetzen liess.