Die Theodor-Herzl-Schule (THS) war eine private zionistische und religiös neutrale Volksschule des jüdischen Schulvereins in Berlin, in der von 1920 bis zu ihrer Schließung im Jahr 1939 jüdische Schüler koedukativ unterrichtet wurden. Drei Jahre vor ihrer Schließung wurde sie umbenannt. Namensgeber war Theodor Herzl (1860–1904), ein österreichisch-ungarischer Wegbereiter für die Gründung des Staates Israel.
Geschichte Die Geschichte jüdischer Schulen in Deutschland ist laut Jochanan Ginat kaum erforscht. Ein „Versuch“ wurde Ginat zufolge von Solomon Colodner mit seiner Dissertation Jewish education in Germany under the Nazis unternommen, die er am Dropsie College in Philadelphia vorlegte. Vor 1933 empfanden viele Juden jüdische Schulen als „Schwächung ihrer Integration in die deutsche Kultur“. Trotz aller Assimilationsbemühungen gab es 1922 etwa zweihundert jüdische Schulen in Deutschland mit mehr als 20.000 Schülern, die in den Jahren danach kontinuierlich zurückging.
mini|Stempel der Theodor-Herzl-Schule Im Jahr 1920 wurde die Berliner Schule unter dem Namen Private Volksschule des Jüdischen Schulvereins gegründet. In Ermangelung von Räumen nahm sie ihre Arbeit mit den ersten sechs Schülern in der Privatwohnung von Arthur Nathan – einem der Gründer des jüdischen Schulvereins – auf. Ihre Umbenennung erfolgte nach dem letzten von insgesamt vier Umzügen drei Jahre vor ihrer Schließung. In den Amtlichen Bekanntmachungen vom Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wurde am 31. Mai 1936 mitgeteilt: „Die Schule am Kaiserdamm hat auf ihren Antrag von der Schulaufsichtsbehörde die Erlaubnis erhalten, fortan den Namen ‚Theodor-Herzl-Schule‘ zu führen.“
In den 19 Jahren ihres Bestehens war die Schule an verschiedenen Orten untergebracht: in den 1920er Jahren zunächst am Stuttgarter Platz, dann im Hof der Synagoge Fasanenstraße, danach in der Grolmannstraße, anschließend in der Klopstockstraße und schließlich von 1933 bis zur Schließung am Kaiserdamm 77–79 in Berlin-Charlottenburg. Dort kam es 1936 zur Umbenennung.
Nach der Schließung der Schule – „eine direkte Folge der Kristallnacht“ – wurde die Auswanderung der Schüler von Paula Fürst organisiert. Sie wurden in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe wurde auf eine Schule in Talpiot, einem Stadtteil von Jerusalem, geschickt, eine zweite Gruppe kam nach Jagur und eine dritte nach Ben Shemen.
Im April 1939 publizierte Martin Deutschkron – Vater von Inge Deutschkron und nach Entlassung aus dem öffentlichen Schuldienst Lehrer an dieser Privatschule – aus Anlass der Schließung im Jüdischen Nachrichtenblatt eine Art Nachruf auf die Schule. Von „zionistischen Eltern gegründet“ habe sie „als Familienschule klein angefangen“, dann aber ab 1933 „einen ungeahnten Aufschwung genommen“. Diese Schule hätten tausende von Schülern durchlaufen. Zur Schulschließung schrieb er: „Die Verhältnisse sind oft stärker als der Wille, und so fällt diese Schule den wirtschaftlichen Zeitverhältnissen zum Opfer.“ Diese kryptisch anmutende Begründung ist der Tatsache geschuldet, dass das Jüdische Nachrichtenblatt nie den Prinzipien der Pressefreiheit unterlag. Laut dem Leo Baeck Institut nahm es seine Berichterstattung auf Anordnung der Nazis auf, nachdem andere jüdische Zeitungen ihr Erscheinen einstellen mussten. Es stand unter strenger Kontrolle des nationalsozialistischen Regimes. Ausschließlich akzeptierte Texte durften veröffentlicht werden.
In der Reichspogromnacht wurde das Haus am Kaiserdamm „in Brand gesteckt und verwüstet, im März 1939 folgte die endgültige Schließung durch die Nationalsozialisten“.
mini|links|Erklärung der Unabhängigkeit Israels 1948 mit dem Porträt von Herzl mini|Eingang der Herzl-Schule in Haifa mit Herzls Büste Herzl hatte sich für die Gründung des Staates Israel eingesetzt. Er organisierte den ersten Zionistenkongress und gilt laut dem Historiker Michael Brenner als einer der Begründer des politischen Zionismus. Nach ihm ist unter vielem anderen auch eine bis heute aktive Schule in Haifa benannt, über deren Eingang sich eine ihm nachgebildete Büste befindet.
Die Leibniz-Gemeinschaft will Kultur bewahren, ihre zahlreichen Archive werden als „sammelnde Spezialarchive“ verstanden. Eines ihrer Archive sammelt Dokumente über die Theodor-Herzl-Schule. Es umfasst handschriftliche Mitschriften, Schulbücher, Abschiedsmappen für auswandernde Kinder, ein handgefertigtes Misrach-Tuch, eine handgefertigte Schriftrolle für das Purimfest und Schul- und Arbeitszeugnisse. Daneben stellten ehemalige Schülerinnen und Schüler Briefwechsel, Fotografien und Zeitungsartikel über die Schule als Originale oder in Kopie zur Verfügung, mitunter ergänzt durch Berichte über die Erinnerungen an die Schulzeit.
Am 31. Oktober 2000 ist am Kaiserdamm 78, an dem sich zu diesem Zeitpunkt ein Gebäude des Sender Freies Berlin (SFB) befand, in Anwesenheit von Andreas Nachama, dem seinerzeitigen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, und im Beisein des damaligen SFB-Intendanten Horst Schättle sowie von Monika Wissel, der zu dieser Zeit amtierenden Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, eine vom SFB finanzierte Gedenktafel enthüllt worden. Der Bibliothekar Christian Ritzi, Leiter der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, war der Überzeugung, die „wenigsten Berlinerinnen und Berliner“ könnten den Hinweis auf eine „religiös neutrale zionistische Schule“ interpretieren.
Vorgeschichte Ein gesellschaftspolitisch bedeutsamer Prozess innerhalb der jüdischen Gemeinde – „vor allem an den jüdischen Schulen deutlich abzulesen“ – wurde in einer von Jochanan Ginat unter seinem Geburtsnamen Hans Gärtner verfassten und 1956 vom Leo Baeck Institut herausgegebenen Schrift beschrieben. Sie trug den Titel Die Problematik jüdischer Schulen in Deutschland unter dem Hitler-Regime. Vor 1933 distanzierte sich „die nicht-orthodoxe Mittelschicht der Großstädte“ als repräsentativer Teil der deutschen Juden von der jüdischen Schulbewegung. In dieser ablehnenden Haltung „kamen sämtliche Vorurteile der assimilierten deutschen Juden zum Ausdruck.“ Kritisiert wurde insbesondere ein Mangel an Ordnung und Disziplin. Zwischen 1933 und 1938 entwickelte sich mit „nie dagewesener Intensität“ eine „neue jüdische Lebensweise“. Dieser „Anachronismus“ ist laut Ginat nur eingedenk der Tatsache erklärlich, „dass die Nazi-Politik damals zwar alles daran setzte, die Juden aus dem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben auszuschließen, aber noch nicht auf deren Vernichtung abzielte“. Dadurch kam es zu einer „Wiederbelebung des jüdischen Gemeindelebens“ und zugleich zum Aufgeben der „jahrhundertealten Assimilationsbestrebungen“. Der Wechsel von einer deutschen zu einer jüdischen Schule war umstritten, auch familienintern. Oft waren es die Kinder und Jugendlichen, „die eine jüdische Schule einer deutschen vorzogen“. mini|Gedenktafel am Haus Ziegelstraße 12, in Berlin-Mitte Hanna Shalem zeichnet in ihrer Reise in die Vergangenheit das Wachstum der Berliner Gemeinde in Berlin nach, die von 4000 registrierten Juden im Jahr 1895 auf 172.500 im Jahr 1925 wuchs – bei einer allerdings als hoch einzuschätzenden Dunkelziffer. Sie stammten laut Shalem bevorzugt aus der „gebildeten Schicht“, zwei Drittel der „größeren Unternehmer und Immobilieneigentümer“ waren jüdischer Herkunft. Das jüdische Schulwesen in Deutschland begann Shalem zufolge im 19. Jahrhundert mit der „Gründung der Knabenschule in der Großen Hamburger Straße“ im Jahr 1825. Zehn Jahre später kam es 1835 zur „Gründung einer entsprechenden Mädchenschule“, noch bevor die erste städtische höhere Mädchenschule ihre Pforten öffnete. Im Jahr 1839 wurde das Lehrerseminar gegründet und 1850 die allgemeine Schulpflicht verkündet. Jüdische Studenten, die die Assimilation ihrer Eltern als „Zeichen von Anbiederung“ werteten, wandten sich den Zionisten zu. In Verbindung mit der zionistischen Bewegung entwickelte sich ein „Machtkampf in der Jüdischen Gemeinde“. Jüdische Schulbildung wurde in der Gemeinde zum „zentralen Streitpunkt“ der Zwanzigerjahre.
Nissan und Betty Berggrün verfassten am 4. September 1936 in der Jüdischen Rundschau einen Artikel über die Gründung der Hebräischen Sprachenschule. Sie wurde 1919 mit 14 Klassen, jedoch ohne eigene Räume eröffnet, so dass andere Institutionen aushelfen mussten. Im selben Jahr wurde der Jüdische Schulverein mit neutraler Ausrichtung gegründet, damit unabhängig von religiöser oder politischer Position darin mitgearbeitet werden konnte. Eine 110 Seiten starke Akte über den Jüdischen Schulverein liegt im Archiv des Leo Baeck Instituts in New York. Ebenfalls 1919 wurde ein Hebräisches Sprachseminar der hebräischen Sprachschule angegliedert, das intensiviertem Sprachunterricht für Interessierte, aber auch für Lehrer in der Galut (i. e. Jüdische Diaspora) dienen sollte. Nachdem bereits „zwei hebräische Kindergärten und fünf Spielnachmittage“ eingerichtet waren, wurde die Gründung einer jüdischen Schule in Angriff genommen, die nach einem ersten, aber gescheiterten Versuch in der Linienstraße zur Gründung der später so benannten Theodor-Herzl-Schule und 1922 zu einer zweiten Schule in der Rykestraße führte.
Die Schule in der Zeitung mini|hochkant|Jüdische Rundschau im Straßenverkauf in Berlin 1934 Bis zum Verbot der Wochenzeitung wurde wiederkehrend in der Jüdischen Rundschau über die Theodor-Herzl-Schule berichtet. Archiviert und einsehbar sind für die Zeit von 1925 bis 1939 insgesamt 13 Zeitungsartikel in Kopie – sofern nicht anders vermerkt jeweils ein Blatt –, darunter elf in der Jüdischen Rundschau, einer im Jüdischen Gemeindeblatt und einer unbekannter Herkunft:
In: Jüdische Rundschau 28. Mai 1925: Die Tätigkeit des Jüdischen Schulvereins in Berlin 12. Mai 1933: Elternversammlung des Jüdischen Schulvereins Nr. 26 vom 22. März 1935: Ausstellung von Schülerarbeiten (2 Blatt) Nr. 24 vom 24. März 1936: Ausstellung der Schule Kaiserdamm Nr. 41 vom 22. Mai 1936: Ankündigung einer Feier zur Namensänderung von "Schule am Kaiserdamm" in "Theodor-Herzl-Schule" Nr. 80 vom 7. Oktober 1936: Anzeige der Theodor-Herzl-Schule zur möglichen Neuanmeldung von Schülern Nr. 19 vom 8. März 1938: Schule ist schön Nr. 42/43 vom 24. Mai 1936: Die Theodor-Herzl-Schule 4. September 1936: Betty Berggrün, Nissan Berggrün: Historische Reminiszenzen: Aus der Geschichte der hebräischen Arbeit in Berlin (5 Blatt) Nr. 15 vom 23. Februar 1937: "Hebräische Aufführung: Ein großer Erfolg der Theodor Herzl-Schule" (mit Abbildungen von verschiedenen Aufführungen) Nr. 23 vom 23. März 1937: "Sprachenabend der Theodor-Herzl-Schule"
In: Jüdisches Gemeindeblatt 8. April 1939: Eine jüdische Schule: Der Theodor-Herzl-Schule zum Abschied (2 Blatt, darunter Porträtskizze Martin Deutschkron)
In: unbekannt: Sportfest der jüdischen Schulen (mit einer Abbildung vom Einmarsch der Theodor-Herzl-Schule)
Ausstellung 2006 Vom 5. Oktober bis zum 22. Dezember 2006 wurde in der Warschauer Straße mit einer Ausstellung in den Räumen der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) an die Berliner Theodor-Herzl-Schule erinnert. Martin-Heinz Ehlert (1932–2016), der kurz zuvor eine Biografie über Paula Fürst verfasst hatte, erarbeitete die Ausstellungskonzeption. Ein „dokumentarischer Katalog“, ebenfalls von Ehlert vorgelegt, begleitete die Ausstellung. Das Material für den Katalog hatte er während der Arbeit an der Biografie von Fürst zusammengetragen. Dazu gehörten Schulhefte, Schulbücher, Zeugnisse, Schülerarbeiten, Korrespondenz sowie Fotografien und Zeitungsartikel, die er anschließend dem Archiv der BBF überließ. Der Katalog umfasst 12 Kapitel auf 52 Seiten und eine kleine Literaturliste. Umfänglich zitiert werden Artikel aus der Jüdischen Rundschau. Ein gesondertes Kapitel trägt auf acht Seiten Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler zusammen, das letzte titelt Pogrom und Flucht.