Die portugiesisch-türkischen Beziehungen umfassen das bilaterale Verhältnis zwischen Portugal und der Türkei. Sie unterhalten seit 1843 direkte diplomatische Beziehungen.Übersicht über die diplomatischen Beziehungen zur Türkei beim diplomatischen Institut des portugiesischen Außenministeriums, abgerufen am 26. September 2024

Ihre heutigen Beziehungen gelten als gut, wenn auch mit wenig medialer Beachtung, mit der gemeinsamen Mitgliedschaft in der NATO, ihrem bilateralen Handel, und zwischenstaatlichen Abkommen und Zusammenarbeit etwa in Flüchtlingsthemen als wichtigsten Verbindungsgliedern. Dazu sind ihre gemeinsamen Mitgliedschaften in internationalen Organisationen wie dem Europarat, der OSZE und der OECD, und in regionalen Gremien wie der Union für den Mittelmeerraum oder dem Mittelmeer-Forum zu nennen. Zudem ist die Türkei, trotz angehaltener Verhandlungen, ein Beitrittskandidat zur Europäischen Union, in der Portugal Mitglied ist. Auch der kulturelle und sportliche Austausch und ihre zahlreichen historischen Berührungspunkte gehören zu ihrem Verhältnis, und die Türkei ist bei portugiesischen Touristen als Urlaubsland bekannt.

Seit 2014 hat die Türkei Beobachterstatus in der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder.

Geschichte Bis 1843 mini|Das Fürstentum Antiochia und andere Kreuzfahrerstaaten um 1135 Seit der Antike bestehen Verbindungen zwischen beiden Ländern, wenn auch meist nicht sehr intensiv. Sie gehörten beide zu den Handelsrouten der Phönizier und der Griechen, die auch eigene Handelsposten und Kolonien in beiden Ländern gründeten. Später gehörten beide zum Römischen Reich, Portugal v. a. als Provinz Lusitania vom 2. Jh. v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr., die Türkei v. a. als Provinz Asia von 146 v. Chr. bis ins oströmische bzw. Byzantinische Reich (ab 395 n. Chr.).

Während Portugal ab 1139 seine Unabhängigkeit erreichte und seine christliche Reconquista 1251 abschloss, wurde das christliche Byzantinische Reich ab 1453 durch die islamischen Osmanen erobert. Mit dem Fürstentum Antiochia (1098 bis 1268) gründeten Kreuzfahrer, darunter Portugiesen, einen Kreuzfahrerstaat auch auf dem Gebiet der heutigen Türkei.

Im 15. Jahrhundert stieg Portugal dann zur ersten globusumspannenden Weltmacht auf, insbesondere nach der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama (1498). Im Zuge der Expansion und Konsolidierung der portugiesischen Expansion kam es insbesondere um die Arabische Halbinsel herum zu Konflikten zwischen beiden Reichen.

Nachdem zuvor eine ägyptische Flotte in der Seeschlacht vor dem westindischen Chaul 1508 die Portugiesen zunächst besiegt hatte, die Ägypter diesen aber in der Seeschlacht von Diu 1509 unterlagen, kontrollierten die Portugiesen nun die Handelsroute nach Indien und Fernost und damit den lukrativen Indienhandel. 1517 eroberten die Osmanen das durch die Portugiesen geschwächte und verarmte Ägypten, das im Indischen Ozean weiter gegen die aufsteigende Seemacht Portugals kämpfte, insbesondere im Roten Meer. Insbesondere Estêvão da Gama, Sohn Vasco da Gamas und seit 1540 Gouverneur von Portugiesisch-Indien, kämpfte hier gegen die Osmanen in Ägypten.

Den Portugiesen gelang im Roten Meer jedoch keine dauerhafte Präsenz. Der von ihnen 1520 eingenommene Hafen von Massaua wurde 1557 von den Osmanen erobert und die Portugiesen wurden danach immer weiter von hier hinter die Arabische Halbinsel verdrängt und danach weiter im Indischen Ozean bedrängt. Portugals Selbstverständnis als katholische Missionarsnation sorgte zusätzlich für eine ständige Rivalität mit den Osmanen, die die portugiesische Expansion damit weiter behinderten.A. H. de Oliveira Marques: Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs. Kröner-Verlag, Stuttgart 2001 (ISBN 3-520-38501-5), S. 138, S. 151ff Dabei gelang es den Osmanen im Zusammenspiel mit Genua und Venedig einerseits und arabischen Handelspartnern andererseits, das Monopol der Portugiesen auf dem Fernosthandel etwas aufzubrechen.Walther L. Bernecker, Horst Pietschmann: Geschichte Portugals. Verlag C. H. Beck, München 2001, S. 44f mini|Die portugiesische Nossa Senhora da Conceição, Flaggschiff der christlichen Mittelmeerverbände während der Seeschlacht vor Kap Matapan gegen die Osmanen 1717. Danach gerieten das Königreich Portugal und das Osmanische Reich seltener aneinander. Das Osmanische Reich stieg weiter auf, nachdem es Ägypten erobert hatte und damit zum Herrscher der heiligen Städte Mekka und Medina und zum Hüter der Pilgerwege geworden war. Es erlangte damit die uneingeschränkte Vormachtstellung im islamischen Einflussbereich, dehnte diesen weiter aus und sicherte sich damit auch bessere Handelsverbindungen und deren Kontrolle. Das Portugiesische Weltreich konnte sich indes nur mühsam gegen seinen Niedergang in Folge der aufstrebenden französischen, niederländischen und britischen Kolonialmächte wehren. Die politischen und wirtschaftlichen Wege der Portugiesen und der Osmanen kreuzten sich nun seltener.

Eine Ausnahme bildeten die Jahre 1716 und 1717, mit dem Entschluss des portugiesischen Königs D. João V., dem Papst und der Republik Venedig im Mittelmeer gegen die Osmanen beizustehen, so dass 1716 und 1717 zwei portugiesische Flottenverbände gegen die Osmanen segelten. Die zweite geriet auch in Kampfhandlungen und war entscheidend für den Sieg gegen die osmanischen Kräfte am 19. Juli 1717 vor dem griechischen Kap Matapan, unter Führung des portugiesischen Flaggschiffs Nossa Senhora da Conceição. Zudem nahmen Portugiesen, insbesondere der Bruder des Königs (Manuel José, Graf von Ourém), in Diensten des Eugen von Savoyen an der Schlacht von Peterwardein (bei Novi Sad) am 5. August 1716 während des Venezianisch-Österreichischen Türkenkriegs teil, in der hier das Osmanische Heer zu Lande entscheidend zurückgeschlagen wurde.

Das Osmanische Reich wandte sich danach stärker nach Nordosten und geriet in der Folge vor allem mit dem Russischen Kaiserreich in Konflikte, während Portugal sich am westlichen Ende Europas zunächst den Napoleonischen Invasionen erwehren musste und danach weiter innenpolitisch geschwächte wurde durch die Liberale Revolution 1821 und den folgenden Bürgerkrieg ab 1834. Wie zahllose Freiwillige aus ganz Europa engagierten sich zwar auch Portugiesen in der Griechischen Revolution ab 1821 gegen die osmanische Herrschaft, zu nennen dabei der portugiesische General António de Almeida, der an mehreren Orten gegen die Osmanen kämpfte. Dies führte jedoch zu keinen größeren zwischenstaatlichen Differenzen zwischen Portugal und dem Osmanischen Reich, deren Interessenssphären sich weiter voneinander entfernten.A Portuguese in the Greek War of Independence: General António Figueira d'Almeida, PDF-Abruf beim portugiesischen Verteidigungsministerium, abgerufen am 26. September 2024

Seit 1843 mini|Maschine der türkischen Regierung 2010 im Flughafen Lissabon: Portugal und die Türkei unterhalten heute geregelte und weitgehend problemfreie Beziehungen, mit regelmäßigen Staatsbesuchen auf allen Ebenen und einer Vielzahl bilateraler Abkommen. 1843 gingen das sich weiter reformierende Königreich Portugal und das sich ebenfalls stetig reformierende Osmanische Reich diplomatische Beziehungen ein, 1844 eröffnete Portugal seine erste Legation in Konstantinopel. Am 20. März 1843 schlossen sie in London ein erstes Handels-, Freundschafts- und Schifffahrtsabkommen, dem am 19. Januar 1883 in Konstantinopel ein gegenseitiges Abkommen über den Erwerb von Grundeigentum durch Ausländer der jeweils anderen Staatsangehörigkeit folgte.

Ihre diplomatischen Beziehungen wurden während des Ersten Weltkrieges aufgrund der Bündnisse mit den jeweils verfeindeten Kriegsteilnehmern zwischenzeitig eingestellt und am 28. Mai 1926 offiziell wieder aufgenommen. Die Türkei ernannte im Jahre 1931 einen Botschafter für Portugal und eröffnete 1941 dort eine Botschaft. Im gleichen Jahr eröffnete auch Portugal seine Botschaft in Ankara und ernannte einen Botschafter für die Türkei. Im Zweiten Weltkrieg blieben sowohl Portugal als auch die Türkei neutral, trotz anfänglicher guter Beziehungen der beiden zu Nazideutschland. Portugal wurde 1949 Gründungsmitglied der NATO, die Türkei trat dem Bündnis 1952 bei. Während die Türkei aber bereits 1945 das anfängliche kemalistische Einparteiensystem unter der CHP abgelegt hatte, blieb in Portugal die 1932 von Diktator Salazar etablierte Estado-Novo-Diktatur bis zur Nelkenrevolution 1974 bestehen. mini|Unterzeichnung des Weltraumvertrags am 27. Januar 1967: Portugal und die Türkei haben inzwischen viele bilaterale Verträge geschlossen und gehören zahlreichen internationalen Organisationen und Abkommen an. 1988 schlossen beide Länder ein Kulturabkommen, 1993 ein Luftfahrtsabkommen und ein Tourismusabkommen, und 1994 ein bilaterales Abkommen über die Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Industrie und Technik. 2001 trafen sie ein gegenseitiges Investitionsschutzabkommen, dem 2005, erneut in Lissabon, Abkommen über Waren- und Güterverkehr über die Straße, ein Doppelbesteuerungsabkommen und ein Kapitalsteuerfluchtabkommen folgten. 2013 schlossen sie in Ankara ein Kooperationsabkommen in der Verteidigungsindustrie, und 2014, erneut in Ankara, zunächst eine Vereinbarung zur wissenschaftlichen und technologischen Zusammenarbeit und danach eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit in der Seefahrt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan besuchte Portugal im Juli 2003, im September 2003 kam Portugals Präsident Jorge Sampaio zum Gegenbesuch in die Türkei, und beide Seiten gaben ihrer Erwartung Ausdruck, dass ihre Beziehungen nun gestärkt würden. Der türkische Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer kam vom 10. bis zum 12. Mai 2005 auf Staatsbesuch nach Portugal und unterzeichnete mit Jorge Sampaio die genannten Abkommen.

Recep Tayyip Erdoğan kam vom 8. bis zum 9. Dezember 2007 erneut nach Lissabon, um am 2. EU-Afrika-Treffen teilzunehmen. Portugals Präsident Aníbal Cavaco Silva kam zum Staatsbesuch vom 11. bis zum 15. Mai 2009 in die Türkei. Auch auf Minister- und Staatssekretärsrang gab und gibt es mehrfach Staatsbesuche, zum Teil im Zusammenhang mit Sitzung zu den krisengeschüttelten Staaten Irak und Syrien, deren Nachbarland die Türkei ist.Turkey’s Political Relations with Portugal, archivierte Kopie der Webseite des türkischen Außenministeriums, abgerufen am 26. September 2024

Diplomatie Portugal unterhält seine Botschaft in der türkischen Hauptstadt Ankara (portugiesisch: Ancara), dazu sind drei portugiesische Honorarkonsulate in den Städten Antalya (portugiesisch: Antália), Izmir (portugiesisch: Esmirna) und Istanbul (portugiesisch: Istambul) eingerichtet.Diplomatisch-konsularische Kontakte Portugals in der Türkei, Portal für Reisende und Auslandsportugiesen des Außenministerium Portugals, abgerufen am 26. September 2024

Die Türkei hat ihre Botschaft in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon (türkisch: Lizbon) eingerichtet, daneben führt sie Honorarkonsulate in Funchal (Hauptstadt der Autonomen Region Madeira) und in Ponta Delgada (Hauptstadt der Autonomen Region Azoren).

Migration mini|Schnellrestaurant Estambul Kebab an der zentralen Prachtstraße Avenida dos Aliados in Porto. Die gegenseitige Migration besteht nur zu einem kleinen Teil aus klassischen Arbeitsmigranten, zudem hat sie nie bedeutende Zahlen erreicht.

Im Jahr 2021 waren in Portugal 1.363 türkische Staatsbürger regulär gemeldet (ohne Studenten, Diplomaten, Geflüchtete u. ä.), davon mit 956 die meisten im Distrikt Lissabon.Liste Ausländischer Bürger in Portugal (nach Distrikten) bei der portugiesischen Ausländerbehörde Serviço de Estrangeiros e Fronteiras (SEF), abgerufen am 30. Juli 2024 Ihre Rücküberweisungen beliefen sich auf 240.000 Euro (2023).Webseite zur portugiesisch-türkischen Migration beim portugiesischen wissenschaftlichen Observatório da Emigração, abgerufen am 26. September 2024