Das ehemalige Kloster San Pietro in Lamosa befindet sich unmittelbar am nordwestlichen Ortsausgang von Provaglio d’Iseo in der italienischen Provinz Brescia. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe über dem 350 Hektar großen Feuchtgebiet Torbiere del Sebino, einem ehemaligen Torfstich, der sich bis zum Ufer des Iseosees erstreckt und ihr den Namen gab.“Lame” ist im lokalen Dialekt die Bezeichnung für den Torfstich unterhalb des Klosters, "lamosa" ist das Adjektiv dazu.

Ursprünglich einige Jahrzehnte vorher als private Kirche erbaut, wurde das Zönobium von Provaglio im Jahr 1083 als Schenkung an Benediktiner der cluniazensischen Reform übertragen. 1535 wurde das Kloster von den Augustiner-Chorherren vom Lateran der Casa San Salvatore aus Brescia erworben, wodurch es die Funktionen als Pfarrkirche von Provaglio übernahm. 1783 wurde das ehemalige Kloster von einer privaten Familie erworben und ist, mit Ausnahme der Kirche, welche der Ortspfarrei übertragen wurde, bis heute in Privatbesitz.

Geschichte mini|250px|Luftaufnahme des Klosterkomplexes mit dem im Norden angrenzenden Feuchtgebiet Man kann die Geschichte des Klosters in vier Etappen unterteilen:nach Franco Pagnoni: Storia di un monastero. San Pietro in Lamosa di Provaglio d’Iseo. Gruppo editoriale Delfo, Brescia 1999. (italienisch)

Der Zeitraum vor dem Jahr 1083 Die Geschichte des Ortes vor der Gründung des Klosters kann bis heute wegen des Fehlens von Belegen nicht genau eingeordnet werden. Ein Basrelief, das in die Wand der Loggia der an die Kirche angrenzenden Casa Bergomi eingemauert ist und das auf das 2.-3. Jahrhundert nach Christus datiert wurde, wurde als „Beweis“ für ein Heiligtum des Gottes Mithras auf dem Gelände des späteren Klosters gedeutet. Diese Hypothese gilt heute als widerlegt, da die Figur des Jünglings in nachdenklicher Haltung mit gekreuzten Beinen und phrygischer Mütze als Abbildung des Attis erkannt wurde.siehe Bild 12 in der Serie “La mappa del Tesoro” Il Cippo del Monastero Provaglio (https://www.sanpietroinlamosa.it/collana/; italienisch) Dessen Kult, der auf einem Zyklus von Tod und Wiedergeburt in der Natur basiert, war in der Poebene weit verbreitet. Nach dem Zusammenbruch des römischen Reichs wurden unter der Herrschaft der Langobarden und der Franken im 7.-10. Jahrhundert weite Ländereien unter Klosterherrschaft gestellt. Die Gegend um Provaglio wurde den Benediktinern von San Salvatore und Santa Giulia in Brescia übertragen.

Die ersten verfügbaren Informationen über den späteren Klosterkomplex betreffen die Erbauung einer privaten Kirche durch die Familie de Ticengo, Lehensnehmer des Bischofs von Cremona, um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Mit diesem Bau wollten die Auftraggeber zum einen ihren Status demonstrieren und im von Cremona weiter entfernt liegenden Lehen ein sichtbares Zeichen ihrer Autorität hinterlassen.

Von 1083 bis 1535 Die Schenkung der privaten Kirche an die Benediktinermönche von Cluny am 6. Dezember 1083 erfolgte durch die Brüder Ambrogio und Oprando de Ticengo. Die Familie Ticengo hatte ihre Wurzeln in Bergamo, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf die Region um Cremona konzentrierte. Die Gründe, warum diese Feudalherren ihre Kirche abtraten, waren wohl vielfältig. Neben der Motivation, damit etwas für ihr Seelheil zu tun, sind auch politisch-wirtschaftliche Gründe denkbar, denn oft waren solche Schenkungen nur fiktiv und es erfolgte tatsächlich eine Gegenleistung in Geld.siehe Beispiele in Daniela Bianca Hoffmann: Eremitische Klosterregeln im Hochmittelalter – die Beispiele der Kartäuser und Grandmontenser. Dissertation, Universität Mannheim 2016, S. 196 (PDF.)

Dieser Eigentumsübergang erfolgte zum Zeitpunkt einer außerordentlichen Expansion der cluniazensischen Reformklöster, die in der Lombardei einen erheblichen Zuwachs an Gründungen verzeichneten. Dieses Wachstum ist Resultat der Position, welche die Mönche in dem zu jener Zeit tobenden Investiturstreit einnahmen. Sie waren Gegner der zu jener Zeit dominierenden Fürstbischöfe, gegen die sich die weltlichen Feudalherren, der Papst, die aufstrebenden Bürger der Städte und auch der deutsche Kaiser verbündet hatten. Die cluniazensischen Mönche riefen laut nach einer „Reform der Kirche“ und einem nicht korrupten Klerus und waren so für die Feudalherren attraktive Empfänger ihrer Schenkungen. Der Status von San Pietro in Lamosa als autonomes Priorat mit den Dependenzen der Kirchen in Trigolo und Alfianello zwischen Brescia und Cremona wurde 1095 auf der Synode von Piacenza von Papst Urban II. in einer Bulle bestätigt. Die Zugehörigkeit dieser beiden Kirchen zu Cluny zeigt sich in ihren Patrozinien, die in beiden Fällen den Heiligen Hippolyt und Kassian zugeschrieben wurden. In späterer Zeit gehörten noch weitere Dependenzen zu San Pietro in Lamosa, welche vom Heiligen Stuhl nach und nach erworben worden waren. Im Jahre 1144 trat das Kloster in einem Vertrag zwischen dem Prior Ponzio und den Priestern der Pfarrkirche Sant’Andrea in Iseo diesen die Kirche San Gervasio in Clusane (seit 1927 Stadtteil von Iseo) im Austausch gegen eine jährliche an Cluny zu leistende Zahlung ab. Dieses geniale System erlaubte den Cluniazensern weiter eine indirekte Kontrolle über ihre Güter auszuüben und gleichzeitig der Ortskirche und dem Bischof ihre Rechte zuzugestehen. In gleicher Weise wurde 1154 die Kapelle Santa Maria in Pievedizio an die Pfarrei Azzano abgetreten. Der Vertrag wurde zwischen dem seligen Abt von Cluny, Petrus Venerabilis (Pierre Maurice de Montboissier) und den Klerikern der Pfarrei gegen die Zahlung von fünf Soldi geschlossen. Der Vertrag wurde in der Folgezeit durch wiederholte wirtschaftliche Forderungen des Priorats San Pietro im Auftrag der Mutterabtei von Cluny in Frage gestellt, weshalb 1161 Papst Alexander III. intervenierte und die Kapelle von den unrechtmäßigen Forderungen befreit. Seine Entscheidung wurde erst 1177 ratifiziert. Die lange Zeitdauer erklärt sich aus den Reibereien zwischen dem Papst und dem Abt von Cluny Hugo III., der den Gegenpapst Viktor IV. und Friedrich Barbarossa unterstützte, der seit Jahren einen erbitterten Kampf mit den Städten der Lombardei führte.

Die Informationen über San Pietro in Lamosa im 13. Jahrhundert stammen von den Visitatoren des Mutterklosters. Das Priorat bildet in diesen Berichten eine Ausnahme guter Verwaltung. Daraus geht auch hervor, wie die klösterliche Gemeinschaft in Provaglio organisiert und mit welchen Aufgaben sie betraut war. Das Personal bestand in der Regel aus drei Mönchen, die von Dienern oder Konvertiten unterstützt wurden, und einem „Commensal-Priester“, der mit der Seelsorge betraut war. Zu den grundlegenden Aufgaben gehörten das Stundengebet, die Gastfreundschaft und das Almosengeben.

Das erste Generalkapitel des Ordens, aus dem wir etwas über Provaglio erfahren, datiert von 1261 und gibt Zeugnis von einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und dem Machtmissbrauch des Priors Johannes. Dieser hat Mönche ernannt, Schulden gemacht und Land des Priorats mit zu großer Leichtfertigkeit verpachtet. Die Situation erfährt eine Neubelebung mit der Ankunft eines neuen Priors 1270, der für einen Abbau der Schulden sorgt und ein angemessenes monastisches Leben sicherstellt. In den Folgejahren wird das Wirken des Klosters durch die ständigen Konflikte geschwächt, die der Krieg zwischen den Guelfen und Ghibellinen in der Umgegend von Brescia nach dem Sturz Karls I. von Anjou auslöst. Diese Spannungen verhindern die Teilnahme der Priore dieser Gegend an den Generalkapiteln und unterbinden auch die regelmäßigen Visitationen durch Abgesandte aus Cluny. Aus dieser bewegten Zeit stammt die erste verfügbare Rechnungslegung des Klosters San Pietro, datiert 1306, in der unter anderem eine Schuld von 40 kaiserlichen Lire erwähnt wird, die ein Giacomo Della Torre noch nicht beglichen hat. Abgesehen von der ernsten finanziellen Lage soll dieser Prior auch seine Hauptpflichten vernachlässigt und zugelassen haben, dass Gegenstände, die für die liturgische Feier unentbehrlich sind, entwendet wurden. Diese Pflichtvergessenheit führte zwei Jahre später zu dem schwerwiegenden Vorfall, dass er von einem Mönch mit der Waffe bedroht wurde. Aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen werden in der Folgezeit selbst die Mönche zeitweise gezwungen, sich an sichere Orte zu flüchten. Nach der Visistation von 1331, in der dem Kloster ein desaströser Zustand bescheinigt wird, wird der Kämmerer des Ordens mit der Lösung der Probleme beauftragt. Dies wurde 1342 erreicht, als die wirtschaftliche Situation vollständig wiederhergestellt war. Die nächsten 20 Jahre konzentrieren sich die Berichte ausschließlich auf die wirtschaftliche Lage des Klosters, bis 1366 die Gesamtverwaltung durch Prior Richard gelobt wird. Die Akten enden 1378 mit der Feststellung des schlechten Zustands der Klostergebäude, der jedoch durch die Fähigkeit des allein verbliebenen Priors, alle erforderlichen Aufgaben kompetent zu erfüllen, ausgeglichen werde.

In den Dokumenten mit Bezug auf das Kloster im 15. Jahrhundert taucht ein neuer Gesprächspartner auf, mit welchem das Kloster zu tun hat, nämlich die Republik Venedig. Tatsächlich bestätigt der Doge in einem Brief, datiert vom 16. September 1454, der Gemeinschaft von Provaglio die früher gewährten Freiheiten wegen ihrer Unterstützung der venezianischen Sache im Streit mit den Visconti und später den Sforza. 1460 wird San Pietro in Lamosa, das auch das Priorat Santi Gervasio e Protasio in Clusane verwaltet, in einem Zensus aller cluniazensischen Besitzungen aufgeführt, während viele frühere Gemeinschaften der Provinz Brescia dort nicht mehr auftauchen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts führt Papst Paul II. die Rückkehr aller Priorate in die Abhängigkeit des Apostolischen Stuhls durch die Kommende ein. Genau diese beiden Elemente – die Beziehung zu Venedig und die Einrichtung der Kommende – sind die Hauptthemen eines Schreibens des Dogen Pietro Mocenigo an den Podestà Luce Navacerio und den Hauptmann Luce Mauro vom 14. Februar 1474. Darin bringt das Oberhaupt Venedigs seine Solidarität mit den Einwohnern Provaglios zum Ausdruck und beklagt die Aneignung des Priorats durch Nicola Franco. Gleichzeitig drückt er sein Unbehagen über die Ernennung eines Kommendatars aus, durch den ihm der zur Zeit dort tätige Mönch entzogen werde. Ein Schreiben des Bischofsvikars von Brescia von 1476 informiert über die erfolgte Einsetzung eines ständigen Vikars im Kloster San Pietro, der dem Priester Battista de Portinalis unterstellt sei.

Von 1535 bis 1786 1535 ist ein entscheidendes Jahr in der Geschichte des Klosters San Pietro in Lamosa denn die Verwaltung des gesamten Komplexes wechselt von der Abtei in Cluny zur Kongregation der Augustiner-Chorherrn vom Lateran. Die Übertragung erfolgte mit Zustimmung von Papst Paul III., der das Priorat von Provaglio d’Iseo zunächst Sebastiano Bonfigli Graziani übertrug, welcher es ablehnte, anschließend an Kardinal Alessandro Cesarini. Doch die Augustiner-Chorherrn erhoben Einspruch und verlangten die Vereinigung des Klosters von Provaglio mit ihrer Gemeinschaft San Giovanni Evangelista in Brescia. Die Entscheidung zu Gunsten dieser Gemeinschaft fiel im April 1536, wie auf einer Schrifttafel im Kreuzgang festgehalten ist.siehe Bilder 104 und 108 bei https://sanpietroinlamosa.it/galleria/ Am 17. April 1547 erließ Paul III. eine Bulle, in der er die Frage der Seelsorge im Kloster aufwirft. Nach dem Verzicht des Vikars von Provaglio war diese unverzichtbare religiöse Position ohne kompetente Besetzung. Die komplizierte Situation wurde durch das Ersuchen der Augustiner-Chorherrn, diese Verantwortlichkeit gegen „alle Einkünfte des Priorats“ zu übernehmen, aufgelöst.A. Laurora: Il priorato cluniacense di San Pietro di Provaglio nella vita civile e religiosa del territorio bresciano tra XI e XV sec. Dissertation, Università Cattolica del Sacro Cuore, Brescia 1988, S. 180.