mini|Totentanz an St. Cäcilien (2010) Der Kölner Totentanz ist ein Werkzyklus von Harald Naegeli, dem „Sprayer von Zürich“. Er sprühte Anfang der 1980er Jahre lebensgroße Skelettfiguren im Kölner Stadtraum, die meist innerhalb kürzester Zeit vom städtischen Amt für Unterhaltung beseitigt wurden. Nur das Skelett am zugemauerten Westportal der romanischen Kirche St. Cäcilien, in der das Museum Schnütgen beheimatet ist, wurde als Kunstwerk anerkannt und über die Jahrzehnte seines Bestehens erhalten, restauriert und 1989 von Naegeli selbst erneuert. Nach einer versehentlichen Teil-Entfernung des Werks durch die städtischen Abfallwirtschaftsbetriebe 2024 wurde es zuletzt 2025 restauriert. Das Skelett wird mitunter auch als Tödlein bezeichnet. Weitere Graffiti der Serie sind nur durch zeitgenössische Fotografien dokumentiert; vereinzelt lassen sich extrem verwaschene Reste finden.
Geschichte Nachdem Harald Naegeli 1979 als „Sprayer von Zürich“ identifiziert worden war, entzog er sich der Strafverfolgung zunächst durch eine Flucht ins Rheinland. In Köln kam er bei der WDR-Kulturredakteurin Marianne Lienau und dem Journalisten Hubert Maessen unter. Bereits in seiner Heimatstadt hatte er neben seinen typischen Strichfiguren auch einzelne Totenschädel im öffentlichen Raum gesprayt, nicht jedoch vollständige Skelette.
In Köln faszinierten ihn nach eigener Aussage die zahlreichen katholischen Kirchen, insbesondere die sogenannte Elendskirche in der südlichen Altstadt, wo seit dem 14. Jahrhundert Stadtfremde, Arme und „nicht-katholische“ Verstorbene beigesetzt worden waren. Die barocke Skulptur Triumph des Todes am Kirchenportal inspirierte Naegeli, der sich auch als Verstoßener sah, zu seinem Totentanz. Daneben nannte er auch Hans Holbeins Totentanz-Holzschnitte als künstlerisches Vorbild.
Von Ende 1979 bis 1981 schuf Naegeli circa 600 Wandbilder in Köln, von denen der überwiegende Teil schon 1982 zerstört war. Der „Wettstreit“ mit der Stadt Köln um Entstehung und Vernichtung seines Werks veranlasste Naegeli schließlich, zwei Kreuzigungsgruppen zu sprühen, um das „katholische Köln“ zu provozieren.
Auch diese Arbeiten wurden entfernt, was dem Künstler möglicherweiseLaut „Narrativ“ des Films, heißt es bei Mildebrath (S. 120), habe Naegeli mit dem Totentanz begonnen, nachdem die Kreuzigungsgruppen (datiert um 1981) vernichtet wurden. Das passt aber zeitlich nicht mit der Datierung von „Sommer 1980“ für das Skelett an St. Cäcilien zusammen, wie es u. a. Dieckhoff 1981 (S. 45) und Wang 2022 (S. 44) schrieben. Während die Datierung des Skeletts an St. Cäcilien fundiert ist, ist der Film von Schmidt in Zusammenarbeit mit dem Künstler wohl eher dramaturgisch aufgebaut. Der Widerspruch wird sich wohl nicht mehr vollständig auflösen lassen. den Anlass zur Totentanz-Serie gab. Eine der beiden Kreuzigungsgruppen war ebenfalls mit Skeletten ausgeführt.
Das einzige Skelett, das die Zeiten länger überdauerte, das Tödlein am Westportal von St. Cäcilien, entstand ursprünglich im Sommer 1980 und wurde kurz darauf mit dem Graffito eines Dritten unter dem linken Arm „ergänzt“. Bereits 1981 ließ jedoch eine Publikation des Schnütgen-Museums Akzeptanz für und künstlerische Auseinandersetzung mit Naegelis Figur erkennen. Ein Restaurator der Kirche engagierte sich im März 1982 für eine Wiederherstellung der ursprünglichen Zeichnung. Parallel zu diesen Aktivitäten präsentierte der direkt gegenüber dem Portal beheimatete Kölnische Kunstverein unter Leitung von Wulf Herzogenrath eine Graffiti-Ausstellung mit Fotos von Naegeli-Zeichnungen – Naegelis erste Ausstellung. In einer „performativen“ Pressekonferenz am 14. Februar 1982 trat Naegeli dadaistisch maskiert auf und verlas eine Erklärung, in der er sich als „Wiedergeburt eines der frühgeschichtlichen Höhlen- und Felsenzeichner“ bezeichnete. Die Pressekonferenz ist in einem Video des Dokumentarfilmers Thomas Schmitt († 2020) festgehalten.
In den Folgejahren bemühte sich der damalige Direktor des Museums Anton Legner, Veränderungen und Übermalungen – etwa mit Schuhen oder männlichen Geschlechtsteilen – entfernen zu lassen und das Originalgraffito zu erhalten. Diese Bemühungen scheiterten endgültig um Mitte der 1980er Jahre, als das Graffito so übersprayt wurde, dass die Wand komplett gereinigt werden musste. Im Jahr 1989 sprühte Harald Naegeli eine zweite Version des Skeletts an derselben Stelle. Es hat dieselbe Körperhaltung wie das erste, unterscheidet sich von diesem jedoch durch eine etwas kantigere Ausführung von Kopf, Brustkorb und Hüftknochen.
Inzwischen wurde die Zeichnung als Bestandteil des denkmalgeschützten Kirchenbaus betrachtet und entsprechend konservatorisch behandelt.Immer wieder wird in Veröffentlichungen das „Tödlein“ selbst als denkmalgeschützt bezeichnet, eine entsprechende individuelle Auflistung in der Denkmalliste der Stadt Köln bzw. eine Fortschreibung des ursprünglichen Denkmaltextes von St. Cäcilien gibt es aber bisher nicht. Der Kampf um die Erhaltung verstetigte sich; bis 2002 wurde das Graffito noch zweimal von Übermalungen befreit, verblasste aber weiter. Naegeli lehnte eine weitere Erneuerung 2010 ab, ebenso die Einladung, auf dem neuen Gebäude des Kulturquartiers am Neumarkt – u. a. Erweiterungsbau für das Museum Schnütgen – ein weiteres Skelett zu sprühen. Naegelis Vorschlag, lieber in der Tiefgarage oder auf der Rückseite des Museums an einer Betonmauer ein neues Skelett zu platzieren, wurde von den städtischen Gremien zwar angenommen, aber nicht ausgeführt.
2022 war das Skelett schwarzbläulich verblasst und einige der Extremitäten fast verschwunden, ansonsten aber unbeschädigt von anderen Einwirkungen. Das Kunstwerk wurde Teil der Ausstellung Harald Naegeli in Köln im Museum Schnütgen im selben Jahr. Während der Vorbereitung der Ausstellung wurde durch restauratorische Reinigungs- und Festigungsmaßnahmen am Werk die verblasste Figur wieder deutlicher sichtbar. alternativtext=Ein Skelett-Graffiti auf einer Werksteinmauer, der Kopf und die Hände sind erhalten, andere Teile sehr stark durch Reinigungsarbeiten verblasst oder ganz verschwunden|mini|Beschädigtes Graffito (September 2024) Erneutes Aufsehen erregte das „Tödlein“, als es im September 2024 von Mitarbeitenden der Stadtreinigung infolge einer Verwechslung fast vollständig entfernt wurde. Der inzwischen 85-jährige Naegeli stimmte einer Restaurierung durch das Museum in Abstimmung mit der Kölner Denkmalpflege zu, da er selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage dazu sei. Auch 2022 hatte er bereits abgelehnt, bei dem verblassten Skelett selbst Hand anzulegen, denn: „Verschwunden ist auch schön.“ Die Restaurierung erfolgte schließlich im Jahr 2025.
Beschreibung alternativtext=Nahaufnahme des Graffitos an der Mauer ohne Torbogen |mini|Tödlein (2011) alternativtext=Ausschnitt aus dem Skelett nur die Hand mit 3 Strichen, die über die Mauer hinweg auf die Säulenbündel des Portals gesprüht sind|mini|Hand am Kirchenportal (2024) Die bekannten Exemplare des Totentanzes lassen sich in verschiedene Typologien einteilen. Die meisten haben – der Kunsthistorikerin Kim Mildebrath zufolge – keine Attribute, sondern stehen für sich allein. Es sind gesprühte Strichfiguren in meist schwarzer Farbe in unterschiedlichen Ausführungen. Bei einigen ist das Skelett mit Brustkorb und Schulterknochen stärker ausdefiniert, bei anderen deuten querlaufende Zickzacklinien über eine vertikale „Rückgrat“-Linie die Rippen nur an. Das Gleiche gilt für die Hüftknochen, die bei einigen Figuren als solche erkennbar sind, bei anderen nur durch einen Verbindungspunkt zwischen Rückgrat und Beinen markiert. Der „Schädel“ ist mal eher dreieckig, manchmal auch kreisrund geformt. Immer jedoch scheinen die Figuren in Bewegung zu sein bzw. auf ihre Umgebung zugeschnitten. Die erhaltene Zeichnung steht breitbeinig im zugemauerten Kirchenportal, die Arme breit ausgestreckt zu den neuromanischen Säulen des Torbogens – die Pose lässt Interpretationsspielraum, ob der Tod hier das Portal versperrt oder öffnet.
Fünf Skelette, die Musikinstrumente spielen, sind in der Tiefgarage der Musikhochschule fotografisch überliefert, außerdem zwei Skelette mit Narrenkappen an Pfeilern der Kölner Zoobrücke, davon eines mit silberner Farbe. Letzteres ist komplexer als die „einfachen“ Skelette und kombiniert den Totenkopf mit einem menschlichen Gesicht und einer Spirale, die an einen Schachtelteufel erinnert. Bei diesem dürfte Naegelis immer wieder betonte Identifikation mit der literarischen Eulenspiegel-Figur hineinspielen.
Dokumentation Naegelis Totentanz lässt sich als Zyklus in der Rückschau – wie viele andere Werke der Streetart – nur fotografisch nachvollziehen und vermitteln. Der Künstler selbst fotografierte seine Kölner Arbeiten nie; hier fotografierten der mit Naegeli befreundete Journalist Hubert Maessen, der kunstinteressierte Arzt Wilhelm Siepe sowie der Fotograf und Grafiker Bernd Wendt noch unentdeckte und unzerstörte Exemplare des Totentanzes, zum Teil aber auch die Spuren entfernter Skelette. Der Lehrer Heribert Rücker fotografierte ebenfalls eine Reihe von Arbeiten, wobei er sie mit seinen Fotos in Interaktion mit Kindern und Jugendlichen brachte. Aufnahmen des Fotojournalisten Guenay Ulutuncok sowie zwei Graffiti-Sammlungen, die Fotos des Totentanzes enthalten, befinden sich inzwischen in den Beständen des Historischen Archivs mit rheinischem Bildarchiv. Weitere Fotos sind von Eusebius Wirdeier und in privaten Sammlungen bekannt.
Orte (Auswahl) Unter anderem an folgenden Orten sind einzelne Graffiti des Kölner Totentanzzyklus durch zeitgenössische Fotografien dokumentiert: Triptychon, „darunter auch der Tod“, linksrheinischer Brückenpfeiler der „alten Mülheimer Brücke“ (1981) Skelett, Brücke Innere Kanalstraße Skelett „mit explodierenden Pranken“, Südbrücke Skelett, Treppenhäuser der Südbrücke u. a. Kreuzigungsgruppe mit Skelett, diverse Skelette, Zoobrücke: Rampe, Wendeltreppe, Pfeiler Skelett, Antoniterkirche Skelett, Westportal St. Cäcilien Skelett, Abstieg zum Parkhaus Quatermarkt Skelett, Parkhaus Cäcilienstraße alternativtext=Seitenmauer einer Tiefgaragenabfahrt, die Mauer ist verputzt und grau gestrichen, ein Rechteck ist ausgespart und erlaubt den Blick auf die brutalistische Betonmauer und ein sehr schemenhaft erhaltenes Graffiti. Auf dem Boden liegt Herbstlaub|mini|Verwaschenes Skelett an der Universität Köln, bei Sanierung ausgespart (2024)Skelett, unter der Domplatte Skelett („der drohende“), Breslauer Platz/Ecke Johannisstraße Skelette mit Instrumenten, Musikhochschule „Knochenspinnen“ (Totenköpfe auf „Beinen“), Ebertplatz, Ringturm bis „Untersachsenhausen“, Maria-Ablaß-Platz, Tunis-Straße, Eigelsteintor, Nord-Süd-Fahrt, hinter dem Hauptbahnhof Verwaschene Überreste finden sich außerdem an einem Wetterpilz in Köln Riehl sowie an der Einfahrt der Parkgarage zum Philosophikum der Universität Köln.
Rezeption alternativtext=Ein Mann im Anzug und mit gewelltem Haar steht vor einer mit Werksteinen gemauerten Wand, auf die ein schwarzes, leicht verblasstes Skelettgraffito gesprayt ist. Es sieht aus, als ob das Skelett den rechten Arm um den Mann legt.|mini|Museumsdirektor Moritz Woelk mit dem „Tödlein“ anlässlich der Ausstellung Harald Naegeli in Köln (2022) Der Kunsthistoriker Reiner Dieckhoff stellte 1981 in einer Festschrift des Schnütgen-Museums die Sprayzeichnung Naegelis am Westportal in einen Zusammenhang mit den christlichen Memento-mori-Werken der Sammlung. Naegelis Totengerippe knüpfe mit „seiner Vitalität durchaus an die besten Traditionen der Totentanzholzschnitte des 15. Jahrhunderts“ an.
Der Jurist Louis Peters, Naegelis späterer Strafverteidiger und spezialisiert auf Kunst-, Medien- und Urheberrecht, brachte 1982 einen Bildband zu Naegeli heraus. Er erkannte die Totentanz-Figuren als „demokratische Satire“, die ihren Spott über Hoch und Niedrig ergieße, und sah in ihnen damit eine Weiterentwicklung von Holbeins Totentanz.