Das Stadion am Böllenfalltor (aufgrund eines Namenssponsorings offiziell Merck-Stadion am Böllenfalltor), auch Böllenfalltorstadion, Böllenfalltor oder einfach nur Bölle genannt, ist ein Fußballstadion in der hessischen Großstadt Darmstadt. Es ist Heimstätte des Fußballvereins SV Darmstadt 98. Das Stadion hat seit März 2023 ein Fassungsvermögen von 17.810 Zuschauern.
Geschichte Geschichte links|mini|250x250px|Gegengerade mit Gästeblock (links, 2007) Die Geschichte des Stadions beginnt mit der Fusion der beiden Darmstädter Vereine FK Olympia und dem SC 05 im Jahr 1919. Erstmals wurde der Wunsch zur Schaffung einer eigenen großen Sportanlage geäußert, da der FK bisher am Schlossgartenplatz (1898–1909) und auf der Rennbahn (1909–1921) gespielt hatte. Dieses Anliegen ging zwei Jahre später in Erfüllung, als das 8000 Zuschauer fassende Stadion, das unmittelbar an das Hochschulstadion angrenzt, 1921 mit einer Festwoche zum 21. Verbandstages des Süddeutschen Fußballverbandes eröffnet wurde. Das Stadion hatte eine 380 Meter lange Aschenlaufbahn und ein Spielfeld mit 65 Meter Breite und 105 Meter Länge. Das Eröffnungsspiel am 24. Juli des Jahres gewann der SV 98 gegen Helvetia Frankfurt mit 4:1. Am Ende der Woche gewann der Verein erneut gegen den Freiburger FC mit 4:1. Die Sportanlage kostete ungefähr 240.000 Reichsmark, die vom Verein und der Stadt aus Mitteln der produktiven Erwerbslosenfürsorge getragen wurden. Zuvor gehörte das Stadionareal dem „Darmstadt Golfclub“ und neben dem Stadion befand sich ein Hockeyfeld. Das Stadion erhielt der SV 98 durch einen Kooperationsvertrag mit dem Schwimmclub „Jung Deutschland“. Die Sportanlage wurde 1925 unter der Schirmherrschaft des Hessischen Innenministeriums infrastrukturell ausgebaut.
Nachkriegszeit und erste Erstklassigkeit Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die amerikanischen Truppen das Stadion im April 1946 und nutzten es als Baseball-Platz. Erst 1950 konnte der Verein seine Spiele wieder am Böllenfalltor austragen, nachdem es mehrere Demonstrationszüge der Vereinsjugend gab. Im selben Jahr feierten die Lilien im Hochschulstadion die Meisterschaft in der Landesliga Hessen und setzten sich in der Aufstiegsrunde durch. In der Oberliga spielend, der zu dieser Zeit höchsten Spielklasse, stellte man fest, dass das Stadion den aktuellen Bedingungen angepasst werden musste. Zwischen 1950 und 1953 fanden daher unter der Leitung von Oberstadtbaudirektor Peter Grund diverse Umbaumaßnahmen statt. Diese wurden durch die Stadt und finanziell durch die Staatl. Sportwetten-GmbH unterstützt. Aus Kriegsschutt (vor allem aus der Heinrichstraße) wurden neue Zuschauerränge erbaut. Bei der Einweihung im Jahr 1952 konnten schließlich 25.000 Zuschauer Platz finden, jedoch fehlten damals noch die Laufbahn und das Tribünendach. Das Eröffnungsspiel im umgebauten Stadion verlor der SV 98 am 29. Juni 1952 gegen Admira Wien mit 2:3. 1953 wurde auch die Laufbahn und das Tribünendach eingeweiht. Die Sitztribüne war damals 90 Meter lang.250x250px|mini|links|Haupttribüne (2006)1975 wurde die alte Sitztribüne abgerissen und durch eine modernere Konstruktion ersetzt. Dadurch entstand die Haupttribüne mit 4.000 überdachten Sitzplätzen, welche 3,2 Millionen Mark kostete und am 8. November 1975 eingeweiht wurde. Zudem wurde ein Zaun vor der Gegengerade aufgestellt. In den Jahren der Erstklassigkeit der Lilien sorgten Auflagen des Deutschen Fußball-Bundes dafür, dass das Stadion 1978 auf eine Kapazität von 30.000 Plätzen erweitert wurde. Die Erweiterung der Kapazität erfolgte durch den Ausbau der Gegengerade um 36 Reihen auf eine Gesamthöhe von 12 Metern, sowie den Ausbau der Nord- und Südkurve. 1981 wurde eine Flutlichtanlage für 1,8 Millionen Mark installiert, gefördert durch die Stadt. Die Anlage wurde immer wieder verbessert und nachgerüstet, aber bis heute handelt es sich um die gleichen Türme. Am 15. August in diesem Jahr verlor der SV 98 vor offiziell 30.000 Zuschauern mit 2:1 gegen den FC Bayern München und wurde damit zum Spiel mit den meisten Zuschauern am Bölle. Es wird jedoch vermutet, dass sich mindestens 32.000 Zuschauer im Stadion befanden. 1982 wurde die Dugena-Uhr mit Anzeigetafel ins Stadion eingebaut. Diese Investitionen hatten einen finanziellen Zusammenbruch zur Folge von dem sich der Verein lange Zeit nicht erholte. Daher wurde das Stadion 1988 für 2,18 Millionen Mark an die Stadt Darmstadt verkauft.echo-online.de: Stadionumbau: Bei Abstieg würde Stadt dem SV Darmstadt 98 mit Bürgschaft helfen (Darmstädter Echo vom 5. April 2018, abgerufen am 6. Mai 2018). 2001 wurde eine alte, ausrangierte Anzeigetafel aus dem Olympiastadion München hinter der Südkurve aufgebaut. Acht Jahre später folgte der Einbau von VIP-Sitzen im S-Block.
Großer Umbau 400x400px|mini|links|Luftbild des Stadions am Böllenfalltor mit Gegengerade im Bau (April 2019) Nach dem Aufstieg des SV 98 in die 3. Liga zur Saison 2011/12 rückte das Stadion wieder verstärkt in das Blickfeld der Stadt Darmstadt. Durch den Aufstieg mussten Sitzplätze für Gästefans auf der Gegengerade eingebaut werden. Anfang Oktober 2012 gab die Stadt Darmstadt als Eigentümerin des Stadions eine Machbarkeitsstudie zum möglichen Bau einer neuen Spielstätte oder Umbau des bestehenden Stadions bei der IFS GmbH in Auftrag.echo-online.de: Artikel vom 11. November 2014. Ziel war es, ein Bedarfs- und Nutzungskonzept zu erstellen und die Entscheidung der Standortfrage zu erörtern. In der Studie wird ein Verbleiben am Standort an der Nieder-Ramstädter-Straße befürwortet. Detaillierte Ergebnisse der Studie wurden im Sommer 2013 vorgestellt: Demnach soll eine Arena für 18.000 Zuschauer entstehen, die sich aus vier Bereichen zusammensetzt: einer Haupttribüne (3.900 Sitzplätze, davon 800 Business-Seats und 340 Logenplätze), einer Gegentribüne mit 4.850 Sitzplätzen (heutige Stehgerade), einer Stehplatztribüne für Heim-Fans (jetzige Kurve an den Tennisplätzen) sowie einer weiteren Kopftribüne für 1.800 Gästefans und 2.000 Sitzplätze für Heimfans (heutige Stehplätze in der Kurve am Marathontor).
Im Juni 2014 sicherte das Land Hessen der Stadt Darmstadt 10,5 Mio. Euro aus einem Ausgleichsfonds des Landes zu. Die Mittel sollen laut Oberbürgermeister Jochen Partsch in den Umbau des Stadions fließen. Die Kosten werden auf 27 Mio. Euro geschätzt, von denen die Stadt 14 Mio. Euro übernehmen wird. Zusätzlich hat die Stadt einen Antrag auf Sportfördermittel des Landes Hessen gestellt, die ebenfalls für weitere Maßnahmen am Stadion eingesetzt werden sollen. Ursprünglich sollte der Umbau bis zum Start der Saison 2016/17 abgeschlossen sein. Der komplette Neubau einer Arena am Standort Böllenfalltor scheiterte jedoch unter anderem an baurechtlichen Vorgaben wie dem Lärmschutz für die Anwohner. Zudem erhöhten sich die prognostizierten Kosten immer weiter, auf zuletzt geschätzte 33 Mio. Euro. Daher wurden zwischenzeitlich vier Alternativstandorte als Alternative zum Böllenfalltor geprüft: Im Westen von Darmstadt-Arheilgen zwischen Firma Merck und der S-Bahn, außerdem südlich des Autobahnzubringers am Telekom-Gelände, im Westen von Darmstadt-Eberstadt am Gefängnis sowie um den Gehaborner Hof in Weiterstadt. Bei allen Standorten gab es jedoch Probleme und teilweise auch schon Widerstand von Anwohnern.
Als erste Maßnahme zur sicherheitstechnischen und wirtschaftlichen Modernisierung beschloss der Magistrat der Stadt die Aufrüstung der Flutlichtanlage von 400 auf 800 Lux. Hintergrund waren Auflagen des DFB für Fernsehübertragungen bei Flutlicht.
Im Sommer 2014 führte die im März von der Stadt Darmstadt gegründete Darmstädter Sportstätten GmbH & Co. KG eine erste Modernisierungsmaßnahme mit einer Investitionssumme von 2,2 Mio. Euro im Stadion zur Erfüllung der Auflagen für einen geordneten Spielbetrieb nach den Statuten der DFL durch. Ab der Saison 2015/16 wären diese Umbaumaßnahmen ohnehin auch in der 3. Fußball-Liga verpflichtende Auflagen geworden. Nach der Untersuchung des Spielfeldes durch den Kampfmittelräumdienst wurde eine Vergrößerung des Spielfeldes, der Einbau einer Rasenheizung und dem Rückbau der Laufbahn durchgeführt. Zusätzlich wurde mehr Platz für die Fernsehtechnik und für Rettungswege zur Umfahrung des Stadions geschaffen. Des Weiteren wurden die nur unzureichend vorhandenen sanitären Anlagen modernisiert und erweitert und mehr Plätze für Rollstuhlfahrer eingerichtet. Durch die Umbaumaßnahmen reduzierte sich das Fassungsvermögen auf 16.500 Zuschauer.Jonathan Heimes Stadion am Böllenfalltor. In: sv98.de, abgerufen am 27. September 2016.
Seit der Partie gegen 1860 München am 15. Februar 2015 verfügt das Stadion über eine moderne 30 Quadratmeter große LED-Videowand, auf der erstmals auch Wiederholungen von Spielszenen gezeigt werden können. Die 100.000 Euro teure Anzeige wurde vom Namenssponsor Merck finanziert und soll auch im neu gebauten Stadion eingesetzt werden. Mit dem Aufstieg des SV 98 in die Bundesliga zur Saison 2015/16 wurden weitere kleine Nachbesserungen am Stadion nötig: Der Platz für Medienvertreter wurde auf 54 zusätzliche Presse-Sitze erweitert. Zudem ließ die DFL die Torlinientechnik Hawk Eye installieren. Durch die Erweiterungen von zwei mobilen Stahlrohrtribünen im Herbst 2016 in der Nord- und Süd-Kurve erhöhte sich die Kapazität auf 17.468 Plätze. Die überdachte Südtribüne ist für 3.698 Stehplätze ausgelegt. Auf der Nordtribüne sind 2.812 überdachte Sitzplätze entstanden. Hessenschau.de vom 5. Oktober 2016. Zudem erhielt der Verein zwei Rasentrainingsplätze für die erste Mannschaft vor dem Stadion.
Zum Januar 2018 übernahm die Tochtergesellschaft des SV Darmstadt 98 „SV 98 Stadion GmbH“ den Betrieb und Umbau des Stadions. Die Stadt überlässt dem Verein den Betrieb bis zum Jahr 2058 und erhält dafür einen jährlichen Erbbauzins.
Für den 8. Dezember 2018 wurde beim Heimspiel gegen den FC Ingolstadt 04 eine „Verabschiedung“ der Gegengerade durchgeführt. Am 10. Dezember startete der komplette Abriss, da die DFL den Zustand der Gästetribüne, die weder überdacht, noch durch Zäune oder dergleichen von den Heimblöcken getrennt ist, nicht mehr weiter dulden wollte. Am 4. August 2019 wurde beim ersten Heimspiel der Saison gegen Holstein Kiel der Heimbereich des unteren Rangs der Gegengeraden, der 4300 Stehplätze bietet, in Betrieb genommen. Anfang 2020 wurde der Bau der Gegengeraden komplett abgeschlossen. Darauf startete der Neubau der Haupttribüne am 1. März 2021 mit der Grundsteinlegung durch Oberbürgermeister Jochen Partsch, Stadtkämmerer André Schellenberg, Vereinspräsident Rüdiger Fritsch und SV 98-Geschäftsführer Michael Weilguny. Im Oktober 2022 wurden die ersten 1.350 Plätze auf der Haupttribüne geöffnet. Die neue Haupttribüne kostete rund 26,7 Millionen Euro und wird zu Beginn des Jahres 2023 fertiggestellt. Die Tribüne bietet Platz für 2900 Zuschauer. Zudem wird es einen VIP-Bereich mit einer Kapazität von 1.150 Personen geben. Die Sitzplätze unterteilen sich auf ca. 1000 Business-Seats und 20 ca. 30 m² große Logen mit insgesamt 264 Plätzen.
Nach dem gesamten Umbau war geplant, dass das Stadion eine Kapazität von insgesamt 18.603 Plätzen haben sollte, wovon 9.558 Steh- und 9.045 Sitzplätze sein werden. Die Kosten belaufen sich nach jetzigen Schätzungen auf 46,7 Mio. Euro, die sich Stadt Darmstadt (max. 21 Mio. Euro), der SV Darmstadt und das Land Hessen (3,5 Mio. Euro) teilen.