Das Märtyrertum () hat in der palästinensischen Gesellschaft nicht nur eine religiös-symbolische Bedeutung, sondern wird auch als zentrales militärisches Mittel im Israelisch-palästinensischen Konflikt genutzt. Der Begriff Shahid wird von Palästinensern verwendet, um jeden getöteten palästinensischen Zivilisten oder Kämpfer zu bezeichnen, unabhängig von seiner religiösen Zugehörigkeit und unabhängig davon, ob er oder sie durch einen gezielten Angriff getötet wurde oder nicht. Anfangs war das Konzept der Selbstaufopferung für eine Sache unter den palästinensischen Fedajin populär, die sich aktiv am militärischen Kampf gegen Israel und die israelische Besatzung beteiligten, wobei das Konzept in den 1960er Jahren seinen Höhepunkt erreichte.
Verschiedene Palästinensische militante Gruppen, darunter die Hamas, der Islamische Dschihad in Palästina (PIJ) und andere islamistische Gruppen, zum Beispiel die Mudschahidin, wurden von der Kultur des Märtyrertums beeinflusst und haben dazu beigetragen, sie zu verbreiten. Sie betrachten das Märtyrertum als das ultimative Opfer für ihre Sache und zitieren es oft als moralische Rechtfertigung für das, was sie „Märtyreroperationen“ nennen, wie zum Beispiel Selbstmordattentate.
Vor und während der Oslo-Abkommen kam es zu keiner Unterstützung durch die Mehrheit der palästinensischen Öffentlichkeit der Selbstmordaktionen der Hamas und PIJ. Die Palästinenser sahen den Oslo-Abkommen mit der Erwartung entgegen, dass sie zu Vereinbarungen mit Israel führen würden, die ihrem Ruf nach politischer Unabhängigkeit gerecht werden würden. Nach dem Scheitern der Osloer Abkommen, dem Misslingen des Friedensprozesses und dem Beginn der Zweiten Intifada wuchs das Interesse der Bevölkerung an den Märtyreroperationen.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 76–77 (englisch). In dieser Zeit entwickelte sich das Märtyrertum über seine religiösen Konnotationen hinaus und wurde zu einem Ideal für die Widerstandsidentität säkularer palästinensischer Nationalisten.
Palästinensische politische Parteien und Nichtregierungsorganisationen fördern Gedenknarrative. Nationalistische Gruppierungen nutzten diese als politisches Instrument, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Bildung, visuelle Medien, Gemeindeveranstaltungen, Zeremonien, Flugblätter und Plakate in den Palästinensischen Gebieten tragen zu positiven kulturellen Vorstellungen vom Märtyrertum bei und stellen getötete Palästinenser als Teil des Kampfes gegen die militärische Besatzung Israels dar.
Historischer und etymologischer Hintergrund In Palästina wird der Begriff Shahid für Märtyrer verwendet, um jede Person zu bezeichnen, die von einem Aggressor getötet wurde, unabhängig davon, ob es sich um einen gezielten oder ungezielten Angriff handelt und unabhängig von ihrer Religion.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 8 (englisch). Laut The New York Times spiegelt dies die in der Gemeinschaft vorherrschende Ansicht wider, dass jeder getötete Palästinenser Teil des Widerstands gegen die israelische Besatzung ist. Die Forscher Neil Whitehead und Nasser Abufarha stellen fest, dass das Shahid-Konzept eines Opfers, das in die Gewalt eines Unterdrückers fällt, zu einem Symbol der Ersten Intifada wurde und mit der politischen Dynamik jener Zeit übereinstimmte, als Bemühungen unternommen wurden, internationale Unterstützung für das Streben der Palästinenser nach Unabhängigkeit zu gewinnen.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 3 (englisch).
Der Begriff Fedajin, der „derjenige, der sich selbst opfert“ bedeutet, wurde historisch unter Palästinensern verwendet, insbesondere in militanten Kontexten, um sich auf Individuen zu beziehen, die bereit sind, sich für eine Sache oder einen größeren Zweck zu opfern.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 8 (englisch). In den 1970er Jahren wurde amaliyyat fida'iyya (Operationen der Selbstaufopferung) zu einer zentralen Strategie der palästinensischen Widerstandsgruppen.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 10, 18(englisch). Im Gazastreifen kämpften die Fida'iyeen für die Befreiung, nicht für die Religion, und wurden aufgrund von Politik und religiösen Gründen nie Mudschahidin („Kämpfer des Dschihad für Gott“) genannt. Alle Fedajin und alle nichtkämpfenden Opfer werden als Shuhada, was Märtyrer meint, betrachtet.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 8 (englisch).
Istishhadi, was so viel wie Märtyrer bedeutet, ist ein neuerer Begriff, der von der islamistischen Organisation Hamas entwickelt wurde und speziell von Palästinensern für diejenigen verwendet wird, die die amaliyyat istishhadiyya, Märtyreroperationen, durchführen. Laut dem palästinensischen Anthropologen Nasser Abufarha existierte der Begriff Istishhadi zuvor nicht im arabischen Wörterbuch. Die Hamas führte Märtyreroperationen, die im Westen allgemein als Selbstmordattentate bekannt sind, als eine Form der politischen Gewalt im Frühjahr 1994 ein, als sie ihre ersten Operationen in den Städten Afula und Hadera realisierte.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 8 (englisch).
Istishhadi unterscheidet sich von den Konzepten Shahid oder Fida'i dadurch, dass Istishhadi die Idee ist, proaktiv nach dem Märtyrertod zu streben; eine Idee, die nicht traditionell islamisch ist. Während das Konzept des Shahid auf eine Opferrolle hindeutet, hebt das proaktive Konzept des Istishhadi das Heldentum in der Opfertat hervor.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 10 (englisch).
Während die Fida'i Missionen übernahmen, die mit Sicherheit zum Tod führen würden, nehmen sich die Istishhadiyeen das Leben. Die Hamas prägte den Begriff „Istishhadi“ mit dem Ziel, Religion mit Selbstaufopferung zu verbinden, weil sie den Standpunkt vertritt, dass der Islam „die solideste Ideologie zur Erreichung der Ziele des palästinensischen nationalen Kampfes“ ist. Darüber hinaus wird der Akt der Istishhadi als ein „Blutbund“ gesehen, durch den der Austausch von Blut menschliches Leben mit dem Land verschmilzt.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 13–14 (englisch).
Im Gegensatz zu Muhammad Abd al-Qadir Abu Faris Werk Shuhada' al-Filastin, was Palästinensische Märtyrer bedeutet, argumentiert Laleh Khalili, dass es bei der palästinensischen Identität nicht immer um den Märtyrertod geht und dass nationale Narrative nicht statisch sind. Die „Wurzeln“ des Märtyrergedenkens und der Märtyrer-Narrative sind weder palästinensische „kulturelle“ Charakteristika noch ausschließlich ein Ergebnis des Islams oder der Islamismuslehren. Palästinensische Narrative, die Märtyrer hervorheben, haben sich im Laufe der Zeit durch Adaption an lokale, regionale und internationale Bedingungen gewandelt.Laleh Khalili: Heroes and martyrs of Palestine: the politics of national commemoration. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-511-49223-5, S. 142 (englisch).
Entwicklung der Nutzung durch militante Gruppen Die Entwicklung des Märtyrertums, von seinen islamischen Ursprüngen zu einem zentralen Grundsatz der palästinensischen nationalistischen Identität, der sowohl von religiösen als auch von säkularen Gruppierungen übernommen wurde, ist eng mit dem Aufstieg und den Aktivitäten palästinensischer islamistischer Organisationen wie der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) verbunden. Die Selbstaufopferung ist seit den 1990er Jahren integraler Bestandteil der palästinensischen Gesellschaft und des kollektiven Bewusstseins, wobei sein Ethos der Selbstaufopferung durch Indoktrination und Selbstmordattentate der Hamas, des PIJ und anderer militanter Gruppen tief verankert ist. Sowohl als prägendes Ethos des palästinensischen Islam im Kampf gegen Israel als auch als moralische Rechtfertigung für palästinensische Selbstmordattentate hat sich die Selbstaufopferung etabliert.
Die Hamas hält den Märtyrertod für den höchsten Ausdruck des Dschihad und des islamischen Glaubens. Sie behauptet, dass der Einsatz von Selbstmordattentätern das palästinensische Volk strategisch gestärkt hat, und schreibt dies dem „palästinensischen Innovationsgenie“ ('abqariyyat al-ibda' al-filastini) zu. Hamas-Vertreter wiesen Behauptungen zurück, dass Selbstmordattentate der palästinensischen Sache schaden, und behaupten, dass „Märtyreroperationen“ den Triumph der muslimischen Seele, des Glaubens und der Spiritualität über die israelische oder westliche „technologische Denkweise“ widerspiegeln.
In den 1990er Jahren Der Wochenbericht des Jerusalem Media and Communication Centres, der seit Beginn der Ersten Intifada (1987–1993) erscheint, dokumentierte den Tod palästinensischer Kämpfer zunächst einfach als „Tote“ oder „palästinensische Tote“. Im August 1992 ging die Berichterstattung jedoch dazu über, diese Todesfälle als „Märtyrer-Todesfälle“ oder „Märtyrer“ zu bezeichnen, was eine signifikante Änderung in der Darstellung bedeutete. Diese Veränderung bot der Hamas eine Plattform, um die mit dem Islam verflochtene Märtyrerkultur an der Basis zu fördern und zu kräftigen. Dadurch, dass die Hamas Selbstmordattentate als ehrenhafte Taten gegen den Feind propagierte, fiel dem Märtyrertum bedeutendes Gewicht bei der Akzeptanz solcher Kampagnen durch die Palästinenser zu.
Während der Oslo-Abkommen hatten die militanten islamistischen Gruppen Hamas und Palästinensischer Islamischer Dschihad (PIJ) Schwierigkeiten, eine breite Zustimmung für ihre Märtyreroperationen zu erlangen, da die Palästinenser hofften, dass die Oslo-Abkommen zu Vereinbarungen mit Israel führen würden, die ihren Wunsch nach politischer Unabhängigkeit verwirklichen würden. Um in dieser Zeit Freiwillige zu gewinnen, bereiteten Hamas und PIJ ihre Mitglieder darauf vor, den Tod zu akzeptieren, und machten ihnen Versprechungen für das Leben nach dem Tod. Nach dem Scheitern der Osloer Abkommen und zu Beginn der Zweiten Intifada nahm jedoch das Interesse der Bevölkerung an Märtyreroperationen zu.Nasser Abufarha: The making of a human bomb: An ethnography of Palestinian resistance. Duke University Press, Durham 2009, ISBN 978-0-8223-4428-5, S. 76–77 (englisch).
2000er Jahre bis heute Während der Zweiten Intifada (2000–2005) wurde die Selbstaufopferung in der palästinensischen Gesellschaft noch tiefer verwurzelt. Nationalistische Fraktionen, die mit der Palästinensischen Autonomiebehörde verbündet sind, begrüßten sie ebenfalls als politisches Instrument zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Die Täter von Selbstmordattentaten wurden als Helden verherrlicht. Diese Handlungen der Selbstaufopferung wurden als Methode zur Wiedererlangung der verlorenen Würde sowohl auf nationaler als auch auf familiärer Ebene angesehen. Die Familien der Märtyrer gewannen an sozialem Ansehen und materieller Unterstützung. Während der Zweiten Intifada entwickelte sich das Märtyrertum über seine religiösen Konnotationen hinaus und wurde zu einem Ideal für die Widerstandsidentität säkularer Nationalisten.