Das Genregemälde Der Naturforscher ist eines der bekanntestenKunsthistorische Informationen zum Gemälde Der Naturforscher in der Webanwendung Google Arts & Culture. Abgerufen auf artsandculture.google.com (Google Arts & Culture) am 12. September 2024. Werke des deutschen Spätromantik- und Biedermeiermalers Carl Spitzweg. Es wird heutzutage gemeinhin auch als eines seiner bedeutendsten Werke angesehen. Mit einer Entstehungszeit zwischen 1875 und 1879 entstammt es der späten SchaffensperiodeWeltkunst. Band 59, 1989, S. 3066. des Künstlers. Er verkaufte das Gemälde im Alter von ungefähr 71 Jahren. Hervorgehoben durch ein vielfältiges Farbenspiel zeigt das Gemälde einen älteren Mann inmitten zahlreicher natur- und geisteswissenschaftlicher Kuriositäten. Während sich die Interpretatoren einig sind, dass es sich hierbei um einen Universalgelehrten handelt, differieren die Meinungen dahingehend, ob Spitzweg diesem Forschertypus kritisch gegenüberstand oder ob die Darstellung vielmehr eine mild-ironische Hommage sein soll. Zwischenzeitlich war Der Naturforscher das wertvollste Spitzweg-Gemälde überhaupt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts befindet es sich im Besitz des Milwaukee Art Museums im US-Bundesstaat Wisconsin.
Titel Wie auch bei diversen anderen Gemälden Spitzwegs existierten zu diesem über die Jahrzehnte mehrere Bezeichnungen.Rudolf Mathias Bisanz: The René von Schleinitz Collection of the Milwaukee Art Center. Major schools of German nineteenth century popular painting. University of Wisconsin Press, 1980, ISBN 978-0-299-07700-6, S. 233. Der Künstler selbst listete das Werk in seinem Verkaufsverzeichnis schlicht als NaturforscherRosalie Goldstein: Milwaukee Art Museum – Guide to the Permanent Collection. 1986, S. 81. und im Jahr 1911 wurde es vom Auktionshaus Helbing als Der Gelehrte verkauft. Der langjährige Name Das ist deine Welt stammt sehr wahrscheinlich vom zwischenzeitlichen Besitzer Otto Bernheimer, der damit einen Bezug zu Johann Wolfgang von Goethes Faust. Eine Tragödie herstellen wollte. In diesem Standardwerk der deutschsprachigen Literatur sinniert der Gelehrte Heinrich Faust nach der dreigliedrigen Einleitung über den seiner Ansicht nach geringen Erkenntniswert der Wissenschaft und beschreibt seine Räumlichkeiten: :Weh! steck’ ich in dem Kerker noch? Verfluchtes, dumpfes Mauerloch! Wo selbst das liebe Himmelslicht trüb’ durch gemalte Scheiben bricht. Beschränkt mit diesem Bücherhauf, den Würme nagen, Staub bedeckt, den, bis an’s hohe Gewölb’ hinauf, ein angeraucht Papier umsteckt; mit Gläsern, Büchsen rings umstellt, mit Instrumenten vollgepfropft, Urväter Hausrath drein gestopft – Das ist deine Welt! das heißt eine Welt! Der Direktor des Münchner Stadtmuseums Konrad Schießl (1889–1970) nutzte auch die Bezeichnung Der Sammler, die sich aber nicht durchgesetzt zu haben scheint.Theresa Sepp: Ernst Buchner (1892–1962). Meister der Adaption von Kunst und Politik. In der Reihe: „Dissertationen der LMU“, Band 42. Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität, München 2020, ISBN 978-3-95925-168-6, S. 170–177. Aufgerufen auf publishing.ub.uni-muenchen.de (Universitätsbibliothek der LMU München) am 12. September 2024. Mittlerweile hat sich der ursprüngliche Titel – ergänzt um einen bestimmten Artikel – wieder etabliert, sodass das Gemälde heutzutage unter Der Naturforscher bekannt ist.
Beschreibung Szenerie Das Gemälde öffnet den Blick in ein Zimmer mit vergleichsweise hohen Decken. Der Fußboden besteht aus mächtigen Steinquadern. Mittig in der unteren Bildhälfte steht ein Schreibtisch. An diesem sitzt ein älterer Mann vornübergebeugt in einem Fauteuil, begutachtet konzentriert ein Gesteinshandstück und macht sich parallel Notizen. Ein weiteres Handstück scheinbar identischer Natur liegt links vor ihm auf dem Schreibtisch. Der Mann hat eine Glatze und nur noch schütteres weißes Resthaar am Hinterkopf. Er trägt einen Mantel (auch als „Hausrock“ bezeichnetGünther Roennefahrt: Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle. Bruckmann Verlag, 1960, S. 286.), ein Halstuch und einen Mützenschirm. Auf dem Schreibtisch selbst sowie in dessen Ablagefächern stapeln sich Manuskripte; auch mehrere Bücher sind zu erkennen.
Um den Gelehrten herum versammelt sind „Kuriositäten aus aller Welt“, die – über die Gesteinsuntersuchung als geologische Symbolik hinaus – unterschiedliche wissenschaftliche Fachrichtungen repräsentieren: Ein auf der rechten, also vom Betrachter abgewandten Schreibtischseite an der Wand lehnender altägyptischer Sarkophag (Ägyptologie, Archäologie) beherrscht das Gemälde in der Vertikalen. An der dem Betrachter zugewandten Schmalseite des Schreibtisches lehnen zwei Gesteinstafeln, in denen schemenhaft Fossilien zu erkennen sind (Paläontologie). Einige Autoren interpretierten diese Steinquader auch als Grabsteine, womit eher auf Geschichtswissenschaften und Genealogie verwiesen würde. Rechts hinter dem Forscher stehen auf einer Kommode unter anderem das Präparat eines Adlers (Ornithologie) sowie zwei Hominidenskelette. Mit letzteren dürfte Spitzweg die Diskussionen um die Evolutionstheorie aufgegriffen haben; immerhin wurde Charles Darwins Hauptwerk Über die Entstehung der Arten lediglich 21 Jahre zuvor publiziert und der wissenschaftliche Streit über diese Theorie bestimmte den anthropologischen Diskurs jener Zeit. Ferner findet sich auf der Kommode auch ein Glassturz mit unklarem Inhalt. An einem Seil festgebunden hängt unter der Decke mittig über dem Protagonisten ein präpariertes Krokodil, das gleichsam auf Zoologie hindeuten kann und das symbolische Tier sowohl der Alchemie als auch der Apotheken war.Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war es üblich, dass Apotheker in ihren Offizinen vielerlei vermeintlich exotische Exponate ausstellten: Gürteltiere, Ainkhürne, Schildkrötenpanzer, Schlangen, Klauen von Elchen, Nashorn-Hörner, Straußeneier, Korallen, Elfenbein, Perlmutt, Kokosnüsse, leere ägyptische Särge und vieles mehr. Während dieser Zeit sprach man exotischen – also weit entfernten und daher unbekannten – Dingen besondere Heilkräfte zu. Viele der Gegenstände, genauso wie Mumien, wurden daher auch zu vermeintlichen Wundermitteln verarbeitet. Diese Exponate sollten zweierlei bezwecken: Zum einen wollten die Apotheker ihre Kunden verblüffen und zum Staunen bringen und zum anderen sollte so demonstriert werden, dass man Kenner und Händler von Mitteln und Tinkturen aus fernen Ländern war. Aus Krokodilen, deren ausgestopfte Schuppenpanzer oftmals unter der Decke des Verkaufsraumes hingen, wurden nur wenige Wundermittel produziert. Vielmehr war es ihre Funktion, die Kunden zu erschrecken, einzuschüchtern und ihnen Respekt für die natürliche Magie des Ortes – der nicht als banales Geschäft erscheinen sollte – abzuringen.Bruckmanns Pantheon. Band 47, 1989, S. 142. Am linken Rand des Gemäldes sind ein weiteres Skelett (Zoologie) sowie ein karbonatisches Korallenskelett (Meeresbiologie) zu sehen. Im Vordergrund stehen rechts ein Globus (Geographie) sowie auf der linken Seite mehrere Holzkisten, die Grabungsfundstücke beinhalten könnten. Dominant im Bild ist die große Fensterfront im Hintergrund, hinter der unterschiedliche tropische Pflanzen (Botanik) zu sehen sind, sodass der Eindruck entsteht, an das Studienzimmer würde sich unmittelbar das Gewächshaus eines botanischen Gartens anschließen.
Häufig malte Spitzweg auf den Holzdeckeln von Zigarrenschachteln, sodass seine Werke sehr kleinformatig waren. Mit annähernd 2000 Quadratzentimetern Fläche handelt es sich bei Der Naturforscher um ein „ungewöhnlich großes“ seiner Gemälde. Spitzwegs Rhombenmonogramm findet sich in der linken unteren Ecke.
Farbenspiel Durch das Blätterdach der Vegetation bricht an einer Stelle das Sonnenlicht und taucht das Zimmer in ein warmes gelb-grünes Licht – vereinzelt wird es auch als „senf-ockerfarben“ beschrieben. In Anbetracht des Lichteinfalls scheint sich darüber hinaus links außerhalb des Gemälderandes (also in Blickrichtung des Forschers) ein weiteres Fenster zu befinden. Der starke Hell-Dunkel-Kontrast zwischen unterschiedlichen Ecken des Zimmers ergibt einen Chiaroscuro-Effekt. Der Kunstgeschichtsprofessor Rudolf Mathias Bisanz von der Northern Illinois University beschrieb die Farbgebung des Gemäldes 1980 folgendermaßen: „Obschon es Objekte aller Art enthält, ist die Komposition mittels Farbe und Licht total vereinheitlicht. Der scheinbar monochromatische Basiston des Gemäldes reicht im Feld der Brauns von leicht cremefarben bis hin zu rohem Umbra mit einer Myriade Schattierungen von Sand-, Zimt-, Pferdebraun-, [englisch: bay], Walnuss-, Rotbraun- [en.: auburn], Kaffee- und Tabakstichen dazwischen.“ Abgesehen vom Sonnenlicht sind weitere farbliche Hervorhebungen der hellblau-grünliche Schirm einer Öllampe auf dem Schreibtisch, der lichtblaue (en.: cerulean blue) Stoffbezug des Sessels, der grüne Mützenschirm und das ebenso gefärbte Stoffstück, das auf dem Globus liegt, sowie das karminrote Samtkissen auf der Kommode, auf dem ein Glassturz ruht. Als farbliche pièces de résistance – im Dreiklang karmesinrot, magenta und rosé – nannte Bisanz den Teppich unter dem Stuhl sowie den Mantel des Wissenschaftlers, obwohl insbesondere letzterer nicht kräftig leuchtend dargestellt ist.
Kunsthistorische Analyse Einflüsse Spätestens seit der um 1700 einsetzenden Aufklärung – in der es unter anderem darum ging, Akzeptanz für das im Zuge der naturwissenschaftlichen Revolution im 16. und 17. Jahrhundert neu erlangte Wissen zu schaffen – entstanden zahllose Gemälde, die fiktive oder reale Gelehrte in ihren Studienzimmern abbildeten. Diese Gelehrten wurden zumeist mit Stapeln von Büchern und Pergamenten dargestellt; oftmals befanden sich auch ein Globus und einzelne Fläschchen mit Tinkturen im Raum. Eine derartige Fülle an Gegenständen unterschiedlichster Fachrichtung jedoch, wie Spitzweg sie abgebildet hat, ist in keinem Gemälde zusammengetragen worden.
Es lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, von welchen Gemälden sich Spitzweg für Der Naturforscher hat inspirieren lassen. Bekannt ist, dass er regelmäßig Kunstmuseen besuchte – nicht nur zu Beginn seiner Karriere, sondern auch in späteren Jahrzehnten. Im Frankfurter Städel-Museum könnte er dabei beispielsweise auf das Gemälde Ein Gelehrter in seinem Studierzimmer gestoßen sein, das der deutsche Genremaler Justus Juncker 1754 fertigstellte.Steckbrief zu Justus Junckers Gemälde Ein Gelehrter in seinem Studierzimmer in der digitalen Sammlung des Städel-Museums. Abgerufen am 12. September 2024. Es zeigt einen Mann inmitten seines recht unordentlichen Zimmers, der – anders als Spitzwegs Naturforscher – gerade keine Objekte oder Schriften studiert, sondern in einem Moment des Sinnierens festgehalten wurde. Im Raum finden sich nicht nur ein Schreibtisch, sondern unter anderem auch zahlreiche Bücher und gläserne Gefäße, ein Globus, ein menschlicher Schädel, hölzerne Truhen unbekannten Inhaltes und eine Krabbenschere als Wandschmuck. Das Fenster ist am linken Bildrand zu erkennen und taucht das Zimmer in eine ähnlich hellgelbe Lichtstimmung, wie auch Spitzweg sie in seinem Gemälde umgesetzt hat.