Mari Carmen Ramírez (* 1955 in San Juan, Puerto Rico) ist eine amerikanische Kunsthistorikerin, deren Forschungsschwerpunkt auf der Kunst Lateinamerikas liegt. 1988 stellte sie das Blanton Museum of Art der University of Texas at Austin als erste Kuratorin für lateinamerikanische Kunst in den Vereinigten Staaten an. Seit 2001 leitet sie das Latin American Art Department und das International Center for the Arts of the Americas am Museum of Fine Arts, Houston, die erste Einrichtung dieser Art in den USA. Zu Beginn ihrer Karriere beschäftigte sie sich mit politischen Künstlern und war in ihrer kritischen Perspektive von der Neuen Linken in Lateinamerika und der Latino Bewegung beeinflusst. Später wandte sie sich insbesondere abstrakten künstlerischen Positionen zu. Ihr Ziel war die Untersuchung und Bekanntmachung von lateinamerikanischen Künstlern, die bis dahin missverstanden oder vernachlässigt waren.

Leben

Herkunft und Ausbildung Mari Carmen Ramírez wurde 1955 in San Juan auf Puerto Rico geboren. Ihr Vater war Ingenieur, ihre Mutter war in der medizinischen Forschung tätig, bevor sie in den Ruhestand ging, um sie und ihren jüngeren Bruder großzuziehen. Mütterlicherseits stammte Ramírez aus einer Familie von Intellektuellen und Befürwortern der Unabhängigkeit Puerto Ricos. Aufgrund dieses Hintergrunds versteht sich Ramírez als bikulturell, sowohl Amerikanerin als auch Puerto Ricanerin. Sie studierte erst an der University of Puerto Rico, dann an der University of Chicago.Arthur Lubow, After Frida, in: The New York Times Magazine, 23. März 2008, abgerufen am 24. Januar 2025 auf nytimes.com.

Ihre kuratorische Laufbahn begann Ramírez auf Puerto Rico. Dort wirkte sie als stellvertretende Direktorin des Museo de Arte de Ponce in Ponce. In dieser Rolle organisierte sie die erste Retrospektive des puerto-ricanischen Graphikers Lorenzo Homar. Ihre Doktorarbeit über die Frühphase des mexikanischen Muralismo verfasste sie zeitgleich an der University of Chicago. Von 1985 bis 1988 war sie Direktorin des Museum of Anthropology, History and Art der University of Puerto Rico.Profil auf der Website des Bard College, abgerufen am 24. Januar 2025.

Erste Kuratorin für Kunst Lateinamerikas in Austin 1988 – noch Erhalt des Doktorgrades im folgenden Jahr – stellte Eric McCready Mari Carmen Ramírez als Kuratorin an der Archer M. Huntington Art Gallery der University of Texas at Austin an. Es handelte sich um die erste Kuratorenstelle in den Vereinigten Staaten, die ausschließlich für lateinamerikanische Kunst verantwortlich war. Das Museum der Universität war zu diesem Zeitpunkt die einzige Institution, die dauerhaft Kunst aus Lateinamerika in den USA präsentierte. 1989 stellte sie die neu geordnete Sammlung unter dem Titel Abstracción-Figuración/Abstraction-Figuration im Harry Ransom Center aus. In der Präsentation wurden die Studierenden der Kunstgeschichte in Kunst des 20. Jahrhunderts und zeitgenössischer lateinamerikanischer Kunst unterrichtet.Jacqueline Barnitz, The Blanton Museum's Latin American Collection as an Educational Ressource, in: Gabriel Pérez-Barreiro (Hrsg.), Blanton Museum of Art. Latin American Collection, Austin, TX 2006, S. 15–19, 18.

Ausstellungstätigkeit Ramírez erweiterte die Sammlung, trat jedoch insbesondere durch die internationale beachtete Ausstellungstätigkeit mit Leihgaben hervor. 1991 zeigte sie gemeinsam mit der Co-Kuratorin Cecilia de Torres die Schau El Taller Torres-Garcia: The School of the South and its Legacy, die sich auf die 1974 von Barbara Duncan am Museum veranstaltete Ausstellung Joaquin Torres-Garcia 1874-1949: Chronology and Catalogue of the Family Collection bezog. 1993 warb Ramírez Mittel des National Endowment for the Arts ein, um Stellen für kuratorische Assistenten zu finanzieren, die sich aus den Doktoranden der University of Texas at Austin rekrutierten. Gemeinsam mit Beverly Adams organisierte Ramírez 1992 die Ausstellung Encountres/Displacements, zusammen mit Edith Gibson Wolfe 1997 die Ausstellung Re-Aligning Vision: Alternative Currents in South American Drawing, die sich in Teilen auf die von Barbara Duncan und Donald B. Goodall 1977 am Museum organisierte Schau Recent Latin American Drawings (1969-1976). Lines of Visions bezog.

Ramírez verfolgte ein Programm, das sich kritisch gegenüber den Setzung der amerikanischen Kunstgeschichte zur Kunst aus Lateinamerika verhielt und sich auch mit der Sammlungsgeschichte der eigenen Institution auseinandersetze. So versuchte sie etwa mit Re-Aligning Vision: Alternative Currents in South American Drawing und der 1998 stattfindenden Ausstellung Cantos Paralelos: Visual Parody in Contemporary Argentinean Art alternative Perspektiven zu eröffnen. Die in beiden Fällen präsentierten Grafiken fielen aus dem traditionellen Rahmen des Genres heraus und standen damit jenseits des etablierten Kanons. Mit diesen Ausstellungen überging sie auch die auf dem Kunstmarkt etablierten Positionen und gab stattdessen regional verankerten Künstlern eine Bühne, die bis dahin nicht in den USA gezeigt worden waren. Im Fokus von Re-Aligning Visions standen dabei Fragen nach der Vermittelbarkeit der lokalen Gegebenheiten, die in den Werken Ausdruck fanden, für eine globale Öffentlichkeit.France Morin et al., Beyond Boundaries. Rethinking Contemporary Art Exhibitions, in: Art Journal, Vol. 59, Nr. 1 (2000), S. 4–21, 14. Mit beiden Ausstellungen gab Ramírez der kollektiven Erinnerung an die von Diktaturen geprägten 1960er- und 1970er-Jahre in Lateinamerika Raum, so dass durch die Bedingungen vor Ort oder durch Exil marginalisierte Positionen zu Sichtbarkeit gelangten. Sie sollten auch die simplifizierende Identität, die Mittels marktgängiger Kunst wie der Frida Kahlos durch lateinamerikanische Eliten erzeugt worden war, verkomplizieren.France Morin et al., Beyond Boundaries. Rethinking Contemporary Art Exhibitions, in: Art Journal, Vol. 59, Nr. 1 (2000), S. 4–21, 16.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Héctor Olea, einem mexikanischen Dichter und Übersetzer, kuratierte im Jahr 2000 im Museo Reina Sofia in Madrid die Ausstellung Heterotopias, die mit der Präsentation lateinamerikanischer moderner Kunst in ihrer Breite als Teil der westlichen Kunstentwicklung Aufmerksamkeit in der Fachcommunity erregte. Das Wirken von Ramírez wird mit einer Verschiebung des Interesses vom Muralismo und Realismus hin zu Spielarten der Abstraktion in Lateinamerika in Verbindung gesetzt. Eine Entwicklung, die in Teilen von Kunsthistorikern wie Edward J. Sullivan auch bedauert wird.

Abschied im Streit Die Arbeit an der Madrider Ausstellung fiel mit der Endphase ihrer Tätigkeit am nun Blanton Museum of Art zusammen. Ihr Abschied ging auf Konflikte innerhalb des Museums zurück. Zum einen erhielt Jonathan Bober, ein anderer Kurator, eine substantielle Gehaltserhöhung, welche die Direktorin Jessie Otto Hite Ramírez nicht ebenfalls garantieren konnte. Zum anderen hatte Bober es geschafft, den Präsidenten der Universität und private Geldgeber davon zu überzeugen, die Suida-Manning Collection mit Werken der italienischen Renaissance und des Barocks anzukaufen. Für Ramírez markierte das den Bedeutungsverlust der Sammlung lateinamerikanischer Kunst, die für sie den Kernbestand des Museums ausmachte. Als die Zeichen bereits auf Abschied standen, untersagte Hite ihr die Arbeit am Sammlungskatalog, für den Ramírez in Hinblick auf die Eröffnung des Museumsneubaus 2006 Mittel eingeworben hatte, da sie diesen als attraktivitätssteigernd für die Neubesetzung der Kuratorenstelle ansah. Bereits in den 1970er-Jahren hatte Damián Bayón begonnen, an einem Sammlungskatalog zu arbeiten, der jedoch nicht vollendet wurde. Das Projekt wurde dann vom Nachfolger Ramírez, Gabriel Pérez-Barreiro, nach deren Ausscheinden aus dem Museum im Jahr 2000 umgesetzt. Mit Wiedereröffnung des Museums lag der Sammlungskatalog vor, der sich in seiner Anlage stark von den ursprünglichen Plänen unterschied.Jessie Otto Hite, Preface and Acknowledgments, in: Gabriel Pérez-Barreiro (Hrsg.), Blanton Museum of Art. Latin American Collection, Austin, TX 2006, S. 8–9, 9.Gabriel Pérez-Barreiro, Introduction, in: Gabriel Pérez-Barreiro (Hrsg.), Blanton Museum of Art. Latin American Collection, Austin, TX 2006, S. 11–13, 11. Ramírez agitierte in der Folge gegen Hite, da sie die Vorgänge als Verrat an ihrer intellektuellen Arbeit interpretierte. Hite erhielt daraufhin kritische Zuschriften. Um den Konflikt zu entschärfen, wartete sie ein Jahr ab, um die Kuratorenstelle neu zu besetzen. Pérez-Barreiro integrierte in der Folge die lateinamerikanische Kunst mit den anderen Sammlungsschwerpunkten in der permanenten Sammlungspräsentation des Blanton Museums, was Ramírez als Aufgabe von deren Spezifizität kritisierte. Er setzte seinen Schwerpunkt auf intensivierten Ankaufsaktivitäten in Hinblick auf günstigere zeitgenössische Arbeiten, während Ramírenz ihren Fokus auf der Ausrichtung von Gruppenausstellungen hatte, und gab den enzyklopädischen Anspruch der Sammlung auf. Hite betonte, dass Ramírez die Sammlung nicht aufgebaut hatte – obwohl sie auch bedeutende Erwerbungen tätigte wie unter anderem die Installation von Cildo Meireles – und sie vor allem zur Erhöhung der eigenen Reputation genutzt hätte. Infolge des Konflikts kam es zu keiner Zusammenarbeit zwischen den Museen in Austin und Houston.

Kuratorin am Museum of Fine Arts, Houston Im Mai 2001 übernahm Mari Carmen Ramírez die von der Wortham Foundation finanzierte Kuratorenstelle für Kunst aus Lateinamerika am Museum of Fine Arts, Houston. In den Verhandlungen mit dem Direktor Peter Marzio erreichte sie die Einrichtung des International Center for the Arts of the Americas, das sich der Erforschung lateinamerikanischer Kunst widmen sollte. Einer der Wege zur Profilbildung des Museums war der Fokus auf die Sammlung lateinamerikanischer Kunst; der Direktor Marzio sah sie als einen wachsenden Kern der von ihm geleiteten Institution. Die kuratorische Arbeit von Ramírez wurde dafür gewürdigt, Interesse auf das Museum of Fine Arts gelenkt zu haben, das sonst eher unter dem Radar fliegen würde. 2005 zählte Ramírez laut dem Magazin Time zu den 25 einflussreichsten Hispanics in Amerika.Richard Lacayo, Mari Carmen Ramírez, in: Times, 22. August 2005, abgerufen am 24. Januar 2025 auf time.com.

Im Rahmen des International Center for the Arts of the Americas kooperierte Ramírez mit lateinamerikanischen Institutionen. So etwa mit der Fundación Gego und dem Museo de Bellas Artes in Caracas, was zur ersten US-Retrospektive für die Künstlerin Gego im Jahr 2002 führte. Daneben organisierte das Forschungszentrum Symposien, deren Ergebnisse in Tagungsbänden festgehalten wurden, und fördert Forschung. Bedeutend ist das langfristige Projekt, Primärquellen in sieben lateinamerikanischen Ländern und den USA zu sichern und zu digitalisieren, um sie dann auf der Website des Instituts der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Zwar gab es solche Bemühungen schon in einzelnen Ländern wie Argentenien und Brasilien, der transnationale Ansatz in Houston war aber neu. Die Dokumente sollten zudem in einer 13-bändigen Edition auch in gedruckter Form in englischer Übersetzung publiziert werden. Neben der Gego Foundation waren in der Folge auch die Cruz-Diez Foundation und die Capriles Brillembourg Collection of Latin American Art langfristige Kooperationspartner von Ramírez am International Center for the Arts of the Americas. Mit diesen Partnern wurde auf den Feldern des Austausches von Leihgaben, dem Organisieren von Ausstellungen, Forschung, Publikationen und Restaurierungsvorhaben zusammengearbeitet.Ohne Autor, Mari Carmen Ramirez: Tenth Anniversary of the Latin American Department, in: literalmagazine.com, 24. April 2012, abgerufen am 6. Februar 2025.

mini|Das Nancy and Rich Kinder Building beherbergt die Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst des Museum of Fine Arts, Houston.