mini|Harada Mitsusuke (2006). mini|Signatur von Harada Mitsusuke. Harada Mitsusuke (jap. 原田 満典; * 16. November 1928 in Dairen; † 26. Februar 2021 in Cwmbrân) war ein Karate-Lehrer und Praktizierender des orthodoxen Shōtōkan-Ryū, technischer Berater der British Karate Control Commission (BKCC) sowie Gründer der vor allem in Europa ansässigen Organisation Karate-Dō Shōtōkai (KDS). Haradas eigene Karate-Lehrer waren in erster Linie Funakoshi Gichin, Egami Shigeru und Okuyama Tadao.
Lebensweg von Harada Mitsusuke
Kindheit und Shōtōkan Harada Mitsusuke wurde am 16. November 1928 in Dairen, in der Mandschurei, geboren. Sein Vater, Harada Yutaka (1896–1976), arbeitete damals als ein Filialleiter und später als ein Generaldirektor der Südmandschurischen Eisenbahn. Mitsusukes Mutter, Haru (1897–1998), trug vor ihrer Hochzeit mit Yutaka den Geburtsnamen Kuroda und war als Journalistin für die „Mainichi Shimbun“ tätig. Gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Sadako († 1998) und seinen Eltern verbrachte Harada Mitsusuke seine Kindheit u. a. in den chinesischen Metropolen Peking und Shanghai. Als Kind konnte er Chinesen bei ihrem Taijiquan-Training in öffentlichen Parks beobachten, wodurch sein Interesse an Kampfkunst geweckt wurde.
Aus Sicherheitsgründen zog Haru 1938 mit ihren beiden Kindern, Sadako und Mitsusuke, nach Tokio. Harada Yutaka folgte seiner Familie erst im Sommer 1945. In Tokio besuchte Harada Mitsusuke in den Folgejahren die Seigakuin-Mittelschule (Seigakuin-Chūgakkō). Seit ihrer Gründung war diese eine Bildungseinrichtung mit christlicher Prägung. Aufgrund der militärischen Bestrebungen Japans verfügte das japanische Kultusministerium 1937, dass Jungen ab dem Mittelschulalter u. a. Jūken-Jutsu, d. h. Kampftechniken mit dem Bajonett, zu lernen hatten. Auch Harada erhielt infolgedessen vor dem Ende des Pazifikkriegs Unterricht im Jūken-Jutsu. Ab Ende 1943 musste Harada zusammen mit anderen älteren Mitschülern zur Unterstützung des japanischen Kriegstreibens in einem Federnwerk arbeiten, in dem Federn für Flugabwehrkanonen hergestellt wurden. Nachdem sich Harada bereits während seiner Mittelschulzeit mit dem Methodismus auseinandergesetzt hatte, ließ er sich 1946 taufen.
Unterstützt von seinem Vater, suchte Harada Anfang November 1943 den Shōtōkan mit der Absicht auf, dort die Kampfkunst Karate zu erlernen. Dazu benötigte der 15-Jährige Harada die Unterschrift seines Vaters und hatte einen Betrag von 5 Yen zu entrichten. Dieser Betrag setzte sich aus einer Aufnahmegebühr in Höhe von 3 Yen sowie einer Monatsgebühr von 2 Yen zusammen. An seiner ersten Karate-Einheit, die von Hironishi Motonobu (1913–1999) geleitet wurde, nahm Harada aufgrund des Jahreswechsels aber erst Anfang Januar 1944 teil. Als Anfänger erhielt Harada im Shōtōkan oft Unterricht von Uemura Wadō (1906–2002) und sein Training bestand aus Grundlagen, Kata und Kumite, wobei besonders die Ten no Kata regelmäßig geübt wurde. Darüber hinaus leiteten hin und wieder auch Funakoshi Yoshitaka (1906–1945) und Hayashi Yoshiaki (1907–1989) Einheiten, an denen Harada im Shōtōkan teilnahm. Während seiner Zeit im Shōtōkan unterzog sich der junge Harada keiner Graduierungsprüfung. Nachdem der Shōtōkan 1945 abgebrannt war, setzte Hironishi den Karate-Unterricht für dessen Mitglieder in der Turnhalle einer nahegelegenen, unversehrt gebliebenen Grundschule fort, und Harada nutzte dieses Angebot einige Male. Unter den Nachkriegsumständen brach Harada sein Karate-Training für mehrere Monate ab, konnte es aber 1947 für etwa drei Monate als Privatschüler von Funakoshi Gichin im Zuhause von dessen ältesten Sohn, Funakoshi Yoshihide (1901–1961), fortsetzen.
Waseda-Karate-Klub und Brasilien Harada Yutaka war Absolvent der Waseda-Universität in Tokio, weswegen auch sein Sohn, Mitsusuke, ein Studium an dieser Einrichtung anstrebte. Während Harada zuvor das Waseda-Gymnasium in Tokio besuchte, folgte er 1947 dem Ratschlag des Kapitäns des Karate-Klubs der Waseda-Universität und trainierte eine Zeitlang in diesem universitären Karate-Klub, obwohl er noch kein immatrikulierter Student war. Im April 1948 ließ sich Harada Mitsusuke an der Waseda-Universität als Student der Wirtschaftswissenschaft immatrikulieren und erlangte 1953 seinen Bachelor- und 1955 seinen Master-Abschluss in Wirtschaftswissenschaft. Seinen Wunschberuf, Romancier, musste er damals aufgeben.
Als Student der Waseda-Universität wurde er im April 1948 ordentliches Mitglied des Karate-Klubs der Waseda-Universität. In diesem Karate-Klub herrschten hierarchische Strukturen mit Neulingen (Shinjin) auf der unteren Ebene und dem Kapitän sowie den „O.B.“ (Old Boys) genannten Alumni auf den oberen Ebenen. Als Shinjin erhielt Harada am häufigsten von Okuyama Tadao (1918–2006) Unterricht. Aber auch O.B. wie Noguchi Hiroshi (1910–2002), Hironishi Motonobu oder Kamata Toshio (1917–2018) gehörten damals im Klub zu seinen Lehrern. Über die regulären Trainingseinheiten hinaus führte der Karate-Klub der Waseda-Universität jährlich wiederkehrende Gasshuku und Graduierungsprüfungen durch. Harada nahm bereits im Sommer 1948 an seinem ersten Gasshuku, das sein Klub auf der Insel Sado abhielt, teil. Anfang 1949 unterzog sich Harada seiner ersten Karate-Prüfung im Karate-Klub der Waseda-Universität und erreichte dabei den 5. Kyū. Zu diesem Zeitpunkt war er 20 Jahre alt und seine erste Karate-Übungsstunde lag 5 Jahre zurück.
Funakoshi Gichin wurde vom Klub als Lehrmeister (Shihan) verpflichtet und leitete als solcher an Samstagen das Training, an dem Harada von 1949 bis 1952 teilnahm und für das er Funakoshi auch hin und wieder von Zuhause abzuholen hatte. Nach fünf erfolglosen Versuchen bestand Harada mit der Kata Enpi im November 1952 die Prüfung zum 1. Dan. Ab 1953 übte er über achtzehn Monate hinweg täglich als Privatschüler alleine mit Egami Shigeru im Dōjō des Karate-Klubs der Waseda-Universität. Als Assistenztrainer erwarb Harada 1954 über etwa sechs Wochen hinweg erste Lehrerfahrungen beim Karate-Unterricht für Personal des Strategischen Luftkommandos der USA, der im Kōdōkan abgehalten wurde.
Nach seinem Universitätsabschluss trat er im Frühling 1955 eine Stelle auf Lebenszeit (Shūshin Koyō) bei der Fuji-Bank (Fuji-Ginkō) an. Diese sandte ihn unmittelbar nach São Paulo in Brasilien, wo er fortan bei der Bank von Südamerika (Banco América do Sul) tätig war und schließlich zu einem leitenden Bankbeamten aufstieg. Um Portugiesisch zu lernen, schrieb er sich im gleichen Jahr an der Universität von São Paulo für einen Sprachkurs ein. Über zwei Jahre hinweg wohnte er in São Paulo als Untermieter einer italienischen Familie, erwarb daraufhin aber eine eigene Wohnung.
Karate wurde in Brasilien schon vor Haradas Ankunft vor allem von Immigranten aus der japanischen Präfektur Okinawa praktiziert. Ab Oktober 1955 begann auch Harada infolge einer Bitte anfangs an einem Abend, später an drei bis vier Abenden pro Woche Karate im Dōjō des panamerikanischen Jūdō-Meisters von 1956, Kurachi Hikari, zu unterrichten. Zur Bekanntmachung gab Harada in den folgenden Monaten und Jahren öffentliche Karate-Vorführungen, ließ sich für Zeitungen interviewen und trat im Fernsehen auf. Nach und nach entstanden weitere Karate-Gruppen unter seiner Ägide. Infolgedessen gründete Harada 1955 den „Shoto-Kan Karate-Do Brasil“ als von Japan unabhängige Organisation. 1956, im Alter von 28 Jahren, erhielt er von Funakoshi Gichin den 5. Dan. Diese Urkunde stellte ihm Funakoshi als Vorsitzender des Nihon Karate-Dō Shōtōkai aus. In Funakoshis Karate war der 5. Dan die letzte bzw. höchste erreichbare Stufe.
Europa und KDS 1962 erreichte Harada in Brasilien eine Einladung nach Europa. Diese nahm er an, kündigte im Dezember 1962 seine Stelle bei der Bank, verkaufte seine Wohnung, und traf im Februar 1963 in Paris ein. Harada plante ursprünglich, etwa ein Jahr lang in Europa zu verweilen und danach nach Japan zurückzukehren. In Paris unterrichtete er nunmehr als hauptberuflicher Karate-Lehrer für den vietnamesischen Kampfkunstunternehmer Hoàng Nam und den japanischen Karate-Trainer Murakami Tetsuji (1927–1987). Doch im Sommer 1963 wurde er vermutlich auf Betreiben seiner beiden Auftraggeber Hoàng und Murakami aus Frankreich ausgewiesen.
Zunächst unterrichtete Harada daraufhin in Belgien und zog Ende 1963 nach Großbritannien, wo er am 23. November 1963 im Rahmen der nationalen Jūdō-Meisterschaft in der Royal Albert Hall eine Karate-Vorführung gab. Der Jūdō- und Aikidō-Lehrer Abe Kenshirō (1916–1985) ermöglichte Harada diesen Auftritt und ermutigte ihn, darüber hinaus eine Karate-Organisation unter dem Dach seines Kokusai Budō Shingikai (engl. International Budō Council, IBC) zu schaffen. Harada willigte ein und gründete den „Karate-Dō Shōtōkan“ als Mitgliedsverband des IBC, den Abe bereits 1958 gebildet hatte.
Anders als in Brasilien eröffnete Harada in Europa kein eigenes öffentliches Dōjō. Stattdessen reiste er, um sein Karate an verschiedenen Orten in Großbritannien und Europa auszuüben und zu vermitteln. In der Periode von 1964 bis 1968 pendelte Harada jeweils für drei Monate zwischen Belgien und Großbritannien hin und her. Außerdem unterrichtete er bis 1970 regelmäßig in einem Aikidō-Dōjō in London, das „The Hut“ („Die Hütte“) genannt wurde.
Aufgrund von Veränderungen innerhalb des IBC trennte sich Harada von dieser Organisation und gründete am 1. Juni 1966 den „Karate-Dō Shōtōkai“ (KDS) mit anfangs ungefähr zehn Klubs in Großbritannien. Sein KDS sollte Harada in die Lage versetzen, sich gänzlich auf Karate konzentrieren und im Alter über eine Rente verfügen zu können. Die Wahl des Namens „Shōtōkai“ anstelle von „Shōtōkan“ war das Ergebnis einer Eingabe von Egami und des Nihon Karate-Dō Shōtōkai. Für das Emblem seines neugegründeten KDS wollte Harada keine Darstellungen von geballten Fäusten o. Ä. nutzen, um ein „falsches Bild“ von seinem Karate zu vermeiden, und so schlug einer seiner Schüler das Chrysanthemenwappen vor.
Mit seinem KDS schloss sich Harada dem neuen Karate-Dachverband British Karate Control Commission (BKCC) an. Neben anderen Karate-Pionieren in Großbritannien wie Suzuki Tatsuo (1928–2011) vom Wadō-Ryū fungierte Harada als ein Technischer Berater (Technical Advisor) der BKCC. Doch 1975 wurde die BKCC aufgelöst.
Aoki Hiroyuki (* 1936), ein Schüler von Egami im Karate-Klub der Chūō-Universität, strebte Anfang der 1960er Jahre danach, ein „Mann von wahrem Avantgarde-Budō“ zu sein und das ihm von Egami vermittelte Karate zu etwas zu verändern, das nicht mehr zwingend „Karate“ heißen müsste. Dazu scharte Aoki ab September 1965 Anhänger um sich und begann etwas zu entwickeln, das er später Shintaidō („Neuer Körperweg“) nannte. Aufgrund des gemeinsamen Lehrers, Egami, glaubte Harada, dass diese andere Praxis von Egami selbst als Weiterentwicklung seines Karate geschaffen wurde und reiste von 1967 bis 1968 für sechs Monate nach Tokio, um sich näher damit befassen zu können. Allerdings erhielt Harada von Egami keine klare Aussage darüber, ob er nunmehr der neuentwickelten Praxis oder dem Karate, das er im Privattraining von Egami lernte, nachgehen solle. Eine Zeitlang ließ Harada jene neue Praxis in sein KDS einfließen. Aber im Sommer 1971 beendete Harada diese Phase und besann sich auf seine ursprüngliche Karate-Übung mit Egami, die infolge innerhalb seines KDS ausgeübt und entwickelt werden sollte. Dieser Schritt führte 1971 zu einer ersten, schwerwiegenden Abspaltung von all jenen, die die von Aoki stammenden Neuerungen bevorzugten. Ungeachtet dessen hatte Egami seinen Schüler Harada noch 1968 urkundlich als den „höchsten Ausbilder“ des Shōtōkai in Europa bestätigt.