mini|Frontfassade mit Totenleuchte Die Votiv- bzw. Gedächtniskapelle in Berg am Starnberger See ist ein römisch-katholischer Sakralbau, der dem Andenken an König Ludwig II. von Bayern gewidmet ist. Sie befindet sich nahe jener Stelle am Ufer, an der die Leiche des Königs am Abend des 13. Juni 1886 aufgefunden worden war. Errichtet wurde sie in den Jahren 1896 bis 1900 nach Entwürfen des königlichen Hofoberbaurats und ehemaligen Architekten Ludwigs II., Julius Hofmann, im neoromanischen Stil. Als Patrozinium ist der heilige Ludwig IX. von Frankreich, Namenspatron des Königs, gewählt. Das Gebäude befindet sich seit 1923 im Eigentum des Wittelsbacher Ausgleichsfonds.

Bau- und Nutzungsgeschichte Am 13. Juni 1886 kamen König Ludwig II. von Bayern (* 1845) und sein Gutachter Bernhard von Gudden (* 1824) unter im Wesentlichen ungeklärten Umständen im damals noch Würmsee genannten Starnberger See auf Höhe von Schloss Berg zu Tode. Zum Gedenken an ihren Sohn gab die Königinmutter Marie von Preußen (1825–1889) unweit der Unglücksstelle eine fast sieben Meter hohe Totenleuchte in Auftrag. Sie ist ganz aus rotem Stein im neogotischen Stil gearbeitet und erhebt sich über einem achteckigen, gestuften Sockel. Aus ihm wächst ein gefugter, gekehlter Schaft empor, der in eine laternenartige Bekrönung mit rot verglasten Fenstern und einem bronzenen Kruzifix mündet. Entworfen wurde das Denkmal von Julius Hofmann (1840–1896), der auch dessen Aufstellung beaufsichtigte. In gotischen Lettern nennt eine in Bronze gegossene Inschrift den Todestag, ergänzt um vier gleichgestaltete, rautenförmige Wappen. Eingeweiht wurde die Totenleuchte am 25. August 1887 – dem Geburts- und Namenstag des Königs. Für die Kosten kam Prinzregent Luitpold (1821–1912) auf. Ursprünglich stand das Monument unmittelbar am Seeufer, ehe es später an seinen heutigen Platz versetzt wurde.Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 86–88; Alfons Schweiggert: Paradies, 2017, S. 342. Wo genau die Säule ursprünglich aufgestellt war, ist unklar. Jedenfalls gelangte sie spätestens 1899 auf ihren heutigen Platz. Zwischen 1887 und 1890 errichtete man im Wasser nahe der Uferzone zudem ein schlichtes Holzkreuz; es markiert der verbreiteten Annahme nach nicht den eigentlichen Todesort, sondern die Stelle, an der der Leichnam des Königs geborgen wurde.Die genaue Lage der Todesstelle ist umstritten; sie wird je nach Darstellung einige Meter südlich oder mehrere hundert Meter nördlich der Kreuzstelle verortet. Nachdem die Kreuze wiederholt durch Witterungseinflüsse und später auch durch mutwillige Beschädigungen zerstört worden waren, wurden sie mehrfach erneuert, zuletzt in den Jahren 1913, 1918, 1925, 1961 und 1986. Bereits vor der Aufstellung des Holzkreuzes hatten an der betreffenden Stelle andere Markierungen der Leichenfundstelle bestanden; Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 79–85; Alfons Schweiggert: Paradies, 2017, S. 342.

Den Grundstein für die Kapelle legte Prinzregent Luitpold am zehnten Todestag des Königs 1896. Die lange Zeitspanne zwischen dem Tod Ludwigs II. und dem Baubeginn wurde verschiedentlich damit erklärt, dass der Prinzregent und die Staatsregierung, die in weiten Teilen der bayerischen Bevölkerung als mindestens mitverantwortlich am Tod des Königs galten, zunächst eine Beruhigung der öffentlichen Stimmung abwarten wollten.Alfons Schweiggert: Paradies, 2017, S. 344f. Finanziert wurde der Bau aus dem Vermögen König Ottos (1848–1916).Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 127. Die Entwürfe für die Kirche stammten von Julius Hofmann,Zu Hofmann und seinem Sohn vgl. Susanna Partsch: Hofmann, Julius. In: Allgemeines Künster-Lexikon, Bd. 74, Berlin/Boston 2012, S. 141f. Architekt Oberhofbaurat Ludwigs II.; die Ausführung lag hingegen in den Händen seines Sohnes Rudolf Hofmann (1867–1951), der auch die gesamte ornamentale Innenausstattung entwarf.Corbinian Ettmayr: Die Gedächtnis-Kapelle für König Ludwig II. und die Königs-Kapelle im Parke des Schlosses Berg, München 1901, S. 20, Anm. 1 (Digitalisat); Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 127. Vier Jahre nach der Grundsteinlegung konnte die auf einem Betonfundament ruhende, im frühromanischen Stil errichtete Kapelle geweiht werden.Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 127.

Aus Sicht des Prinzregenten und der staatlichen Stellen sollte das Bauwerk als Gedächtniskapelle für den verstorbenen König verstanden werden. In der Öffentlichkeit setzte sich allerdings schon bald eine andere Deutung durch: man sah in der Kapelle die Erfüllung eines Gelübdes oder einen Akt der Sühne des Prinzregenten für eine Mitschuld am Tod Ludwigs II. Aus dieser Vorstellung heraus bürgerte sich bald die Bezeichnung „Votivkapelle“ ein, die gebräuchlich geblieben ist. Demgegenüber spricht die für die Kapelle zuständige Verwaltung des Herzogs von Bayern offiziell weiterhin ausschließlich von einer Gedächtniskapelle.Marcus Spangenberg: Katalog. In: ders./Berhand Lübbers (Hrsg.): Ludwig II. Tod und Memoria, Regensburg 2011, S. 61–106, hier: S. 90.

Die preußenfreundliche bayerische Regierung plante zum 80. Geburtstag Otto von Bismarcks am 1. April 1895 die Errichtung eines Bismarckturms oberhalb der Todesstelle Ludwigs II. Das Vorhaben stieß beim Zentrum und auch in weiten Teilen der Bevölkerung aufgrund der als unangemessen empfundenen Standortwahl auf erheblichen Widerstand, sodass sich die Ausführung verzögerte. 1899 wurde der Turm nach längeren Auseinandersetzungen dann aber doch fertiggestellt.Alfons Schweiggert: Paradies, 2017, S. 346–50.

Von 2014 bis 2018 erfolgte eine umfassende Sanierung des Bauwerks. Dabei wurden das Blechdach erneuert, die Fugen der Fassade instand gesetzt sowie insbesondere die Gemälde an Decke und Wänden restauriert. Durch langanhaltende Feuchtigkeit hatten sich in den Mauern Salzablagerungen gebildet, die behutsam entfernt werden mussten.Annette Krauß: In neuer Pracht. In: Donaukurier, 30. Juni 2018, S. 21. Für die denkmalpflegerisch anspruchsvollen Maßnahmen erhielt der Wittelsbacher Ausgleichsfonds als verantwortlicher Träger die Bayerische Denkmalschutzmedaille.Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Denkmalschutzmedaille 2018, München 2018, S. 34. Die Kapelle kann von April bis Oktober besichtigt werden. Bis heute versammeln sich dort alljährlich am nächstliegenden Sonntag zum Todestag des Königs Königstreue und Mitglieder des Hauses Wittelsbach zu einem Gedenkgottesdienst, bei dem an der Totenleuchte ein Kranz niedergelegt wird. Organisiert wird die Veranstaltung von der Vereinigung „Ludwig II. – Deine Treuen“. Die Gedenkmesse steht in einer langen Tradition: Bereits vor der Errichtung der Gedenkkapelle kamen die Anhänger des Königs in der Königskapelle von Schloss Berg zusammen, die Ludwig II. Mitte der 1870er Jahre hatte erbauen lassen.Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 88, 130; Alfons Schweiggert: Paradies, 2017, S. 342, 346.

Architektur und Ausstattung mini|Apsis mit Marmoraltar Die Kapelle wurde als Zentralbau im Stil der Frühromanik mit drei Konchen und einem kurzen Portalvorbau errichtet. Der Baukörper steigt nach oben in ein Achteck über und wird von einem steilen Zeltdach abgeschlossen. Die Kapelle erreicht außen eine Höhe von etwa 34 m und umfasst eine Grundfläche von rund 20 × 24 m.Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern IV, München und Oberbayern, München 2006, S. 127; Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 130. Der neoromanische Stil entspricht sowohl dem zeittypischen Architekturgeschmack als auch ästhetischen Vorlieben Ludwigs II.Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 127.

In der Wirkung der Landschaft am Starnberger See tritt der Bau mit seinem rötlich-gelben Muschelkalkmauerwerk deutlich aus dem umgebenden Grün der hochgewachsenen Bäume hervor. Zur Gesamtanlage gehört eine zweiarmige, gegenläufig angelegte Freitreppe, die zur von der Königsmutter 1887 in Auftrag gegebenen Totenleuchte hinführt. Der Grundriss ergibt sich aus der Kombination der drei Apsiden mit dem eingezogenen Eingangsbereich, wodurch eine kreuzförmige Gesamtstruktur entsteht.Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 127f. Das Äußere des Bauwerks ist zurückhaltend gestaltet; der Bauschmuck beschränkt sich weitgehend auf das zum See hin orientierte Portal. Im Tympanon erscheint Christus in der Mandorla, umgeben von den geflügelten Symbolen der Evangelisten. In zwei der mit Kapitellen bekrönten Säulen am Portal sind Wappenschilde eingefügt, die von bayerischen Löwen gehalten werden: im rechten Feld die bayerischen Rauten, im linken die Initialen „L II“.Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 128; siehe auch Abb. S. 129.

Im Inneren der Vorhalle befinden sich zwei lateinische Inschriften. Links ist zu lesen:Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 128. MEMORIAE/ AVGVSTISSIMI · DOMINI/ LVDOVICI · II/ BAVARIAE· REGIS/ QVI/ CVM · PER · XXII · ANNOS/ REGNASSSET/ LVGENTE· PATRIA/ HIC · D · XIII · MENS · IVN/ A · MDCCCLXXXVI/ FATO· CESSIT/ SACRUM. „Dem Gedächtnisse Seier Majestät Ludwig II., Königs von Bayern, geweiht, der nach 22jähriger Regierung zur Trauer des Vaterlandes an dieser Stelle am 13. Juni 1886 aus dem Leben schied.“Übers. nach Corbinian Ettmayr: Die Gedächtnis-Kapelle für König Ludwig II. und die Königs-Kapelle im Parke des Schlosses Berg, München 1901, S. 20. Rechts steht geschrieben:Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 128. SVB · AVSPICIIS/ CELSISSIMI · PRINCIPS/ LVITPOLDI/ BAVARIAM · REGENTID/ HOC · SACELLVM/ POSITO · D · XIII · MENS · IVN ·/ A · MDCCCXCVI · FVNDAMENTO/ EXSTRVCTVM · ET/ D · XIII · IVN · A · MCM/ CVLTVI · DIVINO/ SACRATVM · EST. „Unter den Auspizien Seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten Luitpold von Bayer ist diese Kapelle, nachdem am 13. Juni 1896 der Grundstein gelegt worden war, erbaut und am 13. Juni 1900 eingeweiht worden.“Übers. nach Corbinian Ettmayr: Die Gedächtnis-Kapelle für König Ludwig II. und die Königs-Kapelle im Parke des Schlosses Berg, München 1901, S. 20. Die Inschrift am Scheitel des Tonnengewölbes mahnt, dass die Kirche in ihrem innersten Wesen zuallererst Gott geweiht ist:Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 128. DEO OPTIMO MAXIMO Durch farblose, Alabaster nachahmende Opalescentgläser fällt gedämpftes, milchig gebrochenes Licht in den Kirchenraum.Corbinian Ettmayr: Die Gedächtnis-Kapelle für König Ludwig II. und die Königs-Kapelle im Parke des Schlosses Berg, München 1901, S. 26; Annette Krauß: In neuer Pracht. In: Donaukurier, 30. Juni 2018, S. 21. Die architektonische Gliederung aus Wänden, Gewölben und Kuppel erhebt sich über einem hohen Sockel aus gelb-weißem Pavonazzo-Marmor und ist in Anlehnung an byzantinische Vorbilder mit Heiligenfiguren, dynastischen Zeichen und ornamentalen Motiven reich ausgemalt. Der Boden besteht vollständig aus rotem Ruhpoldinger Marmor und verstärkt den farblichen Kontrast des Innenraums.Dietmar Schulze: Denkmäler, 2011, S. 128. Für die Ausstattung der Kapelle vgl. insbes. auch Corbinian Ettmayr: Die Gedächtnis-Kapelle für König Ludwig II. und die Königs-Kapelle im Parke des Schlosses Berg, München 1901.