mini|Bücher und andere Veröffentlichungen der Farbe-Ton-Forschung Die Farbe-Ton-Forschung war eine wissenschaftliche und künstlerische Bewegung, die sich mit allgemein multisensorischen und synästhetischen Wahrnehmungsphänomenen befasste. Sie entwickelte sich in den 1920er Jahren im deutschsprachigen Raum und endete kurz vor Beginn der Zeit des Nationalsozialismus.
Allgemeines mini|Hauptgebäude der Universität Hamburg, dem Austragungsort der Kongresse für Farbe-Ton-Forschung. Zustand im Jahr 2023 Im Jahr 1925 initiierte der Hamburger Professor der Psychologie Georg Anschütz verschiedene Aktivitäten zur Erforschung der visuellen Aspekte auditiver Wahrnehmung. Die Bemühungen gipfelten in vier interdisziplinären Kongressen zur Farbe-Ton-Forschung in den Jahren 1927, 1930, 1933 und 1936.Jörg Jewanski: ‘Art and Synesthesia' at the Color-Tone Congresses in Hamburg 1927-1936. In: Jizo Ediciones & Foundación Internacional Artecitta (Hrsg.), 2005Kunst und Synästhesie während der Farbe-Ton-Kongresse in Hamburg 1927-1936, in: Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie 18, 2006, 191-210; https://www.psycharchives.org/bitstream/20.500.12034/2600/1/18_2006_12_Berichte.pdf Es handelt sich weltweit um die ersten Fachkonferenzen, die Synästhesieforschung mit dem Erfahrungsaustausch synästhetisch begabter Menschen sowie mit Anwendungen in Kunst, Musik, Design und Pädagogik zusammenführten – ein Konzept, das heute, jedoch erst seit der Jahrtausendwende, den Standard internationaler Synästhesiekonferenzen bildet. Zahlreiche Dokumente zur Farbe-Ton-Forschung finden sich in drei Sammelbänden sowie in weiteren Publikationen.Anschütz, Georg (Hrsg.): Farbe-Ton-Forschungen, Bd. 1. Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft, 1927. Bd. 2., 1936 & Bd. 3., Hamburg: Psychologisch-ästhetische Forschungsgesellschaft, 1931 Diese Veröffentlichungen zeigen zum ersten Mal umfangreiches Material farbiger Visualisierungen synästhetischer Phänomene.Felix Wörner & Melanie Wald-Fuhrmann: Lexikon Schriften über Musik, Bd. 2. Kassel, Bärenreiter, 2022, 52-4 Die ersten beiden Kongresse sind ausführlich dokumentiert. Neben der Beschreibung und Analyse synästhetischer, durch Schallreize ausgelöster Wahrnehmungsphänomene wurde erfolgreich versucht, psychologische Forschung, Musikpsychologie, Pädagogik und Bildende Kunst zusammenzuführen.Michael Haverkamp: Die “Farbe-Ton-Forschung” in Hamburg 1925-1936. Annual conference DAGA 2011, Düsseldorf. Berlin: DEGA, 2011 Im Rahmen der Farbe-Ton-Forschung wurden darüber hinaus ausführliche Quellenstudien durchgeführt und viele hundert Publikationen ausgewertet.
In den 1930er Jahren rückten allgemeine Fragestellungen in den Vordergrund, insbesondere im Zusammenhang mit der Entwicklung des Tonfilms. Der dritte Kongress der Farbe-Ton-Forschung ist weltweit die erste Tagung zum Thema Tonfilm.III. Kongress für Farbe-Ton-Forschung (Tonfilm, Neue Bühne, Neue Musik), 2.-7.10.1933, Haupt-Programm. In: Anschütz, Georg (Hrsg.): Farbe-Ton-Forschungen. Bd. 2. Hamburg: Psychologisch-ästhetische Forschungsgesellschaft, 1936
Kongresse der Farbe-Ton-Forschung mini|hochkant|Plakat zum zweiten Kongress für Farbe-Ton-Forschung 1930 von Rudolf Gahlbeck Zunächst gründete Anschütz Anfang 1925 die Psychologisch-Ästhetische Arbeitsgemeinschaft, die ab 1927 als Psychologisch-Ästhetische Forschungsgesellschaft weitergeführt wurde. Zahlreiche Experten wurden zu Vorträgen nach Hamburg eingeladen.Rolf Grundner: Bericht über den ersten Kongress für Farbe-Ton-Forschung und über die Sitzungen der Psychologisch-ästhetischen Forschungsgesellschaft in Hamburg (1927-1930). Hamburg, 1930 Anschütz verfasste auch eine kurze Einführung, um das Forschungsgebiet bei Interessenten und der Presse bekannt zu machen.Georg Anschütz: Kurze Einführung in die Farbe-Ton-Forschung. Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft, 1927
Vier Kongresse wurden initiiert: 2.–5. März 1927: mit einer Kurzfassung dokumentiert 1.–5. Oktober 1930: ausführliche Dokumentation im 3. Band 2.–7. Oktober 1933: „Tonfilm, Neue Bühne, Neue Musik“: Programm abgedruckt im 2. Band, der erst nachträglich 1936 fertiggestellt wurde, aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr in den Handel kam 4.–11. Oktober 1936: „Spitzenleistungen des deutschen und ausländischen Films – Film als Kunst unserer Zeit“: nicht ausführlich dokumentiert.
Da zum vierten Kongress mit Ausnahme eines Plakatentwurfs von Rudolf Gahlbeck und einzelnen, vagen Hinweisen – z. B. im NachrufZum Tode von Professor Anschütz. Hamburger Studentenzeitung, 5. Jahrgang No.36, 4.2.1954, S. 3 – kein Material erhalten ist, ist nicht klar, ob diese Veranstaltung in der geplanten Form stattgefunden hat.
Themen und Personen Die Veranstaltungen der „Farbe-Ton-Forschung“ führten zahlreiche Experten und interessierte Laien aus den verschiedensten Bereichen zusammen. Zusätzlich bereicherten Ausstellungen synästhetischer Bilder und Objekte sowie Musik- und Filmvorführungen die Tagungen. So umfasste eine begleitende Ausstellung zum ersten Kongress etwa 2000 Bilder und Dokumente – dieser Umfang wurde beim zweiten Kongress noch übertroffen.Anschütz, Georg (Hrsg.): Farbe-Ton-Forschungen, Bd. 3., Hamburg: Psychologisch-ästhetische Forschungsgesellschaft, 1931, S. 407. Einige Personen sollen hier exemplarisch benannt sein:
Wahrnehmungs- und Gestaltpsychologie mini|hochkant|Statistische Auswertung einer Befragung zu Tonartenfarben von Heinrich Hein nach Daten von Anschütz, 1931 (Farbe-Ton-Forschungen Bd. III, S. 264, Tafel K4)Heinrich Hein: Farbenreihen und Systembildung. In Georg Anschütz (Hrsg.): Farbe-Ton-Forschungen Bd. III, Hamburg, 1931, S. 254–65 Der Begründer der Farbe-Ton-Forschung, Georg Anschütz, verfasste zahlreiche psychologische und pädagogische Studien, insbesondere zur Gestaltpsychologie, bevor er sich an der Universität Hamburg auf die Erforschung multisensorischer Wahrnehmungsphänomene spezialisierte. Der Psychologe Albert Wellek, der als Begründer der modernen Musikpsychologie gilt, lieferte Beiträge zur wahrnehmungspsychologischen Begründung der Notenschrift, die er auf Ursynästhesien, wie etwa die Verbindung von Tonhöhe und visueller Höhe, zurückführt. Er veröffentlichte auch eine umfangreiche Studie zum absoluten Gehör, in der er u. a. die Möglichkeit der Identifizierung der Tonhöhe anhand zusätzlich wahrgenommener, synästhetischer Farben beschreibtWellek, Albert: Das absolute Gehör und seine Typen. Leipzig: Verlag von Johann Ambrosius Barth, 1938.
Musikwissenschaften Im Hinblick auf multisensorische Referenzen der Musikwahrnehmung traten neben Wellek insbesondere Friedrich Mahling und Alexander Truslit hervor. Mahling verfasste die bis dahin ausführlichste Literaturstudie zur synästhetischen Wahrnehmung, die viele hundert Studien und künstlerische Abhandlungen zum „Farbenhören“ berücksichtigt.Friedrich Mahling: Das Problem der „Audition Colorée“. In Georg Anschütz (Hrsg.): Farbe-Ton-Forschungen Bd. I, 1927, S. 295–432 Truslits musikpädagogische Studien stellen die auditive Wahrnehmung von Bewegung und deren Anwendung in der interpretatorischen Praxis in den Vordergrund und postulieren ein Bewegungsgesetz (Urbewegung), dem jede Musikdarbietung zu genügen habe. Im Rahmen der Farbe-Ton-Forschung versucht er, den Beitrag der in der Musik empfundenen Bewegung bei der Konfiguration synästhetischer Musikbilder nachzuweisen.
Pädagogik mini|hochkant|„Türknarren“ – Schülerarbeit aus dem Kunstunterricht von Rudolf Gahlbeck, Tafel 3 Beim ersten Kongress wirkte auch Oskar Rainer mit, der Begründer einer von ihm als Musikalische Graphik bezeichneten Methodik, die der musikalisch-künstlerischen Ausbildung von Schülern dient, und bis heute pädagogisch eingesetzt wird.Oskar Rainer: Musikalische Graphik. Studien und Versuche über die Wechselbeziehungen zwischen Ton- und Farbharmonien. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk, 1925 Der Blindenlehrer Wilhelm Voß präsentierte ausführliche Studien zu visuellen Phänomenen bei Erblindeten, die durch auditive oder taktile Stimuli ausgelöst werden.Wilhelm Voss: Das Farbenhören bei Erblindeten. Sonderdruck, Psychologisch-ästhetische Forschungsgesellschaft. Hamburg, 1930. Sowie in Farbe-Ton-Forschungen Bd.II, Akademische Verlagsgesellschaft, Leipzig, S. 5–207, 1936 (nachträglich erschienen) Daneben ist die Mitwirkung von Heinrich Grahl, der assoziativ bebilderte Notenschriften für Kinder entwickelte, sowie von Gertrud Grunow belegt, die am Bauhaus eine multisensorisch geprägte Harmonisierungslehre vertrat. Auch Rudolf GahlbeckGeorg Anschütz: Die Farbe als seelischer Ausdruck. Mitteilungen der Pelikan-Werke, Nr. 37. Hannover & Wien: Verlag Günther Wagner, 1930 und Walter Behm präsentierten auf den Kongressen Arbeiten aus dem Kunstunterricht.
Malerei und Graphik mini|hochkant|Hugo Meier-Thur, Synästhetische Grafik zur Musik von „Isoldes Liebestod“ aus dem Musikdrama „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner,Georg Anschütz: Farbenhören und Kunstschaffen. Mitteilungen der Pelikan-Werke, Vol.29, Günther Wagner, Hannover, Wien, 1928 Tafel III, 1928 Statische Visualisierungen von Geräuschen und Musik wurden unter anderem von Max Gehlsen, Walther BehmMichael Haverkamp: Walther Behm – Synesthetic art and teaching. Materials of the 4th International Academic Conference Polylogue and synthesis of arts. Rimsky-Korsakov State Conservatory, St Petersburg, 2021, 84-9, Rudolph GahlbeckMarco Gutjahr, Jörg Jewanski und Rebekka R. Tibbe (Hrsg.): Gemalte Musik. Rudolf Gahlbecks Schriften zur Farbe-Ton-Forschung. Wissenschaftliche Schriften der WWU Münster, Reihe XVIII, Band 16. Dortmund: readbox.unipress, Dortmund, 2020, Heinrich Hein, dem Druckgraphiker Hugo-Meier ThurMichael Haverkamp: Hugo Meier-Thur – Synesthesia and Life in Black and White. VI International Congress on Synesthesia, Science & Art, Alcalá la Real, Jaén, Spain, 18.-21.5.2018, 109-18 und dem Musikalisten Arne Hošek vorgelegt und im Hinblick auf Verknüpfungen auditiver und visueller Wahrnehmung diskutiert.
Lichtkunst, Kinetismus und Film Konzepte der dynamischen Visualisierung von Musik wurden als Farblichtmusik von Alexander László und Ludwig Hirschfeld-Mack, als Kinetismus von Zdeněk Pešánek und als musikbezogener, abstrakter Film von Oskar Fischinger präsentiert. Im Rahmen der Farbe-Ton-Forschung wurde jedoch weniger das künstlerische Konzept, sondern vielmehr die Bedeutung für die individuelle Wahrnehmung diskutiert.
Bedeutung synästhetischer Visualisierungen Die strikt individuellen Phänomene der genuinen Synästhesie sind durch abstrakte Formen und Farben gekennzeichnet, die keinen assoziativen Bezug zum auditiven Reiz erkennen lassen. Assoziative Elemente sind dagegen als Ergebnisse ikonischer Referenz einzustufen, die im Wahrnehmungssystem aller Menschen verankert sind. Die Post-hoc-Analyse der publizierten Visualisierungen von Musik und GeräuschenHaverkamp, Michael: Visualization of synaesthetic experience during the early 20th century – an analytic approach. Int. Conf. on Synesthesia., Hannover, 2003 zeigt, dass in der Farbe-Ton-Forschung zunächst die seltenen individuellen Phänomene im Vordergrund standen, während später zunehmend ikonische Inhalte hinzukamen, insbesondere bei Schülerzeichnungen und in Zusammenhang mit den Massenprodukten des neu entwickelten Tonfilms.
Würdigung und Kritik Die Veröffentlichungen der Farbe-Ton-Forschung dokumentieren erstmals die Beschäftigung mit intermodalen Phänomenen im großen Stil. Die Tagungen waren im deutschsprachigen Raum von überregionaler Bedeutung. Sie führten unterschiedliche Disziplinen, insbesondere Psychologie, Pädagogik, Kunst und Musik zusammen. Es wurde deutlich, dass intermodales Denken zu interdisziplinären Ansätzen führt. Die theoretische und künstlerische Auseinandersetzung konzentrierte sich insbesondere auf die visuelle Relevanz auditiver Reize und lieferte erste Ansätze systematischer Konzepte für den Tonfilm.