Wilhelm Kiefer (* 10. Juli 1890 in Freiburg; † 23. April 1979 in Baden-Baden) war ein deutscher Journalist, umstrittener Schriftsteller und Publizist, auch als Amateurpolitiker bezeichnet. Während des und in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bewegte er sich im Völkischen Milieu, wurde später zum NS-Gegner, wobei er Hitler grundsätzlich nie in Frage stellte. In seinem Schweizer Exil versuchte er dies zu kaschieren. Als 1945 die Schweiz auf Druck der Alliierten ihre bis dahin NS-freundliche Politik aufgab, wurde der „unbequeme Querulant“ Kiefer des Landes verwiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ihm die Westorientierung der BRD ein Ärgernis, ihm war die Verständigung mit der Sowjetunion ein Hauptanliegen. Nachdem dies nicht in seinem Sinn geschah, wandte er sich zuletzt der heimatkundlichen Literatur zu.

Familie Kiefer war der Sohn von Ernst Friedrich Kiefer (1855–1894), der beruflich viel in der Schweiz tätig war, und Frieda Kiefer, geb. Glatt (1861–1927), einer „reichen“ Schweizerin mit Badischen Wurzeln. Ihr Vater soll ein angesehener Freimaurer in Lahr gewesen sein. Wilhelm wurde protestantisch erzogen und konfirmiert. Kiefers Vorfahren väterlicherseits stammten aus dem Markgräflerland und dem Hochschwarzwald. Kiefer hatte drei Geschwister, zwei seiner Brüder fielen im Ersten Weltkrieg, eine Schwester heiratete.Morsey (siehe Quellen), S. 107.

Im September 1911 heiratete Kiefer in Freiburg die katholische Maria Theresia Kessler (* 26. Juni 1891, † 1. Dezember 1967) aus Trillfingen bei Haigerloch. Ihre ebenfalls wohlhabenden Eltern waren Thomas und Johanna Kessler, geb. Fischer.

Kiefer hatte mit seiner Frau Maria Theresia insgesamt neun Kinder, wovon das älteste 1911 geborene bereits mit vier Jahren starb. Das jüngste Kind wurde 1926 geboren. Alle Kinder wurden katholisch erzogen. Seine Ehefrau starb am 1. Dezember 1967, wenig später holte die Tochter Johanna Kiefer den Vater zu sich nach Baden-Baden. Er starb dort nach dreimonatiger Krankheit am 23. April 1979 im 89. Lebensjahr, sein Leichnam wurde nach Trillfingen überführt und er wurde neben seiner Ehefrau begraben.

Leben

Schule / Berufseinstieg Seine Schul- und Gymnasialzeit 1896–1907 verbrachte er in Basel, zog dann in seinen Geburtsort Freiburg, wo er 1908 das Abitur erfolgreich abschloss. Danach studierte er Philosophie und Literaturgeschichte in Freiburg, Frankfurt und Hamburg.Faulhaber. Das Studium brach er um 1910 zugunsten einer Mitarbeit bei der Monatsschrift Vegetarische Warte in Colmar ab.

Jung vermählt wechselte er 1911 zu dem in Hamburg erscheinenden Fachblatt für Theater, Literatur und Musik Bühne und Welt, wo er bereits 1912 als Schriftleiter und Herausgeber fungierte, sich dabei als „Gründer“ der erstmals 1898 im Verlag Otto Elsner erschienenen ZeitschriftTheatermuseum Kiel: Bühne und Welt. bezeichnete. Die Edition bewerkstelligte er von Freiburg-Zähringen aus. Die Tätigkeit war allerdings so schlecht dotiert, dass er kaum seine Familie ernähren konnte und deshalb Kredite u. a. von dem nationalistischen Dichter Friedrich Lienhard aufnehmen musste. Seine Kreditwürdigkeit begründete er mit dem Hinweis, dass er in ganz Deutschland sehr wohl bekannt sei und dass er Einnahmen aus druckfertigen Werken erwarte.Morsey, S. 108.

Militärdienst – 1914/15

Wiewohl er zuvor keine militärische Ausbildung hatte, meldete er sich beim Ausbruch des für ihn „heilige[n] Krieg[es]“ 1914 zum Kriegsdienst, wo er beim Kurmärkischen Dragoner-Regiment Nr. 14 zunächst im Elsass, in Lothringen und in Nordfrankreich eingesetzt war. Im Januar 1915 wurde er so schwer verwundet, dass er aus dem Dienst ausscheiden musste.Morsey, S. 109. Für besondere Tapferkeit wurde er 1915 mit der silbernen militärischen Karl-Friedrich-Verdienstmedaille, der goldenen Verdienstmedaille am Bande der militärischen Karl-Friedrich-Verdienstmedaille und der silbernen Verdienstmedaille am Bande der militärischen Karl-Friedrich-Verdienstmedaille ausgezeichnet.Deutsche Digitale Bibliothek: Kiefer, Wilhelm – Orden 1915.

Völkischer Publizist im Ersten Weltkrieg

In der Folge übernahm er bis Ende 1918 wieder die Herausgabe von Bühne und Welt, nun mit dem Untertitel Monatsschrift für das Kunst- und Geistesleben, und konnte die Auflage durch den Versand an unsere Krieger im Feld erhöhen. Zahlreichen völkischen Schriftstellern wie Adolf Bartels, Houston Stewart Chamberlain und Dietrich Eckart bot er eine Bühne.

Im Mai 1916Deutsche Digitale Bibliothek: Flugblatt des Arbeitsamtes der "Fichte-Gesellschaft von 1914" für eine geistige Mobilmachung gegen innere Feinde. – Abgerufen am 8. Juli 2024. wurde Kiefer zum Mitgründer der Fichte-Gesellschaft von 1914 in Hamburg, trennte sich allerdings 1918 wegen deren „törichter Antisemiterei“ wieder davon.

Zum 6. Dezember 1916 verfasste er für den Chef der Obersten Heeresleitung Erich Ludendorff, Kriegsminister Hermann von Stein und den Chef der Deutschen Bank Wolfgang KappDeutsche Digitale Bibliothek: Schriftwechsel Kapps mit dem Herausgeber der Zeitschrift "Bühne und Welt", Monatsschrift für das deutsche Kunst- und Geistesleben, Wilhelm Kiefer, über die Möglichkeit zur Schaffung einer "geistigen Kriegsbereitschaft", u.a. auch über einen Angriff nationalistischer Kreise auf den Dichter Gustav Meyrink. eine Denkschrift zur nationalen Verteidigung und inneren Einigung; Ludendorff will er sie selbst überreicht haben.

Ab April 1916 wohnte Kiefer mit seiner Familie in der Eulenspiegelstadt Mölln in Schleswig-Holstein, um näher am Verlagsort Hamburg zu sein.

Mit der Übernahme der Zeitschrift durch die Deutschnationale Verlagsanstalt unter dem Dach der christlichen Gewerkschaft DHV 1917 benannte er diese um in Deutsches Volkstum – Monatsschrift für das Kunst- und Geistesleben.Universität Hamburg – Sammlung Hamburger Kulturgut Digital: Deutsches Volkstum: Monatsschrift für das deutsche Geistesleben. Jahrgänge 1917–1918: Universität Hamburg – Sammlung Hamburger Kulturgut Digital: Deutsches Volkstum 19.1917 und 20.1918. – Abgerufen am 8. Juli 2024. Damit wollte er einen Gegenpol zum „machtgebietende[n] Judentum“ bilden. Vom siegreichen Krieg erwartete er ein „Reich Gottes auf Erden“. Den Parlamentarismus hielt Kiefer für eine „Vergewaltigung des Geistes“ (Februarheft 1918) und sah die „sittliche Läuterung des Bürgers“ als „schönsten Preis in diesem Krieg“ (April 2018). Im Sommer entwickelte er sein publizistisches Propagandaobjekt weiter. Im Blick hatte er dabei ein neues Blatt „Die Wirklichkeit“, mit dem er, gestützt durch eine „Kronprinz-Wilhelm-Stiftung“, eine „große[] nationale[] Bildungsarbeit“ bewirken und die geistige Kriegsbereitschaft der Nation seelisch mobilisieren wollte. Ein reicher „Geldmann“ als Finanzier dafür fand sich allerdings nicht.Morsey, S. 110.

Nach langen Querelen mit dem Verlag schied Kiefer aus und zog nach Schliersee in Oberbayern; für die Jahrgänge 1919 und 1920 (21. und 22.) des „Deutschen Volkstums“ mit leicht verändertem Untertitel („Monatsschrift für das deutsche Geistesleben“) zeichnete anschließend Dr. Wilhelm Stapel als Herausgeber.Hamburger Kulturgut Digital: Deutsches Volkstum | 21.1919. – Abgerufen am 8. Juli 2024.

Am 8. November 1918 – pikanterweise dem Tag, an dem die militärische Niederlage von Generalfeldmarschall Hindenburg anerkannt wurde – erschienen in „Das größere Deutschland. Wochenschrift für deutsche Welt- und Kolonialpolitik“ Passagen aus Kiefers inzwischen fortgeschriebener Kriegsdenkschrift für Ludendorff zur „nationalen Verteidigung und inneren Einigung“. Durch die militärische Niederlage des Reiches und den Beginn der Räterevolution waren seine Fantasien vom „Reich Gottes auf Erden“ irreal geworden.

Aktivist in wirren Zeiten – 1918 bis 1923

Ende 1918 wollte Kiefer über Kapp an der Neuorganisation der Konservativen Partei mitwirken, dabei die „Republikanisierung“ vermeiden. Gleichzeitig wollte er mit Kapp und Ludendorff eine national-elitäre Bildungsakademie „Deutsches Hochstift“ aufbauen und diese ab 1919 von München aus als „deutsche Nationalakademie“ in Berlin etablieren. Er sah darin die „größte kulturelle Bewegung aller Zeiten“. Die dafür erforderlichen Fahrten und Hotelaufenthalte an der Spree finanzierte er offenbar aus dem Erbteil seiner Frau. 1919 will Kiefer an der „Niederwerfung der spartakistischen Aufstände“ beteiligt gewesen sein. Offenbar war er auch in die Aktivitäten der Nationalen Vereinigung und in den Kapp-Putsch involviert, wozu er Zeit und finanzielle Ressourcen investierte.Morsey, S. 111. Dabei unterstützten ihn die im Münchner Polizeipräsidium maßgeblichen NSDAP-Förderer Wilhelm Frick und Ernst Pöhner.Morsey, S. 112. Er will auch den Blitzflug des noch kaum bekannten 31-jährigen Gefreiten Hitler, der dem oberbayerischen Reichswehr-Hauptmann Karl Mayr unterstand, zusammen mit dem Schriftsteller Eckart von München nach Berlin (13.–17. März 1920) zum vermeintlich nun „starken Mann“ der deutschen Politik – oder „Retter des anderen Deutschlands“ wie Kiefer ihn sah, den selbst ernannten Reichskanzler Wolfgang Kapp,Sven Felix Kellerhoff: Kapp-Putsch 1920 | Für Hitler lohnte sich der erste Flug seines Lebens. In: Die Welt. 15. November 2022 (welt.de) Abgerufen am 14. Juli 2024. vorgeschlagen haben. Die Beteiligung an der Vorbereitung des gescheiterten Putsches brachte Kiefer vier Wochen Gefängnis und danach noch einige Wochen einer Art Hausarrest („in häuslicher Nähe“) ein, seinen finanziellen Schaden beziffert er gegenüber Kapp auf 120.000 Mark.

Trotz eines angeblichen lukrativen Angebots aus der Wirtschaft (das er ausschlug) wurde er im darauffolgenden Jahr in der Freikorpsbewegung aktiv. Mit dem oberbayerischen Freikorps Oberland nahm er in Oberschlesien an der Niederschlagung des Dritten Polnischen Aufstands im Mai 1921 teil. Wie er 1940 in Bern zu Protokoll gab, habe er zeitweise sogar das Freikorps von 2.000 Mann „geführt“, sei als Chef der „Gruppe Süd“ an der Erstürmung des Annabergs entscheidend beteiligt gewesen und zählt sich deshalb zu den „Befreiern Oberschlesiens“. In der zweiten Jahreshälfte 1921 will Kiefer „Leiter des deutschen Spionage- und Nachrichtendienstes und des gesamten Polizeiwesens“ im Bezirk Oppeln gewesen sein. Er habe die Zusammenarbeit der verschiedenen Freikorps in Oberschlesien mit den Briten gegen die Franzosen „zustandegebracht“ und der Reichsregierung Wirth das benötigte geheime Material für ihre Proteste gegen das vertragswidrige Verhalten der Alliierten übermittelt. Er habe „große kommunistische Aufstände“ im Reich durch Verhandlungen mit Berliner Vertretern in Schlesien verhindert und für einen ungehinderten Auftritt Wirths in Breslau gesorgt. Dieser habe ihm in der Reichskanzlei gedankt, eine später geltend gemachte Entschädigung vom Reich für seine „nationale Arbeit“ in Oberschlesien wurde jedoch abgelehnt.Morsey, S. 113.

Nachdem seitens der Organisation Consul der Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommens von 1918 Matthias Erzberger (1921) und der Außenminister Walther Rathenau (1922) ermordet wurden, wandte sich Kiefer von Ludendorffs „deutschvölkischem Sektierertum“ ab.

Kiefer beanspruchte einen wesentlichen Anteil an der Vereitelung von Hitlers Versuch, zum 1. Mai 1923 die Polizeigewalt in München zu übernehmen, wo dieser von General Lossow die Herausgabe von Waffen für seine Leute forderte.Sven Felix Kellerhoff: Wie Adolf Hitler sich am 1. Mai 1923 blamierte. In; WELT, Ausgabe vom 2. Mai 1923. – Abgerufen am 15. Juli 2024. Von innerhalb der geheimen Nachrichtenzentrale der Reichswehr in München aus habe er den Generalstabschef Hans von Seeckt in Berlin gewarnt, der daraufhin Reichswehrverbände für das Oberwiesenfeld habe bereitstellen können.

Wieder Literat – 1923 bis 1932