Wilhelm Wetekamp (* 4. September 1859 in Lippstadt; † März 1945 in Berlin) war ein deutscher Reformpädagoge und Politiker (Freisinnige Volkspartei). Von 1894 bis 1903 war er Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Er war ein Pionier des Naturschutzes in Preußen.
Leben
Wetekamp war Sohn des Bäckers und Landwirts Franz Wilhelm Wetekamp. Er erwarb das Reifezeugnis am 16. Juli 1878 an der Realschule 1. Ordnung zu Lippstadt.
Die Wurzeln für sein späteres herausragendes Naturschutzengagement und sein reformpädagogisches Streben nach praxisnahem Unterricht finden sich in seiner Gymnasialzeit. Rückblickend erzählte er 1929:„Die erste Anregung in Bezug auf die Notwendigkeit eines Naturschutzes habe ich schon in meiner Knabenzeit erhalten… Als Quartaner machte ich mit meinem Lehrer Dr. Buddeberg häufiger Ausflüge in die Umgebung, um in Teichen und Gräben Wassertiere zu sammeln. Als ich dann in den folgenden Jahren sah, wie ein Teich und Graben nach dem anderen verschwand, dämmerte in mir der Gedanke auf, dass dadurch ein großer Teil der Natur und der Lebewesen in ihr vernichtet würde… Später machte uns Professor Hermann Müller (1829–1883), der Erforscher der Beziehungen zwischen Blumen und Insekten, bei der Gelegenheit eines geologischen Ausfluges auf prachtvolle Hornsteinfelsen bei Belecke aufmerksam und sagte dabei: „Wie lange wird es dauern, da liegen sie als Schotter auf der Chaussee“. Wir alle waren erschreckt und erstaunt, dass es erlaubt sein könne, derartige landschaftliche Schönheiten, die der Allgemeinheit gehörten, zu einem solchen Zwecke zu vernichten.“Heimatbund Lippstadt e. V. (Hrsg.): Heimatblätter – Beilage der Lippstädter Zeitung Der Patriot am 8. Oktober 1929.Wetekamp studierte Naturwissenschaften und Mathematik sowie Französisch an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, der Universität Jena und Universität Breslau. In Breslau bestand er sein Staatsexamen. Seine Prüfung für das Lehramt legte er 1883 ab (pro fac. doc.). Er hatte damit die Lehrbefähigung für Chemie, Naturwissenschaften, Erdkunde und Mathematik. Seine Lehrerkarriere begann 1884 am Königlichen Gymnasium in Brieg mit dem Probejahr und der Anstellung ab 1885 und setzte sich fort ab 1887 am Elisabeth-Gymnasium in Breslau, wo er 1888–1892 fest angestellt war. Am 1. April 1888 wurde er Studienrat und am 17. März 1906 Oberstudiendirektor.
Vom 1. Oktober 1879 bis 30. September 1880 war er Einjährig-Freiwilliger in Breslau bei der Feldartillerie und erhielt den Rang eines Vizewachtmeisters.
Er war über 50 Jahre lang ab 1888 mit Anna Wetekamp, geb. Michaelis verheiratet. Sie hatten einen Sohn – Otto Wetekamp, geboren 1889. Am 1. Oktober 1924 wurde Wilhelm Wetekamp in den Ruhestand versetzt. Am Ende seines Lebens erlitt er noch einige Schicksalsschläge. Er musste den Tod seines Sohnes erleben und wurde 1943 während des Krieges ausgebombt, wobei er Wohnung und Habe verlor. Wetekamp wohnte in der Kyffhäuserstraße 3 in Schöneberg.Esperantistische Mitteilungen. Esperantistaj sciigoj. Organ der Esperantistengruppe Berlin, 6–7/1904, Beilage.
Schulreformer Als Lehrer am Realgymnasium zum Heiligen Geist in Breslau begann er, sich für eine Schulreform zu engagieren. Er wurde Mitglied des Vereins für Schulreform und Schriftführer seiner Breslauer Ortsgruppe und plädierte dafür, die humanistischen und Realgymnasien zusammenzufassen und erst in der Mittel- und gymnasialen Oberstufe spezielle Zweige für Sprachen und Naturwissenschaften vorzusehen. Außerdem sollte in der Oberstufe ein Kurswahlsystem eingeführt werden. Auf seine Initiative hin wurden in Breslau eine Volkshochschule und studentische Arbeiterkurse gegründet.
Ab 1903 baute er als Leiter das Werner-Siemens-Realgymnasium (WSRG) in Schöneberg nach dem reformpädagogischen Frankfurter Lehrplan auf. 1906–1924 war er dessen Direktor. Er legte Wert auf die Selbsttätigkeit der Schüler und führte am WSRG als erster Schule in Preußen eine Schülervertretung ein.
Ein prominenter früherer Schüler des WSRG, der Bildhauer, Kunstpädagoge und Zeichner Kurt Harald Isenstein, erinnerte sich an seine Schulzeit:„Ich besuchte das berühmte Werner von Siemens Realgymnasium, wo man sehr moderne pädagogische Prinzipien vertrat. Wir durften spielen und Spaß an der Arbeit haben und hatten schnell herausgefunden, dass das Modellieren das Spannendste von Allem war. Während der ganzen Schulzeit gab es keinen Zweifel: Ich wollte Künstler werden.“Jakob Andersen: De skal vaere glad for at De overhovedet lever. (Sie sollten froh sein, dass Sie überhaupt überlebt haben. Gespräch Jakob Andersen mit Kurt Harald Isenstein. In: Bille-Bladet (Nr. 29, 19. Juli 1968) Kopenhagen. Zitiert in: Eberhard Schmidt: Kurt Harald Isenstein. „Dort, wo ich wirken kann, ist meine Heimat“. Bildhauer, Kunstpädagoge, Zeichner. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin und Leipzig 2021, S. 21.Im WSRG wurden 3 Vorklassen eingerichtet und Wetekamp förderte die Reformbestrebungen seines Vorschullehrers Karl Vorwerk, der durch seine Veröffentlichungen und Vorträge bekannt wurde und großen Wert dem Malen, Zeichnen, Formen, Falten und Stäbchen legen beimaß.Karl Vorwerk: Aus meiner Unterrichtspraxis in den Vorschulklassen des Werner Siemens-Realgymnasiums zu Schöneberg. In: Pädagogisches Jahrbuch – 1.1911, Klinkhardt, Leipzig.Karl Vorwerk: Das Stäbchenlegen. Ein Beitrag zum Werkunterricht. Lehrmittelverlag Kefersteinsche Papierhandlung, Halle 1922.
Erst als Wetekamps Gymnasium nach den Sommerferien 1908 das neue geräumige Schulgebäude in der Hohenstaufenstraße 47–48 bezog, in dem es Physik-, Biologie-, Chemieraum, Zeichensaal, Modellraum und Gesangssaal gab und auf einer turmähnlichen Plattform über dem Dachfirst der Aula Horizontstudien möglich wurden, konnte Wetekamp sein pädagogisches Konzept verwirklichen. Der Werkunterricht in den Vorklassen und Kursen wurde ausgebaut. Naturwissenschaftlich-mathematische Unterrichtsfächer erlangten einen hohen Stellenwert. Nach den ersten erfolgreichen Abschlussprüfungen wurde die Schule am 23. März 1909 als Realgymnasium anerkannt.
Sehr bald gab es fakultativen Stenographie-Unterricht am WSRG, einen Ruderverein, ein Schülerorchester, einen Schülerverein für körperliche Übungen, Wochenendwanderungen und Ferienfahrten in die Mittelgebirge, einen Tennis- und einen Fechtklub. Ein hohes Niveau hatte das Schülertheater. Wetekamp selbst trat als König Lear auf. Später entstanden ein literarischer Verein und ein Lesezimmer. Wetekamp setzte sein Reformkonzept innovativ um.
Die Eltern wurden nicht nur bei Schüleraufführungen und Festveranstaltungen einbezogen. Der Elternbeirat befasste sich mit den hygienischen Verhältnissen und befürwortete die Abschaffung der Weihnachtszeugnisse. In der Zeit der Inflation gab es Unterstützung aus dem Elternbeiratsfonds und der Wetekampstiftung. Ein Unterstützungsfonds finanzierte 15 Freischüler.
Mit Beginn der Sommerferien 1912 unternahm Wetekamp eine große Studien- und Erholungsreise nach Südamerika. Er besuchte die deutschen Auslandsschulen in Peru, Chile, Argentinien und Brasilien und übernahm erst wieder im Januar 1913 die Leitung des Gymnasiums.Reinhold Kockjoy: Die Schulen und ihre Lehrer in ... Schöneberg und Friedenau. o. O. 1958.
Schulfachleute aus dem In- und Ausland, zahlreiche Studienkommissionen und die Presse besuchten das immer bekannter werdende Wetekampsche Gymnasium.
Wetekamp gehörte zu den Begründern des Bund für Schulreform ab 1908. Ab 1919 beriet er als Direktor des WSRG das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Volksbildung zur Schülerselbstverwaltung. Ein entsprechendes Dezernat wurde eingerichtet.Hanno Schmitt: Schülerselbstverwaltung in der Weimarer Republik. In: Hans-Peter Kuhn, Harald Uhlendorff, Lothar Krappmann (Hrsg.): Sozialisation zur Mitbürgerlichkeit, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2000, Seiten 243–257.
Die Entwicklung der Schülerselbstverwaltung in seinem Gymnasium analysierte Wetekamp 1919 in einem Beitrag für das Deutsche Philologen-BlattWilhelm Wetekamp: Die Schülerselbstverwaltung am Werner Siemens-Realgymnasium zu Berlin-Schöneberg. In: Deutsches Philologen-Blatt Nr. 7/8, Leipzig 19. Februar 1919, S. 73–76.. Er nannte zwei Gründe, die ihn zur Einführung bewogen hatten: der eine „die Vereinzelung, die ja mit dem Großstadtleben im allgemeinen untrennbar verknüpft ist“ und der zweite, „die Erkenntnis, dass die höhere Schule die Aufgabe hat, „Führer“ auszubilden, die gewillt und geeignet sind, im späteren Leben ihre Kraft in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen.“Wilhelm Wetekamp: Die Schülerselbstverwaltung am Werner Siemens-Realgymnasium zu Berlin-Schöneberg. In: Deutsches Philologen-Blatt Nr. 7/8, Leipzig 19. Februar 1919, S. 73.
Der Politikdidaktiker Matthias Busch beschrieb 2016 das Praxisbeispiel Schülerausschuss am Werner-Siemens-Realgymnasium und vermerkte, dass die beiden Ansätze Wetekamps charakteristisch für die damaligen Reformbestrebungen waren, dass aber ungewöhnlich „die breite Unterstützung der Selbstregierung durch die Lehrerschaft“ war, die als linksliberal galt.Matthias Busch: Staatsbürgerkunde in der Weimarer Republik. Genese einer demokratischen Fachdidaktik. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2016, S. 191–197. Wetekamp erläuterte in seiner Schrift, wie die Schülerselbstverwaltung schrittweise aus vorhandenen Strukturen wie der geheimen Wahl der Klassenämter entwickelt wurde über die Wahl von Vertrauensschülern, die zwischen Klasse und Lehrer vermittelten bis hin zur Wahl eines Schülerausschusses, dem je zwei gewählte Schüler aus den Klassen und Vertreter aus jedem Schülerverein angehörten. Busch findet beachtenswert, „dass die Schüler mehr und mehr Kompetenzen und Aufgabenfelder für sich beanspruchen dürfen“ und stellt fest, dass die Schülerselbstverwaltung „sukzessive neben gesellschaftlichen, karitativen und kulturellen Aufgaben „politisch“-administrative, -regelsetzende und -rechtsprechende Funktionen innerhalb der Schulgemeinschaft“ integriert. Er betont auch den „partizipativen Prozess“, zu dem Wetekamp schrieb: „Dieser Ausbau geschah aber nicht auf Anordnung von oben, sondern entweder auf unmittelbare Anregung aus Schülerkreisen heraus oder durch gesprächsweise gegebene Anregungen, die von den Schülern aufgenommen und selbst weiterverarbeitet wurden. Gerade dieser Weg, der ja auch einzig und allein dem Wesen der Selbstverwaltung entspricht, empfiehlt sich…“
Wetekamps freizügige Geisteshaltung, die auch ihren äußeren Ausdruck in der „Abkehr vom Kolonnenlaufen auf dem Schulhof“ ihren Ausdruck fand, prägte nicht nur sein Gymnasium, das 1935 geschlossen wurde.
Politiker und Naturschützer Wetekamp war Mitbegründer des Waldeck-Vereins in Breslau. 1893 und 1898 wurde Wetekamp für die Freisinnige Volkspartei (FVp) im Wahlkreis Breslau 4 in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt, dem er bis 1903 angehörte.Bernhard Mann (Bearb.): Biographisches Handbuch für das Preußische Abgeordnetenhaus. 1867–1918. Mitarbeit von Martin Doerry, Cornelia Rauh und Thomas Kühne. Düsseldorf: Droste Verlag, 1988, S. 414 (Handbücher zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien: Bd. 3). 1906–1919 war er Stadtverordneter in Schöneberg (ab 1912 Berlin-Schöneberg).
Am 30. März 1898 hielt er im Preußischen Abgeordnetenhaus eine heute als „bahnbrechend“ bezeichnete und oft zitierte Rede in einer Plenardebatte, in der er auf die Vernichtung der heimischen Tier- und Pflanzenwelt hinwies und die Einrichtung von Staatsparks forderte. Die Gebiete sollten nach dem Vorbild US-amerikanischer Nationalparks dazu dienen, „gewisse Boden- und Landschaftsformen zu erhalten, andererseits der Flora und Fauna Zufluchtsorte zu gewähren, in denen sie sich halten“. Damit wurde Wetekamp einer der Begründer der deutschen Naturschutzbewegung.