Fuyuko Matsui (; * 20. Januar 1974 in Mori-machi, Shūchi-gun, Shizuoka-ken auf Matsuis Website (japanisch), abgerufen am 3. September 2024.) ist eine japanische zeitgenössische Künstlerin, die sich auf die landeseigene Nihonga-Malerei der klassischen japanischen Moderne (kindai) des 19. Jahrhunderts spezialisiert hat.
Leben Matsui wuchs in der Stadt Mori in einem Haus auf, das sich seit vierzehn Generationen in Familienbesitz befand. Ihre Begeisterung für die Kunst entwickelte sich in der vierten Klasse, als sie eine prägende Begegnung mit einer Kopie der Mona Lisa hatte. Bevor sie mit dem Studium der Kunst begann, arbeitete sie als Büroangestellte und besuchte abends weiterbildende Seminare. Matsui, die sich zunächst für die westliche Ölmalerei interessiert hatte, begann ihr Kunststudium an der Tokyo University of the Arts mit 24 Jahren, 2002 schloss sie den Bachelor, 2004 ihren Magister ab. Ihr universitäres Abschlussprojekt hieß 世界中の子と友達になれる (Befreundet mit den Kindern auf der ganzen Welt). Sie promovierte als erster weiblicher Absolvent der Abteilung für japanische Malerei an ihrer Alma Mater. Ihre Dissertation trug den Titel 知覚神経としての視覚によって覚醒される痛覚の不可避 (Das unausweichliche Erwachen des Schmerzes durch visuelle Wahrnehmung über die Sinnesnerven). Matsui brachte die Nihonga-Technik als Malerei mit Mineralpigmenten auf Seidengrund sowie eine vormoderne Motivik zurück in das Repertoire japanischer Gegenwartskunst.
Stil Ihre Arbeiten können als Neo-Nihonga im kakejiku-Format (Rollbild-Format) gelten. Sie ist vor allem durch ihre faszinierende, handwerklich ausgefeilte Reihe neuer kusôzu („new kusôzu“), d. h. „Darstellungen der neun Schritte“ des Zerfalls einer Leiche, ein aus China stammendes Thema buddhistischer Malerei der Vergänglichkeit (in Japan seit dem 13. Jahrhundert), bekannt geworden – Körper in ästhetischem Zerfall und Auflösung, Surreales, Wahn und Heimsuchung wurden ihre Markenzeichen, ihre japonesque Kunst bereichert dergestalt das visuelle Arsenal des gothic-Kanons; nicht zuletzt wären ihre Bilder als yûrei ga (Geisterbilder) zu bezeichnen. Matsui bleibt mit ihrem Beitrag in der Kulturszene eine präsente Künstlerpersönlichkeit, die sich Mitte der 2000er Jahre ihrerseits inszeniert als charismatische „Schönheit“ (bijin) in japanischen Printmedien (z. B. Vogue Japan, Women of the Year 2006; AERA etc.), in Videobeiträgen und in Fernsehdokumentationen porträtiert fand. Ihre produktivste Zeit waren die 2000er Jahre, in denen sie eine Reihe von bemerkenswerten Nihonga schuf, die heute zum Teil auf dem Kunstmarkt gehandelt werden. Vertreten wird Matsui in Japan sowie international durch die Naruyama Gallery in Kudanshita, Tôkyô. In der Galerie Naruyama hatte sie 2005 ihre erste professionelle Werkschau. Über hundert Werke wurden in der großen Einzelausstellung „Becoming Friends with All the Children in the World“ (2011) im Yokohama Museum of Art, Kanagawa, präsentiert.
Anlässlich der Dreifachkatastrophe von Fukushima reagierte Matsui mit künstlerischen Beiträgen wie einem eigens entworfenen Blattfächer (uchiwa), auf dem die zum Wahrzeichen gewordene, letzte verbliebene Kiefer der Stadt Rikuzentakata gemalt ist. 2012 legte sie eine Video-Arbeit mit dem Titel Regeneration of a Breached Thought vor. 2022 präsentierte sie eine größere Anzahl von 48 Schiebewand-Gemälden (fusuma e) für den 2014 neu erbauten buddhistischen Tempel Rurikôin Byakurenge-dô im Stadtbezirk Shibuya, an denen sie sechs lange Jahre (wohl 2012–2018) gearbeitet hatte; die Wände waren einem buddhistischen Motto (möglicherweise auch einem modernen literarischen Vorbild – Okamoto Kanoko) gemäß unter dem Titel Shôjô ruten 生々流転 (Der ewige Kreis von Leben und Tod / Cycle of Life and Death) bemalt. Matsui fungierte in dieser Zeit zudem als Kulturbotschafterin der Olympischen Spiele in Japan (2020 / 2021) – offenbar ein Wandel der künstlerischen Agenda vom Provokativen hin zum Konsens.
Themen In ihren Bildern thematisiert Matsui vielfach die Transformationen des (weiblichen) Körpers, den Tod, Geister und surrealistisch angelegte Jenseitswelten, wobei sie japanische Künstler der Vormoderne (Sôga Shôhaku 曽我 蕭白, 18. Jhdt.), aber zudem moderne, westliche Imaginationswelten zitiert. Matsui nannte sich einmal einen Techno-Fan. Ihre Kunst des Dunklen, die man auch dem Begriff ikai bzw. der japanischen Renaissance des Phantastischen und Andersweltlichen seit den 1980er Jahren zuordnen könnte, positioniert sich dabei gegen die Pop-Strömung des Niedlichen („kawaii“), wie sie für die zeitgenössische japanische Kunst seit Nara Yoshitomo (* 1959) oder Kaga Atsushi (* 1978) typisch ist – wobei hier auf den zweiten Blick durchaus ebenfalls dunkle Aspekte wahrzunehmen wären. Die Malerin entwirft in den meist in den 2000er Jahren entstandenen wichtigen Werken traditionalistische Szenerien, unterlegt mit der psychologischen Sensibilität der Moderne und ihren Angstkulissen:
Im Prozess der malerischen Erforschung des Selbst rekurriert die als „provokativ“ geltende Künstlerin auf universelle Grundlagen aller Lebewesen – Leben und Tod, das Sexuelle, Narzissmus, Selbstverstümmelung, diese Welt und die nächste sowie Leidenschaften und Verlangen. Frauenfiguren sowie Tiere (Vogel, Barsoi-Hund, Schlange) und Pflanzen sind zentrale Motive ihrer Werke. Matsui trägt, wie man oft betont, den Standpunkt des weiblichen Geschlechts vor bzw. tritt in Ablehnung des männlichen Primats für die Beachtung der ihr einzig vertrauten weiblichen Perspektive ein, die einer patriarchalischen Gesellschaft wie Japan meist unterdrückt worden sei:
Eine dezidiert feministische Kunst und eine einschlägige Agenda seien aber nicht ihr Anliegen:
Obwohl sie das Prinzip des Weiblichen mit dem Uterus gleichsetzt, vertritt sie keine Philosophie des Mütterlichen, wie es in der japanischen Kunst nicht selten beschworen wird, sondern lässt Melancholisches (manchmal wohl auch Gefühle der Wut, die psychischen Auswirkungen von fehlgeschlagener Kommunikation und die Leiden der Gegenwartsgesellschaft) anklingen und räumt ein, selbst keine allzu „glückliche Person“ zu sein:
Werke Zu ihren bemerkenswertesten Arbeiten zählen Yamôshô 夜盲症 (2005; Nyctalopia / Night Blind / Nachtblindheit), Ôgekyôjo-zu 桜下狂女図 (2006; Insane Woman under the Cherry Tree / Verrückte Frau unter dem Kirschbaum), Jôke no sakeme 成灰の裂目(2006; Crack in the Ashes / Zu Asche zerfallen), Shûkyoku ni aru itai no sanza 終極にある異体の散在 (2007; Scattered Deformities in the End / Am Ende verstreute Deformierungen), Mo no yorimichi 喪の寄り道 (2010; Promenade of the Mourning / Promenade der Trauer), Ayatori jozu 綾取女圖 (2013; String Figuring Woman / Bild einer Fäden webenden Frau) oder Jôsô no jizoku 浄相の持続 (2004; Keeping Up the Pureness / Fortsetzung der Reinigung).
Zu letzterem heißt es:
Ausstellungen Einzelausstellungen 2004 L’espoir Fuyuko Matsui Ausstellung Ginza Surugadai Kunstgalerie, Tokyo 2005 Fuyuko Matsui Ausstellung Naruyama Galerie, Tokyo 2007 Fuyuko Matsui NARCISSUS Naruyama Galerie, Tokyo 2008 Fuyuko Matsui Ausstellung Hirano Museum, Shizuoka 2010 Fuyuko MATSUI Ausstellung Galerie DA-END, Paris 2011 „Matsui Fuyuko Wohltätigkeitsauktion für den Wiederaufbau von Nordost-Japan“, Naruyama Galerie, Tokyo 2011 „Fuyuko MATSUI: Becoming Friends with All the Children in the World“, Yokohama Museum of Art, Kanagawa 2012 Fuyuko Matsui NIGHT BLIND Naruyama Galerie, Tokyo 2013 Fuyuko Matsui ENTROPY Naruyama Galerie, Tokyo 2018 Fuyuko Matsui "Der Kreislauf von Leben und Tod" Shinjyuku Rurikoin Temple
Gruppenausstellungen 2006 MOT Annual 2006: No Border. Museum of Contemporary Art, Tokyo 2006 Nihonga Painting: Six Provocative Artists. Yokohama Museum of Art, Kanagawa 2006 SKETCH. Tokyo University of the Arts and Music, Tokyo 2006 15th Annual Scholarship Recipient Art Ausstellung. The Sato Museum of Art, Tokyo 2009 Medicine and Art, Mori Art Museum, Tokyo 2010 Koizumi Yakumo – The Secret of Lafcadio Hearn. Contemporary Art Museum, Kumamoto 2012 Phantoms of Asia, Asian Art Museum, San Francisco (USA) 2017 “JAPAN Spirits of Nature” Nordiska Akvarellmuseet (Schweden) 2019 “Japan Supernatural” Art Gallery of New South Wales (Australien) 2021 “FIGURE/S: drawing after Bellmer” Drawing Room(London, “Tokyo: ART& PHOTOGRAPHY” Ashmolean Museum (Oxford) 2022 “Darkroom: FUYUKO MATSUI” Turku Art Museum (Finnland)
Auszeichnungen 2006 佐藤美術館奨学生優秀賞 受賞 (Sato Museum of Art Stipendienpreis für herausragende Leistungen) 2006 VOGUE Nippon 2006 Women of the Year 2006 The Best Debutant of the Year, Art Section 2007 Nomura Art Award 2008 静岡県文化奨励賞 (Kulturförderpreis der Präfektur Shizuoka) 2010 Testimony of ROLEX JAPAN 2011 第 62 回 NHK 紅白歌合戦 ゲスト審査員 (Gastrichter des 62. NHK Gesangswettbewerbs) 2014 日本で最も影響力のある100人日経ビジネス(Nikkei Business: Die 100 einflussreichsten Menschen in Japan) 2015 東京2020 エンブレム委員会委員(東京オリンピック・パラリンピック競技大会組織委員会)(Mitglied des Komitees für das Emblem von Tokyo 2020 (Organisationskomitee für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokyo)) 2017 東京藝術大学130周年アンバサダー (Botschafter der University of the Arts von Tokyo anlässlich ihres 130-jährigen Bestehens) 2019 静岡県文化政策審議会委員(Ernennung zum Mitglied des Kulturpolitischen Ausschusses der Präfektur Shizuoka) 2019 大阪万博2025日本国際博覧会 ロゴマーク選考委員 (Ernennung zum Mitglied des Logo-Auswahlkomitees der JAPAN EXPO2025 in Osaka)
Literatur / Werksammlungen Matsui Fuyuko – Becoming Friends with All the Children in the World. Werke (editions treville), 2012. Bijutsu techô, Februar 2012. Tôkyô: Bijutsu shuppansha (Kunstmagazin). Bijutsu techô, Januar 2008. Tôkyô: Bijutsu shuppansha (Kunstmagazin).
Youtube Art After Hours | Yumi Stynes in conversation with Fuyuko Matsui, November 2019 Japan – Spirits of Nature, interviews / Nordiska Akvarellmuseet 2017–2018 松井冬子「HITO」FUYUKO MATSUI
Weblinks Website (japanisch, englisch)
Einzelnachweise
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