350px Walther von der Vogelweide (Codex Manesse, um 1300) gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Von ihm sind 500 Strophen in über 110 Tönen bzw. – inhaltlich gruppiert – 90 Lieder (Minnelieder) und 150 Sangsprüche überliefert. Dieser Artikel behandelt die Musik im 12. Jahrhundert.
Die geistliche und weltliche Musik des 12. Jahrhunderts ist geprägt durch folgende Entwicklungen: a. Polyphonie: Die Weiterentwicklung mehrstimmiger Musik durch die Notre-Dame-Schule in Paris im Zeitraum 1160/80 bis 1230/50. Komponisten wie Léonin und Pérotin schaffen komplexe Organa, die mehrere Stimmen kombinieren und somit die Grundlage für die spätere polyphone Musik legen. b. Troubadours und Trouvères: In Südfrankreich (Troubadours) und Nordfrankreich (Trouvères) entstehen bedeutende Traditionen weltlicher Musik. Diese Dichter und Komponisten schaffen Lieder in den regionalen Volkssprachen, die Themen wie Liebe, Politik und Moral behandeln. c. Minnesang: Der Minnesang, eine Form der höfischen Liebeslyrik, erlebt im 12. Jahrhundert im deutschen Sprachraum eine Blütezeit. Dichter und Sänger wie Walther von der Vogelweide und Heinrich von Veldeke prägen diese Gattung, die sowohl poetische als auch musikalische Elemente vereint. d. Notenschrift: Im 12. Jahrhundert werden die Neumen weiterentwickelt, was zu präziseren Notationssystemen führt. Dies ermöglicht eine genauere Aufzeichnung von Rhythmus und Melodie und trägt zur Verbreitung und Standardisierung von Musik bei.
Ereignisse und Personalia Ereignisse und Personalia 1101 bis 1125 1102 Fürstentum Kleinarmenien – Der Dichter, Theologe und spätere „Katholikos der Armenier“ Nerses IV. Schnorhali wird geboren. Er wird ein Fünftel der überlieferten, kanonischen Gesänge aus dem armenischen Buch Sharakan komponieren.
1103 Song-Dynastie – Das Hofmusikamt dasheng fu wird bei der nördlichen Song-Dynastie in Kaifeng begründet. Heiliges Römisches Reich – Der deutsche Mönch und Chronist Frutolf von Michelsberg stirbt. Ein Breviarium de musica stammt mit ziemlicher Sicherheit aus seiner Feder. mini|Denkmal für Alfons I. im Retiro-Park in Madrid
1104 Königreich Aragón und Navarra – Im September 1104 beginnt die bis 1134 dauernde Regierungszeit Alfons I., des Königs von Aragón und Navarra aus dem Haus Jiménez. Er, selbst Troubadour, wird zum Schirmherr der katalanischen und provencalischen Troubadours. mini|Rupert von Deutz, Federzeichnung aus der Handschrift Bayerische Staatsbibliothek Clm 14355, fol. 1v (1106)
1106 Heiliges Römisches Reich Der Hymnendichter Rupert von Deutz wird im Kloster St. Laurentius in Lüttich zum Priester geweiht. Das Kollegium der Servaasbasiliek in Maastricht stellt seit 1106 Chorknaben ein.
1107 Königreich Frankreich – Der Dichter und Komponist Adam von St. Viktor wird Präzentor an der Kathedrale Notre-Dame de Paris.
1108 Königreich Frankreich – Der französische Theologe und Philosoph sowie Komponist und Dichter Petrus Abaelardus gründet außerhalb von Paris 1108 eine eigene Schule. Heiliges Römisches Reich Rupert von Deutz wird 1108 oder 1109 im Kloster St. Laurentius in Lüttich zum Priester geweiht. Der Musiktheoretiker und Komponist Rudolf von St. Trond wird in Sint-Truiden Abt des Benediktinerklosters.
1109 Heiliges Römisches Reich – Der französische Mönch Guigo I. wird 1109 in Saint-Pierre-de-Chartreuse zum Prior der Grande Chartreuse, dem Mutterkloster des Kartäuserordens. Die unter ihm entstandene erste Regel des Kartäuserordens enthält detaillierte Vorschriften zum liturgischen Gesang. Königreich Frankreich – Der Abt und Mitbegründer des Zisterzienserordens Stephan Harding wird als Nachfolger Abt Alberichs von Cîteaux dritter Abt des Klosters Citeaux in Saint-Nicolas-lès-Cîteaux. Er widmet sich einer Revision der Bibel und des Hymnars durch Kompositionen, die er sich aus Mailand erbittet, weil die Benediktsregel ausdrücklich die Ambrosianischen Hymnen erwähnt. Er veranlasst 1109 eine erste Choralreform. Zum Vorbild nimmt diese Reform sich die vermeintlich authentischen Melodien des Gregorianischen Chorals, wie ihn die Metzer Schule überliefert. Die Hymnen werden dem Mailänder Hymnar entnommen.
1111 Königreich Frankreich – Der französische Wanderscholar, Literaturgelehrter und Dichter Hugo Primas, dessen Gedichte häufig vertont werden, ist als Magister scholarum in Orléans belegt.
1112 Heiliges Römisches Reich – Am 1. November wird die Ärztin, Mystikerin, Naturforscherin, Musikerin und Theologin Hildegard von Bingen mit Jutta von Sponheim – von da an ihre Lehrmeisterin – und einer dritten jungen Frau in einem Inklusorium an oder in dem seit 1108 von Benediktinermönchen bewohnten Kloster Disibodenberg bei Odernheim am Glan eingeschlossen. mini|Bernhard von Clairvaux, Darstellung aus einer hochmittelalterlichen Handschrift
1115 Heiliges Römisches Reich – Es ist überliefert, dass in der Kathedrale Saint-Sauveur in Aix-en-Provence vierzig Kanoniker und Kirchenmänner das Offizium singen können, nachdem Erzbischof Jérôme Fouque die Anzahl der Kanoniker von 11 auf 20 erhöht hat. Königreich Frankreich – Der mittelalterlicher Abt, Kreuzzugsprediger und Mystiker Bernhard von Clairvaux, der eine Reform der liturgischen Gesänge innerhalb des Zisterzienserordens vornehmen wird und einige Hymnen schreiben wird, begründet das Kloster Clairvaux als Tochterkloster des Klosters Cîteaux.
1116 Heiliges Römisches Reich – Rupert von Deutz wechselt aus dem Kloster St. Laurentius in Lüttich in die Abtei St. Michael in Siegburg.
1117 Heiliges Römisches Reich – Der Musiktheoretiker Theoger von Sankt Georgen wird Bischof von Metz. mini|Abaelardus und Heloïse, Handschrift des Roman de la Rose, Chantilly, Musée Condé, 14. Jahrhundert
1118 Königreich Frankreich – Petrus Abaelardus heiratet heimlich Heloisa.
1119 Kirchenstaat – 23. Dezember: Papst Calixt II. bestätigt in Rom die von Stephan Harding geschaffene Ordensverfassung Charta Caritatis der Zisterzienser, die auch einheitliche Riten und liturgische Bücher vorsieht.
1120 Heiliges Römisches Reich Der Hymnendichter Rupert von Deutz wird Abt der Abtei St. Heribert in Deutz. Udalschalk wird nach 1120 capellanus (Kaplan bzw. Kapellmeister) des Bischofs Ulrich I. von Konstanz. Königreich Frankreich – Der Troubadour Jaufré Rudel wird erstmals in einer Urkunde der Abtei La Tenaille erwähnt. Fürstentum Kleinarmenien – Nerses IV. Schnorhali wird zum Priester geweiht. Königreich Schottland – König Alexander I. gründet in Edinburgh die Chapel Royal von Schottland.
1121 Heiliges Römisches Reich – Rudolf von St. Trond flieht als Anhänger des Papstes und der cluniazensischen Reform vor Heinrich V. ins Kölner Kloster St. Pantaleon, wo er auch Abt wird. Königreich Frankreich – Petrus Abaelardus und seine Schriften werden auf dem Konzil von Soissons verurteilt, sein Buch über die Heilige Dreifaltigkeit wird als Ketzerwerk gebrandmarkt und dem Feuer überantwortet. mini|Abt Petrus Venerabilis und drei Mönche, Buchmalerei, 13. Jahrhundert
1122 Königreich Frankreich – Der Theologe, Klosterreformer und Hymnendichter Petrus Venerabilis wird zum Abt der Abtei Cluny gewählt.
1123 Heiliges Römisches Reich – Rudolf von St. Trond kehrt aus Köln nach Sint-Truiden zurück und wirkt hier wieder als Abt. Königreich Frankreich – Der Priester und Komponist Atton oder Hatton wird Bischof von Troyes.
1125 Fürstentum Kleinarmenien – Nerses IV. Schnorhali wird zum Bischof geweiht.
Ereignisse und Personalia 1126 bis 1150 mini|Wilhelm X. von Aquitanien auf dem Sterbebett, Darstellung aus den Chroniques de Saint-Denis, 13. Jahrhundert 1126 Königreich Frankreich Wilhelm X. wird Nachfolger des verstorbenen Wilhelm IX., Herzog von Aquitanien und Gascogne. Wie sein Vater ist er ein Förderer der Troubadour-Tradition. Petrus Abaelardus wird um 1126 Abt des abgelegenen Klosters Saint-Gildas-en-Rhuys in der Bretagne. Der Komponist Goslenus wird Bischof von Soissons.
1127 Königreich Frankreich – Die ersten Aufzeichnungen aus Brügge, die polyphone Musik und eine Orgel erwähnen, stammen aus dem Jahr 1127. Heiliges Römisches Reich – Udalschalk wird Abt des Klosters St. Ulrich und St. Afra in Augsburg. mini|Marcabru, Darstellung aus Bibliothèque Nationale, MS 12473 fol. 102, 13. Jahrhundert
1129 Königreich Frankreich – Die Schaffensperiode des Troubadours Marcabru ist von 1129 bis 1150 nachweisbar.
1132 Heiliges Römisches Reich – Der Zisterzienser Guido von Cherlieu ist von 1132 bis 1157 Abt des Klosters Cherlieu. Als Vertrauter von Bernhard von Clairvaux wird er eine bedeutende Rolle bei der Vereinheitlichung der liturgischen Gesänge innerhalb des Zisterzienserordens spielen.
1133 Königreich Frankreich – Adam von St. Viktor verlässt die Kathedrale Notre-Dame de Paris, um in die Abtei von St. Viktor zu gehen.
1134 Königreich Frankreich – Bernhard von Clairvaux initiiert nach dem Tod des Abtes Stephan Harding eine zweite zisterziensische Choralreform, die bis ungefähr 1148 abgeschlossen ist.
1135 Königreich Frankreich – Petrus Abaelardus kehrt um 1135 nach Paris zurück, wo seine Hauptwerke entstehen werden.
1136 Königreich Frankreich Hugo Primas hält sich in Reims auf. Johannes von Salisbury beginnt sein Studium in Paris, das er 1147 abschließen wird. mini|Cercamon, Darstellung aus Bibliothèque Nationale, MS 12473 fol. 119, 13. Jahrhundert
1137 Kiewer Rus – Manuil, auch als ein griechischer Sänger bekannt und einer von drei Kantoren der Stadt Kantor, wird Erzbischof von Smolensk. Königreich Dänemark – Eskil von Lund wird Erzbischof und erlässt eine Chorordnung, in der der Chorgesang in den Domkirchen geregelt wird. Königreich Frankreich? – Die nachgewiesene Tätigkeit des Troubadours Cercamon beginnt 1137.
1139 Heiliges Römisches Reich – Am Dom in Münster wird erstmals ein Kantor erwähnt.
1140 Königreich Frankreich – Der Troubadour Richart de Berbezilh ist zwischen 1140 und 1162 aktiv. Heiliges Römisches Reich Das erste Generalkapitel des Kartäuserordens von 1140 beansprucht die Vereinheitlichung des Gesangs des neuen Ordens für sich. In Lausanne werden namentlich zwei Kantoren der Kathedrale Notre-Dame genannt. Im Kloster Melk werden erstmals Pueri und eine Klosterschule erwähnt. Die Knaben werden für den Gesang bei Prozessionen und Gottesdiensten ausgebildet. mini|Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration, zeichnet diese auf Wachstafeln auf und gibt sie an ihren Schreiber (Mönch Vollmar) weiter, Frontispiz von Scivias aus dem Rupertsberger Codex
1141 Königreich Frankreich – Petrus Abaelardus wird auf dem Konzil von Sens auf Betreiben Bernhards von Clairvaux verurteilt. Heiliges Römisches Reich – Hildegard von Bingen erhält von ihrem Abt die Erlaubnis, ihre Visionen aufzuschreiben.
1142 Königreich Frankreich – Hugo Primas hält sich in Paris auf.
1144 Heiliges Römisches Reich – Die Pfarrkirche Maria Namen in Iggensbach hat eine Kirchenglocke, eine sogenannte Bienenkorbglocke, aus dem Jahr das 1144. Damit ist sie die zweitälteste datierte Glocke Deutschlands nach der Lullusglocke.
1145 Königreich Aragón – Der Trobadour Guerau III. de Cabrera wird Graf von Àger und Cabrera. Königreich Frankreich – Hugo Primas hält sich zwischen 1145 und 1146 vermutlich in Amiens auf.
1146 Königreich Frankreich Albertus Parisiensis ist zwischen 1146 und 1176 Kantor an der Kathedrale Notre-Dame de Paris. In Amiens wird eine Schola cantorum etabliert, um Chorknaben und Vikare auszubilden. mini|Bernart de Ventadorn
1147 Königreich Frankreich Der Troubadour Jaufré Rudel nimmt am Zweiten Kreuzzug teil. Johannes von Salisbury beendet sein 1136 begonnenes Studium in Paris. Auf Empfehlung von Bernhard von Clairvaux erhält er eine Stelle bei Theobald von Bec, dem Erzbischof von Canterbury. Der Troubador Bernart de Ventadorn ist zwischen 1147 und 1180 aktiv. Heiliges Römisches Reich – Hildegard von Bingen gründet zwischen 1147 und 1150 ein Kloster auf dem Rupertsberg bei der Mündung der Nahe in den Rhein.
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