mini|Darstellung Moctezumas II. im Codex Mendoza, 1541/42
Moctezuma II. (spanisch; eigentlich [], in deutschen Texten meist ; * um 1465; † 30. Juni 1520 in Tenochtitlán, Mexiko) war von 1502 bis zu seinem Tod 1520 der neunte Herrscher über das Reich der Azteken. Während der ersten siebzehn Jahre seiner Herrschaft führte er die rigide Expansionspolitik seiner Vorgänger fort; wesentlich bekannter ist er jedoch aufgrund seiner Rolle im Kampf gegen die Spanier unter Hernán Cortés während der letzten beiden Jahre seines Lebens.
Der Name bedeutet auf Nahuatl „Er schaut finster drein wie ein Fürst“; den Beinamen „der Jüngere“ trug er zur Unterscheidung gegenüber seinem Vorgänger Moctezuma I. Sein Name wurde schrittweise durch phono-semantische Angleichung und Vereinfachung zu Moctezuma und .
Leben Moctezumas frühe Herrschaft Moctezuma war der Sohn des Herrschers Axayacatl, der von 1471 bis 1482 über Tenochtitlán regierte. Über seinen Werdegang vor seiner Thronbesteigung ist kaum etwas bekannt, bis auf die Tatsache, dass er bis zum Tod seines Onkels Auítzotl im Jahre 1502 Hohepriester der höchsten aztekischen Gottheit Huitzilopochtli war. Während der ersten zehn Jahre seiner Herrschaft schloss Moctezuma die Eroberungszüge seiner Vorgänger in das Bergland des heutigen mexikanischen Bundesstaates Oaxaca ab und führte sie selbst an. Er verfolgte damit zum einen das Ziel, die schon vor seiner Herrschaft eroberten Durchgangswege und das Tal von Oaxaca zu sichern, das reiche Tribute lieferte. Zum anderen sollten die bereits unterworfenen Völker durch die Demonstration seiner militärischen Macht eingeschüchtert werden.
Nach den Feldzügen gegen die Völker im Gebiet des heutigen Oaxaca, vor allem die Mixteken und Zapoteken, konzentrierte sich Moctezuma auf die Schwächung der Tlaxcalteken und ihrer Verbündeten. Es gelang ihm, die Tlaxcalteken von fast allen Handelsverbindungen abzuschneiden. Da bei diesen Unternehmungen auch Krieger aus der 1473 von den Azteken eroberten Nachbarstadt Tlatelolco teilnahmen, erließ ihnen Moctezuma 1519 alle seitdem auferlegten Tributzahlungen, beendete die Herrschaft der Militärgouverneure und setzte dafür seinen Vetter Cuauhtémoc als neuen Herrscher ein.
mini|300px|Die Ausdehnung des Reiches der Azteken bei Ankunft der Spanier 1519 (das unter Moctezuma II. unterworfene Gebiet ist hellgrün unterlegt.)
Als im Jahre 1515 Nezahualpilli starb, der Herrscher über die Stadt Texcoco, die Mitglied des aztekischen Dreibunds war, griff Moctezuma mangels einer eindeutigen Nachfolgeregelung direkt in die Thronfolge ein und bestimmte eigenmächtig einen der Söhne des Nezahualpilli, Cacamatzin, zum neuen Herrscher. Dessen Halbbruder Ixtlilxochitl fühlte sich jedoch übergangen und rebellierte. Die Zurücksetzung durch Moctezuma dauerte noch während des Kampfes gegen die Spanier an und war Motiv Ixtlixochitls zum Bündnis mit den Spaniern, die ihm zur Macht verhalfen.
Innenpolitisch stärkte Moctezuma den Adel, indem er nichtadelige Beamte aus ihren Ämtern entließ, die mit den Adeligen politisch konkurrierten. Die Behauptung, diese Trennung von Adel und Volk sei Bestandteil eines Jahrzehnte zuvor geschlossenen Vertrages gewesen, um die Tepaneken zu bekämpfen, ist nach Einschätzung des Ethnologen Hanns J. Prem eine Erfindung Moctezumas, um diese Entscheidungen legitimieren zu können.Hanns J. Prem: Die Azteken: Geschichte – Kultur – Religion. 4. Auflage. C. H. Beck, München 2006, S. 103.
Erste Kontakte mit den Spaniern Nach den Berichten von Bernal Díaz del Castillo führte der Spanier Francisco Hernández de Córdoba 1517 eine Expedition von Kuba aus Richtung Westen und entdeckte dabei die Halbinsel Yucatán. Obwohl die Spanier nicht weiter nach Westen vordrangen, erhielt Moctezuma genaue Berichte über die Fremden und wusste exakt über die Stationen ihrer Reise Bescheid.Bernal Díaz del Castillo: Geschichte der Eroberung von Mexiko (herausgegeben und bearbeitet von Georg A. Narziß, spanischer Originaltitel: Historia verdadera de la conquista de la Nueva España). Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 42 f. Er befahl, im Falle einer Rückkehr der Fremden mit ihnen Handel zu treiben und sie genau über ihre Absichten auszufragen. Bei der Ankunft der Schiffe unter dem Kommando des Juan de Grijalva im Jahr darauf wurden die Spanier, die hier erstmals von den Azteken beherrschtes Land betraten, dann auch von offiziellen Abgesandten des Moctezuma begrüßt und betrieben Tauschhandel mit den Einwohnern.
Am Gründonnerstag 1519 landete eine dritte Expedition auf San Juan de Ulúa, diesmal unter der Führung des Hernán Cortés. Sie wurden wiederum von Abgesandten des Moctezuma empfangen, der sogleich von der erneuten Ankunft der Spanier erfahren hatte. Sieben Tage nach der Landung übermittelte ihnen der Gesandte Tendile Moctezumas Wunsch, von einer direkten Begegnung mit ihm abzusehen. Da die Azteken bei dieser zweiten Begegnung auch reiche Geschenke an Gold und kostbaren Stoffen für die Neuankömmlinge mitbrachten, wurde aber deren Drang, nach Tenochtitlán zu gelangen, nur noch größer. Außerdem war nach Darstellung des Historikers William H. Prescott die tiefe Überzeugung der Spanier – jedenfalls, soweit es ihre Anführer betraf –, „Ungläubigen“ zu deren eigenem Heil das Christentum nahezubringen, eine maßgebliche Triebfeder.William H. Prescott: Die Eroberung Mexikos. DBG, Berlin 1956. Moctezuma versuchte in Folge noch mehrmals vergeblich, die Truppe durch Übersendung großzügiger Geschenke von einem „Besuch“ Tenochtitláns abzubringen; seine implizite Weigerung, mit Cortés persönlich zu sprechen, fassten die Spanier zudem als Beleidigung auf.
Begegnung mit Cortés mini|Hernán Cortés. Zeitgenössische Zeichnung von Christoph Weiditz aus Augsburg, der sich 1529 in Spanien aufhielt und dort Cortés wie auch eine Truppe aztekischer Schaukünstler und Akrobaten zeichnete, die Cortés aus der Neuen Welt mitgebracht hatte.
Auch während die Spanier nach Tenochtitlán vorrückten, wurde Moctezuma permanent über deren Aufenthaltsort informiert. Er zeigte sich sehr erschrocken über die Berichte, insbesondere über die Bemühungen der Spanier, durch die Befragung Einheimischer genauere Informationen über ihn zu erhalten. Auch fühlte er sich nicht imstande, Entscheidungen bezüglich der Spanier zu treffen, fragte die aztekischen Götter bei jeder neuen Nachricht um Rat und ließ ihnen Menschen opfern, damit sie ihm eine Antwort auf seine Fragen lieferten. Ebenso wurde er zornig, als ihm seine Zauberer keine guten Prophezeiungen übermitteln konnten, und ließ daraufhin sie und ihre Familien töten.
Auf ihrem Weg nach Tenochtitlán wurden die Spanier in einige Gefechte verwickelt, vor allem mit dem mit den Azteken verfeindeten Volk der Tlaxcalteken. Besonders die überlegene spanische Waffentechnik, die unter den Tlaxcalteken für immense Verluste sorgte und auch durch den Lärm und den unbekannten Geruch des Schießpulvers Angst erzeugte, war dafür verantwortlich, dass die Spanier in jedem Gefecht praktisch ohne Tote in den eigenen Reihen siegten. Ebenso spielten die spanischen Reiter eine Rolle, denn sie verschafften der Truppe einen Vorteil an Mobilität – Reittiere oder gar Pferde waren zu dieser Zeit in Amerika vollkommen unbekannt. Dies führte natürlich auch zu einer gewissen psychologischen Wirkung auf die Einheimischen. Cortés stellte die Wirkung seiner Waffen und auch der Pferde gezielt zur Schau, um die Überlegenheit der Spanier offen zu demonstrieren.Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. 8. Auflage. Edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, S. 141. Dementsprechend verbreiteten sich in der Region Gerüchte von der Unbesiegbarkeit der Spanier.
Moctezuma versuchte mit allen Mitteln, die Spanier von ihrem Vorhaben abzubringen, ihn aufzusuchen: Er versprach ihnen die reichsten Geschenke, die sein Reich bieten konnte, wenn sie nur wieder abzögen.Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. 8. Auflage. Edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, S. 89. Letztendlich trafen die Fremden dann aber doch am 8. November 1519 in Tenochtitlán ein. Trotz aller zuvor gezeigten Ablehnung begrüßte Moctezuma die eintreffenden Spanier. Bernardino de Sahagún berichtet, dass er zuerst eine Ansprache hielt;Zitiert in: Bernal Díaz del Castillo: Geschichte der Eroberung von Mexiko (herausgegeben und bearbeitet von Georg A. Narziß). Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 202. danach berührte er vor Cortés mit der Hand den Boden und führte sie zum Gesicht. Dieser Gruß war zwischen Personen höheren Ranges üblich, Sahagún interpretiert ihn jedoch als symbolische Unterwerfung. Ihm zufolge erwähnte Moctezuma in seiner Ansprache, Cortés sei als Abgesandter eines Ahnherrn der Azteken „zurückgekehrt“. Im Anschluss daran quartierte Moctezuma die Spanier im Palast seines Vaters Axayacatl ein und überhäufte sie geradezu mit Geschenken. Im Laufe der nächsten Tage zeigte er Cortés den Marktplatz und die großen Tempel von Tenochtitlán.
Bei der Einrichtung einer kleinen Kapelle im Palast des Axayacatl, was ihnen nach einer entsprechenden Bitte bei Moctezuma erlaubt worden war, stießen die Spanier völlig unvermittelt auf Moctezumas Schatzkammer. Da die Männer des Cortés beunruhigt über die Möglichkeit waren, jederzeit in der Stadt von aztekischen Kriegern angegriffen und dort eingeschlossen werden zu können, brachten diese beiden Tatsachen sie auf den Entschluss, Moctezuma gefangen zu nehmen. Die Tötung einiger Spanier nahe Veracruz nahm ihnen den Nimbus der Unbesiegbarkeit, den sie vorher aufgrund ihrer überlegenen Waffen besessen hatten, und zwang Cortés zu einer schnellen Ausführung seines Plans. Bereits am folgenden Tag kam er unter Begleitung einiger Soldaten zu Moctezuma und zwang ihn unter dem Vorwurf, er habe den Angriff auf die Spanier nahe Veracruz befohlen, in das spanische Quartier zu kommen, wo er von nun an festgehalten wurde. Am 14. November 1519 wurde Moctezuma durch die Spanier gefangen genommen, um die Veracruz-Angreifer zu stoppen.
Gefangenschaft und Tod Die folgenden Monate über war Moctezuma nicht viel mehr als eine Marionette der Spanier, obwohl er nominell noch seine ganze Macht besaß und sogar Untergebene empfangen durfte. Er zeigte ihnen gegenüber große Nachgiebigkeit, wie etwa bei der Forderung, in den aztekischen Tempeln christliche Heiligenbilder aufzustellen und die Bildnisse der aztekischen Götter zu entfernen, wobei er kaum Widerstand zeigte. Ebenso überließ er den Spaniern alle seine Schätze und lieferte Adelige, die offene Feindschaft zeigten, sogar den Spaniern aus. Dies führte allmählich zu einem immensen Autoritätsverlust unter den Bewohnern Tenochtitláns, was Moctezuma jedoch nicht entging. Schließlich änderte er ebenfalls seine Haltung und verlangte im April 1520 den Abzug der Spanier aus der Stadt.
Zur gleichen Zeit landete ein Trupp Soldaten unter Pánfilo de Narváez aus Kuba in Mexiko, mit dem Befehl, Hernán Cortés festzunehmen. Moctezuma erfuhr davon trotz seiner Gefangenschaft noch vor Cortés selbst und versuchte, mit den Neuankömmlingen Verhandlungen aufzunehmen, was jedoch scheiterte. Nachdem dieser mit einem Großteil seines Trupps zur Küste aufgebrochen war und nur eine kleine Gruppe in Tenochtitlán zurückgelassen hatte, heizte sich die Atmosphäre nochmals auf, denn sein Stellvertreter Pedro de Alvarado ließ die adligen Teilnehmer am aztekischen Frühlingsfest töten und provozierte einen Aufstand der Einheimischen – ohne dass Moctezuma irgendeinen Befehl zu einem Aufstand gegeben hatte. Die aufgebrachte Menge trieb die Spanier in ihre Quartiere und belagerte sie dort bis zur Rückkehr des Cortés und seiner Männer, die Ende Juni ohne angegriffen zu werden in die scheinbar leblose und verlassene Stadt einzogen.