mini|Gefängnis Sainte Pélagie (Eugène Atget 1898 BNF Gallica)mini|Die heilige Pelagiamini|Gefängnis Sainte-Pélagie Rue de la Clef 1895 Das Gefängnis Sainte-Pélagie war eine Haftanstalt in Paris, die im 17. Jahrhundert errichtet und 1899 abgebrochen wurde.
Lage Es befand sich auf der Höhe der heutigen Gebäudegruppe der Rue de la Clef, an der Kreuzung mit der Rue du Puits-de-l’Ermit im fünften Arrondissement von Paris.Wikisource Sainte-Pélagie Der Eingang des Gefängnisses befand sich auf der Höhe der heutigen Place du Puits-de-l’Ermite. Émile de La Bédollière gab 1860 in seinem Dictionnaire des besoins usuels dans Paris an, dass die offizielle Adresse des Gefängnisses Sainte-Pélagie 14, rue du Puits-de-l'Ermite lautet.Bédollière 1860
Geschichte Das Gefängnis wurde nach der heiligen Pelagia benannt, weil diese Heilige aus der Stadt Antiochia durch ihre Buße und ihr Martyrium berühmt wurde.
Es wurde 1662 zunächst unter dem Namen „le Refuge“ (Zuflucht) von der „Stiftung für reuige Mädchen“ gegründet und 1665 in der Rue du Puits-de-l’Ermite in Paris angesiedelt. Es wurde als Reaktion auf die Misshandlung der Insassen der Salpêtrière von Marie de Miramion konzipiert, die damals den Anweisungen von Vinzenz von Paul folgte.Hillairet 1956, S. 308 Le Refuge war für „reuige Mädchen“ gedacht, wurde aber bald zu einem Internierungsort für „unzüchtige Mädchen und Frauen“.
Im Jahr 1790 wurde Sainte-Pélagie zu einer Haftanstalt, die die Gefangenen der Französischen Revolution aufnahm (zuerst die Royalisten, zuletzt die Republikaner), und 1811 zum Départementsgefängnis. Zunächst als Männergefängnis betrieben, wurde Manon Roland als erste Frau inhaftiert, die sagte: „Ich die einzige Frau in diesem Kerker! Welch ein Schrecken und welche Ehre“.Siehe Weblink Prison Sainte Pélagie Da die staatlichen Repressionen dazu führten, dass Pariser Chansonniers häufig inhaftiert wurden, gründeten diese schließlich in ihrer Zelle die Goguette des Biberons, die 1825 einen Band veröffentlichte: La Marotte de Sainte-Pélagie (Die Marotte von Sainte-Pélagie). Er erlebte zwei Auflagen. Nachdem es zunächst vornehmlich als Schuldgefängnis gedient hatte, wurde Sainte-Pélagie im Februar 1831 zu einem Gefängnis für politische Gefangene bestimmt.
Die wegen Schulden inhaftierten Personen wurden 1834 in das Clichy-Gefängnis verlegt.Dieses lag in der Rue de Clichy; unter Prison de Clichy ist die Anstalt in der französischsprachigen Wikipédia näher beschrieben. Sainte-Pélagie selbst war überbelegt; die durchschnittliche jährliche Sterblichkeit lag zwischen 1815 und 1818 bei 4 %.Villermé 1829
Wie bei den anderen elf Pariser Gefängnissen galt auch hier: „Man darf die Gefangenen zweimal pro Woche, donnerstags und sonntags, mit Hilfe einer Genehmigung besuchen, die man beim 3. Büro der 1. Abteilung der Polizeipräfektur von Paris beantragen muss. Nur die Eltern sind erlaubt“.
Am Sonntag, dem 1. April 1832, brach unter den Häftlingen eine Revolte aus, die von mehreren Sektionen der Société des amis du peuple unterstützt wurde; sie forderte einen Toten, den Buchdrucker Jacobeus.
mini|Honoré Daumier, Massacre de la rue Transnonain In den folgenden Jahren widmete sich die ehemals geheime Société des droits de l'homme (Gesellschaft für Menschenrechte) ihren Überzeugungen entsprechend der Aufrechterhaltung der republikanischen Agitation gegen die Julimonarchie. Ihre führenden Köpfe waren François Arago und Étienne Arago, Louis Blanc, Victor Schœlcher, Alexandre Ledru-Rollin, Auguste Blanqui und Godefroy Cavaignac. Sie organisierten die Krawallnacht vom 15. April 1834, in der alle Bewohner eines Hauses in der Rue Transnonain, von dem ein Schuss ausgegangen war, von der Armee massakriert wurden.Wikisource Rue Transnonain Dieses Ereignis inspirierte Honoré Daumier zum Massaker in der Rue Transnonain, einer berühmten Zeichnung. Am 16. April wurden 164 „Verschwörer“ verhaftet und ohne Gerichtsverfahren nach Sainte-Pélagie überführt. Barbès und Cavaignac organisierten am 12. Juli 1835 aus dem Gefängnis heraus die „große Flucht“, indem sie mit 26 anderen der 164 „Verschwörer“ aus diesem als „unpassierbar“ geltenden Pariser Gefängnis ausbrachen.
Das Gebäude wurde unhygienisch und wurde schließlich zwischen Juni 1899 und Februar 1900 abgerissen. Évariste Galois hatte es bei seiner zweiten Inhaftierung wie folgt beschrieben: „Ein ebenso massives wie abweisendes Tor, meterdicke Mauern, die mit dem Schrecken der dunklen Korridore konkurrieren, die Schmutz, Kälte und Verzweiflung ausstrahlen. Alles hier riecht nach Tod! Dante muss hier gewesen sein, um seine Hölle zu schreiben“.CNT 2009, S. 9
Berühmte Gefangene Étienne Arago (1802–1892), Dramatiker und Schriftsteller. Unklar; möglicherweise am 16. April nach der „Krawallnacht“ inhaftiert. Louis-Rémy Aubert-Roche (1810–1874), Mediziner. 1853 zusammen mit Proudhon wegen seiner Artikel in republikanischen Zeitungen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. François-Xavier Audouin (1765–1837), Politiker und Schriftsteller. Er wurde am 21. Floreal des Jahres II (10. Mai 1794) verhaftet, als Opfer von Robespierres letzten Operationen gegen die letzten Sansculotten. In Sainte-Pélagie (wo er dauerhaft in Einzelhaft blieb) verfasste er eine Schrift, die berühmt wurde: À l’intérieur des maisons d’arrêt (Über das Innere der Arresthäuser). Zo d’Axa (1864–1930), Anarchist und Journalist. 1893 bis 1894 18 Monate als Anarchist. Die Haft wurde vollzogen, da er sich geweigert hatte, ein Gnadengesuch zu stellen. Armand Barbès (1809–1870), Politiker. Am 16. April 1834 nach der „Krawallnacht“ verhaftet, geflohen am 12. Juli. Jeanne Bécu, Madame du Barry (1743–1793), Mätresse Ludwigs XV. Am 22. September 1793 in das Gefängnis verlegt und nach einem Zwischenaufenthalt in der Conciergerie am 8. Dezember 1793 hingerichtet. Pierre-Jean de Béranger (1780–1857), Chansonnier. Drei Monate Haft 1821 bis 1822 wegen Spottliedern auf Kirche und König. Félix-Julien-Jean Bigot de Préameneu (1747–1825), Jurist und Minister. Als Gegner Robespierres 1794 sechs Monate inhaftiert. Auguste Blanqui (1805–1881), sozialistischer Revolutionär. Nach mehreren Gefängnisstrafen wurde er 1861 erneut verhaftet, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt und in Sainte-Pélagie eingesperrt, von wo er 1865 floh. Aimé Picquet du Boisguy (1776–1839), königstreuer General der Chouannerie. Als Gegner Napoleons inhaftiert nach dessen Rückkehr aus Elba und freigelassen nach Napoleons endgültigem Sturz. Nicolas de Bonneville (1760–1828), Publizist. 1797 inhaftiert, weil er Napoleon in einer Zeitung mit Oliver Cromwell verglichen hatte. Armand Carrel (1800–1836), Journalist und Schriftsteller. Von 1834 bis 1835 wegen seiner Schriften gegen die Juli-Monarchie inhaftiert. Jules-Antoine Castagnary (1830–1888), Journalist. 1866 zwei Wochen Haft wegen anstößiger Artikel. Godefroi Cavaignac (1801–1845), Journalist und Schriftsteller. Inhaftiert am 16. April 1835 nach der „Krawallnacht“, entflohen am 12. Juli. Michel Chevalier (1806–1879), Ökonom. 1832 sechs Monate als Herausgeber des Saint-simonistischen und als regierungsfeindlich angesehenen Le Globe. Émile Chodruc-Duclos (1780–1842), Royalist. Inhaftiert nach seiner Gefangennahme in der Vendée. Jean-Baptiste Clément (1836–1903), Chansonnier. Wegen Presseartikeln 1868 inhaftiert. Louise Contat (1760–1813), Schauspielerin. Als königstreu verdächtigt 1793 zehn Monate Haft. Gustave Courbet (1819–1877), Maler. Er wurde am 7. Juni 1871 verhaftet und zu sechs Monaten verurteilt, weil er als gewählter Vertreter des Rates der Pariser Kommune an der Zerstörung der Vendôme-Säule mitgewirkt haben soll. Gustave Chaudey (1817–1871), Politiker. Als Gegner der Pariser Kommune 1871 inhaftiert und hingerichtet. Gustave Paul Cluseret (1823–1900), General. 1868 wegen regierungskritischer Artikel in der Zeitschrift L’Art verhaftet und anschließend verbannt. Théodore Combalot (1797–1873), katholischer Priester. 1843 fünfzehn Tage Haft wegen aufrührerischer Schriften.Ricard und Combalot 1892 Paul-Louis Courier (1772–1825), Pamphletist. 1821 wegen eines Pamphlets namens Simple Discours zu zwei Monaten Haft verurteilt. Honoré Daumier (1808–1879), Maler und Bildhauer. 1832 sechs Monate wegen seiner Karikaturen. Émile Debraux (1798–1831), Chansonnier. 1822 ein Monat wegen einer Liedersammlung. Louis Desprez (1861–1885), Schriftsteller. 1885 ein Monat Haft wegen pornographischer Literatur. Médard Desprez (1764–1842), Bankier. 1807 wegen Schulden, die er bei der Verwaltung von Staatsfirmen erlitten hatte. Édouard Drumont (1844–1917), Journalist und Politiker. Ende 1892 bis 1893 dreimonatige Haft wegen Beleidigung des Abgeordneten Auguste Burdeau. Édouard Ducret (1854–1900), Journalist. Ab August 1893 ein Jahr Haft wegen einer auf Fälschungen beruhenden Verleumdungskampagne gegen Georges Clemenceau. Charles Duveyrier (1803–1866), Dramatiker. 1832 sechs Monate Haft wegen „Angriffs auf die Moral“. Barthélemy Prosper Enfantin (1796–1864), Philosoph. 1832 im Rahmen der Saint-Simonisten-Verfolgung zu einem Jahr verurteilt. Émile Eudes (1843–1888), Kommunarde. 1870 zum Tode verurteilt, in Sainte-Pélagie inhaftiert und nach der französischen Niederlage bei Sedan amnestiert. Évariste Galois (1811–1832), Mathematiker. 1831 stieß Évariste bei einem republikanischen Bankett mit einem Messer in der Hand einen Toast aus: „Auf Louis-Philippe, wenn er Verrat begeht!“ und wurde wegen Aufruf zum Königsmord verhaftet. Vom Gericht wurde er freigesprochen. Alfred Léon Gérault-Richard (1860–1911), Politiker. Mehrere Aufenthalte in Sainte-Pélagie, zuletzt wegen Beleidigung des Präsidenten (À bas Casimir ! in der Zeitschrift Le Chambard socialiste). Charles Gille (1820–1856), Chansonnier. Sechs Monate 1846 wegen illegaler Aktivitäten in einer Goguette. Später brüstete sich Gille damit, „seinen eigenen Polizeibeamten zu haben, der ihm überall hin folgte und den er sogar zum Trinken einlud“. Arthur de Gobineau (1816–1882), Schriftsteller. 1813 inhaftiert, weil er Jules de Polignac zur Flucht verholfen hatte. Pierre GossetArtikel unter Pierre Gosset in der französischsprachigen Wikipédia. (1764–1844), Priester. Als zunächst gegen die Revolution und später gegen Napoleon opponierender Priester auf Betreiben Fouchés 1805 eingesperrt. Paschal Grousset (1844–1909), Politiker und Schriftsteller. Einkerkerung 1870 im Umfeld eines Duells zwischen Pierre Napoleon Bonaparte und Grousset, bei dem Bonaparte Groussets Sekundanten Victor Noir erschoss. Jules Guyot (1807–1872), Wissenschaftler. 1831 als Oppositioneller inhaftiert. Fortuné Henry (1821–1882), Journalist. Er galt als Gegner von Napoleon III. und wurde nach dem Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 im Gefängnis Sainte-Pélagie interniert. Antoine Jay (1770–1854), Schriftsteller. Ein Monat Haft 1820 wegen liberaler Tendenzen in einem literarischen Werk. Maurice Joly (1829–1878), Schriftsteller. 15 Monate 1865 wegen Verleumdung des Kaisers. Florian de Kergorlay (1769–1856), Politiker und Pair von Frankreich. Von November 1830 bis Mai 1831 und von Oktober 1835 bis Februar 1836 in Sainte Pélagie inhaftiert, weil er seine Opposition gegen das Regime der Julimonarchie zum Ausdruck gebracht hatte. Jean-Jacques Koechlin (1776–1834), Industrieller. 1822 zwölf Monate wegen Majestätsbeleidigung. Marie-Anne de Lachassaigne (1747–1820), Schauspielerin. 1793 als „Schauspielerin des Königs“ fünf Monate inhaftiert. Mademoiselle Lange (1772–1825), Schauspielerin. Sie wurde 1793 nach den Aufführungen von Paméla ou la Vertu récompensée von François de Neufchâteau zusammen mit anderen Schauspielern eingekerkert. Paul Lafargue (1842–1911), Sozialist und Arzt. Von 1883 bis 1885 wegen revolutionärer Propaganda inhaftiert. Félicité de Lamennais (1782–1854), Priester und Philosoph. 1841 zu einem Jahr Haft als Regierungsgegner verurteilt.