Der Siegesplatz () in Bozen wurde in der faschistischen Zeit in der Südtiroler Stadt angelegt und bildet den zentralen Platz der Bozner Neustadt mit dem Siegesdenkmal in seiner Mitte. Von der Bozner Altstadt über die Talferbrücke kommend liegt der Siegesplatz gleich anschließend westlich der Talfer in der Gemarkung von Gries-Quirein. Drei Seiten des Platzes, gerahmt von der Freiheitsstraße im Norden und der Cesare-Battisti-Straße im Süden, werden von Prunkbauten im monumentalistischen Stil des späten Rationalismus mit Laubengängen und Tordurchfahrten gesäumt.
Geschichte und Nutzung mini|Siegesdenkmal Der Platz sollte ein neues Stadtzentrum im Quartiere Monumentale der Bozner Neustadt sein und bot neben Cafés und Einkaufsmöglichkeiten vor allem Wohnraum für die höheren Staatsbeamten des faschistischen Regimes, die den Auftrag hatten, die Italienisierung Bozens und später ganz Südtirols voranzutreiben. Ursprünglich als Siegesforum (Foro della Vittoria) konzipiert, wurde von dem enormen Platzprojekt nur der an der Hinterseite des von Marcello Piacentini entworfenen Siegesdenkmals gelegene Teil von Piacentinis Schüler Paolo Rossi de Paoli vollständig verwirklicht; der eigentliche Platzraum war an der Vorderseite des Denkmals, stadtseitig zugewandt, vorgesehen, und es hätten mit dem neuen Sitz der Provinzialverwaltung und einem neuen Bozner Rathaus auch zentrale innerstädtische Funktionen an den neuen regionalen „Gewalt- und Machtraum“ verlegt werden sollen. Diese weitergehenden Planungen, die zur Raumgewinnung die radikale Verengung des Flussbetts der Talfer und einen Brückenneubau erfordert hätten, wurden kriegsbedingt nicht realisiert.
Seiner vorgesehenen Rolle als neuer Zentralraum im Stadtgefüge entsprechend wurden am Siegesplatz mehrere staatliche Einrichtungen angesiedelt. Jeweils gleich zwei Bauwerke dienten den Bozner Niederlassungen des Istituto Nazionale delle Assicurazioni (INA) und des Istituto Nazionale della Previdenza Sociale (INPS), ein weiteres Bauwerk wurde vom Istituto Nazionale per le Case degli Impiegati Statali (INCIS) zur Unterbringung der Staatsbeamten errichtet. Die genannten Bauwerke sind jedoch bereits seit Jahrzehnten anderen Nutzungen zugeführt.
Eine im Jahr 2001 vom Bozner Stadtrat initiierte Umbenennung des Siegesplatzes in Friedensplatz (Piazza della Pace) musste aufgrund einer von italienischen Rechtsparteien angestoßenen Volksbefragung 2002 wieder zurückgenommen werden.Harald Dunajtschik: Erinnerungskulturen in Bozen. Giorno della Memoria und Friedensplatz – Stolpersteine und Semiruralihaus. Phil. Diss., Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck 2017, S. 258–260 (Digitalisat).
Der Platz wird an Samstagen als Wochenmarkt, fallweise für Veranstaltungen und im Übrigen als Parkplatz genutzt. Der Bau einer mehrstöckigen Tiefgarage befindet sich in Planung, um die Oberfläche des Platzes autofrei zu gestalten.
Bebauung und künstlerische Ausgestaltung Zentral
Architektonisch dominiert wird der Platz vom zentral positionierten Siegesdenkmal: Der monumentale Triumphbogen – mit antiker, faschistischer und christlicher Symbolik ausgestalt – wurde als Symbol des Faschismus und der Italianität Südtirols sowie als Denkmal für die italienischen Toten des Ersten Weltkriegs konzipiert. Er war aufgrund des transportierten Geschichtsbilds und seiner politischen Aussagekraft jahrzehntelang Gegenstand erbitterter Debatten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Südtirol. Von 2009 bis 2014 erfolgten eine Renovierung und Umgestaltung des Siegesdenkmals zu einem Dokumentationszentrum der Bozner und Südtiroler Geschichte während der faschistischen und nationalsozialistischen Herrschaft. mini|hochkant|Die faschistische Säule in der kleinen Parkanlage neben dem Siegesdenkmal mit Black-Lives-Matter-Graffiti (2020)Zu dieser Protestaktion s. Alexandra Cosima Budabin: Heritage politics in the case of Black Lives Matter in Bolzano-Bozen, Italy. In: European Journal of Cultural and Political Sociology 2023. doi:10.1080/23254823.2023.2169183, S. 14–18. 1938 wurde in der kleinen Parkanlage, die dem Siegesdenkmal westseitig vorgelagert ist, eine Säule errichtet, die mit ihren Inschriften des Basaments auf apologetische Weise an die Eroberungskriege des Faschismus im Zweiten Libyschen Krieg und im Abessinienkrieg sowie an die italienische Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg erinnert. Die von der römischen Klassik inspirierte Säule wurde am 5. Juni 1938 im Beisein von Kronprinz Umberto II.S. den Bericht der Tageszeitung Dolomiten vom 7. Juni 1938, S. 2: Die Weihe der Gedenksäule. eingeweiht und nimmt an ihrer dem Platz zugewandten Vorderseite ostentativ auf die in diesen Kriegen gefallenen Südtiroler Soldaten Bezug (agli Atesini caduti per l'Impero, deutsch „den für das Imperium gefallenen Etschländern“).Sabrina Michielli, Hannes Obermair (Red.): BZ ’18–’45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen. Begleitband zur Dokumentations-Ausstellung im Bozener Siegesdenkmal. Folio Verlag, Wien / Bozen 2016, ISBN 978-3-85256-713-6, S. 127.
Nordseite mini|hochkant|Das ehemals am östlichen Palazzo INA angebrachte Mussolini-Zitat Die Nordseite des Platzes wird von zwei ehemaligen Gebäuden des Istituto Nazionale delle Assicurazioni (INA) flankiert.
Der östliche Palazzo INA wurde 1940 nach Plänen des Architekten Michele Busiri Vici errichtet. Sein südostseitiges Hauptportal ist von Reliefs umgeben, die Getreideähren, Bienen und ein Segelschiff zeigen und damit die Reichtümer des faschistischen Italien symbolisieren sollten. In seine Südfassade ist ein von Alcide Ticò geschaffener Brunnen eingelassen. Als Brunnenfiguren dienen eine männliche Flussgottheit mit einem Füllhorn, wohl die Etsch personifizierend, und ein Adler als imperiales Herrschaftszeichen.
Einst war an der platzseitigen Fassade folgende italienischsprachige Inschrift angebracht:
Das Zitat entstammt der Siegesrede Benito Mussolinis, mit der dieser nach der Eroberung von Addis Abeba am 9. Mai 1936 in Rom das faschistische Imperium ausrief. Es wurde nach dem Fall des Faschismus entfernt. mini|Westlicher Palazzo INA an der Nordseite mini|hochkant|Torbogen am westlichen Palazzo INA, mit dem westseitigen Relief von Livia De Kuzmik Papini Der westliche Palazzo INA ist ein 1932–1933 errichtetes Werk von Paolo Rossi de Paoli.Simone De Bartolo: Architettura del Ventennio. Palazzi di Roma. Youcanprint, 2023, ISBN 979-1222710693. Das Gebäude weist Laubengänge auf und ist mittig von zwei großen Torbögen, Durchlässen zur Pater-Reginaldo-Giuliani-Straße, gegliedert. Auf den ursprünglichen programmatischen Bebauungsplan des Areals weist ein großformatiges lateinisches Zitat an der platzseitigen Fassade hin, das Vergils Aeneis entnommen ist und die Größe der römischen Antike und damit den imperialen Herrschaftsauftrag der faschistischen Ära auf propagandistische Weise verkündet:
Unter den Torbögen befinden sich zwei Reliefs der Künstlerin Livia De Kuzmik Papini. Das ostseitige Relief zeigt zentral eine Italia turrita mit einem Liktorenbündel, die sich nach rechts zwei Gestalten zuwendet: Ein Mann vor einer wehenden Fahne schlägt auf einen zu Boden sinkenden Gegner ein – eine symbolhafte Darstellung der militärischen Macht des faschistischen Italien. Links ist eine Bauernfamilie dargestellt: ein Mann mit einem Spaten vor einem Laubbaum, vor ihm auf dem Boden sitzend eine Mutter mit Kind. Das westseitige Relief zeigt erneut eine Italia turrita, dieses Mal mit einem großen Schwert und einem Schild stehend. Sie überwacht vier sitzende Gestalten (rechts zwei Frauen, links zwei Männer) mit afrikanischen Gesichtszügen, die von Darstellungen des gestohlenen Obelisken von Aksum und eines Kaktus eingerahmt werden. Die Szene ist unmissverständlich als apologetische Darstellung der Eroberung des italienischen Kolonialreichs in Afrika zu deuten.
Westseite mini|Blick auf den westseitigen (rechts) und den südseitigen (links) Palazzo INPS mini|Aufschrift über dem Portal des INPS-Gebäudes mit dem nach 1945 entfernten, aber noch im Abdruck sichtbaren „F“ (für: Fascista) in der Mitte Die Westseite des Platzes wird vom 1935 bis 1937 errichteten Palazzo INPS gerahmt, ebenfalls ein Werk von Paolo Rossi de Paoli. Zu Erbauungszeiten hieß das Istituto Nazionale della Previdenza Sociale noch Istituto Nazionale Fascista per la Previdenza Sociale, kurz INFPS; über dem Haupteingang unter dem platzseitigen Laubengang des Gebäudes ist die Inschrift INPS angebracht mit einer deutlichen Leerstelle, an der sich einst das F für Fascista befand, welches nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entfernt wurde. Der zentrale Fassadenteil des Bauwerks ist durch das Flachrelief Inno al Duce („Hymne an den Duce“) des Bildhauers Corrado Vigni geschmückt. Das Kunstwerk zeigt in erster Linie Männer in verschiedenen Arbeitssituationen, daneben aber auch einen bewaffneten Soldaten neben zwei afrikanischen Männern, von denen einer an einen Baum gefesselt ist und gerade von seinem Kameraden befreit wird – ein Verweis auf die Regime-Propaganda, der Abessinienkrieg habe der Abschaffung der Sklaverei gedient; ganz links und ganz rechts stehen zwei geflügelte Frauengestalten, wobei die rechte eine den Platz überschauende Siegesgöttin krönt. Das Bauwerk steht seit 2022 unter Denkmalschutz.
Ans Gebäude angelehnt – eine architektonische Verbindung mit dem zweiten INPS-Gebäude an der Südseite des Platzes schaffend – befindet sich ein großer Torbogen als Durchlass zur Cesare-Battisti-Straße, der auf seiner Westseite mit der Inschrift ANNO DOMINI MCMXXXVII („im Jahre des Herrn 1937“) das Jahr der Fertigstellung beider Gebäude verkündet; die Inschrift ERA FASCISTA XV („im Jahre 15 der faschistischen Ära“) an der Ostseite wurde nach 1945 entfernt.
Südseite mini|Südseitige Bebauung mit dem Palazzo INPS ganz rechts und dem Wohngebäude „Vittoria“ mittig im Hintergrund An der Südseite steht ein zweiter Palazzo INPS, erneut ein Werk von Paolo Rossi de Paoli aus dem Jahr 1937. Das Gebäude mit seinen Laubengängen korrespondiert baulich exakt mit dem direkt gegenüberliegenden Palazzo INA an der Nordseite des Platzes: Es wird ebenfalls mittig von großen Torbögen – Durchlässen zur Horaz-Straße – gegliedert und wies einst ebenso eine großformatige lateinische Inschrift auf seiner Fassade auf. Das Horaz-Zitat ist heute nur noch in Spuren schwach sichtbar:
Diese Wiederverwertung der dritten Strophe des Carmen saeculare, in faschistischen Kreisen als Programmschrift des augusteischen Imperiums gedeutet, hatte das offenkundige Ziel, die politischen Intentionen des römischen Kaisertums mit jenen Benito Mussolinis gleichzusetzen.Wolfgang Strobl: tu regere imperio populos, Romane, memento … Zur Rezeption von Vergil und Horaz im italienischen Faschismus am Beispiel des Siegesplatzes in Bozen. In: Antike und Abendland 58 (2012), S. 143–166. Die Inschrift wurde nach dem Zweiten Weltkrieg entfernt. Das Gebäude steht seit 2024 – auf zwei Adressanschriften aufgeteilt – unter Denkmalschutz.
Am östlichen Ende der Bebauung der Südseite des Platzes befindet sich das für das INCIS errichtete Wohngebäude „Vittoria“. Das von Dario Barbieri entworfene Bauwerk wurde 1927 fertiggestellt, jedoch nach Plänen von Francesco Rossi 1937–1939 aufgestockt und umgestaltet, da es nach dem Bau des Siegesdenkmals für zu wenig „modern und italienisch“ befunden worden war.
Ostseite mini|Blick auf die Ostseite des Siegesdenkmals und die hohen Säulen mit den Figuren der Kapitolinischen Wölfin und des venezianischen Markuslöwen von Ignaz Gabloner