Mohammed Masood Azhar (; geb. 10. Juli 1968 in Bahawalpur, Pakistan) ist ein dschihadistischer Ideologe und der Gründer und Anführer der Organisation Jaish-e-Mohammed. Er gehört den Deobandis an, einer hanafitisch-traditionalistischen islamischen Strömung, die nach dem Dar ul-Ulum in Deoband benannt ist.Rothermund: Krisenherd Kaschmir: Der Konflikt der Atommächte Indien und Pakistan. 2002, S. 112. In den 1990er Jahren war er ein wichtiges Bindeglied in der Beziehung zwischen der militanten islamistischen Bewegung in Pakistan, den al-Qaida-Netzwerken und den Taliban in Afghanistan.Rassler: “Al-Qaida and the Pakistani Harakat Movement”. 2017, S. 48. Nach Inhaftierung in Indien Anfang 1994 war er einer der Terroristen, die Ende 1999 mit der Entführung des Indian-Airlines-Flug 814 nach Kandahar freigepresst wurden. Auch gibt es glaubwürdige Hinweise auf Verbindungen der Attentäter der Terroranschläge am 7. Juli 2005 in London ins Umfeld der Anhänger von Masood Azhar.Timm: Dschihadismus in Pakistan. 2013, S. 124. Er wird auch „der pakistanische Osama bin Laden“ genannt.Rothermund: Krisenherd Kaschmir: Der Konflikt der Atommächte Indien und Pakistan. 2002, S. 110.
Nach jahrelangem Widerstand von chinesischer Seite wurde Masood Azhar am 1. Mai 2019 vom UN-Sicherheitsrat als Terrorist eingestuft.Verma: "China’s new security concept: India, terrorism, China’s geostrategic interests and domestic stability in Pakistan" 2020, S. 1012. Einige politische Analysten wie Raj Verma vermuten, dass die chinesische Unterstützung für Masood Azhar darauf zurückzuführen ist, dass sie für den Erfolg des China-Pakistan Economic Corridor und anderer chinesischer Projekte in Pakistan unabdingbar war. China war demnach besorgt, dass die Einstufung von Masood Azhar als Terrorist durch den UN-Sicherheitsrat und Maßnahmen gegen ihn und Jaish-e Mohammed von Seiten Pakistans schwerwiegende Folgen für die Stabilität und Einheit Pakistans haben würden.Verma: "China’s new security concept: India, terrorism, China’s geostrategic interests and domestic stability in Pakistan" 2020, S. 1009f.
Abstammung und verwandtschaftliche Beziehungen Masood Azhar wurde am 10. Juli 1968 in Bahawalpur in Punjab als Sohn einer wohlhabenden alidischenThe Amir-ul-jihad and fat-hul-jawwad Porträt von Masood Azhar auf der Website von Jaish-e Mohammad. Landbesitzerfamilie geboren. Sein Vater, Allah Bakhsh Shabir, war Schulleiter einer staatlichen Schule und Lehrer für Urdu und Persisch und hatte neben Masood noch fünf weitere Söhne und sechs Töchter. Der mütterliche Großvater war ein bedeutender Aktivist der Khatm-e-Nabuwwat-Bewegung, die die Ahmadiyya bekämpft,Aggarwal: Militant leadership: person-centered studies from Kashmir. 2023, S. 138. und bis 1992 Anführer der internationalen Organisation der Bewegung Majlis-e Ahrar.Aggarwal: Militant leadership: person-centered studies from Kashmir. 2023, S. 131f. Fazlur Rahman Khalil, der Anführer der Harkat-ul-Mujahideen (HuM), ist ein Verwandter Masood Azhars.
Leben und Aktivitäten Als Schüler und Lehrer in Banuri Town Da Masood Azhar intellektuell begabt war, schickte ihn sein Vater nach der siebten Klasse an die Jami'atul-Uloom ul-Islamia,Aggarwal: Militant leadership: person-centered studies from Kashmir. 2023, S. 132. eine große Madrasa in Allama Banuri Town in Karatschi, die die größte Ausbildungsinstitution der Deobandis in Pakistan istGunaratna: Inside Al Qaeda. Global Network of Terror. 2003, S. 209. und seit den 1960er Jahren die Speerspitze bei dem Kampf sunnitischer Muslime in Pakistan gegen Ahmadiyya und Schia bildet.Timm: Dschihadismus in Pakistan. 2013, S. 104. Hier studierte Azhar von 1980 bis 1989 und wurde entsprechend dem Dars-i-Nizami-Curriculum ausgebildet.Timm: Dschihadismus in Pakistan. 2013, S. 105. Sein Mentor war der Leiter des Instituts, Mufti Nizamuddin Shamzai. Es war dies die Zeit, in der die Madrasa-Schulen Pakistans eine islamische Ausbildung mit der aktiven Unterstützung und Förderung des antisowjetischen afghanischen Dschihad für Nicht-Pakistaner verbanden.Charles P. Blair: “Anatomizing Non-State Threats to Pakistan’s Nuclear Infrastructure” (= Terrorism Analysis Report 1). Federation of American Scientists, Juni 2011. S. 71.
Sobald Masood Azhar das ʿĀlimīya-Zertifikat erhalten hatte, begann er selbst an der Anstalt zu unterrichten. Zwei Jahre unterrichtete er vor allem pakistanische und ausländische Studenten auf Arabisch.Abou Zahab/Roy: Islamist networks: the Afghan-Pakistan connection. 2004, S. 29. Wie Azhar in einem indischen Verhörprotokoll bemerkte, studierten an der Jamia Islamia neben Pakistanis auch Araber, Sudanesen und Bangladescher, die von der Deobandi-Ideologie überzeugt waren. Azhars Seminar in Banuri Town diente als ein wichtiger Rekrutierungsort für die Organisationen Harkat-ul-Mujahideen (HuM) und Harakat-ul-Jihad ul-Islami (HuJI), die sich im afghanischen Dschihad engagierten. 1988 besuchte Masood Azhar selbst zusammen mit seinen Lehrern Afghanistan, um sich dem Kampf gegen die Sowjets anzuschließen. Aufgrund seiner Fettleibigkeit wurde er jedoch im Trainingslager der HuM in der afghanischen Provinz Kunar als körperlich ungeeignet für die Waffenausbildung eingestuft und nach Karatschi zurückgeschickt.Aggarwal: Militant leadership: person-centered studies from Kashmir. 2023, S. 133. Der Besuch hinterließ dennoch einen bleibenden Eindruck bei ihm und steigerte seine Begeisterung für den Dschihad.
Von August 1989 an begann Azhar, die Urdu-Zeitschrift Ṣadā-yi Mujāhid („Stimme des Mudschāhid“) herauszugeben.Mir: Talibanisation of Pakistan. From 9/11 to 26/11. 2009, S. 111. Außerdem machte er es sich zur Angewohnheit, zu anderen Schulen, Moscheen und Basaren von Karachi zu gehen und dort für den Dschihad zu werben. In einem Ende 1991 verfassten Artikel berichtete Masood Azhar von einer weiteren Reise nach Afghanistan, die er zusammen mit mehreren Komplizen aus Frankreich unternahm, darunter einem gewissen Umar Farooq, der als Anführer des französischen Kontingents von HuM beschrieben wurde.Rassler: “Al-Qaida and the Pakistani Harakat Movement”. 2017, S. 42.
Aufenthalte in Ostafrika und Europa Nach verschiedenen Berichten folgte Masood Azhar 1992 Osama bin Laden in den Sudan.Abou Zahab/Roy: Islamist networks: the Afghan-Pakistan connection. 2004, S. 30. 1993 tourte er einen Monat lang durch das Vereinigte Königreich und hielt dort in Deobandi-Moscheen ungefähr 40 Predigten, in denen junge Muslime zum Dschihad aufrief.Masood Azhar: The man who brought jihad to Britain BBC News 5. April 2016. Im Oktober desselben Jahres spielte er eine entscheidende Rolle bei der Fusion der beiden Organisationen HuM und HuJI zur neuen Organisation Harakat-ul-Ansar (HuA). Anschließend wurde er von dieser Organisation zum Verantwortlichen für Daʿwa ernannt und veröffentlichte die Zeitschrift Ṣaut al-Kašmīr („Stimme Kaschmirs“) auf Arabisch.Abou Zahab/Roy: Islamist networks: the Afghan-Pakistan connection. 2004, S. 29.
Laut Verhörakten der indischen Regierung und einem Tagebuch, das er während seiner indischen Haft (von 1994 bis 1999) schrieb, reiste Azhar im Dezember 1992 nach Nairobi, um sich mit Anführern der somalischen Gruppe al-Ittihad al-Islami und zwei Mudschāhidūn aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu treffen. Schon zuvor hatte er in seiner Zeitschrift Ṣadā-yi Mujāhid verschiedene Artikel veröffentlicht, um die pakistanische Regierung dazu zu bringen, ihr Kontingent aus den UN-Truppen in Somalia zurückzuziehen. Die Männer, die Azhar in Nairobi traf, drängten ihn dazu, den Druck auf die pakistanische Regierung aufrechtzuerhalten. Eine Woche später traf sich Masood Azhar in Nairobi mit Journalisten von Weekly Zindagi, Jang und Urdu Digest sowie einem Vertreter der All Pakistan Newspaper Malikan Association. Sie verurteilten nach ihrer Rückkehr die Rolle pakistanischer Truppen in Somalia, und Masood Azhar verteilte 5.000 Exemplare einer Broschüre zu dem Thema.Gunaratna: Inside Al Qaeda. Global Network of Terror. 2003, S. 155f.
Nach Azhars Angaben erhielten die Somalis auch Rekruten und Geld aus den Reihen der HuA. Azhar war Berichten zufolge auf Befehl von Maulana Fazlur Rehman Khalil, der ab Juni 1993 als Vorsitzender der HuA fungierte, nach Afrika gereist. Ahmed Rashid behauptet außerdem, das Azhar nach der Entsendung amerikanischer Truppen nach Somalia den somalischen Warlords beibrachte, wie sie die Lamellen ihrer Panzerabwehrgranaten so zurechtschneiden mussten, dass sie mitten in der Luft explodierten und US-Helikopter zum Absturz brachten. Doch hält Don Rassler es für eher unwahrscheinlich, dass Azhar solche taktischen Ratschläge persönlich erteilt hat, weil er sich während seiner Karriere hauptsächlich als Prediger, Autor und Ideologe und weniger als Taktiker oder erfahrener Kämpfer hervorgetan hat.Rassler: “Al-Qaida and the Pakistani Harakat Movement”. 2017, S. 41.
Haft in Indien und Freipressungsversuche Im Januar 1994 entschloss sich Azhar, in das Kaschmirtal zu reisen.Mir: Talibanisation of Pakistan. From 9/11 to 26/11. 2009, S. 111. Sein Ziel war es, sicherzustellen, dass die Mudschahidin, die dort zu den beiden Gruppen HuM und HJI gehörten, ebenfalls unter dem neuen Namen Harkatul Ansar zusammengeschlossen wurden und unter einem Dach arbeiteten.Mir: Talibanisation of Pakistan. From 9/11 to 26/11. 2009, S. 109. Azhar flog am 29. Januar 1994 mit einem mit einem Flugzeug der Biman Bangladesh Airlines von Dhaka nach Delhi und reiste mit einem gefälschten portugiesischen Pass nach Indien ein.Mir: Talibanisation of Pakistan. From 9/11 to 26/11. 2009, S. 113. Doch die Mission schlug fehl, als Azhar am 1. Februar 1994 zusammen mit seiner rechten Hand Sajjad Afghani in Srinagar verhaftet wurde, nachdem ihr Auto eine Panne hatte und sie versucht hatten, eine Autorikscha heranzuwinken, um zu einer nahegelegenen Moschee zu gelangen. Während seiner Haft in Indien verfasste Azhar zahlreiche Artikel und Werke über den Dschihad und bezog sich dabei oft auf Afrika.Abou Zahab/Roy: Islamist networks: the Afghan-Pakistan connection. 2004, S. 29f.
Um Azhar freizupressen, entführte der britisch-pakistanische Terrorist Ahmed Omar Saeed Sheikh im Oktober 1994 drei britische und einen amerikanischen Touristen aus einem Hotel in Neu-Delhi, was jedoch nicht zu dem gewünschten Erfolg führte.Rassler: “Al-Qaida and the Pakistani Harakat Movement”. 2017, S. 42. Omar Sheikh wurde nach einer Schießerei mit der Polizei gefangen genommen und inhaftiert. Um die Freilassung von ihm, Masood Azhar und anderen in indischer Haft befindlichen Personen zu erwirken, entführte am 4. Juli 1995 die mit HuM in Verbindung stehende Al-Faran-Gruppe sechs westliche Touristen im Bergresort Pahalgam im südlichen Kaschmir: die beiden Amerikaner John Childs und Donald Hutchings, die beiden Briten Paul Wells und Keith Mangan, den Deutschen Dirk Hasert und den Norweger Hans Christian Ostrø. Der abgetrennte Kopf von Ostrø wurde im August 1995 auf einem Bergpfad entdeckt. Daran befestigt befand sich eine Notiz, in der die Freilassung von 15 inhaftierten Islamisten, darunter Omar Sheikh und Masood Azhar, innerhalb von zwei Tagen gefordert wurde.Gunaratna: Inside Al Qaeda. Global Network of Terror. 2003, S. 213f.