Der Rat der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (auch Lutherrat genannt) war ein im Kirchenkampf erreichter Zusammenschluss der lutherischen Landeskirchen in Deutschland. Er war der Vorläufer der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands.
Geschichte Die Gründung des Rates der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands wurde am 11. März 1936 durch Vertreter der Landeskirchen von Bayern, Württemberg und Hannover (die drei lutherischen Kirchen, die zu den „intakten Kirchen“ gehörten) sowie die Landesbruderräte der lutherischen Landeskirchen von Sachsen, Mecklenburg und Thüringen beschlossenCarsten Nicolaisen (Hrsg.): Verantwortung für die Kirche II.: Herbst 1935 bis Frühjahr 1937. Göttingen 1992, S. 195–203. und am 18. März 1936 vollzogen.Carsten Nicolaisen (Hrsg.): Verantwortung für die Kirche II.: Herbst 1935 bis Frühjahr 1937. Göttingen 1992, S. 207–209. Schon 1934 hatte Landesbischof August Marahrens den Lutherischen Rat gegründet, um die lutherischen Kirchen in Deutschland enger zu verbinden. Unmittelbarer Anlass der Initiative Meisers war nun die bei der vierten Bekenntnissynode im Februar 1936 in Bad Oeynhausen zutage getretene Spaltung der Bekennenden Kirche in einen „gemäßigten“ Flügel, der zu einer Zusammenarbeit mit dem Reichskirchenministerium von Hanns Kerrl bereit war, und dem „radikalen“ bzw. „dahlemitischen“-Flügel, der dies ablehnte. Insbesondere den Anspruch der Bekenntnissynode, die einzige rechtmäßige evangelische Kirche in Deutschland zu sein, sahen die Vertreter des Luthertums als Angriff auf die Landeskirchen und als Missachtung des Bekenntnisses. Mit der Bildung des Lutherrates und der einen Tag später erfolgten Wahl der Zweiten Vorläufigen Kirchenleitung ohne Vertreter des konfessionellen Luthertums war die Spaltung der Bekennenden Kirche vollzogen.Gerhard Besier: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 3: Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934 bis 1937. Propyläen, Berlin 2001, S. 423–429.
Der Lutherrat, dem sich bald die Landesbruderräte weiterer Landes- und Provinzialkirchen anschlossen, beanspruchte, „die gemeinsame geistliche Leitung für die lutherischen Kirchen und Werke wahr(zunehmen), die sich der Bekennenden Kirche zugeordnet halten.“ Das Endziel des Rates war, eine Evangelisch-lutherische Kirche Deutschlands unter einem einheitlichen lutherischen Kirchenregiment zu schaffen. Vertreten war auch die evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche.
Der Rat bestand zuerst aus den Bischöfen August Marahrens, Hans Meiser, Hugo Hahn und Theophil Wurm sowie Oberkirchenrat Thomas Breit (Bayern), Niklot Beste (Mecklenburg), Ernst Otto (Thüringen) und Hanns Lilje. Vorsitzender war bis 1938 Breit, anschließend Landesbischof Meiser. Ihr Stellvertreter war ab Oktober 1936 Paul Fleisch. Leiter des Sekretariats in Berlin wurde Lilje. Ein weiterer Mitarbeiter war 1936–1938 Christian Stoll, der 1945 die Leitung übernahm; nach seinem Tod im Dezember 1946 übernahm Ernst Kinder die Stelle. Außerdem arbeitete Oberkirchenrat Walter Zimmermann ab 1946 in der Geschäftsstelle mit.
Nachdem nach Ende des Zweiten Weltkriegs im August 1945 in Treysa die Evangelische Kirche in Deutschland provisorisch gegründet worden war, nahmen die Vertreter des Lutherrates regen Anteil an der Ausarbeitung einer Verfassung. Gegen die Bestrebungen von Meiser und Stoll zur Gründung einer großen lutherischen Kirche, der sich auch die lutherisch geprägten Provinzen und Gemeinden der unierten Kirchen anschließen sollten, setzte sich in der 1948 in Eisenach verabschiedeten Verfassung der von Wurm betriebene Kompromiss durch, wonach die EKD als „Bund lutherischer, reformierter und unierter Kirchen“ konstituiert wurde. Die lutherischen Landeskirchen (ohne Oldenburg und Württemberg) gründeten ihrerseits die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands, die an die Stelle des Lutherrates trat.
Vertreter der Landeskirchen und Bruderräte Bayern Hans Meiser (Gründungsmitglied) Otto Bezzel, ab 1947 Wilhelm Bogner, bis 1946 Wilhelm Eichhorn, 1947 Hans Meinzolt, 1937 Georg Merz, 1945 Ernst Kinder, 1947 Christian Stoll, 1946
Braunschweig Reinhold Breust, 1946 Martin Erdmann, 1946 Helmuth Johnsen, 1936, 1938, 1939 Heinrich Lachmund, 1937, 1938 Friedrich Lambrecht, 1937, 1938 Friedrich Linke, 1947 Karl Adolf von Schwartz, 1937 bis 1939 Hans Eduard Seebaß
Danzig Werner Göbel, 1945
Elsass-Lothringen Karl Peter Maurer
Eutin Wilhelm Kieckbusch, 1946
Hamburg Friedrich Wilhelm von Boltenstern, 1947 Volkmar Herntrich, ab 1945 Simon Schöffel, ab 1945
Hannover Gustav Ahlhorn, 1946 Friedrich Bartels, 1938 Johannes Bosse, 1936 Heinz Brunotte, ab 1946 Friedrich Duensing, 1937, 1938 Arnold Fratzscher, 1945 Eberhard Klügel, 1936 Hanns Lilje (Gründungsmitglied) Wilhelm Mahner, ab 1945 August Marahrens, bis 1947 Gerhard Niemann, 1946 Johannes Schulze, 1947
Lippe (lutherische Klasse) Theodor Brandt, 1947 Erich Eichhorst, 1947 Walter Engelbert, 1947 Adolf Ohnesorg, 1945, 1946 Hermann Peters (Gründungsmitglied) Adolf Rohlfing, 1948
Lübeck Axel Werner Kühl Werner Lobsien, 1945 Bruno Meyer, 1947 Johannes Pautke, ab 1945
Mecklenburg Niklot Beste (Gründungsmitglied) Georg Steinbrecher, 1947
Posen Carl Brummack, 1945
Sachsen Horst Fichtner, 1936 Johannes Ficker, 1936 bis 1939 Karl Fischer, 1936, 1939 Wilhelm Flor, 1936 bis 1938 Willy Gerber, 1936 Hugo Hahn (Gründungsmitglied) Arndt von Kirchbach, 1936 Hermann Klemm, 1947 Gottfried Knospe, 1948 Erich Kotte, 1938, 1947 Franz Lau, 1947 Walter Lindner, 1947 Reimer Mager, 1947 Georg Prater, 1947 Fritz Riebold, 1947 Heinrich Schumann, 1947 Adolf Wendelin, 1936, 1937
Schaumburg-Lippe Wilhelm Henke
Schlesien Otto Zänker, ab 1939
Schleswig-Holstein Wilhelm Halfmann, 1938, ab 1946 Wilhelm Knuth, 1938 Johann Schmidt, 1947 Johannes Tramsen, 1938, 1939 Hans Treplin, 1938
Thüringen Gerhard Bauer, 1936, 1938 Heinrich Metz, 1936 Moritz Mitzenheim, ab 1947 Ernst Otto (Gründungsmitglied) Wolfgang Schanze, 1937 bis 1939 Alvin Schmidt Werner Sylten, 1936, 1939
Württemberg Eugen Gerstenmaier, 1945 Hermann Müller, 1938 Wolfgang Metzger, 1946, 1947 Wilhelm Pressel, 1936 bis 1939 Theodor Schlatter, ab 1946 Adolf Schnaufer, 1947 Theophil Wurm, bis 1947
Ständiger Gast Als ständiger Gast für die Evangelisch-lutherische Kirche in Preußen: Gottfried Nagel, bis 1944 Matthias Schulz
Literatur Wolf-Dieter Hauschild: Die Barmer Theologische Erklärung als Bekenntnis der Kirche? Zur Haltung des Lutherrats 1937-1948. In: Reinhard Rittner (Hrsg.): Barmen und das Luthertum (= Fuldaer Hefte 27). Lutherisches Verlagshaus, Hannover 1984, S. 72–114 (wieder abgedruckt in Konfliktgemeinschaft Kirche. Aufsätze zur Geschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-55740-X, S. 394–411). Wolf-Dieter Hauschild: Vom „Lutherrat“ zur VELKD 1945-1948. In: Joachim Mehlhausen (Hrsg.): „... und über Barmen hinaus“. Studien zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Festschrift für Carsten Nicolaisen zum 4. April 1994. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 978-3-525-55723-5, S. 451–470 (überarbeitet abgedruckt in Konfliktgemeinschaft Kirche. Aufsätze zur Geschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-55740-X, S. 245–294). Thomas Martin Schneider: Gegen den Zeitgeist. Der Weg zur VELKD als lutherischer Bekenntniskirche. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-55749-5. Thomas Martin Schneider (Hrsg.): Die Protokolle des Rates der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, 1945-1948. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-55766-2. Heinz Boberach, Carsten Nicolaisen, Ruth Pabst (Hrsg.): Handbuch der deutschen evangelischen Kirchen 1918 bis 1949, Organe – Ämter – Verbände – Personen. Band 1, Überregionale Einrichtungen. Göttingen 2010, S. 140–143.
Weblinks Kirchenleitung: „Gemäßigte“ Bekennende Kirche
Einzelnachweise
Kategorie:Bekennende Kirche Kategorie:Organisation (Luthertum) Kategorie:Gründung einer religiösen Organisation 1936 Kategorie:Kirchliche Organisation (evangelisch) Kategorie:Evangelische Organisation (Deutschland) Kategorie:Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands Kategorie:Aufgelöst 1948