Ezra. Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, Eigenschreibweise ezra, ist eine mobile Opferberatungsstelle. Das Projekt mit Sitz in Erfurt wurde 2011 gegründet und arbeitet seit 2012 in der Trägerschaft der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.Neuer Höchststand bei Thüringer Opferberatungen, evangelisch.de, 10. April 2024 Tätigkeit und Rezeption Ezra ist ein hebräisches Wort und steht für Hilfe. Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten, auch Angehörige und andere Personen aus dem Umfeld Betroffener, erhalten bei der Beratungsstelle psychosoziale und juristische Unterstützung. Diese arbeitet nach eigenen Angaben unabhängig von staatlichen Einrichtungen und Parteien und orientiert sich an den Menschenrechten. Finanziert wird die Arbeit mit Bundes- und Landesmitteln, seit 2015 durch das Bundesprogramm „Demokratie leben“ und das Thüringer Landesprogramm „Denk bunt“.Christina Büttner: Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt in Thüringen – Entwicklungen, Analysen und Handlungsfelder für die Unterstützung Betroffener. In: Wissen schafft Demokratie. Schriftenreihe des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, Amadeu Antonio Stiftung, Berlin 2017, ISBN S. 99-100 Bei Ezra' sind sieben Berater sowie ein Verwaltungsmitarbeiter und eine Referent für Öffentlichkeitsarbeit tätig; Projektleiterin ist derzeit Theresa Lauß. 2023 betrug die Fördersumme rund 550.000 Euro.Demokratie braucht Verlässlichkeit: Minister Holter übergibt Förderbescheid an Opferberatungsstelle ezra, Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, 29. März 2023
Die Einrichtung pflegt zudem eine Datenbank über rechte Gewalttaten in ThüringenMatthias Quent, Peter Schulz: Rechtsextremismus in lokalen Kontexten. Vier vergleichende Fallstudien. Springer Fachmedien (=Edition Rechtsextremismus), Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-07369-5, S. 251 und veröffentlicht jährlich eine Statistik zu Fällen rechter, rassistischer und antisemitischer Übergriffe, bei denen ein solches Tatmotiv nachgewiesen werden kann.David Muschenich: Statistik zu rechter Gewalt in Thüringen. Wo sich Täter:innen wohlfühlen, Taz, 10. April 2024 So registrierte Ezra 2020 als häufigstes Tatmotiv Rassismus, „gefolgt von politischer Gegnerschaft“. In den meisten Fällen von Gewalt habe es sich um Körperverletzung gehandelt sowie um einen Todesfall. Für das Jahr 2023 zählte Ezra in ihrer Statistik 147 Fälle, die 291 Menschen betrafen. Tatmotiv war bei 85 Fällen Rassismus.Deutliche Zunahme bei rassistischer und antisemitischer Gewalt, MDR, 21. Mai 2024 Im Jahr 2024 verzeichnete die Beratungsstelle mit 206 Angriffen einen Höchststand rechter Gewalt. Für das Jahr 2025 registrierte ezra 181 rechte, rassistische und antisemitische Angriffe.
Die Ergebnisse des Monitorings sind eine Quelle für die Berichterstattung überregionaler Medien.Rieke Wiemann: Rechtsmotivierte Straftaten in Thüringen. Höchststand bei rechter Gewalt, Taz 5. April 2023Opferberater: Neue Welle rechter und rassistischer Gewalt, Zeit Online/dpa, 5. April 2023Pascal Beck: »Wie ein Fadenkreuz im Rücken«, Jüdische Allgemeine, 16. April 2024Stefan Locke: Neonazis im Aufwind, FAZ, 22. Juni 2021Markus Wehner: Wo rassistische Gewalt "normal" ist, FAZ, 10. April 2024Landkreis Sonneberg laut Ezra neuer Schwerpunkt rechtsextremer Gewalt, MDR, 10. April 2024Opferberater sehen rechte Gewalt auf hohem Niveau, Süddeutsche Zeitung/dpa, 10. April 2024 Die Erhebungen und die Arbeit von Ezra flossen auch in Studien zu öffentlichen Debatten und Kontroversen um den „Nationalsozialistischen Untergrund“ sowie zu Präventions- und Interventionsansätzen ein.Wolfgang Frindte, Daniel Geschke, Nicole Haußecker, Franziska Schmidtke (Hrsg.): Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“. Interdisziplinäre Debatten, Befunde und Bilanzen, Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-09996-1. Kapitel: Stefan Heerdegen: Nicht vom Himmel gefallen. Die Thüringer Neonaziszene und der NSU, S. 200; Kapitel: Daniel Geschke, Matthias Quent: Sekundäre Viktimisierung durch die Polizei? Eine Studie zu den Erfahrungen von Betroffenen rechter Gewalt, S. 482–501. Für eine soziologische Fallstudie im Rahmen einer 2015 veröffentlichten Untersuchung über Rechtsextremismus in lokalen Kontexten führten die Autoren Interviews unter anderen mit Mitarbeitenden von Ezra.Matthias Quent, Peter Schulz: Rechtsextremismus in lokalen Kontexten. Vier vergleichende Fallstudien. Springer Fachmedien (=Edition Rechtsextremismus), Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-07369-5, S. 33, 135, 136
Gemeinsam mit MOBIT, dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) und dem Zentrum für Rechtsextremismusforschung der Friedrich-Schiller-Universität Jena gibt ezra seit 2020 jährlich die Schriftenreihe Thüringer Zustände heraus, die Aufsätze verschiedener Autoren und Autorinnen versammelt. Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung verspricht sie eine „faktenbasierte Darstellung und kritische Einordnung“ rassistischer, antisemitischer und rechtsextremer Gewalt im Freistaat und versteht sich „als zivilgesellschaftliche Ergänzung zu behördlichen Darstellungen“.Stefan Locke: Neonazis im Aufwind, FAZ, 22. Juni 2021 In der 80-seitigen Ausgabe von 2024 berichten die Autoren über eine Radikalisierung von Teilnehmern regelmäßiger Demonstrationen und warnen vor dem zunehmenden Einfluss antidemokratischer Kräfte im Freistaat. Treibende Kraft hinter dem Erstarken rechtsextremer, rechtspopulistischer, rassistischer und antisemitischer Tendenzen in Thüringen sei die AfD. Die Autoren beschreiben auch, wie der Antisemitismus seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 breite gesellschaftliche Schichten in Thüringen erreicht habe.Demokratieprojekte sehen Radikalisierung von Protesten, Süddeutsche Zeitung/dpa, 17. Juni 2024 Vor allem die Region Sonneberg sei ein „Hotspot“ rassistisch und rechtsextrem motivierter Übergriffe. Rechte Gewalttäter sähen sich von der gesellschaftlichen Stimmung legitimiert.Daniel Roßbach: Extreme Rechte in Thüringen „sehen sich von der gesellschaftlichen Stimmung legitimiert“, Frankfurter Rundschau, 17. Juni 2024
Veröffentlichungen (Auswahl) Matthias Quent, Daniel Geschke, Eric Peinelt: Die haben uns nicht ernst genommen. Eine Studie zu Erfahrungen von Betroffenen rechter Gewalt mit der Polizei. Hrsg. von ezra, Neudietendorf 2014, ISBN 978-3-00-046922-0. Studie online 2018, pdf. Daniel Geschke, Marc Blüml, Lukas Wittmann, Jaroscha Pia Steinhauer, Fiona Schmid: Studie Sekundäre Viktimisierung von Betroffenen rechter, rassistischer, antisemitischer und sexualisierter Gewalt – Fokus: Polizei und Justiz. Kooperationsprojekt des IDZ mit ezra und VBRG e. V, 2023, pdf. Thüringer Zustände. Fakten und Analysen, jährlich seit 2020, ISSN 2751-1847.
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