Als Volkswagen-Design wird die Formsprache der von der Volkswagen AG entwickelten und vermarkteten Kraftfahrzeuge seit Ende der 1930er Jahre bis heute bezeichnet. Der Unternehmensbereich Volkswagen Design ist seit 1972 für die Entwicklung des Fahrzeug-Designs verantwortlich.
Geschichtliche Entwicklung des Volkswagen-Designs
Beginn mit dem VW Käfer mini|Vorserien-Prototyp des VW Käfer von 1939 Ende der 1930er Jahre wurde das Volkswagen-Werk von Ferdinand Porsche gegründet. Dieser konzipierte und gestaltete zusammen mit seinem Chefingenieur Erwin Komenda den VW-Käfer. Die den Modellnamen begründende Formsprache markiert ab 1934 den Beginn des Fahrzeug-Designs im Unternehmen.
Entwicklungen in der Ära Nordhoff mini|VW EA 47, 1953, Design von Ghia Nach 1945 waren die Leiter des Bereichs Technische Entwicklung für die Formgebung verantwortlich. Allerdings stellte die Modellpolitik von Generaldirektor Heinrich Nordhoff den VW Käfer in den Mittelpunkt,Wie aus der Käfer-Krise der Golf entstand Artikel auf welt.de von Eckhard Schimpf, veröffentlicht am 10. August 2008, abgerufen am 1. August 2024. so dass nur wenige Neuentwicklungen zur Marktreife gelangten. So übernahm der damalige Leiter der Technischen Entwicklung Alfred Haesner für den auf der Käfer-Basis aufbauenden Kleintransporter VW Typ 2, der 1950 als erste VW-Neukonstruktion der Nachkriegszeit erschien, auch die Aufgabe der Formgebung. Unter Haesners Nachfolger Ludwig Boehner wurden mehrfach externe Dienstleister mit neuen Modellentwürfen beauftragt. Ein vom italienischen Designstudio Ghia 1953 unter dem damaligen künstlerischen Leiter Felice Mario Boano entworfenes Coupé auf Käfer-Basis ging 1955 unter dem Namen VW Karmann-Ghia in die Serienproduktion. Ihm folgte 1961 der auf Typ 3-Basis aufbauende „große“ Karmann-Ghia, der von Ghias damaligen Chef-Designer Sergio Sartorelli gestaltet wurde. Der ebenfalls von Ghia entworfene designierte Käfer-Nachfolger VW EA 47VW (D) EA 47-12 auf der Website traumautoarchiv.de, abgerufen am 1. August 2024. wurde dagegen 1956 nach über dreijähriger Entwicklungszeit gestoppt.
Mit dem 1961 auf dem Markt eingeführten Mittelklasse-Modell VW Typ 3 sowie dem 1968 vorgestellten VW Typ 4 wurde die Modellpalette in den 1960er Jahren unter dem neuen Entwicklungsvorstand Helmut Orlich erweitert. Den Grundentwurf des Typ 4 lieferte dabei das italienische Designstudio Pininfarina, das 1966 die Studie VW EA 142VW (D) EA 142 auf der Website traumautoarchiv.de, abgerufen am 1. August 2024. konzipiert hatte. Dessen Stufenheck-Karosserie war jedoch von der VW-Konstruktionsabteilung in eine Schrägheck-Limousine umgeformt worden. Konzeptionell basierten diese beiden Modelle immer noch auf dem Käfer-Konzept mit luftgekühltem Heckantrieb, das in den 1960er Jahren zunehmend als veraltet galt.
Durch den Erwerb von Audi im Jahr 1965, mit dem sich Volkswagen zu einem Konzern mit mehreren Marken weiterentwickelte, gelangten erstmals moderne technische Konzepte in den Konzern, die aber erst nach dem Tod des Vorstandsvorsitzenden Heinrich Nordhoff Anfang 1968 zum Tragen kommen sollten.
Erste Impulse zur Überwindung des VW-Käfer-zentrierten Designs
Nach Nordhoffs Tod 1968 übernahm Kurt Lotz die Leitung von Volkswagen. Auf der Suche nach geeigneten Fahrzeugkonzepten für einen Käfer-Nachfolger beauftragte Lotz 1969 das Porsche-Konstruktionsbüro mit der Entwicklung des VW EA 266, dessen Formgebung vom damaligen Porsche-Chefdesigner Anatole Lapine stammte. 1970 erhielt das Design-Studio Ital Design von Giorgio Giugiaro den Auftrag für Entwürfe eines Kompaktfahrzeugs (Projektcode VW EA 337) sowie eines Mittelklasse-Modells (Projektcode VW EA 272). Im selben Jahr wurde mit dem von Claus Luthe gestalteten Mittelklasse-Fahrzeug K 70, das 1969 mit der Übernahme des Autoherstellers NSU durch Audi in den VW-Konzern gelangt war, das erste moderne Frontantriebsmodell in die VW-Modellpalette integriert.
Lotz ersetzte 1968 den bisherigen Technik-Vorstand Helmut Orlich durch Werner Holste,Eberhard Kittler: Generationswechsel. Der Quantensprung zu den neuen Wassergekühlten, Stuttgart 2019, S. 12 der sein Augenmerk vor allem auf die Forschung und die Motorenentwicklung richtete. Holste richtete einen neuen Bereich Forschung ein, mit dessen Leitung 1970 Ernst Fiala beauftragt wurde. 1971 übertrug Fiala dem schon seit 1961 bei Volkswagen in der Karosserieentwicklung als Gestalter tätigen Herbert Schäfer die Rolle als Designer des ForschungsbereichsChristof Vieweg: Volkswagen Raritäten. Prototypen, Forschungswagen, Studien, GeraMond Verlag, München 2015, S. 136. Nach Schäfers Entwurf entstand das 1972 vorgestellte Forschungsfahrzeug ESVW 1, mit dem VW auf neue Fahrzeug-Sicherheitsanforderungen aus den USA reagierte.Realist auf Rädern auf der Website volkswagen-classic.de, abgerufen am 1. August 2024.
1972 – 1993: Das Volkswagen-Design unter Herbert Schäfer
Erneuerung der VW-Modellpalette nach externen Designentwürfen Ausgelöst durch die kritische wirtschaftliche Entwicklung bei VW trat Kurt Lotz Ende 1971 zurück. Nachfolger als Vorstandsvorsitzender wurde Rudolf Leiding. Ernst Fiala ersetzte 1972 im Rahmen einer Vorstands-Umstrukturierung den bisherigen Technik-Vorstand Werner Holste.Der Spiegel Nr. 46/1972 Seite 95, abgerufen unter https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/42787431 Infolgedessen wurde die Forschungsabteilung im selben Jahr in eine Designabteilung umgewandelt, die weiterhin dem Vorstandsbereich für Forschung und Entwicklung von Fiala zugeordnet blieb. Damit wurde Herbert Schäfer zum ersten Chefdesigner der Marke VW.
Unter Rudolf Leiding wurden noch im Oktober 1971 die Arbeiten am Porsche-Entwurf EA 266 als auch dem Giugiaro-Entwurf EA 272 gestoppt. Stattdessen wurden die Audi-Entwürfe Audi 80 und Audi 50 von Volkswagen adaptiert und als VW-Typen VW PassatKevin Thiel: Audi 80. Alle Modelle von 1972 bis 1995, Heel Verlag, Königswinter 2023, S. 32–25 und VW Polo weiterentwickelt. Als einzige VW-Neuentwicklung forcierte Leiding das Kompaktfahrzeug EA 337, das 1974 als VW Golf vorgestellt wurde. Das 1970/71 von Giugiaro entworfene Design des EA 337 wurde in der hauseigenen Designabteilung unter Herbert Schäfer zur Marktreife geführt, wie auch der davon abgeleitete, ebenfalls auf einem Giugiaro-Design basierende VW Scirocco. Schäfer gelang es dabei, der neuen VW-Generation trotz der unterschiedlichen konzerninternen und externen Herkunft der Design-Entwürfe eine durchgängige Designfamilien-Ähnlichkeit zu verleihen.Eberhard Kittler: Generationswechsel. Der Quantensprung zu den neuen Wassergekühlten, Stuttgart 2019, S. 16–17
Erster Generationswechsel Anfang der 1980er Jahre mini|Zweite Generation des VW Passat, 1980 mini|Zweite Generation des VW Scirocco, 1981
Unter dem seit 1975 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Toni Schmücker wurde die Modellpalette durch Design-Modernisierung (Facelifts) sowie durch die von den Modellen Polo und Golf abgeleiteten Stufenheckmodelle Derby und Jetta weiterentwickelt. Parallel dazu arbeitete die Designabteilung, in der um 1980 nur sechs Designer angestellt waren,Knut Simon: 50 Jahre VW Passat, in: Auto Bild Klassik, Heft 8/2003, S. 147 unter Schäfers Leitung an eigenen Entwürfen für die Nachfolgemodelle. Die noch von Giugiaro und Audi Design stammende erste Generation moderner VW-Modelle wurde mit Beginn des neuen Jahrzehnts durch die nun hausintern von Luca RezzonicoEin Auto für alle Fälle: acht Generationen Passat auf der Website volkswagen-classic.de, abgerufen am 1. August 2024. entworfenen Modelle Passat B2 (1980), Santana (1981), Scirocco II40 Jahre Volkswagen Scirocco II auf welt.de, veröffentlicht am 2. August 2021, abgerufen am 1. August 2024. (1981), Polo II (1981) und Golf II (1983) abgelöst. Diese Modelle führten die bisherige Formensprache behutsam fort. Merkmale wie gerundete Fahrzeugseiten und Heckpartien, aufsteigende Linien sowie hochplatzierte Heckleuchten beherrschten das Erscheinungsbild der unter Schäfers Ägide entstandenen neuen Volkswagen-Modelle. Die gedrungene und kompakteTypisch für die Design-Entwürfe unter Herbert Schäfer kam der 80er-Jahre-Stil von VW etwas pummelig daher auf zwischengas.de, abgerufen am 1. August 2024. Wirkung dieser Modelle führte in den 1980er Jahren zu der Bezeichnung „Heide-Design“.Heidedesign 2.0 – Is Volkswagen in Danger of Repeating History? auf formtrends.com, veröffentlicht von Christopher Butt am 13. Dezember 2017, abgerufen am 1. August 2024.Knut Simon: 50 Jahre VW Passat, in: Auto Bild Klassik, Heft 8/2003, S. 145
Parallel dazu wurden in der Designabteilung auch Studien erstellt, deren Formensprache langfristig in die Serienmodelle einfließen solltem. Mit dem 1981 vorgestellten Konzeptfahrzeug Auto 2000 beteiligte sich Volkswagen an einer Initiative des Bundesforschungsministeriums, das 1978 ein Projekt für seriennahe Automodelle mit besonders niedrigen Verbrauchs-, Abgas- und Lärmwerten vorgestellt hatte.Genialer Murks auf spiegel.de, veröffentlicht von Jürgen Pander am 10. Juli 2021, abgerufen am 1. August 2024. Ein Jahr später setzte die von Peter Knapp entworfene Studie VW Student die mit dem Auto 2000 eingeschlagene Designlinie fort, geprägt von einer aerodynamischen Karosserieform mit ebenen Außenflächen sowie einer geschlossenen Frontpartie ohne Kühlergrill.Der ewige Student: intelligent, schick – und seiner Zeit voraus auf der Website volkswagen-classic.de, abgerufen am 1. August 2024. Wesentliche Designmerkmale dieses Forschungskonzepts flossen 1988 in das Serienmodell Passat B3 ein, das ebenfalls von Knapp entworfen wurde.Knut Simon: 50 Jahre VW Passat, in: Auto Bild Klassik, Heft 8/2003, S. 151
Expansion des Volkswagen-Konzerns unter Carl Hahn mini|VW Passat B4 mit dem „Happy Face“, 1993 Mit Carl Hahn, der 1982 den Vorstandsvorsitz übernommen hatte, setzte in den 1980er Jahren eine Expansion des Volkswagen-Konzerns ein. So wurde 1986 der spanische Hersteller Seat in den Konzern integriert. Auch auf die Design-Aktivitäten wirkten sich die Expansionsbestrebungen aus. 1985 wurde ein parallel zur Designabteilung agierendes Zentrum für Design und Strategie in Düsseldorf eingerichtet, dessen Leiter der vormalige Ford-Designer Patrick le Quément wurde.VW-Design von Rhein auf spiegel.de, veröffentlicht in Der Spiegel Heft 35/1985, abgerufen am 1. August 2024. 1991 wurde in den USA ein weiteres Design-Studio im kalifornischen Simi Valley eröffnetVolkswagen plans design facility in Simi Valley auf latimes.com, Artikel von James F. Peltz, veröffentlicht in der Los Angeles Times am 16. August 1990, abgerufen am 1. August 2024.. Auf das Design der VW-Serienmodelle hatten diese neuen Studios allerdings zunächst keine Auswirkungen. Im Bemühen um ein einheitliches Markengesicht entwickelte die Designabteilung Anfang der 1990er Jahre das sogenannte „Happy Face“Hallo „Happy Face“ auf der Website volkswagen-classic.de, abgerufen am 1. August 2024. mit einem an seinen Kanten nach oben gerundeten Kühlergrill, welches 1993 mit dem Passat B4 eingeführt wurde.
1993 – 2002: Das Volkswagen-Design unter Hartmut Warkuß Neuausrichtung der Marke durch Ferdinand Piëch