Die Kursk-Offensive von August 2024 bis März 2025 war ein strategischer Vorstoß der ukrainischen Streitkräfte am Südwestrand des russischen Verwaltungsbezirkes Oblast Kursk während des Russisch-Ukrainischen Krieges. Sie stellte eine neue Entwicklung im seit 2022 eskalierten Konflikt zwischen Russland und der Ukraine dar. Erstmals griffen reguläre ukrainische Bodentruppen russisches Territorium an, während zuvor nur Freiwillige, wie bei den Angriffen auf das russische Grenzgebiet im Sommer 2023, solche Aktionen durchgeführt hatten. Die ukrainischen Truppen drangen bis zu 35 Kilometer tief bei der Kleinstadt Sudscha in russisches Territorium ein, unterstützt durch Drohnen und Artillerie. Damit hat zum ersten Mal seit dem Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs eine fremde Armee russisches Staatsgebiet besetzt. Bis Ende März 2025 gelang es den russischen Kräften, u. a. durch Einsatz nordkoreanischer Truppen, die ukrainischen Kräfte weitgehend aus dem eroberten russischen Gebiet zu vertreiben.

Hintergrund und Ziele der Offensive mini|Das Kampfgebiet der Kursk-Offensive Der Vorstoß ukrainischer Truppen in der Oblast Kursk sollte nach Angaben eines ukrainischen Sicherheitsberaters Russland destabilisieren. Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, dass die Offensive vor dem Hintergrund des russischen Beschusses der ukrainischen Oblast Sumy erfolgt sei. So waren laut Selenskyj seit dem 1. Juni „fast 2100 Gebiete in der Region Sumy beschossen“ worden. Ziel der Offensive sei, „insbesondere die Gebiete, von denen aus die russische Armee Angriffe“ auf die Oblast Sumy durchführte, zu kontrollieren und das russische Militär aus dem russisch-ukrainischen Grenzgebiet zu verdrängen. Im August 2024 erklärte Selenskyj, Ziel sei die Schaffung einer Pufferzone auf dem Territorium des Aggressors. Im selben Monat erklärte der ukrainische General Oleksandr Syrskyj, die Strategie der Ukraine in Kursk sei es, Russland dazu zu bringen, russische Einheiten aus der Oblast Donezk, insbesondere aus den umkämpften Städten Pokrowsk und Kurachowe, nach Kursk zu verlagern.

Als ein Nebenaspekt der Offensive wurde die Gefangennahme von russischen Soldaten betrachtet, um sie für einen Gefangenenaustausch mit Russland zu nutzen.

Verlauf

mini|Putin am 8. August beim Gespräch mit Alexei Smirnow, dem Gouverneur der Oblast Kursk

Ukrainische Gebietsgewinne Die Offensive begann am 6. August 2024 mit einem koordinierten Angriff, bei dem ukrainische Truppen über die Grenze überraschend in das Gebiet Russlands in Richtung der Großstadt Kursk eindrangen; kleine, mobile Gruppen stießen weit vor und umgaben die Kleinstadt Sudscha, die bis zum 8. August vollkommen besetzt wurde. Auch nördlich der Stadt konnten die Ukrainer 40 Kilometer weiter vorrücken, teilweise unter Umgehung russischer Truppenteile. Im Raum zwischen Lewschinka und Scheptuchowka griffen die Russen ukrainische Positionen und Panzer mit Fernwaffen an wie auch weiter östlich bei dem Ort Schurawli. Russland reagierte mit der Verlegung zusätzlicher Truppen. Beide Seiten berichteten von Verlusten; die ukrainischen Quellen sprachen von einer hohen Zahl russischer Gefangener, darunter viele Wehrdienstleistende.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete am 11. August von angeblichen Gefechten in der Nähe der Dörfer Tolpino und Obschtschi Kolodes in der Oblast Kursk, 25 bis 30 Kilometer von der ukrainisch-russischen Grenze entfernt. Bis zum 12. August hatte die Ukraine laut eigenen Angaben 1000 km² von der Oblast Kursk erobert. Sowohl russische Militärblogger als auch der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Andrij Sahorodnjuk gaben an, dass sich die tschetschenische Spezialeinheit Achmat, die als Teil der Kadyrowzy der russischen Nationalgarde angehört (die wiederum für den Grenzschutz zuständig ist), kampflos von ihren Positionen zurückzog. Der Gouverneur der Oblast Kursk Alexei Smirnow berichtete dem russischen Staatspräsidenten am selben Tag öffentlichkeitswirksam, die ukrainischen Kräfte kontrollierten ein Gebiet von etwa 40 Kilometern Breite und zwölf Kilometern Tiefe, in dem sich 28 Ortschaften befänden. Smirnow gab an, es seien in der Oblast Kursk 40 Kilometer Panzergräben ausgehoben und der Bau von 90 Unterständen in Arbeit.

Am 14. August wurde auch in der angrenzenden russischen Oblast Belgorod der Ausnahmezustand ausgerufen. Am selben Tag kontrollierten ukrainische Streitkräfte nach Angaben der ukrainischen Staatsführung in der Oblast Kursk 74 Ortschaften. Das russische Militär zog zunehmend unterschiedliche Reserven in der Region Kursk zusammen, u. a. aus Kaliningrad und anderen vom Krieg nicht betroffenen Regionen; die bisher an der Front im Donbas kämpfenden russischen Einheiten gaben aber nur marginal Kapazitäten und Ressourcen ab, ihre Vorwärtsbewegung im Donbas kam durch die ukrainische Offensive nicht zum Stillstand. Die Ukraine richtete am 15. August auf dem eroberten russischen Gebiet die Militärkommandantur von Kursk ein. Die militärische Verwaltungsbehörde soll das öffentliche Leben im besetzten Gebiet regulieren. Als ukrainischer Militärkommandant von Kursk wurde der ukrainische Generalmajor Eduard Moskaljow ernannt. Den ukrainischen Luftstreitkräften gelang es nach mehreren Versuchen, eine der drei wichtigen Brücken am Fluss Seim im Rajon Gluschkowo zu zerstören und die beiden anderen zu beschädigen. Dies erschwert zunehmend die Versorgung der russischen Truppen an der ukrainischen Grenze südlich des Seim.Ukraine zerstört wichtige Brücken in Kursk. www.tagesschau.de, 21. August 2024. Nach Auffassung des Institute for the Study of War verlegten die russischen Streitkräfte ca. Mitte August vereinzelt Truppenteile aus der teilweise besetzten ukrainischen Oblast Saporischschja in die Oblast Kursk.

Bis zum 27. August hatte die ukrainische Armee nach Angaben ihres Oberbefehlshabers Olexander Syrskyj in der Oblast Kursk 100 Dörfer und knapp 1.300 Quadratkilometer russisches Staatsgebiet erobert. Syrskyj erklärte außerdem, dass das kurzfristige Ziel erreicht worden sei, russische Einheiten in Kursk zu binden, damit diese nicht in der Ukraine zum Einsatz kommen. So seien bereits knapp 30.000 russische Soldaten in die Oblast Kursk geschickt worden. Ein Teil der Geflüchteten kehrte zurück, in den besetzten Gebieten gab es Angst vor einer rücksichtslosen Rückeroberung durch Russland. Laut einer Bewohnerin wurde in Kursk nach der Offensive weniger heimlich über den Krieg gesprochen.https://novayagazeta.eu/articles/2024/09/05/my-ne-vsu-ispugalis-a-svoikh

Russische Gegenstöße Anfang September 2024 wurden aus der von ukrainischen Truppen besetzten Stadt Sudscha massive russische Artillerieüberfälle gemeldet. Laut ukrainischen Medien zerstörte das russische Militär systematisch die eigene Stadt, in der noch rund 200 der ursprünglich 5000 Bewohner lebten.Selenskyj pocht auf Erlaubnis für Angriffe in Russland. www.tagesschau.de, 1. September 2024. Wenig später besetzte die 95. ukrainische Polissia-Luftlandebrigade auch russisches Gebiet im Rajon Gluschkowo im äußersten Westen der Oblast Kursk.Simon Schröder: Offensive in Kursk: Ukraine besetzt weiteren russischen Bezirk. Münchner Merkur, 20. September 2024, abgerufen am 25. September 2024.Patrick Mayer: Ukrainische Truppen erneut in Russland einmarschiert. In: Frankfurter Rundschau, 25. September 2024, abgerufen am 25. September 2024.

Putin soll den russischen Kräften angeordnet haben, bis Oktober 2024 die besetzten Gebiete im Oblast Kursk zurückzugewinnen. Um den 10. Oktober herum begannen die russischen Streitkräfte nach Angaben des ukrainischen Militärs eine Gegenoffensive in der Oblast Kursk. Zuvor waren nach Darstellung des ukrainischen Militärs 50.000 russische Soldaten aus dem Süden der Ukraine nach Kursk verlegt worden. Der russische General Apty Alaudinow behauptete spätestens am 14. Oktober, dass knapp die Hälfte der von der Ukraine eroberten Gebiete bei Kursk wieder unter russische Kontrolle gebracht worden seien. Am 23. Oktober trafen nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes nordkoreanische Soldaten bzw. Söldner im Kampfgebiet der Oblast Kursk ein. Laut dem südkoreanischen Geheimdienst NIS waren bis dahin etwa 3.000 nordkoreanische Soldaten in Russland eingetroffen und ganz oder teilweise mit gefälschten russischen Pässen bzw. Identitäten und Uniformen ausgestattet worden. Nach Erkenntnissen der US-Regierung waren Ende Oktober 10.000 nordkoreanische Soldaten in Russland, davon bis zu 8.000 in der Oblast Kursk. Mitte November 2024 gab der ukrainische Präsident Selenskyj an, dass ukrainische Truppen in diesem Frontgebiet rund 50.000 russische Soldaten binden würden; diese könnten somit nicht an Fronten auf ukrainischem Territorium eingesetzt werden.Kiew: Russland plant Angriff an Südfront. www.tagesschau.de, 12. November 2024. Das ukrainische Militär kontrollierte eigenen Angaben zufolge Mitte November rund 800 Quadratkilometer; die maximale Fläche, die bis dahin besetzt gehalten worden war, habe knapp 1400 Quadratkilometer betragen. Ebenfalls Mitte November 2024 scheiterten russische Angriffe auf ukrainische Stellungen; insbesondere Einheiten der 810. Marineinfanterie-Brigade erlitten hohe Verluste an Menschenleben und Ausrüstung. Einer ukrainischen Spezialeinheit gelang es zudem, nachts hinter den russischen Linien 16 ukrainische Soldaten herauszuholen, die von ihren eigenen Linien abgeschnitten waren.Moskau scheitert bei Kursk, rückt im Süden vor. www.zdf.de, 17. November 2024. Anfang Januar 2025 wurde gemeldet, dass die Ukraine eine neue Offensive in Kursk begonnen habe. Der ukrainische Präsident Selenskyj sprach von hohen russischen und nordkoreanischen Verlusten bei den Kämpfen. Beobachtern zufolge könnten die wiederaufgenommenen ukrainischen Vorstöße ein Versuch sein, sich noch vor der Amtseinführung des künftigen US-Präsidenten Donald Trump in eine bessere Position für mögliche Verhandlungen zu bringen.

Rückzug ukrainischer Kräfte Anfang März 2025 eroberten russische Truppen nach eigenen Angaben drei Dörfer zurück und erzielten Bodengewinne. Die ukrainische Logistik sei durch russische Angriffe sehr gestört. Laut ukrainischen Militärbeobachtern standen von ursprünglich 1200 Quadratkilometern nur noch weniger als 300 unter ukrainischer Kontrolle.++ Selenskyj zu Gesprächen in Dschidda eingetroffen ++ www.tagesschau.de, 10. März 2025 Das Conflict Intelligence Team berichtete von einem systematischen ukrainischen Rückzug aus Sudscha.https://www.msn.com/de-at/nachrichten/other/ukrainische-truppen-ziehen-sich-aus-kursk-zurück-russland-übernimmt-kontrolle/ar-AA1AL4I0https://notes.citeam.org/dispatch-march-7-10-2025 Am 13. März 2025 gaben die russischen Streitkräfte bekannt, dass auch die Kleinstadt Sudscha wieder unter ihrer Kontrolle sei.++ US-Sondergesandter in Moskau eingetroffen ++ www.tagesschau.de, 13. März 2025 Laut der Washington Post waren an diesen russischen Operationen auch nordkoreanische Truppen beteiligt.Patrick Mayer: Wladimir Putins Nordkorea-Truppen: Ukraine-Soldat berichtet von Kämpfen www.fr.de, 26. März 2025 Dank des kampflosen Rückzuges blieben die meisten Gebäude unbeschädigt.https://novayagazeta.eu/articles/2025/03/13/poteriannyi-platsdarm