Stephan Franz Maria Zierz (* 20. Juli 1954 in Heidelberg; † 22. April 2024 in HalleTraueranzeige in der FAZ von 27. April 2024.) war ein deutscher Neurologe. Er war Universitätsprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Halle. Besonders bekannt ist er für seine klinische Expertise und seine wissenschaftlichen Arbeiten zu neuromuskulären Erkrankungen.Profil auf der Website der Universitätsmedizin Halle

Leben Zierz studierte Medizin in Gießen und Bonn. 1980 erhielt er seine Approbation als Arzt und schloss im selben Jahr seine Promotion ab. Danach arbeitete Zierz an einem psychiatrischen Landeskrankenhaus in der Südpfalz. Seine mehrjährige wissenschaftliche Qualifizierung absolvierte er unter anderem drei Jahre lang am Institut für Physiologische Chemie der Universität Göttingen sowie zwei Jahre an der Mayo Clinic in Rochester (USA) bei Andrew G. Engel. 1995 wurde Zierz als C4-Professor nach Halle/Saale berufen und wurde bereits ein Jahr später zum Dekan der Medizinischen Fakultät gewählt. Diese erste von insgesamt drei Amtszeiten war vor allem durch eine Vielzahl von Neuberufungen sowie der Mitwirkung an neuen Strukturen in Fakultät und Universität geprägt. Ein weiterer Schwerpunkt der Tätigkeit in dieser ersten Amtsperiode war die Auseinandersetzung mit der geplanten Privatisierung des Universitätsklinikums durch den Verkauf an eine private Krankenhauskette. Durch vielfache Diskussionen mit der Landespolitik und externen Fachleuten des Gesundheitssystems und nicht zuletzt durch die Mobilisierung einer breiten Öffentlichkeit wurde die Privatisierung umgangen und ein Medizingesetz erarbeitet, das den Neubau eines Klinikums und den Rechtsrahmen für ein freieres wirtschaftliches Handeln des Klinikums ermöglichte.Getrennte Wege: Jahrzehntelang wurden Unikliniken von der Politik in Ruhe gelassen. In: Financial Times Deutschland. 3. Juli 2008. Der Katholik Zierz wurde am 4. Mai 2024 auf dem Laurentiusfriedhof in Halle beigesetzt.

Wissenschaftliche Schwerpunkte Im besonderen wissenschaftlichen Interesse von Zierz waren die neuromuskulären Erkrankungen und insbesondere die metabolischen Myopathien, die auf Defekten der muskulären Energieversorgung beruhen. Hier ist vor allem das Krankheitsbild des muskulären Carnitin-Palmitoyltransferase-Il-Mangels zu nennen. Schon 1985 konnten Zierz und Engel an der Mayo Clinic in Rochester zeigen, dass dieser Erkrankung kein wie bislang angenommenes Fehlen von enzymatisch aktivem Protein zugrunde liegt, sondern dass es sich um ein abnorm reguliertes Enzym handelt, was den nur attackenartigen Charakter der Erkrankung erklären könnte.S. Zierz, A. G. Engel: Regulatory properties of a mutant carnitine palmitoyltransferase in human skeletal muscle. In: Eur J Biochem. Band 149, 1985, S. 207–214. Nach kontinuierlicher experimenteller Forschung konnte dann 2016 eindeutig gezeigt werden, dass diese initiale Hypothese richtig war.D. Lehmann, S. Zierz: Normal protein content but abnormally inhibited enzyme activity in muscle camitine palmitoyltransferase II deficiency. In: J Neurol Sci. Band 339, 2014, S. 183–188.L. Motlagh, R. Golbik, W. Sippl, S. Zierz: Stabilization of the thermolabile variant S113L of camitine palmitoyltransferase II. In: Neurol Genet. 2016, S. e53.L. Motlagh, R. Golbik, W. Sippl, S. Zierz: Malony-CoA inhibits the S113L variant of camitine- palmitoyltransferase II. In: Biochim Biophvs Acta. Band 2016, 1861, S. 34–40.P. R. Joshi, M. Deschauer, S. Zierz: Carnitine palmitoyltransferase II (CPT II) deficiency: genotype–phenotype analysis of 50 patients. In: Neurol Sci. Band 338, 2014, S. 107–111. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt von Zierz waren die mitochondrialen Erkrankungen, die auf Defekten der mitochondrialen Atmungskette beruhen. Hier wurden in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe in Newcastle upon Tyne neue Mutationen identifiziert und klinische Phänotypen entsprechend der molekularen Grundlage definiert.F. Hanisch, M. Kornhuber, C. L. Alston, R. W. Taylor, M. Deschauer, S. Zierz: SANDO syndrome in a cohort of 107 patients with CPEO and mitochondrial DNA deletions. In: Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. Band 86, Nr. 6, 2015, S. 630–634.D. Lehmann, M. E. Kornhuber, C. Clajus, C. L. Alston, A. Wienke, M. Deschauer, R. W. Taylor: Peripheral neuropathy in patients with CPEO associated with single and multiple deletions. In: Neurology: Genetics. Band 2, Nr. 6, 2016, S. e113.

Zierz baute die bis zu seiner Berufung an der Halleschen Fakultät bestehende Abteilung für Neurologie zu einer selbständigen Neurologischen Klinik auf. Sie ermöglicht Diagnostik und Therapie des gesamten neurologischen Krankheitsspektrums. Entsprechend seiner wissenschaftlichen Ausrichtung nahmen von Anfang an neuromuskuläre Erkrankungen und insbesondere Myopathien einen besonderen Raum ein. So wurde ein leistungsfähiges Muskellabor aufgebaut, in dem Muskelbiopsien in eigener Regie histopathologisch, biochemisch und molekulargenetisch analysiert werden konnten. Diese Analysen umfassen inzwischen nicht nur die eigenen Patienten, sondern auch Probenzusendungen aus der gesamten Bundesrepublik.

Neben seiner Tätigkeit in Halle/Saale war Zierz zehn Jahre regelmäßig in der Mongolei aktiv, wo er Fortbildungsveranstaltungen für die mongolischen Neurologen organisierte und wo ihm ausgewählte Patienten vorgestellt wurden, deren Erkrankungen gemeinsam mit den mongolischen Kollegen wissenschaftlich in Halle erforscht werden. Neben verschiedenen anderen Ehrungen wurde ihm 2016 deshalb der Titel eines Gastprofessors für Neurologie an der Medizinischen Fakultät von Ulaanbaatar verliehen.

Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen

Präsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle BildgebungAufgabe und Ämter. Deutsches Ärzteblatt. 26. Juni 2009. Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke

Ehrungen und Auszeichnungen 1990: Myopathiepreis der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke Visiting professor for Neurology of the University of Ulaabaatar (Mongolia)

Publikationen

R. Dengler, E. Ludolph, S. Zierz: Amyotrophe Lateralsklerose. 2. Auflage. Thieme, Stuttgart 2000, ISBN 3-13-127502-2. S. Zierz, D. E. Pongratz: Neuromuskuläre Erkrankungen. Diagnostik, interdisziplinäre Therapie und Selbsthilfe. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2003, ISBN 3-7691-1172-9. M. E. Kornhuber, S. Zierz: Die neurologische Untersuchung. Steinkopf, Darmstadt 2005, ISBN 3-7985-1444-5. S. Zierz: Muskelerkrankungen. 4. Auflage. Thieme. Stuttgart 2014, ISBN 978-3-13-567804-7.

Weblinks

Neuromuskuläres Zentrum in Halle erhält erneut DGM-Gütesiegel, Management &Krankenhaus, 6. Juni 2012 Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie, Universität Halle-Saale Muskellabor der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie, Universität Halle-Saale

Einzelnachweise

Kategorie:Neurologe Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Mediziner (21. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1954 Kategorie:Gestorben 2024 Kategorie:Mann