Gerhard Martin August Lüdtke (* 22. Oktober 1875 in Greifenberg in Pommern; † 6. März 1944 in Berlin) war ein deutscher Philologe, Lexikograf und Verleger.
Leben Er wurde geboren als Sohn des pensionierten Bezirksfeldwebels des preußischen Landwehr-Bataillons-Bezirkskommandos Greifenberg Johann Ferdinand August Lüdtke, gebürtig aus Bärwalde (* 1835), und dessen seit 1874Heiratsregister des Standesamtes Greifenberg 1874, Nr. 4. dritten Ehefrau Ernestine Henriette, geb. Hilger (* 1832), der Tochter eines Schuhmachers.Online Online-Ressourcen: Abstammung und Heirat Henriette Hilger. Laut dem Geburtsregister 1875 des Standesamtes Greifenberg in Pommern führte Lüdtke neben seinem Rufnamen Gerhard die weiteren Vornamen Martin und August, letzteren nach dem dritten Vornamen seines Vaters.Geburtsregister StA Greifenberg 1874–1907 (Zusammenstellung vom 24. April 2018 von Dr. Klaus-D. Kohrt, PDF Bild# 160, S. 5 v. 155). Die zweite Ehefrau des Vaters starb bei der Geburt von Zwillingen ebenso wie ihre Babys. Wie seine Eltern gehörte Lüdtke der evangelischen Konfession an.Chronik der Schule 1896, S. 25: Übersicht über die Abiturienten, darunter Gerhard Lüdtke.
Schulbildung Ab 1891 besuchte er das Gymnasium Greifenberg in Pommern. Diese weiterführende Schule wurde in jenem Jahr aus der städtischen Verwaltung in die königlich-preußische Obhut übernommen. Am Stiftungsfest des Gymnasiums 1895 wurde Oberprimaner Lüdtke wegen seiner hervorragenden Leistungen aus einem Legat mit einer Geldprämie durch den seit 1889 dort wirkenden Gymnasialdirektor Karl Conradt (1847–1922) ausgezeichnet.Königl. Friedrich-Wilhelms-Gymnasium zu Greifenberg in Pommern, Schul-Programm-Nr. 138 (Ostern 1896), S. 21–22 (Digitalisat). Bei der feierlichen Entlassung Ostern 1896 hielt der Abiturient die Abschiedsrede zum Thema „Sokrates als Vorbild der Pflichttreue“. Die Entlassungsprüfung fand am 27. Februar 1896 statt. Als Studienfach wählte er Philologie.
Studium und Promotion Er studierte an den Universitäten in Greifswald, Berlin und Heidelberg.Lebenslauf Gerhard Lüdtke im Anhang seiner Inaugural-Dissertation Geschichte des Wortes „Gothisch“ im 18. und 19. Jahrhundert, verteidigt am 14. November 1902 an der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg, Verlag Karl J. Trübner, Straßburg 1903. In Berlin gehörte der Direktor des germanische Seminars Karl Weinhold (1823–1901) zu seinen Professoren und Förderern. Ihm verdankte es Lüdtke, dass er für die vorgesehene Doktorarbeit die Archive des Deutschen Wörterbuches, begründet von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, nutzen konnte.„Vorwort“ zur Inaugural-Dissertation Geschichte des Wortes „Gothisch“ im 18. und 19. Jahrhundert, Straßburg 1903 (Digitalisat). Für die wissenschaftliche Förderung während des Studiums bedankte er sich weiter bei dem Literaturwissenschaftler Alois Brandl (1855–1940), dem Philosophen Max Dessoir, dem Theologen bzw. Philosophen Wilhelm Dilthey (1833–1911), dem Literatur- und Kulturhistoriker Ludwig Geiger (1848–1919), dem Literaturwissenschaftler Max Herrmann (1865–1942), dem Philosophen Friedrich Paulsen (1846–1908), dem Germanisten und Historiker Max Rödiger (1850–1918), dem Literaturwissenschaftler Erich Schmidt (1853–1913), dem Professor für romanische Philologie Adolf Tobler (1835–1910).
An der Universität Greifswald hörte er Vorlesungen bei dem Anglisten Matthias Konrath (1843–1925), dem Germanisten Alexander Reifferscheid (1847–1909), dem Philosophen Wilhelm Schuppe (1836–1913) und dem Romanisten Edmund Stengel (1845–1935).
Seine Studien setzte er in Holland über zwei Jahre lang fort und verdiente seinen Lebensunterhalt als „Lehrer der deutschen Sprache an dem Institut Noorthey“ – eine fortschrittliche protestantisch-christliche Bildungseinrichtung für Jungen.
Die Promotionsschrift Geschichte des Wortes „Gothisch“ im 18. und 19 Jahrhundert vom 11. November 1902 widmete Lüdtke seinen Eltern. Für die Anregung, die wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, bedankte Lüdtke sich bei seinem Berliner Hochschullehrer Karl WeinholdVorwort, und für erteilte Hinweise bei dem Klassischen Philologen und Oberlehrer Alfred Gäbler (* 1863).
Nach seiner Promotion war Lüdtke noch eine Zeit lang Assistent am Deutschen Wörterbuch.August Fischer: Dr. Gerhard Lüdtke 22.10.1875 – 6.3.1944. Ein Nachruf. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 98 (N. F. 23), 1944, S. 189–194, hier S. 189.
Berufliche Laufbahn 1905 trat er als 30-Jähriger, von der Sprachwissenschaft herkommend, in den Verlag Georg Reimer ein„Zum Tode von Gerhard Lüdtke“ in Revaler Zeitung, 22. März 1944, S. 6, und wurde von dem seit 1897 wirkenden Verlagsinhaber Walter de Gruyter (1862–1923) gefördert.August Fischer: Dr. Gerhard Lüdtke 22.10.1875 – 6.3.1944. Ein Nachruf. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 98 (N. F. 23), 1944, S. 189–194, hier S. 190. Walter de Gruyter wurde ab 1. Januar 1906 zunächst Teilhaber und seit 1907 alleiniger Eigentümer des Verlages Karl J. Trübner in Straßburg mit einer Berliner Zweigniederlassung. Er erteilte nach dem Tod von Karl Trübner († 2. Juni 1907) Mitarbeiter Gerhard Lüdtke ProkuraGeschäftsrundschreiben. für den nun vollständig erworbenen Trübner’schen Verlagsbuchhandel. Die Prokurazeichnung lautete „ppa. Karl J. Trübner DG. Lüdtke“ für „Herr Dr. Lüdtke“. Ihm wurde gleichzeitig der bisherige Prokurist, Johannes Beugel, des Straßburger Verlagsbuchhandels im „Trübner-Haus“ am Münsterplatz 9 zur Seite gestellt. Verleger Walter de Gruyter bestätigte bzw. erneuerte unter dem Datum 27. Juni 1907 die rechtsgeschäftliche Vertretungsmacht für J. Beugel auf dem Geschäftsbriefbogen der „Karl J. Trübner Verlagsbuchhandlung Straßburg i. Els.“Internet-Ressource: DNB-Portal (Bookviewer), abgerufen am 4. Juli 2024 Lüdtke wurde noch vom Gründer und ersten Inhaber der Karl J. Trübner Verlagsbuchhandlung persönlich mit dem Betrieb des Straßburger Verlagsbuchhandels vertraut gemacht. Lüdtke wohnte während der zweijährigen Einführungsphase in der Trübnerschen Verlagsbuchhandlung in der Straßburger WimpfelingstraßeAdressbuch Straßburg i. Els. mit den Vororten sowie Kehl-Stadt…. Ausgabe 1907, Verlag W. Heinrich, Straßburg, S. 262, Sp. 2 (Digitalisat)., während der Verlagsbuchhändler Karl Trübner in der Schweighäuserstraße seine Hauptwohnung hatte.Adressbuch von Strassburg i. Els. … 1907, S. 420, Sp. 2. Gerhard Lüdtke wurde in der Folgezeit „verantwortlicher Leiter“ des Verlagshauses Trübner in Straßburg.Angelika Königseder mit Beiträgen drei anderer Autoren: Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus. Tübingen 2016, ISBN 978-3-16-154393-7, S. 9.
Lüdtke selbst bezeichnete sich als „Prokurist d. Verlages Karl J. Trübner“.Adressbuch Straßburg, Ausgabe 1914, Teil II, S. 290, Sp. 2 „Archives de la Ville et de l' Eurometropole de Strasbourg“: Adressbuch STRASSBURG 1914 Im Ersten Weltkrieg wurde Lüdtke wie seine männlichen Mitarbeitenden zum Heeresdienst eingezogen. Jedoch konnte er gleichzeitig – neben seinem zeitweiligen Militärdienst in Kehl, gegenüber von Straßburg – den Betrieb der Verlagsbuchhandlung weiterleiten.Angelika Königseder: Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus- Tübingen 2016, ISBN 978-3-16-154393-7, S. 192. Ende November 1918 verließ Lüdtke seinen Arbeitsplatz im Geschäft am Münsterplatz in Straßburg im Ergebnis des Ersten Weltkrieges, noch bevor am 23. des Monats „der offizielle französische Einzug“ erfolgte.Abschied von Straßburg. In: Deutsche Verlegerzeitung, 1. Mai 1920, Nr. 9, S. 157–159, hier 159, Am 1. Juli 1921 nahm der Deutsche Kunstverlag in Berlin seine Geschäftstätigkeit auf. Lüdtke wurde zusammen mit dem Kunsthistoriker Burkhard Meier (1885–1946), einem Schwiegersohn Walter de Gruyters, gleichberechtigter Geschäftsführer und für die kaufmännische Leitung verantwortlich, 1931 schied er aus dieser Rolle aus, blieb aber bis November 1939 Aufsichtsratsmitglied.Website: „… ein Unternehmen ganz eigenartigen Gepräges. 100 Jahre Deutscher Kunstverlag“: Geschichte des Deutschen Kunstverlages; abgerufen am 27. Juli 2024.
Als leitender Mitarbeiter des Verlages Walter de Gruyter & Co. korrespondierte Lüdtke mit Autoren. Beispielsweise schrieb er am 1. Mai 1925 einen Brief an Franz Dornseiff (1888–1960) und bat ihn um ein Gespräch zu dessen Plan, ein Synonymen-Wörterbuch zu verfassen und zu veröffentlichen.Brief von Gerhard Lüdtke von Walter de Gruyter & Co. an Franz Dornseiff, 01.05.1925, Universitätsbibliothek Leipzig, Nachlass Franz Dornseiff, Signatur: NL 239/4/2/Nachtr./G/29 Kalliope-Verbund, Info.
Er korrespondierte weiterhin mit Autoren des ehemaligen Straßburger Trübner-Verlages, der ab 1919 in der Firma Vereinigung Wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co. in Berlin fortgeführt wurde. So hatte der Herausgeber des Indogermanischen JahrbuchesIndogermanisches Jahrbuch, Wilhelm Streitberg (1864–1925) zu Händen von Lüdtke am 6. Juli 1918 an die Verlagsbuchhandlung Karl J. Trübner in Straßburg einen Brief im Namen des engeren Vorstands der Indogermanischen Gesellschaft aus München geschrieben.Universitätsbibliothek Leipzig: Nachlass Wilhelm Streitberg; Signatur: NL 245/Trübner/III/5/25 Kalliope-Verbund. Info. Am 4. März 1923 bedankte sich Streitberg bei Lüdtke wegen dessen Tätigkeit für die Gesellschaft.Universitätsbibliothek Leipzig: Nachlass Wilhelm Streitberg; Signatur: NL 245/Trübner/III/11/38 Kalliope-Verbund. Info.
Der Bibliothekar an der Deutschen Bücherei in Leipzig Hans Praesent (1888–1946) und Autor, mit dem Lüdtke seit Anfang der 1920er Jahre näher bekannt war, schätzte an dem Verleger dessen Verhandlungsgeschick.Hans Praesent: Wie ich Dr. Lüdtke kennen lernte! In: Zum 25jährigen Verlegerjubiläum am 3. Januar 1930 / Herrn Dr. Gerhard Lüdtke dargebracht vom „Verbande“ seiner Freunde und Mitarbeiter, Redaktion: Alexander Elster, S. 12–15, hier: S. 15.
In akademischen Fachkreisen wie auch im Verlagsbuchhandel wurde er gleichermaßen wegen seiner reichen Kenntnisse geschätzt. Überdies galt er als energische und klar sowie gerecht denkende Persönlichkeit.
Hobbys Lüdtke hatte bereits in seiner Schulzeit Vorliebe für geschichtliche Themen gezeigt. Zu Weihnachten 1895 wurde er vom Greifenberger Gymnasium mit einem Volksbuch des Historikers Theodor Lindner (1843–1919), Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands, bedacht., Schulprogramm des Gymnasiums Greifenberg 1896, S. 19–20.
Auf Grund sein Interesses an den „Geisteswissenschaften“ – vor allem an der Orientalistik – war er in der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) Mitglied seit Anfang 1921Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft Jg. 75 (1921). Bd. 75, „Nachrichten über Angelegenheiten“ der DMG, S. XV „Herr Dr. G. Lüdtke, Berlin, Genthiner Str. 38“. und arbeitete durch Akklamation Gewählter im Vorstand als Geschäftsführer mit. Geworben für den Eintritt in die DGM hatten ihn vor allem die Berliner Mitglieder Carl Heinrich Becker und Heinrich Lüders.August Fischer: Dr. Gerhard Lüdtke 22.10.1875 – 6.3.1944. Ein Nachruf. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 98 (N. F. 23), 1944, S. 189–194, hier S. 191.