Drei Weise aus dem Bantuland (im Original La Trinité bantoue) ist der dritte Roman des schweizerisch-kamerunischen Schriftstellers Max Lobe. Das Buch wurde 2014 in französischer Originalsprache beim Schweizer Verlagshaus Éditions Zoé erstveröffentlicht. Die deutsche Erstausgabe, übersetzt von Katharina Triebner-Cabald, erschien 2020 im Münchner Austernbank Verlag. Der Roman reflektiert autobiografische Facetten des Autors, indem er durch seine sprachliche und stilistische Gestaltung die interkulturellen Dynamiken von Migration, Herkunft und sexueller Identität vor dem Hintergrund einer angespannten Schweizer Politlandschaft beleuchtet. Inhalt

Handlung

Der Roman wird aus der Ich-Erzählperspektive geschildert und behandelt die Geschichte von Mwána Matatizo, einem jungen Mann aus Bantuland, einem fiktiven afrikanischen Staat, der nach Genf in die Schweiz – oder wie Mwána es nennt, „Helvetien“ – emigriert ist. In diesem interkulturellen Spannungsfeld lebt Mwána trotz eines hervorragenden Masterabschlusses der Universität Genf unter prekären Bedingungen. Zu Beginn der Erzählung verfügen weder er noch sein Lebensgefährte Ruedi über ein festes Einkommen. Sie sind daher gezwungen, in einer heruntergekommenen Wohnung zu leben, wobei sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind, um zu überleben.

Als Mwána die Möglichkeit erhält, ein dreimonatiges Praktikum bei einer Nichtregierungsorganisation zu absolvieren, die sich gegen rassistische Diskriminierung einsetzt, wird er wiederholt mit dem sogenannten „Schäfchenplakat“ der fiktiven Nationalen Volksbefreiungspartei (NVB) konfrontiert. Dieses Plakat zeigt in seiner visuellen Gestaltung auffällige Parallelen zum Schäfchenplakat der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) aus dem Jahr 2007, das zur Ausweisung von sogenannten „schwarzen Schafen“ aufruft und aufgrund seiner rassistischen Implikationen umfassend kritisiert wurde. Mwánas Praktikumschefin, Madame Bauer, nutzt ihren privilegierten Hintergrund und ihre antirassistischen Überzeugungen, um sich aktiv als Sprachrohr in der politischen Debatte um das Schäfchenplakat zu positionieren. Währenddessen kämpft Mwána mit tiefgreifenden existenziellen Ängsten, die außer seinem Partner Ruedi niemandem bekannt sind, und zeigt sich der laufenden Debatte gegenüber weitgehend indifferent, obwohl andere ihn aufgrund seiner Hautfarbe wiederholt als „schwarzes Schaf“ stigmatisieren.

Mwána erfährt schließlich, dass die anfänglichen Halsschmerzen seiner Mutter, Monga Míngá, auf eine Krebserkrankung zurückzuführen sind, was seine ohnehin schon angespannte Lebenssituation weiter verschärft. In Begleitung seiner tiefreligiösen Schwester Kosambela, die für den Beistand der göttlichen Bantu-Dreieinigkeit Nzambé, Elôlombi und Bankóko betet, verbringt er nun die Wochenenden am Krankenbett seiner Mutter. Diese wurde zur besseren medizinischen Versorgung von Bantuland in eine Klinik in der italienischsprachigen Schweiz verlegt, wo sich ihr Zustand zunehmend verschlechtert. Darüber hinaus sieht sich Mwána mit weiteren Absagen auf seine Bewerbungen konfrontiert. Da Ruedi weder eine Anstellung sucht noch bereit ist, seine wohlhabenden Eltern um finanzielle Unterstützung zu bitten, sind beide schließlich gezwungen, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Aussicht auf eine Anstellung als Kommunikationsreferent bei einem Tierschutzanwalt, die Mwána durch die Bemühungen der Praktikumssekretärin Mireille Laudenbacher ermöglicht wurde, stellt einen Hoffnungsschimmer in der ansonsten eher ausweglosen Situation dar. Die Freude über die Zusage für die Stelle wird jedoch am selben Tag durch die entmutigende Nachricht überschattet, dass Monga Míngá nur noch wenige Stunden zu leben hat. In tiefer Trauer begibt sich Mwána zu seiner Mutter, um sich von ihr zu verabschieden. Trotz seines Unglaubens setzt er seine letzten Hoffnungen in die Wundermacht der drei Weisen aus Bantuland (sprachlich angelehnt an die drei Weisen aus dem Morgenland). Gegen Ende der Erzählung unternehmen Mwána und Ruedi eine Bergtour in Ruedis Heimat Graubünden. Beinahe beiläufig wird erwähnt, dass Monga Míngá überlebt hat und sich Mwánas Lebenssituation durch seine neue Anstellung erheblich gebessert hat. Obwohl Mwána erneut betont, nicht an die drei Weisen aus Bantuland zu glauben, schreibt er dieses Wunder dennoch dem Glauben an ihre Wirkmacht zu und impliziert damit, dass die Hoffnung niemals aufgeben werden sollte.

Schlüsselfiguren

Mwána Matatizo Mwána ist ein akademisch gebildeter junger Mann, der anhand seiner Wahrnehmungsbegabung die schweizerische Gesellschaft durch die Linse bantuafrikanischer Erfahrungen und Ansätze reflektiert. Im Verlauf der Erzählung verzichtet Mwàna auf explizite politische Stellungnahmen und nutzt stattdessen die narrative Darstellung seines Lebens als primären Bezugsrahmen, um gesellschaftliche Verhältnisse zu hinterfragen. Sein Leben umfasst eine offene Partnerschaft mit Ruedi, einem Schweizer Studenten, den er vor einigen Jahren in einem Nachtclub kennengelernt hat. Charakteristisch für Mwána ist seine Fähigkeit, den Falltüren in seinem Leben oft mit Ironie oder bantuischen Lebensweisheiten zu begegnen. Darüber hinaus zeichnet sich Mwána durch eine überwiegend optimistische Grundhaltung aus und sagt von sich selbst, dass er zu jenen gehört, „die glauben, dass eine gute Nachricht zu einer weiteren guten Nachricht führt“. Obwohl er sein Leben seit dem Studium als eine Aneinanderreihung von Misserfolgen beschreibt, bewahrt er sich dadurch einen gewissen Lebensmut in Bezug auf seine Lebensumstände.

Nach dem Verlust seiner Anstellung als Handelsvertreter bei Nkama African Beauty, wo er neben seinem Studium hautaufhellende Produkte an Schwarze Kundinnen verkaufte, lebt er ohne festes Einkommen. Im Gegensatz zu anderen Landsleuten, denen er in der Schweiz begegnet, wie seinem ehemaligen Vorgesetzten oder seinem Ansprechpartner bei der Sozialhilfe, scheint Mwána stolz auf seine Herkunft zu sein und keinen Identitätskonflikt im Zuge seiner Migration zu erleben. Stattdessen verfügt er über eine ausgeprägte interkulturelle Kompetenz, die es ihm ermöglicht, beide Kulturen in seiner Lebensgestaltung zu vereinen. Später in der Erzählung wird enthüllt, dass er der Sohn eines Militärs aus Bantuland ist und bis zum Tod seines Vaters unter dessen Schutz stand, was ihm eine gewisse Unberührbarkeit verlieh.

In seiner Selbstbeschreibung legt Mwána besonderen stilistischen Fokus auf seinen sogenannten „Kongôlibôn“, was einen sorgfältig rasierten Schädel bezeichnet. Darüber hinaus beweist er Modebewusstsein, indem er die Stile anderer Personen mit Präzision analysiert und Bewertungen wie „super stylisch“ und „super elegant“ vergibt. Außerdem betont er mehrfach seine modische Affinität zu Louboutin-Schuhen.

Kosambela Matatizo Kosambela, die Schwester von Mwána, wohnt im italienischsprachigen Teil der Schweiz und ist als Reinigungskraft in der Privatklinik San Salvatore in Lugano tätig. Aufgrund ihrer hohen Wertschätzung durch das medizinische Personal wird auch Monga Míngá, die Mutter von Kosambela und Mwána, in dieser Einrichtung aufgenommen. Ihr Charakter ist geprägt von einem tief verwurzelten religiösen und traditionellen Weltbewusstsein, das einen dualistischen Glauben an gute und böse Mächte umfasst. Dabei scheint sie sowohl dem Christentum als auch dem Volksglauben der Bantu-Dreieinigkeit Nzambé, Elôlombi und Bankóko anzuhängen, jedoch keine klare Differenzierung zwischen diesen Glaubenssystemen vorzunehmen (dabei ist zu beachten, dass der Begriff ‘Nzambé’ in den Bantusprachen auch gelegentlich auf den christlichen Allmachtsgott verweist). Sie lehnt weltliche und körperliche Vergnügungen strikt ab und betrachtet Männer, die sich im Haushalt engagieren und Sensibilität zeigen, als „Weicheier“. Dies schließt auch ihren Ehemann ein, den sie abwertend als „Dingsbumsda“ oder „Dingsda“ bezeichnet. Trotz ihrer konservativ-religiösen Ansichten lebt sie von ihrem Ehemann getrennt, ist berufstätig und alleinerziehende Mutter ihrer beiden Söhne. Sie zeichnet sich zudem durch ihre Entschlossenheit aus und ist von ihren Überzeugungen nur schwer abzubringen. Als Kosambela von Mwánas Homosexualität erfährt, führt dies zu einer emotionalen Entfremdung zwischen ihnen, da Kosambela Homosexualität als eine ansteckende Krankheit stigmatisiert. Im weiteren Verlauf der Erzählung bewirkt die Krebserkrankung der Mutter eine Wiederannäherung.

Monga Míngá Monga Míngá, die Mutter von Mwána und Kosambela, wird von Mwána als eine elegante, schöne, fröhliche und temperamentvolle Frau erinnert. Vor ihrer Krebserkrankung besaß sie eine „schöne, liebliche Schauspielerstimme“, mit der sie als staatliche Theaterschauspielerin die Botschaft der neuen bantuinischen Staatsgewalt in Bantuland verkündete. Durch diese Rolle erwarb sie sich innerhalb ihrer Familie den Ruf eines Schandflecks, ließ sich jedoch davon nicht beirren. Aufgrund von Gehaltskürzungen war sie schließlich gezwungen, einen Militärangehörigen, den Vater von Mwána und Kosambela, zu heiraten. In den darauffolgenden Jahren spiegelt sich Monga Míngás Loyalitätssinn in verschiedenen Aspekten ihres Lebens wider, wie in der bedingungslosen Unterstützung ihrer Kinder und der Bereitschaft, auch jenen zu helfen, die sie hintergangen haben. Nach dem Tod ihres Ehemannes, der vom Ehemann seiner Geliebten ermordet wurde, sah sie sich des Vorwurfs der Mittäterschaft ausgesetzt und war gezwungen, in eine andere Region Bantulands zu fliehen. Trotz dieser widrigen Umstände fand sie Arbeit auf einer Bananenplantage und begann, eine Vielzahl von Verwandten finanziell zu unterstützen. Ihre Loyalität umfasst auch die Akzeptanz der Homosexualität ihres Sohnes Mwána. Trotz anfänglicher Vorbehalte akzeptiert sie schließlich seine Beziehung zu einem Mann, wodurch die enge Bindung zwischen ihnen unvermindert bleibt. Auch in dem Umgang mit ihrer eigenen Krebserkrankung spiegelt sich diese Charakterstärke wider, der sie zunächst mit einer gewissen Gelassenheit begegnet, indem sie Krebs als eine „Krankheit von Weißen“ abtut. Trotz fortschreitender Krankheit bemüht sie sich zudem stets, Besuchende zum Lachen zu bringen. Insgesamt demonstriert sie in der Erzählung viel Güte und einen ausgeprägten Kampfgeist, wodurch die Nachricht ihres bevorstehenden Todes einen signifikanten narrativen Bruch in der ansonsten vorwiegend humorvoll-ironischen Erzählstruktur darstellt.

Ruedi Baumgartner