Die Britisch-chinesischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und dem Vereinigten Königreich, bzw. den jeweiligen Vorgängerstaaten. Die Handelskontakte beider Länder gehen auf das 17. Jahrhundert zurück und in den zwei Opiumkriegen zwang das Britische Weltreich die Qing-Dynastie zum Import seines Opiums. Großbritannien beteiligte sich auch an der Niederwerfung des antiimperialistischen Boxeraufstands und etablierte eine Kolonie in Hongkong, womit die Briten eine große Rolle im Jahrhundert der Demütigung spielten und deshalb bis heute in China eher ambivalent gesehen werden. Nach dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs erkannte das Vereinigte Königreich die Volksrepublik China als erster westlicher Staat bereits am 1. Oktober 1949 an, auch wenn erst deutlich später Botschafter ausgetauscht wurden. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Rückgabe Hongkongs an China begann eine Periode, die als „Goldenes Zeitalter“ der chinesisch-britischen Beziehungen bekannt wurde, mit zahlreichen hochrangigen Staatsbesuchen und bilateralen Handels- und Militärabkommen. Die Proteste in Hongkong 2019/2020 und die von den Briten beklagten Verletzungen der in der Chinesisch-britischen gemeinsamen Erklärung zu Hongkong vereinbarten Sonderrechte Hongkongs haben jedoch in jüngerer Zeit für eine Abkühlung der diplomatischen Beziehungen gesorgt.
Geschichte
Frühe Kontakte mini|Kaiser Qianlong empfängt Lord Macartney (1793) Auf seinen Reisen soll sich der nestorianische Mönch und Diplomat Rabban Bar Sauma 1288 in Bordeaux mit Eduard I., dem König von England getroffen haben, was einen frühen diplomatischen Kontakt zwischen den britischen Inselns und dem Kulturraum China darstellte. 1600 wurde in der Regierungszeit von Elisabeth I. die Britische Ostindien-Kompanie für den Handel in Asien gegründet. Am 27. Juni 1637 trafen vier schwer bewaffnete Schiffe unter Kapitän John Weddell in Macao ein, um den Handel zwischen England und China zu eröffnen. Sie wurden nicht von der Ostindien-Kompanie unterstützt, sondern von einer privaten Gruppe. Die Portugiesen in Macao lehnten sie ab und sie verärgerten die Ming-Behörden schnell, weshalb es zu bewaffneten Auseinandersetzungen kam. Das weitere Schicksal der Gruppe ist unbekannt. Während die Portugiesen das Monopol auf den Handel in Macao behielten, wurde der Ostindien-Kompanie schließlich 1699 der Zugang zum Hafen von Kanton (Guangzhou) gestattet, wobei der Handel starken Restriktionen unterworfen wurde. Dennoch entstand im 18. Jahrhundert ein reger Handel mit Tee und anderen Waren wie Seide und Porzellan, der für britische Händler sehr lukrativ wurde. Die Briten begannen auch mit dem Export von Opium aus ihren Kolonien in Indien, um ihr hohes Handelsbilanzdefizit auszugleichen und chinesische Waren zu finanzieren. 1793 entsendete König Georg III. mit der Macartney-Mission die erste diplomatische Mission an den chinesischen Kaiserhof. Diese schlug eine Öffnung der chinesischen Häfen, eine Ausweitung des Handels und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor. Kaiser Qianlong lehnte ab und verkündete: „Unser himmlisches Reich besitzt alles im Überfluss und es mangelt ihm an keinem Produkt innerhalb seiner Grenzen. Es besteht daher keine Notwendigkeit, die Erzeugnisse fremder Barbaren im Tausch gegen unsere eigenen Produkte einzuführen.“ Auch verweigert sich der Kaiser der Aufnahme jeglicher diplomatischer Kontakte außerhalb einer Vasallenbeziehungen, da die traditionelle Tianxia-Konzeption der Kaiser keine ebenbürtigen Partner kannte. Qianlong fordert Georg III. deshalb auf, ihm Tribut zu errichten.
19. Jahrhundert mini|Anschluss des Vertrags von Nanking (1842) mini|Territoriale Entwicklung Hongkongs:
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts besorgte die zunehmende Opiumsucht in China die Behörden. In Reaktion darauf ließ der Kaiser 1836 die Einfuhr von Opium verbieten und als die Briten das Verbot umgingen, ließ der Beamte Lin Zexu 1839 beschlagnahmtes Opium öffentlich verbrennen. Der Streit eskalierte und führte zum Ersten Opiumkrieg, der für die militärisch in Rückstand geratenen Chinesen in einer demütigenden Niederlage endete. 1842 war die Qing-Dynastie gezwungen, den Vertrag von Nanking und bald darauf den Vertrag von Humen zu unterzeichnen – die frühesten der ungleichen Verträge –, die den britischen Untertanen in China eine Entschädigung und Exterritorialität gewährte, fünf Vertragshäfen für britische Kaufleute öffnete und den Briten „auf ewig“ die Hoheit über Hong Kong Island gaben. Die Briten durften zudem unbeschränkt Opium nach China einführen, was katastrophale soziale Folgen für das Land hatte, einen bedeutenden Teil der Bevölkerung abhängig machte und damit der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft hemmte. Da die Briten mit den Zugeständnissen im Außenhandel nicht zufrieden waren, begann 1856 der Zweite Opiumkrieg, dem sich aus Opportunismus auch Frankreich anschloss. Für die Chinesen endete der Krieg in einem erneuten Desaster und 1860 plündern französische und britische Truppen den Kaiserlichen Sommerpalast, was eine beispiellose Demütigung darstellte. In den folgenden Verträgen musste China auch Kowloon an die Briten abtreten, weitere Häfen für den Außenhandel öffnen und die Tätigkeit christlicher Missionare im Land zulassen. 1898 pachtete Großbritannien die New Territories in einem weiteren ungleichen Vertrag für 99 Jahre und konnte damit seine prosperierende Kolonie in Hongkong deutlich vergrößern. Dieser koloniale Einfluss sorgte in China für Widerstand gegen die „fremden Teufel“ und mündet gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Boxeraufstand, der von den Vereinigten acht Staaten, darunter waren auch die Briten, gewaltsam niedergeschlagen wurde.
20. Jahrhundert mini|Chiang Kai-shek und Winston Churchill als Verbündete Im frühen 20. Jahrhundert hatte das Vereinigte Königreich mit seiner Kolonie in Hongkong eine starke wirtschaftliche Position aufgebaut, wobei die 1865 gegründete Hongkong & Shanghai Banking Corporation eine führende Rolle einnahm. Ziel der britischen Außenpolitik war es, die britischen Handelsinteressen zu sichern und gleichzeitig ein unabhängiges China zu erhalten, weshalb sich die Briten gegen eine vollständige Zerschlagung und Kolonisierung Chinas aussprachen, was durch den späteren Neun-Mächte-Vertrag bestätigt wurde. Britische Kapitalisten sahen ein großes Potenzial im chinesischen Markt und ausländisches Kapital floss nach China. Die Xinhai-Revolution führte schließlich zur Absetzung des Kaisers und 1912 zur Ausrufung der Republik China durch Sun Yat-sen. In der Folgezeit vertreten sowohl die Kuomintang als auch die 1921 gegründete Kommunistische Partei Chinas antiimperialistische und antibritische Positionen. Durch das Chaos der Warlord-Ära und die Invasion Chinas durch Japan war China allerdings vorerst mit anderen Problemen beschäftigt. Während des Zweiten Weltkriegs kam es schließlich zur Kooperation zwischen der Nationalrevolutionären Armee und den Briten gegen die Japaner, so z. B. im Burmafeldzug. Im chinesischen Bürgerkrieg bleiben die Briten neutral, sympathisieren allerdings mit den Nationalisten. Mit dem Sieg der Kommunisten und der Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Zedong 1949 erkannten die Briten im Gegensatz zu den meisten anderen westlichen Nationen die Volksrepublik fast umgehend an. Neben der Angst um die britischen Besitzungen in Hongkong spielte dabei auch der Einfluss der regierenden Labour Party eine Rolle, wobei die Anerkennung für Konflikte mit den Amerikanern sorgte.
Danach blieben die Beziehungen allerdings durchwachsen, auch da sich bald darauf britische und chinesische Truppen direkt im Koreakrieg gegenüber standen. Dennoch kam es 1954 zu einem historischen Besuch einer Delegation der britischen Labour Party, der auch Clement Attlee angehörte. Er besuchte China auf Einladung des damaligen Außenministers Zhou Enlai. Attlee war damit der erste hochrangige westliche Politiker, der Mao Zedong traf. Beide Länder entsendeten keine vollwertigen diplomatischen Botschafter, vereinbarten jedoch den Austausch von Vertretern. Ab 1961 sprach sich London für die Aufnahme der Volksrepublik China in die UN aus, die jedoch von den USA blockiert wurden, die die Republik China auf Taiwan anerkannten. Die prekäre Position der Briten in Hongkong wurde deutlich, als in der Stadt 1967 prochinesische Unruhen ausbrachen, die von der KP Chinas unterstützt werden. Infolgedessen attackierten die Roten Garden britische Diplomaten in der Volksrepublik. Die Chinesen entschieden sich jedoch gegen eine militärische Invasion Hongkongs, welche im Gegensatz zu Maos Volksrepublik während der Kulturrevolution wirtschaftlich prosperierte und zu einem globalen Handelszentrum aufstieg, das auch viele Migranten aus der Volksrepublik anzog. Erst 1972 wurden Botschafter zwischen dem Vereinigten Königreich und der VR China ausgetauscht, auch da sich durch Richard Nixons Besuch in China 1972 die sino-amerikanische Beziehungen deutlich verbessert hatten.
Mit dem absehbaren Ablauf der Pachtzeit für die New Territories wurden Verhandlungen zwischen beiden Seiten geführt. Zu diesem Zweck besuchte die britische Premierministerin Margaret Thatcher ihren chinesischen Amtskollegen Deng Xiaoping im September 1982 in Peking. Die Briten hofften zuerst weiterhin die Souveränität über Teile von Hongkong ausüben zu können. Deng drohte in den Verhandlungen mit Thatcher jedoch unverblümt mit einer militärischen Eroberung der Kronkolonie. Nach harten Verhandlungen wurde 1984 jedoch die Gemeinsame Erklärung zu Hongkong verabschiedet. Mit dieser wurde angekündigt, dass China Hongkong 1997 zurückerhalten wird. Als Zugeständnis an die Briten wurde für die Zeit danach eine 50-jährige Übergangszeit vereinbart, in der Hongkong als Sonderverwaltungszone weiterhin Sonderrechte unter dem Prinzip Ein Land, zwei Systeme erhält, darunter Rechtsstaatlichkeit, eine kapitalistische Wirtschaftsordnung und eine eigene Währung. Englisch blieb eine Amtssprache in Hongkong. Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong schließlich mit einer feierlichen Zeremonie an die Volksrepublik China übergeben.
21. Jahrhundert mini|Während der Proteste in Hongkong 2019/2020 schwenken Demonstranten britische Fahnen