Dieser Artikel behandelt die Grammatik des Afrikaans, eine der elf Amtssprachen in Südafrika und eine anerkannte Minderheitensprache in Namibia. Afrikaans ist im Laufe der letzten 350 Jahre aus dem Niederländischen hervorgegangenH. S. Solloway: A Brief history of the Afrikaans language. Berlin, 2019: academia.edu abgerufen im März 2021. und zählt damit zu den westgermanischen Sprachen.

Überblick

In diesem Abschnitt finden sich die wichtigsten 'Faustregeln', um sich auf Afrikaans auszudrücken. Sie übergehen dabei viele Ausnahmen, die in den Hauptkapiteln dargestellt werden. Es gibt kein grammatisches Geschlecht. Dinge oder Tiere, bei denen das Geschlecht nicht wichtig ist, gelten als „Dinge“ und werden mit dit „es“ bezeichnet. Es gibt keine Fälle (Kasus), mit Ausnahme der folgenden vier Wörter, die nur als Objekt des Satzes oder nach Verhältniswörtern gebraucht werden: my „mir/mich“, jou „dir/dich“, hom „ihm/ihn“, haar „ihr/sie“ (englisch 'her') Bei Personen werden indirektes und (besonders bei Eigennamen) auch direktes Objekt durch die Präposition vir gekennzeichnet: Ek sien vir Sarie. „Ich sehe Sarie.“ ('Sarie' ist direktes Objekt) Die Präposition „zu, nach“ wird oft durch nachgestelltes toe (der Artikel fehlt) ausgedrückt: Ek ry stad toe. „Ich fahre in die Stadt.“

+Hauptwörter (Substantive)AfrikaansBeispielBestimmter Artikel (der/die/das)immerdiedie man, die vrou, die kind „der Mann, die Frau, das Kind“Unbestimmter Artikel (ein/eine)immer 'n (gesprochen [ə] wie 'e' in 'genau') 'n man, 'n vrou, 'n kindPlural eines SubstantivsSubstantive auf VokalMehrsilbige Substantive, die nicht auf der letzten Silbe betont sind:-svoël – voëls „Vogel – Vögel“Andere Substantive-ebzw. -de / -te (*)huis – huise „Haus – Häuser“konsep – konsepte „Konzept – Konzepte“Die wichtigsten Besonderheitenkind – kinders „Kind(er)“, skip – skepe „Schiff(e)“, stad – stede „Stadt-Städte“, wa – waens „Wagen/Auto(s)“, brug – brûe „Brücke(n)“, rug – rûe „Rücken“, dag – dae „Tag(e)“, oog – oë „Auge(n)“, vraag – vrae „Frage(n)“pad – paaie „Straße(n)“, blad – blaaie „Seite(n)“hoof – hoofde „Kopf-Köpfe“, hemp – hemde „Hemd(en)“und andereDiminutiv (Verniedlichungsform)bei Substantiven, die auf s, f, g, k oder p endenEndung -iehuis – huisie „Haus – Häuschen“andereEndung -(t)jie (**)(und andere)hoed – hoedjie „Hut – Hütchen“, tuin – tuintjie „Garten – Gärtchen“ (*) Bei manchen Substantiven ist in der Einzahl am Wortende ein d oder t ausgefallen, das in der Mehrzahl wieder hinzutritt. Die meisten dieser Wörter kommen auch im Deutschen vor. Wenn z. B. das Wort kuns „Kunst“ bedeutet, kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrzahl kunste „Künste“ lautet.Auf diese Weise verhalten sich u. a. Substantive auf -is(t): turis – turiste „Tourist(en)“. (**) Die Endung -tjie wird immer /ki/ gesprochen.

+Eigenschaftswörter (Adjektive)Steigerung eines AdjektivsAdjektive, die nicht auf 'e' endengroot – groter – grootste „groß – größer – größte“so groot soos „so groß wie“groter as „größer als“al hoe groter „immer größer“die allergrooste „d. allergrößte“sonsttevrede – meer tevrede – mees tevrede „zufrieden – zufriedener – zufriedenste“unregelmäßiggoed – beter – beste „gut“, baie/veel – meer – meeste „viel – mehr – meiste“, min/weinig – minder – minste „wenig(er/ste)“, nuut – nuwer – nuttste „neu(er/este)“naby – nader – naaste „nah – näher – nächste“

+SatzbauSatzartenAussagesatzhy kom môre „er kommt morgen“môre kom hy „morgen kommt er“hy wil môre kom „er will morgen kommen“Fragesatzkom hy môre? „kommt er morgen?“wanneer kom hy? „wann kommt er?“Aufforderungkomm! „komm!“, „kommt!“, „kommen Sie!“kom ons gaan! / laat ons gaan! „gehen wir!“, „lass(t) uns gehen!“Nebensatzomdat hy môre kom „weil er morgen kommt“as jy môre wil kom „wenn du morgen kommen willst“VerneinungDer verneinte Satzteil muss mit einem verneinenden Wort(nie, niks, nooit, niemand „nicht, nichts, nie, niemand“ odgl.) abgeschlossen werden;notfalls gibt es 'doppelte Verneinung'!mit 'nicht'hy kom môre nie „er kommt morgen nicht“omdat hy môre nie kom nie „weil er morgen nicht kommt [nicht]“mit anderem verneinendem Worthy kom nooit „er kommt nie“hy wil niks eet nie „er will nichts essen [nicht]“Verneinter Befehlssatzmoenie kom nie! „komm nicht!“, „kommt nicht!“, „kommen Sie nicht!“Relativsatzohne Präpositiondie man, wat… „der Mann, der/welcher…“die huis, wat „das Haus, das…“Mit Präposition in Bezug auf Personendie man, vir wie… „der Mann, für den“die vrou, met wie… „die Frau, mit der…“Mit Präposition in Bezug auf Dinge (*)die huis, waarin… „das Haus, in dem [worin]“die kar, waarmee… „das Auto, mit dem [womit]“ (*) Hierbei verwandelt sich das Präposition met zu -mee, und vir zu -voor: waarmee, waarvoor „mit dem, für das“.

+Tätigkeitswörter (Verben)seingewesen seinich binich wardu bistdu warster/sie/es ister warwir sindwir warenihr seidihr wartsie sindsie warenSie sindSie warenweesgewees hetek is (ek's)ek wasjy is (jy's)jy washy/sy/dit is (hy's / sy's / dis)hy wasons isons wasjulle is (julle's)julle washulle is (hulle's)hulle wasu is (u's)u washabenich habeich hattedu hastdu hattester hater hattewir habenwir hattenihr habtihr hattetsie habensie hattenSie habenSie hattenhêek hetek het gehadjy het (jy't)jy het gehadhy het (hy't)hy het gehadons het (ons't)ons het gehadjulle het (julle't)julle het gehadhulle het (hulle't)hulle het gehadu hetu het gehadkommengekommen seinich kommedu kommster kommtwir kommenihr kommtsie kommenSie kommenkomgekom (te) hetek komek het gekomjy komjy het gekomhy komhy het gekomons komons het gekomjulle komjulle het gekomhulle komhulle het gekomu komu het gekom Wie kom „kommen“ funktionieren die meisten Verben. Es gibt im Prinzip nur drei Zeitformen: kom – het gekom – sal kom „komme – kam / bin gekommen / war gekommen – werde kommen“. Die Verdopplung eines Verbstamms kann ein Adverb bilden: lag „lachen“: hy het dit lag-lag gesê „Er hat es lachend gesagt.“J.-P. Watbled: Les nouveaux mondes et les langes

Weitere grundlegende Tabellen finden sich in folgenden Abschnitten: Einfache Vergangenheit, Passiv Bildung weiblicher Substantive; Persönliche Fürwörter, Fragefürwörter, Sonstige Fürwörter Adverbien aus Fürwörtern

Allgemeines

Rechtschreibung und Aussprache entsprechen sich größtenteils. Der Umfang an grammatischen Formen ist im Vergleich zu anderen Sprachen relativ gering. Bei den Verben ist die einfache Vergangenheit fast vollständig verschwunden, ebenso fast alle starken oder unregelmäßigen Formen von Verben. Bis auf vier Personal- bzw. Possessivpronomen (und einige Redewendungen) ist vom Ausdruck grammatischer Kasus nichts übrig geblieben. Unregelmäßige Formen finden sich vor allem in der Bildung des Plural.

Vergleich mit Niederländisch und Englisch

Bei einem Vergleich mit dem Niederländischen springen vor allem folgende Merkmale des Afrikaans ins Auge (in den folgenden Beispielen steht zuerst das niederländische, dann das afrikaanse Wort): Rechtschreibung und Lautlehre: Die Buchstabenkombination 'ch' fehlt; sie ist durch 'g' ersetzt: acht – agt „acht“.Die Kombination sch wird durch sk ersetzt: schiet! – skiet! „schieß!“. Der stimmhafte 's'-Laut, im Niederländischen 'z' geschrieben, fehlt im Afrikaans (von einigen neueren Fremdwörtern abgesehen): zo – so „so“; dadurch kommt der Buchstabe 'z' im Afrikaans fast gar nicht vor. Niederländisch 'v' im Wortinnern erscheint im Afrikaans (sofern es nicht geschwunden ist) als w [v] oder f: schrijver – skrywer „Schreiber“, oefenen – oefen „üben“.Der im Niederländischen kaum vorkommende Buchstabe 'y' steht statt des im modernen Niederländisch gebräuchlichen 'ij': vrij – vry „frei“. Die langen Vokale /e:, o:, ø:/ des Niederländischen erscheinen als Diphthonge /iə, uə, øə/.Das kurze 'i' ist zu /ə/ verdumpft.Die Lautfolge /sx/ (z. B. in Niederländisch [NL] schieten) ist im Afrikaans durch /sk/ ersetzt: misschien – miskien „vielleicht“. Afrikaans kennt Nasalvokale, die aber in der Schrift nicht zum Ausdruck kommen. Sie variieren je nach Sprecher und Bildungsgrad. Sie sind dort entstanden, wo ein 'n' einem 's' vorausging; das 'n' selbst ist dann unter Ersatzdehnung geschwunden: /ã:/ wie in Afrikaans, dans, Hans „Afrikaans, tanzen, Hans“ (in weniger häufigen Wörtern wie Italiaans „italienisch“ ist Nasalierung unüblich) /õ:/ wie in ons, spons „wir/unser/uns, Schwamm“ /ẽ:/ wie in mens, wens „Mensch/man, wünschen“… Der Laut /œ̃:/ ist unüblich; er käme vor in Wörtern wie: guns „Gunst“…

Charakteristische Wörter des Afrikaans, die im Niederländischen nicht vorkommen: Der unveränderliche unbestimmte Artikel 'n /ə/ „ein(e)“. Die Verbformen hê, lê, sê „haben, l(i)egen, sagen“. Die Negation nie „nicht“, die häufig zweimal im selben Satz vorkommt.

Grammatik: Fast ausnahmslose Eliminierung des einfachen Präteritums und „unregelmäßiger“ Verbformen: zingen, zong, gezongen > sing, -, gesing „singen, sang, gesungen“. Eliminierung der Endungen für Infinitiv und Person am Verb: die niederländischen Formen [NL] zing, zinge, zingen, zingt fallen im Afrikaans in der Form sing zusammen (Infinitiv, Imperativ, Indikativ, Konjunktiv aller Personen). Wegfall des grammatischen Geschlechts. Bei Adjektiven, Artikeln und Pronomen (außer hy, sy, dit „er, sie, es“ sowie eigen neutralen Formen wie alles, niks „alles, nichts“) wird nicht mehr nach Geschlecht unterschieden.

Weitere Besonderheiten gegenüber dem Niederländischen: Das Pronomen [NL] er des Niederländischen fehlt im Afrikaans und wird durch daar(van) „da(von)“ ersetzt: 1. Als Partitiv (ein Teil von etwas): …dat hy niks daarvan gekoop het nieAfrica Daily New 7.11.2019: https://www.africadailynew.com/2019/11/07/information24-com-ramaphosa-onthul-dat-hy-die-historiese-poging-van-mapimpi-misgeloop-het-as-gevolg-van-n-slegte-tydstip-in-die-badkamer/ „…dass er nichts davon gekauft hat“ (niederl. [NL] dat hij er niets van heeft gekocht.) 2. Als Existenzaussage („es gibt“): Daar is baie om oor dankbaar te wees.Netwerk24: https://www.netwerk24.com/ZA/Paarl-Post/Stemme/daar-is-baie-om-oor-dankbaar-te-wees-20200916-2 „Es gibt viel, worüber man dankbar sein sollte.“ (wörtlich: „da ist viel um [dr]über dankbar zu sein.“ – Hingegen Niederländisch: [NL] Er is veel om dankbaar voor te zijn.) Scheidung der Präpositionen vir „für“ und voor, während das Niederländische nur voor kennt. Das Relativpronomen ohne vorangehende Präposition ist immer wat (Niederländisch die bzw. dat). beter „besser“ kann als Modalverb verwendet werden: jy beter gaan „du solltest (besser) gehen“. Das Pronomen der 3. Person Pl. ist hulle (angelehnt an julle „ihr“; es ersetzt niederländisch [NL] zij, hen, hun).Die Objektform ons „uns“ steht auch für das Subjekt: „wir“.Das Pronomen het „es“ entfällt und wird durch dit (im Niederländischen bedeutet dasselbe Wort „dies“) ersetzt. Etliche Wörter sind im Niederländischen veraltet oder haben dort eine andere Bedeutung, zum Beispiel:bottel „Flasche“, plaas „Farm“, vinnig „schnell“ (niederl. bedeutet das Wort „scharf“), tas „Koffer“ (niederl. „Tasche“), Bevorzugung von praat für „sprechen“… Besondere Wortbildungen oder im Niederländischen nicht vorhandene Fremdwörter:Statt veraltetem welke „welche“ wird im Afrikaans watter (< 'wat + voor' „was für (ein)“) verwendet, während „was für ein“ durch wat se ausgedrückt wird.hardloop „rennen“, ** toemaak „schließen“ (wörtlich: zumachen), naweek „Wochenende“ (wörtlich: Nachwoche).baie „viel(e), sehr“, piesang „Banane“ aus dem Malaiischen, rissie „Paprika/Chili“…

Mit dem Englischen teilt das Afrikaans diverse Eigentümlichkeiten, die es vom Niederländischen unterscheiden: Der Infinitiv ist gleich dem Imperativ und der gebeugten Präsensform: come / kom „kommen; komm!, kommt!; (ich) komme, (du) kommst, (ihr) kommt“.Eine besondere Form für die 3. Person Singular (englisch 'comes') existiert jedoch nicht.