Ein Monat auf dem Land ist ein Roman von J. L. Carr, der wegen seiner Kürze auch als Novelle oder Kurzroman bezeichnet wird.Jochen Kienbaum: Melancholischer Sommer in Yorkshire – »Ein Monat auf dem Land« von J. L. Carr, auf lustauflesen.de/carr-monat-auf-dem-landLaila Mahfouz: Rezension zu J. L. Carrs Erzählung »Ein Monat auf dem Land« / »A Month in the Country«, auf .kultumea.de Thema ist die psychische Gesundung eines die Schlachten des Ersten Weltkriegs in Nordfrankreich überlebenden jungen Restaurators, der 1920 den Auftrag erhält, ein mittelalterliches Gemälde in einer Dorfkirche in Nordengland freizulegen.
Der Roman, Carrs 1978 geschriebenes und 1980 unter dem Titel A Month in the Country erschienenes „Meisterwerk“ (lt. Penelope Fitzgerald), kam 1980 auf die Shortlist für den Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis, gewann den Guardian Fiction Prize, wurde für das Radio adaptiert und 1987 mit Colin Firth verfilmt.Penelope Fitzgerald: Introduction, in: J. L. Carr: A month in the country, Penguin Modern Classics, S. VIII. Auf Deutsch erschien der Roman erstmals 2016 bei DuMont.
Übersicht Im Sommer 1920 erhält Tom Birkin, ein junger Restaurator Mitte zwanzig,J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 130 f. den mäßig bezahlten Auftrag, in einer kleinen mittelalterlichen Landkirche des fiktiven Dörfchens Oxgodby in North Riding, Yorkshire, ein altes Wandgemälde von seinen Übermalungen zu befreien. Vor seiner Einberufung zum Militär hatte Birkin auf dem London College of Art hierfür ein Diplom erworbenJ. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 129, 136. und kämpfte im Ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern in Nordfrankreich, einem „Ort des Grauens“, einem „Fleischwolf“.J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 37, 41. Birkin kam körperlich unversehrt, aber mit „zerbombten Nerven“, stotternd und mit einem Gesichtszucken aus dem Krieg zurück.J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 15, 18 f., 44. Seine Frau Vinny verließ ihn kurz vor seiner Reise nach Oxgodby für einen anderen Mann. Er quartiert sich der schlichten Bezahlung wegen oben im Kirchturm neben dem Gemälde ein.
mini|Das Jüngste Gericht, Wandmalerei in der Marienkirche in Büdingen, vermutlich Ende des 15. Jh., übertüncht während der Reformation 1601 wegen des Bilderverbots Das Wandbild entpuppt sich als eine außergewöhnliche Darstellung des Jüngsten Gerichts. In der Zwiesprache mit diesem ihn immer wieder überraschenden Gemälde und seinem vor Jahrhunderten gestorbenen Schöpfer, in Gesprächen mit den allmählich den Kontakt suchenden Dorfbewohnern und befördert durch einen traumhaft schönen August verlieren sich Birkins äußere Zeichen seines Kriegstraumas. Er lernt Charles Moon kennen, einen Archäologen von Ende Zwanzig, der beauftragt ist, das Grab eines exkommunizierten Angehörigen der Familie Hebron außerhalb des Friedhofs zu finden. Die Aufträge von Tom Birkin und Moon werden aus dem Legat von Miss Hebron, einer wohlhabenden Verstorbenen, gestiftet. In den Gesprächen mit Moon und bei den regelmäßig werdenden Mittagessen mit der Familie des Bahnwärters Ellerbeck gewinnt Tom seine Ruhe zurück. Wie Tom war auch Moon auf den Schlachtfeldern von Frankreich – wie Tom später erfährt, war Moon einerseits hochdekorierter Kriegsheld, andererseits wegen seiner Homosexualität angefeindet.
Der Glaube spielt eine große Rolle in der Geschichte, der Glaube an sich selbst und der an eine göttliche Gerechtigkeit, die das Wandbild beschwört und sich in der latenten Spannung zwischen der methodistischen Familie Ellerbeck und dem Vikar Reverend Keach von der anglikanischen Kirche zeigt: „Religion durchdringt die Geschichte. […] Der subtile soziale Unterschied der Glaubensgemeinschaften in England [...] belebt das Dorf Oxgodby. Glocken läuten und Orgeln klingen auf allen Seiten“. Der Protagonist Birkin wiederum ist ein ungläubiger Humanist, wenn er auch dem religiösen Glauben mit Respekt begegnet.„Religion hovers around the novel. [...] The subtle social distinctions of worship in England [...] animate life in Oxgodby. Bells ring and organs bellow across the pages. But Birkin is a non-believer, and the story that delicately unfurls is a deeply humanistic one.“ Ingrid Norton,
„Es liegt an Oxgodby, dieser Ort hat mich verändert.“J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 133; 115. Birkin hilft bei der Ernte, nimmt teil an Picknicks und Ausflügen, fungiert als Cricket-Schiedsrichter und als Lehrer der Sonntagsschule. Und er verliebt sich in Alice Keach, die etwa neunzehnjährige, bildschöne Frau von Reverend Keach, dem es mit seiner Kühle und Strenge schwerfällt, viele Gemeindemitglieder zu erreichen. Alice und Tom entwickeln eine unausgesprochen bleibende Zuneigung füreinander. Gegen Ende seines Auftrags kommt Birkin aufgrund der Abbildung eines fallenden Mannes im Gemälde zu der begründeten Vermutung, dass der ursprüngliche Maler in der Kirche in den Tod gestürzt ist, bevor er das Gemälde vollenden konnte. Als Moon das Grab außerhalb der Friedhofsmauer findet, glauben sie zu erkennen, dass der gefallene Maler und der exkommunizierte Vorfahre von Miss Hebron ein und dieselbe Person sind.
Bei ihrem letzten Besuch auf der Baustelle nähert sich Alice Keach dem Restaurator körperlich an. Tom spürt, dass er sie für sich gewinnen könnte, wenn er sie nun küssen würde, handelt aber nicht. Kurz danach verlässt das Ehepaar Keach das Dorf auf überstürzte Weise. Wenig später erhält Tom einen Brief von seiner Frau, dass sie zu ihm zurückkehren möchte – er stimmt dem zu, macht sich aber keine Illusionen über ihre Ehe. So endet dieser August 1920 für Tom Birkin zwar mit einer Rückkehr ins Leben, aber dem Verzicht auf eine tiefe, ihn aber noch überfordernde Liebe – doch als er die Endgültigkeit seiner Entscheidung begreift, jene zärtliche Regung nicht erwidert zu haben, erlebt er den schlimmsten Augenblick seines Lebens.J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 154.
Form Der Roman ist in der Ich-Form und einem oft ironischen Parlando geschrieben, das sich an seine Leser wendet und Formulierungen und Wertungen ausprobiert, korrigiert und verwirft, als würde in einer Gesprächssituation erzählt: „Die Geschichte ist ohne starke Wendungen, aber sie mäandert.“„A month in the country doesn‘t twist or turns. It meanders.“ Ingrid Norton: (englisch). An einigen Stellen wird ersichtlich, dass der Ich-Erzähler Tom mit einem großen zeitlichen Abstand von über 50 Jahren als alter Mann auf die Ereignisse zurückschaut – etwa wenn er in den letzten Sätzen des Romans zu erkennen gibt, nie wieder nach Oxgodby zurückgekehrt zu sein.
Die nicht nummerierten, aber thematisch geordneten Abschnitte, die nur einmal die sonst fortschreitende Chronologie durchbrechen,J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 51. unterstützen den Eindruck eines langen Monologs über eine kurze und doch prägende Phase im Leben des Ich-Erzählers. Er beschreibt diese vier Wochen als Rückblick in eine ferne Vergangenheit, wie ein flüchtiges Geschenk, das ihm helfen, das er aber nicht festhalten konnte: „Der Sommer vergeht und die Vollendung seines Auftrags gibt der Geschichte eine natürliche Struktur.“„The summer’s passing and Birkin’s completion of his job gives the story a natural momentum […].“ Ingrid Norton:
Themen: Über den Tag hinaus mini|Sommerliche Landschaft bei Carlton Miniott, dem Geburtsort von J. L. Carr in Yorkshire mini|Im Roman besucht Tom bei einem Ausflug die Kathedrale von Ripon Carr schreibt in seinem Vorwort, dass ihm zunächst „eine nette, unterhaltsame Geschichte vorschwebte, ein ländliches Idyll“, das er im Rückblick von fünfzig Jahren mit einer leisen Trauer erzählen wollte. Ebenso verweist Carr (geboren 1912) darauf, dass sich viele Elemente des geschilderten Dorflebens aus autobiografischen Erlebnissen seiner Jugend in Yorkshire zusammensetzen.J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 7 f. Im ersten der von Carr dem Text vorangestellten Epitaphe aus Dr. Johnson’s Dictionary heißt es zuspitzend: „Eine Novelle – eine kleine Erzählung, zumeist über die Liebe.“ Aber der über den Tag hinausdenkende Erzähler formuliert an der Schwelle seiner Rückkehr aus dem Krieg in die Zivilisation eine Reihe grundsätzlicher Einsichten:
Dieser eine Monat in Oxgodby führt den Erzähler aus dem Weltkriegschaos zurück in ein bürgerliches Leben. Ein zentrales Element dieser Traumabearbeitung ist die erfolgreiche Bewältigung seines Auftrages: „Der Roman ist, unter anderem, ein Lob der Professionalität.“„The novel is, among other things, a hymn to professionalism.“ Ingrid Norton Den Bildinhalt der Darstellung des Jüngsten Gerichts, bezieht der Erzähler auf mehreren Ebenen auf seine Kriegserlebnisse: „Je näher er dem Meisterwerk hinter der Kirchendecke kommt, desto näher kommt er auch sich selbst.“Laila Mahfouz: Rezension zu J. L. Carrs Erzählung »Ein Monat auf dem Land« / »A Month in the Country«, auf .kultumea.de
Wenn auch Birkin anfangs an der Zivilisation verzweifelt, so zweifelt er doch nie an seinem Verstand. Wie das Gemälde in kleinen Schritten an der Wand wieder aufscheint, so festigt sich auch Birkins psychische Statur: Im ersten Satz verlässt er den Zug in Oxgodby die Stufen noch „hinabstolpernd“, im letzten Satz der Erzählung macht er sich mit neuer Stabilität „quer über die Wiese auf den Weg“ zurück nach London.J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 9 und 158.
Für Birkin – und für das Gemälde – ist Gerechtigkeit das Hauptthema: Die in die Hölle stürzenden Körper der Verdammten – das sind auch seine Kameraden auf den Schlachtfeldern des Krieges. Die Prognose der Apokalypse – die solle über all jene hereinbrechen, die diesen Krieg angezettelt hätten.J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 43, 105, 111 f. Sowohl die Darstellung der Verdammnis im Jüngsten Gericht wie auch der Ausgrabungsgehilfe Charles Moon, ein weiterer „Überlebender“ des Weltkriegs,J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 32 ff., 37. bestätigen die Wahrheit des erlebten Grauens.
Anfangs sieht sich der Londoner Birkin als „Marsmensch“ in Oxgodby, im „Feindesland“ des nördlichen England, dann aber erwacht er nach und nach zu einem Neubeginn in „diesem herrlichen Sommer“ des Jahres 1920.J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 9, 25, 33; 27, 73. Von der Situation fasziniert stellt Birkin sich die Frage auf, ob er diese Momente vielleicht hätte festzuhalten können, aber er verwirft diese Möglichkeit: „Hätte ich dieses Glück bewahren können, wäre ich dortgeblieben? Nein vermutlich nicht.“ Im Rückblick räumt er ein, dass die für seine Heilung so günstigen Umstände sich gewiss mit der Zeit verändert hätten und Glück nicht in einer time capsule festzuhalten ist – das gelinge nur in einem verschlossenen Raum der Erinnerung, „von der Vergangenheit möbliert, luftdicht, reglos, gleich längst vertrockneter Tinte in einem vor langer Zeit niedergelegten Federhalter.“J. L. Carr: Ein Monat auf dem Land, Du Mont 2017, S. 122.