Das Jagdgeschwader 11 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Als Jagdgeschwader, ausgestattet mit Jagdflugzeugen, erst vom Typ Messerschmitt Bf 109G und Focke-Wulf Fw 190A, zuletzt mit der Messerschmitt Bf 109K und der Focke-Wulf Fw 190D verteidigte es zugewiesene Lufträume gegen Einflüge feindlicher Flugzeuge, oder drang in feindliche Lufträume ein, um in sogenannter freier Jagd feindliche Flugzeuge anzugreifen. In seltenen Fällen griff das Geschwader auch mit Bordwaffen Bodenziele an. Das Geschwader beteiligte sich am Deutsch-Sowjetischen Krieg, an der Abwehr der Alliierten Invasion in Nordfrankreich und am Unternehmen Bodenplatte. Es wurde am 8. Mai 1945, nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, aufgelöst.
Aufstellung Der Geschwaderstab und die II. Gruppe entstanden am 1. April 1943 in Jever () aus der I. Gruppe des Jagdgeschwaders 1. Die I. Gruppe bildete sich am 1. April 1943 in Husum () aus der III. Gruppe des Jagdgeschwaders 1, während die III. Gruppe am 1. Mai 1943 in Neumünster () aus Abgaben der I. und der II. Gruppe entstand. Am 7. Juli 1943 wurde die 10. Staffel in Husum aufgestellt und direkt dem Geschwaderstab unterstellt. Zuletzt erhielt das Geschwader am 7. Dezember eine 11. Staffel, die im deutschbesetzten Norwegen, in ListaHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–1945, Norway, S. 22, abgerufen am 28. Juli 2024. (), stationiert war und ebenfalls direkt vom Geschwaderstab ihre Befehle erhielt.Georg Tessin, S. 389
Das Geschwader flog mit Jagdflugzeugen des Typs Messerschmitt Bf 109 in den Ausführungen G und zuletzt K sowie mit der Focke-Wulf Fw 190A und D seine Einsätze.
Die 10. und 11. Staffel vereinigten sich am 11. August 1944 zur neuen 4. Staffel der I. Gruppe. Der Geschwaderstab, die I. und die III. Gruppe wurden, nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, am 8. Mai 1945 aufgelöst. Zuvor war schon die II. Gruppe am 3. April 1945 aufgelöst worden.
Gliederung Der Geschwaderstab führte am 10. Januar 1945 die I. bis III. Gruppe die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 4. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 5. bis 8. Staffel der II. Gruppe und die die 9. bis 12. Staffel der III. Gruppe an. Jede Staffel, geführt durch einen Staffelkapitän, war in vier Schwärme mit je zwei Rotten zu je zwei Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Jagdgruppe von 64 Flugzeugen in den vier Staffeln + 4 Flugzeuge für den Gruppenkommandeur und seinen Stab. Dies ergab bei drei Jagdgruppen eine Sollstärke von 204 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab. Daraus ergab sich eine Sollstärke von 208 Flugzeugen.Horst Boog, Richard Lakowski, Werner Rahn, Manfred Zeidler, John Zimmermann: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 10/1, Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, ISBN 978-3-421-06237-6, S. 877
Geschichte 1943 mini|Focke-Wulf Fw 190 mit 21-cm-Werfergranate unter der Tragfläche Das am 1. April 1943 neuaufgestellte Jagdgeschwader 11 hatte seine Basen in Jever, Husum und Neumünster, entlang der Nordsee im Raum der Deutschen Bucht und im südlichen Norwegen um westalliierte Einflüge abzufangen. Dazu war es der 2. Jagddivision des Luftwaffenbefehlshabers Mitte unterstellt. Zu dieser Zeit verfügte das Geschwader hauptsächlich über die einmotorigen Jagdflugzeuge Messerschmitt Bf 109G-1 und die Focke-Wulf Fw 190A-4. Die Bf 109G-1 verfügte über einen 12-Zylinder-V-Motor Daimler-Benz DB 605 A mit maximal 1475 PS Startleistung. Dieser ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 630 km/h bei einer Bewaffnung von 2 × 7,92-mm-MG 17 und 1 × 20-mm-MG 151/20 als Motorkanone. Die Fw 190A-4, mit dem BMW-801-D-2-Motor und einer MW-50-Anlage ausgestattet, leistet kurzzeitig bis zu 2000 PS. Damit war eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 660 km/h möglich. Als Bewaffnung standen zwei 7,92-mm-MG 17 (je 900 Schuss) hinter dem Motor oben im Rumpf und zwei 20-mm-MG 151/20E (je 250 Schuss) in den Flügelwurzeln zur Verfügung. Zusätzlich verfügte sie über zwei 21-cm-Werfergranaten unter den Tragflächen. Bei der Werfergranate 21 handelte es sich um ein drallstabilisiertes Raketenprojektil im Kaliber 21 cm, das rückstoßfrei aus einem Rohr mit Führungs- und Halteschienen im Inneren verschossen wurde. Eingesetzt wurde sie hauptsächlich gegen Bomberpulks, die in dichter Formation flogen.Donald Caldwell, Richard Muller: The Luftwaffe Over Germany: Defense of the Reich, Greenhill books, ISBN 978-1-85367-712-0, S. 80
Der erste größere Einsatz des Geschwaders fand am 17. April 1943 statt, als die 8. US-Luftflotte mit 117 B-17 Bombern die Focke-Wulf-Flugzeugwerke bei Bremen bombardierte. Die II. Gruppe unter ihrem Gruppenkommandeur Major Adolf Dickfeld erreichte die Bomber und meldet 7 Abschüsse. Insgesamt 4 Jagdflugzeuge mussten wegen Treibstoffmangel notlanden und wurden dabei zerstört. Bei einem weiteren Luftangriff der No. 2 Bomber Group der Royal Air Force auf deutschbesetzte Abbeville erreichten die I. und die II. Gruppe die Bomber bevor sie ihre Bomben abwarfen. Insgesamt 5 Abschüsse meldete das Geschwader, während 3 Jäger wegen Treibstoffmangels auf dem Rückflug notlanden mussten.Donald Caldwell, Richard Muller: The Luftwaffe Over Germany: Defense of the Reich, Greenhill books, ISBN 978-1-85367-712-0, S. 84
Im Mai erreichten die ersten Bf 109G-6 die II. Gruppe, die eine stärkere Bewaffnung von 2 × 13-mm-MG 131 und 1 × 20-mm-MG 151/20 als Motorkanone hatten. Am 14. Mai machten sich rund 100 US-Bomber der Typen B-17 und B-24 auf den Weg nach Kiel, um die Deutschen Werke Kiel zu bombardieren. Schon beim Hinflug erreichten die Bf 109 der II. Gruppe den Bomberpulk und schossen den Führungsbomber der 92d Bombardment Group ab. Insgesamt gaben die beteiligten deutschen Jäger an, sieben Bomber abgeschossen zu haben, bei fünf eigenen Flugzeugverlusten. Am folgenden Tag griffen neun US-Bomber die Häfen von Wilhelmshaven und Emden an. Wieder war die II. Gruppe im Einsatz und meldete vier Abschüsse.John Weal: Bf 109 Defence of the Reich Aces, Osprey Publishing, ISBN 1-84176-879-0, S. 24–26 Einer der größten Einsätze im Juni fand am 11. Juni statt, als 250 B-17 Bomber mit Ziel Wilhelmshaven angriffen und die II. und die III. Gruppe sich ihnen entgegenwarfen. Anschließend meldete die II. Gruppe zehn Abschüsse, während die III. Gruppen keinen Abschuss verzeichnen konnte.John Weal: Bf 109 Defence of the Reich Aces, Osprey Publishing, ISBN 1-84176-879-0, S. 27 Zwei Tage später hatten 60 B-17 Bomber der 95th Bomb Group Kiel zum Ziel. Die II. Gruppe erreichte den Bomberstrom auf dem Hinweg bei Neumünster und meldete zwei Abschüsse.
Ende Juli läuteten die US-Amerikaner die sogenannte Blitz Week ein, eine Serie von Tagesluftangriffen zwischen dem 24. und dem 30. Juli. Das Geschwader kam täglich zum Einsatz, unter anderen bei den Luftangriffen auf Hamburg am 25. Juli, Hannover am 26. Juli, Kassel und Oschersleben am 28. Juli und Kiel am 25. und 30. Juli.John Weal: Bf 109 Defence of the Reich Aces, Osprey Publishing, ISBN 1-84176-879-0, S. 31 Beim letzten Luftangriff am 30. Juli auf Kassel traten erstmals über dem Deutschen Reich US-Jäger vom Typ Republic P-47 mit abwerfbaren Zusatztanks in Erscheinung. Die III. Gruppe führte daraufhin schwere Luftkämpfe mit dem Begleitschutz, so dass nur zwei Bomberabschüsse gemeldet wurden, unter dem Verlust von vier eigenen Flugzeugen. Insgesamt meldete das Geschwader während dieser Woche den Abschuss von 49 US-Bombern.John Weal: Bf 109 Defence of the Reich Aces, Osprey Publishing, ISBN 1-84176-879-0, S. 32
Bis zum Ende des Jahres nahm das Geschwader an einer Vielzahl von Einsätzen zur Abwehr US-amerikanischer Luftangriffe im nord- und westdeutschen Raum teil, darunter zwei Luftangriffe auf Emden am 27. September und 2. Oktober, auf Frankfurt am 4. Oktober, am 10. Oktober auf Bremen und am 11. Oktober auf Kiel.John Weal: Bf 109 Defence of the Reich Aces, Osprey Publishing, ISBN 1-84176-879-0, S. 33, 49, 51–53Donald Caldwell, Richard Muller: The Luftwaffe Over Germany: Defense of the Reich, Greenhill books, ISBN 978-1-85367-712-0, S. 124, 126–127
1944 Anfang des Jahres lag der Geschwaderstab und die I. Gruppe in Husum (), die II. Gruppe in Wunstorf und die III. Gruppe in OldenburgHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 505, abgerufen am 28. September 2024. (). Es war am 15. Februar 1944 der 2. Jagddivision des I. Jagdkorps des Luftwaffenbefehlshabers Mitte (ab 5. Februar 1944 umbenannt in Luftflotte Reich) unterstellt. Dem Geschwader standen überwiegend die Messerschmitt Bf 109G-5 im Geschwaderstab und der II. Gruppe zur Verfügung, während die I. Gruppe überwiegend Focke-Wulf Fw 190A-6 einsetzte. In der III. befand sich eine gemischte Ausstattung aus beiden Flugzeugmustern. Die Fw 190A-6 wurde gegenüber dem Vorgängermodellen in der Bewaffnung verbessert. Sie verfügte jetzt über zwei 20-mm-MG 151/20 E in den äußeren Tragflächen, zusätzlich zu den zwei 7,92-mm-MG 17 (je 900 Schuss) hinter dem Motor oben im Rumpf und zwei 20-mm-MG 151/20E (je 250 Schuss) in den Flügelwurzeln, alle vier gesteuert durch den Propellerkreis schießend.
Nach Beginn der alliierten Landung in der Normandie zur Befreiung des besetzten Frankreich am 6. Juni 1944 verlegten die I. Gruppe nach Rennes – St-JacquesHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45, France (with Corsica and Channel Islands), S. 305, abgerufen am 29. September 2024. () und die II. Gruppe nach Beauvais-NivelliersHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45, France (with Corsica and Channel Islands), S. 41, abgerufen am 29. September 2024. (). Dort wurden die Jagdflugzeuge überwiegend als Jagdbomber eingesetzt und erlitten schwere Verluste.Donald Caldwell, Richard Muller: The Luftwaffe Over Germany: Defense of the Reich, Greenhill books, ISBN 978-1-85367-712-0, S. 184–185 So verfügte die I. Gruppe am 30. Juni nur noch über zwei Flugzeugführer und ein einsatzbereites Flugzeug. Ähnlich erging es der II. Gruppe, die Anfang Juli nur noch über ein paar Flugzeuge verfügte. Beide Gruppen wurde in dieser Zeit zur Auffrischung in die Heimat zurückgezogen und kehrten am 16./17. August zurück zur Westfront gegen die Alliierten.
Diese Phase währte nur kurz denn bereits am 2. September wurde die I. Gruppe erneut von der Westfront abgezogen. Sie hatte seit dem 6. Juni 70 Flugzeuge verloren und 34 gefallene, 3 gefangen genommene und 13 verwundete Flugzeugführer zu beklagen. Am gleichen Tag erhielt die II. Gruppe ebenfalls ihren Rückzugsbefehl. Sie hatte im gleichen Zeitraum 51 Flugzeuge verloren und 22 gefallene, 4 gefangene und 6 verwundete Flugzeugführer zu verkraften.
Währenddessen verlegte die III. Gruppe am 24. Juni 1944 nach DokudowoHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45, Russia (incl. Ukraine, Belarus & Bessarabia) S. 157, abgerufen am 30. September 2024. () im besetzten Weißrussland und nahm am Deutsch-Sowjetischen Krieg teil. Dazu war sie dem Jagdabschnittsführer 6 der Luftflotte 6 unterstellt. Anfang Juli 1944 verfügte sie über 40 Focke-Wulf Fw 190A-8 und stemmte sich gegen die sowjetische Operation Bagration, die zur Befreiung von Weißrussland führte. Dabei wurden die Jagdflugzeuge überwiegend als Jagdbomber eingesetzt und griffen unmittelbar in die Bodenkämpfe ein. Infolge des sowjetischen Vormarsches verlegte die III. Gruppe erst in das besetzte Litauen und stand am 1. August im Generalgouvernement. Am 15. August erfolgte die erneute Verlegung nach Litauen, auf den Fliegerhorst Kursenai, wo sie dem Jagdfliegerführer Ostpreußen zugeteilt war, bevor am 2. September der Einsatz an der Ostfront endete. Die III. Gruppe hatte während dieser Zeit 125 Abschüsse gemeldet und erlitt Verluste von 12 Gefallenen bzw. Vermissten und 11 Verwundeten.