mini|280x280px|William Turner: Der Brand des Ober- und Unterhauses am 16. Oktober 1834 Der Palace of Westminster wurde am 16. Oktober 1834 durch ein Feuer weitgehend zerstört. Das Feuer wurde durch die Verbrennung von kleinen Kerbhölzern verursacht, die bis 1826 als Teil der Buchhaltung des Schatzamtes verwendet wurden. Die Hölzer wurden achtlos in den beiden Öfen unter dem Oberhaus entsorgt, was zu einem Brand in den beiden Schornsteinen führte, die unter dem Boden des Oberhauses und durch die Wände nach oben führten. Das daraus resultierende Feuer breitete sich rasch im gesamten Gebäude aus und entwickelte sich zur größten Feuersbrunst in London zwischen dem Großen Brand von 1666 und dem sogenannten "Blitz" im Zweiten Weltkrieg; das Ereignis zog eine große Menschenmenge an, zu der auch mehrere Künstler gehörten, die das Ereignis in Bildern festhielten. Das Feuer dauerte fast die ganze Nacht und zerstörte einen großen Teil des Palastes, einschließlich der umgebauten St. Stephen’s Chapel – dem Versammlungsort des Unterhauses –, der Lords Chamber, der Painted Chamber und der offiziellen Wohnsitze des Speakers und des Clerk of the House of Commons.
Hintergrund
Der Palace of Westminster stammte ursprünglich aus dem frühen 11. Jahrhundert, als Knut der Große seine königliche Residenz auf der Nordseite der Themse baute. Nachfolgende Könige bauten das Gebäude weiter aus: Edward der Bekenner baute die Westminster Abbey; Wilhelm der Eroberer begann mit dem Bau eines neuen Palastes; sein Sohn, Wilhelm Rufus, setzte den Prozess mit dem Bau der Westminster Hall fort. Heinrich III. ließ 1270 neue Gebäude für das Exchequer, die Steuerverwaltung- und Finanzbehörde des Landes, sowie den Court of Common Pleas, den Court of King’s Bench und den Court of Chancery errichten.Jones: 1983, S. 10.
1295 wurde von Eduard I. in Westminster mit dem Modellparlament die erste englische repräsentative Versammlung einberufen. Während seiner Regierungszeit berief er sechzehn Parlamente ein, die entweder in der Painted Chamber oder der White Chamber tagten. Bis 1332 begannen die Barone und die Bürger getrennt zu tagen, und bis 1377 waren die beiden Körperschaften völlig getrennt. 1512 zerstörte ein Feuer einen Teil des königlichen Palastkomplexes, sodass Heinrich VIII. seinen Wohnsitz nach Whitehall verlegte, Westminster aber seinen Status als königlicher Palast beibehielt. 1547 stellte Heinrichs Sohn, Eduard VI., die St.-Stephen’s Chapel dem House of Commons zur Nutzung als Debattierkammer zur Verfügung. Das House of Lords tagte im mittelalterlichen Saal der Queen's Chamber, bevor es 1801 in die Lesser Hall umzog. In den drei Jahrhunderten seit 1547 wurde der Palast erweitert und verändert, so dass er zu einem Gewirr aus hölzernen Gängen und Treppen wurde.Jones: 1983, S. 15 f.
Die St.-Stephen’s Chapel blieb bis 1692 weitgehend unverändert, ehe Sir Christopher Wren, damals amtlicher Inspektor des Office of Works, mit baulichen Veränderungen beauftragt wurde. Er senkte das Dach ab, entfernte die Buntglasfenster, verlegte einen neuen Fußboden und verkleidete die ursprüngliche gotische Architektur mit einer Holzvertäfelung. Er fügte auch Galerien hinzu, von denen aus die Öffentlichkeit die Sitzungen verfolgen konnte.Walker: 1974, S. 98 f. Die Einrichtungen waren jedoch so dürftig, dass Joseph Hume, ein Abgeordneter der Radicals, in den Debatten von 1831 und 1834 neue Räumlichkeiten für das Parlament forderte, während sein Kollege William Cobbett fragte: "Warum sind wir in einen so kleinen Raum gezwängt, dass es absolut unmöglich ist, eine ruhige und regelmäßige Diskussion zu führen, selbst wenn es die Umstände zulassen … Warum sind 658 von uns in einem Raum eingepfercht, der jedem von uns nicht mehr als eineinhalb Quadratfuss Platz bietet?"Shenton: 2012, S. 18. Bis 1834 wurde der Palastkomplex weiter entwickelt, zunächst von John Vardy in der Mitte des 18. Jahrhunderts und dann Anfang des 19. Jahrhunderts von James Wyatt und Sir John Soane. Vardy fügte das Steingebäude im Palladianischen Stil auf der Westseite der Westminster Hall hinzu; Wyatt vergrößerte das House of Commons, verlegte die Räumlichkeiten der Lords in den Court of Requests und baute das House of the Speaker neu. Soane, der nach Wyatts Tod im Jahr 1813 die Verantwortung für den Palastkomplex übernahm, unternahm den Wiederaufbau der Westminster Hall und errichtete die Gerichtsgebäude im klassizistischen Stil. Soane lieferte auch einen neuen königlichen Eingang, eine Treppe und eine Galerie sowie Ausschussräume und Bibliotheken. Die möglichen Gefahren des Gebäudes waren einigen klar, da es keinerlei Brandschutz oder Trennwände gab, die das Ausbreiten eines Feuers hätten verlangsamen können.Flanders: 2012, S. 330. Ende des 18. Jahrhunderts sagte ein Ausschuss von Abgeordneten voraus, dass es eine Katastrophe geben würde, wenn der Palast in Brand geriete. Darauf folgte 1789 ein Bericht von vierzehn Architekten, in dem vor der Möglichkeit eines Palastbrandes gewarnt wurde; die Unterzeichner waren unter anderem Soane und Robert Adam. Soane warnte erneut 1828 vor den Gefahren, als er schrieb, "dass der Mangel an Schutz vor Feuer, die engen, düsteren […] Durchgänge und die Unzulänglichkeit der Räumlichkeiten […] laut nach Überprüfung und schneller Verbesserung rufen." Sein Bericht wurde jedoch erneut ignoriert.Shenton: 2012, S. 56.
Seit dem Mittelalter verwendete der Exchequer Kerbhölzer, normalerweise aus Weide, als Teil ihrer Buchhaltungsverfahren. War der Zweck dieser Hölzer erfüllt, wurden sie routinemäßig zerstört. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Verwendung der Kerbhölzer per Gesetz eingestellt und die Verwendung von Papier beschlossen. Allerdings dauerte es bis 1834, bis die veralteten Verfahren ersetzt wurden.Baxter: 2014, S. 355. Als der Ersetzungsprozess abgeschlossen war, lagen zwei Wagenladungen alter Kerbhölzer zur Entsorgung bereit.Goetzmann, Rouwenhorst: 2005, S. 111. Im Oktober 1834 erhielt Richard Weobley, der Clerk of Works, von Beamten des Finanzministeriums die Anweisung, die alten Kerbhölzer zu beseitigen, während das Parlament sich vertagte. Anstatt das Holz dem Parlamentspersonal als Brennmaterial zu überlassen, entschied er sich dazu, die Kerbhölzer in den beiden Heizöfen des Oberhauses zu verfeuern, die sich direkt unter den Kammern der Abgeordneten befanden. Die Öfen waren für die Verbrennung von Kohle – große Hitze bei geringer Flamme – und nicht für Holz, das mit großer Flamme brennt, konzipiert worden. Die Schornsteine der Öfen verliefen an den Wänden des Kellers, in dem sie untergebracht waren, unter dem Boden des House of Lords, dann durch die Wände nach oben und nach draußen.Jones: 1983, S. 63.Shenton: 2012, S. 41.
Der Brand Weobley beauftragte die beiden irischen Arbeiter Joshua Cross und Patrick Furlong die Kerbhölzer zu vernichten. Die beiden Männer begannen bei Tagesanbruch und arbeiteten den ganzen Tag über, wobei sie von Weobley kontrolliert wurden. Weobley behauptete später, dass beide Ofentüren offen standen, und die Holzstapel in beiden Öfen nie höher als zehn Zentimeter waren.Shenton: 2012, S. 22 f., 50. Ein weiterer Zeuge der Ereignisse, Richard Reynolds, berichtete später, dass er gesehen hatte, wie Cross und Furlong haufenweise Holz ins Feuer warfen – eine Anschuldigung, die beide bestritten. Weder Cross noch Furlong war bewusst, dass die Hitze der Feuer die Kupferauskleidung der Abzüge geschmolzen und einen Kaminbrand ausgelöst hatte. Durch den starken Luftzug der durch die offenen Ofentüren entstand, wurde mehr Sauerstoff in die Öfen gezogen, was das Feuer heftiger brennen ließ, wodurch die Flammen weiter in die Abzüge erreichten. Die Abzugsrohre waren im Laufe der Zeit dadurch geschwächt worden, dass die Kinderschornsteinfeger Trittlöcher in sie geschnitten hatten. Obwohl diese Einstiche nach Beendigung der Reinigungsarbeiten repariert wurden, war die Bausubstanz des Rauchfangs durch diese Aktion geschwächt. Im Oktober 1834 waren die Kamine noch nicht gereinigt worden, so dass sich im Inneren eine beträchtliche Menge Schlacke angesammelt hatte. Am Nachmittag gegen 16:00 Uhr konnte die Hauswirtschafterin Jane Wright, die zwei Touristen (John Snell und John Shuter) durch das Gebäude führte einen starker Brandgeruch im House of Lords wahrnehmen. Sie erklärte den beiden Touristen das unter ihnen Arbeiter zu Gange wären. Als sie kurz darauf die Royal Gallery betraten, war der Raum voll dichtem Rauch. Als einer der beiden Männer Mrs. Wright darauf aufmerksam machte, dass man die Hitze vom Boden durch ihre Stiefel spüre, erwiderte sie, dass im Keller unter ihnen Männer Kerbhölzer verbrennen würden. Zur gleichen Zeit beendeten Cross und Furlong ihre Arbeit und gingen in die nahegelegene Gaststätte "Star and Garter".Shenton: 2012, S. 60.
Kurz nach 17:00 Uhr entzündeten Hitze und Funken aus einem der Abzüge das Gebälk darüber. Kurz nach 18:00 Uhr kehrte Mrs. Mullencamp (die Frau einer der Doorkeeper) von einer Besorgung zurück. Als sie durch das Gebäude ging, sah sie in der Dunkelheit ein flackerndes Licht unter der Nordtür der Lords Chamber, durch die die Unterhausabgeordneten zur Eröffnung des Parlaments eintraten. Als Mrs. Wright ihre Schreie in ihrer Wohnung hörte, griff sie nach ihren Schlüsseln und rannte – in Erinnerung an die früheren Gelegenheiten, bei denen die Matten zu schwelen begonnen hatten – zunächst zur Tür an der Balustrade der Kammer und dann zur Tür gegenüber dem Thron. Als sie diese öffnete, sah sie, dass der ganze Raum bereits in Flammen stand. Etwa zur gleichen Zeit bemerkte Weabley, der gerade nach Hause gehen wollte, dass etwas nicht stimmte, als er sah, dass aus einem Schornstein Flammen loderten. Weabley lief in das Gebäude zurück, um sich ein genaues Bild der Lage zu verschaffen. Als er die Wandelhalle zum House of Lords erreichte, konnte er trotz Dunkelheit das Leuchten des Feuers unter der Eingangstür erkennen. Als er sich umdrehte und Mr. Moyes und Mrs. Wright um die Ecke kommen sah, rief er: "Oh Gott! Es brennt alles! In Panik versuchten sie, das Feuer zu bekämpfen, wussten aber nicht, was sie tun sollten. Schließlich konnte sich Weobley beruhigen und befahl einem seiner Mitarbeiter, um das Gebäude herumzulaufen, um die im Unterhaus Anwesenden zu warnen.Shenton: 2012, S. 70 f. Um 18:30 Uhr kam es zu einem Flashover einer riesigen Feuerkugel, die laut The Manchester Guardian "in der Mitte des Oberhauses hervorbrach, … und mit solcher Wucht brannte, dass in weniger als einer halben Stunde alles nur noch … eine einzige Feuersbrunst war." Die Explosion und das daraus resultierende brennende Dach erleuchteten den Horizont und konnten sogar von der Royal Family auf Schloss Windsor, 32 km entfernt, gesehen werden. Durch die Flammen alarmiert, kam Hilfe von der nahgelegenen Gemeindefeuerwehr da aber nur zwei handbetriebene Löschfahrzeuge zur Verfügung standen, waren sie nur von begrenztem Nutzen Um 18:45 Uhr wurden sie von 100 Soldaten der Grenadier Guards unterstützt. Ein Teil von ihnen unterstützte die Polizei dabei die wachsende Menschenmenge von den Feuerwehrleuten fernzuhalten; während der Rest beim Bedienen der Handpumpen halfen.Shenton: 2012, S. 75., 77., 81.