Abū n-Nasr ʿAbd an-Nasīr ibn Ibrāhīm al-Qūrsāwī (, , , geb. 1776 oder 1777 in Qursa; gest. 1812 in Istanbul) war ein kasan-tatarischer muslimischer Theologe, Religionsreformer, Rechtsgelehrter und Pädagoge. Er zeichnete sich durch seine kritische Haltung gegenüber bestimmten muslimischen Gelehrten der Stadt Buchara aus und war auch bekannt für seine kontroversen Positionen zum Freitags- und Festgebet sowie zu den Attributen Gottes.

Leben Familiärer Hintergrund und Ausbildung Abū n-Nasr al-QūrsāwīFür seinen vollständigen Namen Abū n-Naṣr ʿAbd n-Naṣīr ibn Ibrāhīm ibn Yārmuḥammad ibn Ištarak al-Qāzānī al-Bulġārī al-Ḥanafī al-Qūrṣāwī vgl. Spannaus: Islamic Thought and Revivalism. 2012, S. 42, und Spannaus: Preserving Islamic Tradition. 2019, S. 29. wurde im Jahr 1776–77 im Dorf Qursa (russ. Verkhniaia Korsa) im heutigen Tatarstan geboren.Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998, S. 225 und Spannaus: Islamic Thought and Revivalism. 2012, S. 41. Sein Vater Ibrāhīm ibn Yārmuhammad starb 1790–91. Abū n-Nasr al-Qūrṣāwī hatte drei Brüder: ʿAbd al-Karīm, ʿAbd ar-Raschīd und ʿAbd al-Chāliq (gest. 1843)ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 366–67. sowie eine ältere Schwester namens Marhab (gest. 1828).al-Marǧānī: Mustafād al-aḫbār. 1900, S. 337.

Er besuchte die Medrese von Muhammadrahīm al-Āschitī al-Matschkarawī (gest. 1816–17)ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 347. im nahegelegenen Dorf Matschkara (Mäčkärä)ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 343. und erhielt Unterricht in Logik, Usūl al-fiqh, angewandtem Fiqh, Hadith sowie Kalām und den Disputationsregeln (ādāb al-munāẓara).Spannaus: Preserving Islamic Tradition. 2019, S. 48–49. Al-Āschitī bildete zahlreiche Gelehrte aus, darunter al-Qūrsāwī und drei der vier Söhne der prominenten Gelehrtenfamilie Schirdānī, nämlich: ʿAbd as-Sattār, ʿAbd al-Ghaffār und Ahmad asch-Schirdānī. Al-Qūrsāwī heiratete Fātima bint Saʿīd asch-Schirdānī, die Schwester der Schirdānī-Brüder, vor ihrer gemeinsamen Reise nach Buchara; jedoch wurde diese Ehe später geschieden.Spannaus: Islamic Thought and Revivalism. 2012, S. 43.

Erster Buchara-Aufenthalt Al-Qūrsāwī setzte seine Ausbildung in Buchara fort, wo er vier Jahre lang unter der Anleitung des Scheichs Chalīfa Muhammad Niyāzqulī at-Turkmānī (gest. 1821) lernte. Niyāzqulī war eine bedeutende Persönlichkeit innerhalb des Naqschbandīya-Mudschaddidīya-Sufi-Ordens und zog zahlreiche Schüler aus der Wolga-Ural-Region an.Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998. S. 226. Al-Qūrsāwī ließ sich von Niyāzqulī at-Turkmānī in seinen Orden einführen.ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 343. In Bezug auf die Frage der Haltung eines Sufis zur Scharia und zum Vorbild des Propheten Muhammad waren al-Qūrsāwī und at-Turkmānī der Auffassung, dass ein Sufi sich strikt an die Scharia und die Sunna des Propheten halten sollte.al-Qūrṣāwī: al-Iršād lil-ʿibād. 1903, S. 51. Beide lehnten Geschenke und Belohnungen der Mangiten-Fürsten ab. Al-Qūrsāwī kritisierte insbesondere die ʿUlamā' für ihre Ausschweifungen und wandte sich von der griechisch beeinflussten Kalām-Wissenschaft ab. Stattdessen betonte er, dass der Glaube ausschließlich auf dem Koran und der Sunna basieren sollte, und widmete sich den Schriften der Exegeten (Mufassirūn), Hadith-Gelehrten und Sufis.Spannaus: Islamic Thought and Revivalism. 2012, S. 48–50. Fiqh und Sufismus durften seiner Auffassung nach nicht voneinander getrennt betrieben werden, sondern mussten miteinander kombiniert werden, wie aus dem folgenden Zitat hervorgeht:

Von al-Qūrsāwīs erstem Aufenthalt in Buchara berichtet dae persische Traktat Risālat Iḥāṭat aḏ-ḏāt, verfasst 1802/03 von ʿAbdarrahīm al-Bulghārī. Es beschreibt einen „Ehrenmann“ (fāḍil) aus der Bolghar-Provinz (vilāyat-ī Bulġār), der um 1800/1801 mit einer Handelskarawane nach Buchara kam und sich dort gegen die vorherrschende Meinung über das Wesen Gottes (ḏāt Allāh) und gegen die Beschäftigung mit Philosophie aussprach. Daraufhin hätten ihn einige Gelehrte der Ketzerei beschuldigt und seine Worte verfälscht. Al-Bulghārī bezeugt, dass die dogmatischen Überzeugungen des Ehrenmannes der Sunna und der Lehre von Abū Hanīfa und Abū Mansūr al-Māturīdī entsprachen. In seiner Not habe sich der Ehrenmann an den Qādī ʿInāyatallāh gewandt, der die Richtigkeit seiner Ansichten in einer Fatwā bestätigte. Viele Gelehrte der Stadt hätten dies durch ihre Siegel unterstützt.Zitiert in Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998. S. 226–27.

Als Imām und Lehrer in Qursa Nachdem al-Qūrsāwī im Sufi-Orden den „Grad der Vollkommenheit“ (martabat al-kamāl) erreicht hatte, kehrte er in seine Heimat zurückVgl. ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. S. 343. und übernahm die Position eines Imam und Chatīb in Qursa. Mit Unterstützung seines Schwagers gründete er eine Medrese, an der er allein unterrichtete. Schihāb ad-Dīn al-Mardschānī berichtet, dass al-Qūrsāwī während dieser Zeit das Werk von al-Ghazālī, Iḥyāʾ ʿulūm ad-Dīn lehrte und zu der Überzeugung gelangte, dass die Kalām-Gelehrten vom orthodoxen Glauben abgewichen seien.Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998. S. 227.

Zweiter Buchara-Aufenthalt Im Jahr 1808/1809 verließ al-Qūrsāwī erneut seine Heimatstadt Qursa und begab sich nach Buchara. Die genauen Beweggründe für seine Rückkehr sind unklar, aber sowohl Muhammad Murād ar-Ramzī (gest. 1934) als auch Schihāb ad-Dīn al-Mardschānī vermuten, dass seine Reise dem Ziel diente, den Bewohnern Anleitung (iršād) zu geben und guten Rat (naṣīḥa) zu erteilen.ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 343–44. In seinem Werk al-Iršād li-l-ʿibād betont al-Qūrsāwī die Notwendigkeit, mit Personen zu diskutieren, die im Glauben vom rechten Weg abgekommen sind.al-Qūrṣāwī: al-Iršād lil-ibād, S. 27. Ein weiterer möglicher Grund für seine Rückkehr könnte die Eröffnung der Medrese von Niyāzqulī at-Turkmānī gewesen sein, die laut Anke von Kügelgen etwa im Dezember 1807 stattfand. Diese Medrese, von der im Wesentlichen nur der Torbau mit vier Minaretten übrigblieb, ist unter dem Namen Chār-Minār bekannt und heute noch eine bekannte Sehenswürdigkeit Bucharas.Von Kügelgen: Die Entfaltung der Naqšbandīya muǧaddidīya. 1998, S. 135–136. Nathan Spannaus, ein Spezialist für die moderne islamische intellektuelle Geschichte und religiöses Denken, führt zudem an, dass at-Turkmānī dafür bekannt war, enge Kontakte zu seinen Schülern in Russland zu pflegen, weshalb es plausibel erscheint, dass al-Qūrsāwī nach Buchara zurückkehrte, um entweder bei seinem alten Mentor zu studieren oder an dessen Seite zu lehren.Spannaus: Islamic Thought and Revivalism. 2012, S. 60.

Al-Qūrsāwī betrieb eine Form des Idschtihād in dogmatischen Fragen, indem er sich direkt auf die heiligen Texte bezog und herkömmliche Positionen der māturīditischen und aschʿaritischen Dogmatik hinterfragte. Auch opponierte er offen gegen das Prinzip des Taqlīd und forderte eine eigene Untersuchung der Quellentexte. Diese Standpunkte brachten al-Qūrsāwī in Konflikt mit den buchariotischen Gelehrten, insbesondere mit den Verfechtern der māturīditischen und aschʿaritischen Kalām-Traditionen.Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998, S. 227–28. Diese beschuldigten ihn erneut der Zandaqa und forderten beim Mangiten-Emir Haidar ibn Maʿsūm (reg. 1800–1826) seine Bestrafung. Zur Klärung der Vorwürfe wurde eine Zusammenkunft einberufen, wobei Berichte über die genauen Umstände und Ziele dieses Treffens variieren.Spannaus: Islamic Thought and Revivalism. 2012, S. 61; Siehe auch: al-Marǧānī: Tanbīh abnaʾ al-ʿaṣr. 1880, S. 2.

Während dieser Befragung beteuerte al-Qūrsāwī seinen orthodoxen sunnitischen Glauben und rezitierte die die māturīditische Bekenntnisschrift ʿAqāʾid von Nadschm ad-Dīn Abū Hafs an-Nasafī (gest. 1142). Er weigerte sich jedoch, Fragen zu Gottes Wesen (ḏāt) und Attributen (ṣifāt) zu beantworten, da diese seiner Meinung nach weder vom Propheten noch von seinen Gefährten und ihren Nachfolgern (tābiʿūn) erörtert wurden und nur Spekulationen darstellten.Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998, S. 229. Er beharrte aber darauf, dass Gott über alle existentiellen Dingen erhaben sei:

Einige später von al-Mardschānī zitierte Dokumente belegen, dass al-Qūrsāwī aufgrund seiner abweichenden Ansichten der Apostasie bezichtigt wurde. Letztlich widerrief er seine Ansichten und zeigte vor den versammelten Gelehrten öffentlich Reue.Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998, S. 232. Nach ar-Ramzī ließen sie ihn daraufhin frei, ordneten jedoch die Verbrennung seiner Bücher an. Zudem sei ein Ausrufer beauftragt worden, den Vorfall öffentlich bekannt zu machen und zu verkünden, dass das Blut desjenigen vergossen werden dürfe, der im Besitz eines seiner Werke sei und dieses nicht umgehend dem Emirat- und Gerichtshof übergebe.ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 344.

Reisen nach Chiwa und Astrachan Infolge dieser Ereignisse verließ al-Qūrsāwī Buchara und begab sich nach Chiwa, wo er laut al-Mardschānī herzlich empfangen wurde. Danach reiste er nach Astrachan und setzte seine Reise entlang der Wolga-Region nach Qursa fort. In Buchara verfassten die Gelehrten ʿAṭā'allāh al-Buchārī, Qādī Mīrzā Schams ad-Dīn al-Balchī und Muftī Mirza ʿAbdallāh Aʿlam ein Schreiben an die bulgarischen Gelehrten, in dem sie die theologischen Irrtümer al-Qūrsāwīs und die Gründe für seine Verurteilung darlegten. Yahyā b. Īshmuhammad berichtet, dass dieser Brief direkt an die Gelehrten in Kasan geschickt wurde.Spannaus: Islamic Thought and Revivalism. 2012, S. 65–66.

Wieder in Qursa Nach seiner Rückkehr in die Wolga-Region im Jahr 1808/09 übernahm al-Qūrsāwī erneut die Leitung seiner Medrese in Qursa. Er verfasste einen umfassenden Kommentar zu den ʿAqaʾid von an-Nasafī und weitere theologische Werke zu Fragen des Tauhīd und der göttlichen Attribute. Trotz seines Engagements wurde al-Qūrsāwī weiterhin von Gelehrten aus Buchara unter Druck gesetzt. Ein Schreiben von Qādī Tūrsūn Bāqī ibn ʿAbd ar-Rahīm al-Buchārī im Juni 1810 beschuldigte ihn erneut der Apostasie, und erstmals wurde ihm vorgeworfen, ein Muʿtazilit zu sein. Diese Anschuldigung basierte auf seiner Betonung der Transzendenz Gottes. Solche Vorwürfe führten dazu, dass al-Qūrsāwī auch in der Wolga-Ural-Region angegriffen wurde. Ein turk-sprachiger Brief von Fattallāh al-Ūriwī an den Ufaer Mufti Muḥammadgān ibn al-Husain kritisierte seine theologischen Standpunkte und seinen Anspruch auf Idschtihād scharf. Er beschuldigte al-Qūrsāwī zudem, die Abhaltung der Freitags- und Festgebete in den Dörfern untersagt zu haben. In seinem zwischen 1808 und 1812 verfassten Rechtswerk al-Iršād li-l-ʿibād („Rechtleitung für die Gottesdiener“), betonte al-Qūrṣāwī jedoch ausdrücklich die Verpflichtung zur Durchführung dieser Gebete gemäß Koran und Sunna.Kemper: Sufis und Gelehrte. 1998, S. 234–37.

Aufbruch zur Wallfahrt und Tod in Istanbul Im Jahr 1812 übergab al-Qūrsāwī seine Medrese in Qursa an seinen Schüler Nuʿmān ibn Amīr at-Tamnīar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 374. und machte sich mit einer kleinen Gruppe, zu der möglicherweise auch seine Brüder ʿAbd al-Chāliq und ʿAbd al-Karīm gehörten, auf den Weg zur Wallfahrt nach Mekka. Im Ramadan desselben Jahres soll Abū n-Nasr al-Qūrsāwī im Alter von etwa 37 Jahren in Istanbul an der Pest gestorben sein. Sein Grab befindet sich Berichten zufolge in Üsküdar in der Nähe einer Moschee.ar-Ramzī: Talfīq al-akhbār. 2002, S. 344.

Werke Die Werke von al-Qūrsāwī liegen überwiegend nur als Handschriften vor. Größtenteils sind diese Handschriften in den Sammlungen des Instituts für Orientalische Handschriften in St. Petersburg und der Staatlichen Universität Kasan zu finden. Es ist unklar, wie viele Werke er insgesamt verfasste, jedoch lassen sie sich in zwei Kategorien unterteilen:

Theologische Werke